Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 544 (28.7.1920)
- Date
- 1920-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dieser letzteren ist. der Teufel gerade recht,- wennerihr nur Hilst, das Nachrevolutionssystem njtzdMuschlagen und die- Monarchie wiederherzustellen. Die ejne Säule der Regierung fürchtet sich vor' den KMMUniften und derey Abrechnnng mit einem kraftlosen Revölutjonsmeiertum,^ das in der Stunde der Erprobung feigtz vor-Kapp und Lüttwitz ansriß und dessen sonstige Sunden kaum mehr überboten werden können; es ist nur-das' eine noch möglich, daß es den Konservativ-' Alldeutschen in den Sattel verhelfe: Denn auf dieser Seite kennt man genau die Fehler, die bei dem Putsch im März begangen wurden, man weiß; daß das demokratische deutsche'Bürgertum,, angeekelt durch di.e Formen des Wahlkampfes, i noch mehr aber durch die KoalitionsbrüLerschaft derer/ die aneinander vor den Wahlen kein gutgsHaar gelassen haben — unruhig nach einer neuen Ma^form^ sucht,/-M will die. Republik, aber mit lstepublMnern. -Die UnzMrihlichkejt )wr Ilkpgier'üngen, die seit dtzr HlMt. Wilhelms Deutschland geleitet haben, ./ihre niedrige,- Angst v^r dem Militarismus und ihr würdeloses Gewinsel vor < der Entente,-das sind der Hebel genug, um einem System ein Ende zu machen, das sich nirgends in der Welt die.Freundschaft, die ihm Marschall Foch wirbt, erhalten kann und Deutschland wieder in die Isolierung bringt. Die Reichswehr, . Noskes schöne^ HAypfung, schaltet und waltet ohne Hemmung. Sie nimtnt Hausdurchsuchungen, Verhaftungen vor, ohne durch richterlichen Auftrag gedeckt , zu sein, erschießt ,;Fljyhtverdächrige", ermordet von hinten den greisen Pazifisten Paasche, sperrt in Berlin Personen von jüdischem- Typus in Konzentrationslager, kurz, sie betätigt, sich in dem alten, wohlbekannten preußischen Schneid. Wie sehr sie in Deutschland selbst eingeschätzt wird, beweist die Flucht von nicht weniger als 4000 Personen rW dem Einmarsch ins Ruhrrevier. Diese Schutztruppe lgtzi durch ihre Kommandanten der Regierung.täglich versichern: „Solange wir. euch dulden, könnt ihr bleiben; nicht eine Sekunde länger." Run hat die Entente genug Kenntnis von den einer großen bewaffneten Formation innewohnenden Entwicklungsgesetzen; sie erkennt die Gefahr eines plötzlichen Loöschlagens. das ihr nicht viel Abbruch tun, aber doch stnbehnem werden. könnte. Sie fordert also die Entwaffnung der hypertrophisch gewordenen Truppen, die ass.Polizeitruppen, Grenzschutz, Sicherheitskorps, Zeitfreiwillige (das sind in der Furcht des Monokels erzogene deutschnationale Hochschüler), Einwohnerwehren usw. einheitlich ausgebildet und „für den . Tag", vorbereitet werden. Anstatt aber für diese Forderung, deren Erfüllung von der Demokratie. einen Alpdruck nehmen wstrde, dankbar zu sein, wehrte sich die Regierung. In einer Rote, die knapp vor San Remo an die Alliierten gerrchtet: wurde, dachte sie vor allem an das Standrecht und verlangte „zur Aufklärung (wir zitieren wörtlich), Beruhigung, Warnung der Bevölkerung durch Flugbjätterabwurf und zum Eingreifen in den Straßenkampf"' die Erhaltung der Militärflieger. Und weiter: „Me Erfahrungen, haben gezeigt, daß auch im Bürgerkrieg schwere Artillerie nicht.entbehrt werden kann. Jede' der zwölf Infanteriedivisionen muß je ein Bataillon Wverer Artillerie haben. Diese Kampfmittel müssen zur ' Steste sein, um gleich, bei Beginn des Kampfes die. Horal des Gegners zu brechen." Das im Kriege so schön - bewährte Dienstreglement wird hier gegen den eigenen Staatsbürger angewendet und die Notwendigkeit, hiezu eindringlich den Alliierten dargetan, die daraus ersehen Müssen, daß sich hier ein Bürgerkrieg vorbereitet, der ihnen viel Arbeit sparen kann. Sie gaben aber doch in Sha nur ein wenig nach und ließen Herrn Ebert einen Teil der so sehnlich gewünschten Kanonen, die ebensogut seine wie Wilhelms ultima rativ sind. Selche Mißgriffe erzeugen Verstimmung, Beunruhiguua und Nachdenklichkeit. Weshalb macht denn diejetz Neue heftige.'. Rückzug der Polen WarsMtt, 27. Juli. - Kunkspruch.) Frontbericht vom 25. Juli: Im. GßHet von Grodno setzte, gestern der Feind mit gröDr Hartnäckigkeit seine Angriffe fort. Der HauptangMf war gegen Sokolka und längs der Straße Welpa-Eesz gerichtet. Unsere Abteilungen wichen kämMend zurück; der Feind besetzte' Ku z nica. WestlH des. Zelwjaflusscs . gehen unsere Abteilungen unter dM Druck des/Feinde? längs der' Straße S l o n i m—W u s h a n.y zurück.' 'Im 'Gebiet' von. BeMa-Kartuzkäja starke.. feindliche Angriffe längs der Straße ngch Kebrin. Durch den Widerstand unserer Posenschen Truppen erlitt der Feind schwere Verluste und' verzichtete auf, die Erneuerung der Angriffe. Iw der Polesie 'ikiye wichtige Veränderung: Nur bei Lotzffzyn vertrieben.' unsere Abteilungen den Feind aus deO Schützenlinien und brachten Gefangene und-Maschinengewehre ein. Am Styr ist die Lage unverändert/ Im Gebiet von Be re ste c'z koheftige Kämpfe. Unsere Truppen, . die - seit zehn Taigen ohne Unterlaß gegen feindliche Reiterei ^kämpfen, mußten sich auf Radziwillo w zurückztehen. Der Rückzug wurde unter sehr schwierigen Verhältnissen durchgesührt: Eine unserer Brigaden war vom. Feinde s umzingelt und mußte sich durch die feindlichen Meißen - Weg, machen. Schwei e Der-.? lüstd"aüpHeiden Seihen. "" ' ' Am Zbru cz besetzte der-Feind gestern, nach.einem furchtbaren Angriff den B.r ü ck e n k o p.f von W o l oczhs k. Im Gebiet Kreme n e z - P o d w v l v. c z y s k a wich unsere Front unter dem Druck des Feinde s z ur ü ck. Schwere Kämpfe östlich von Peez a tze w o - Wi s z n i e w i e z e -> Zbaraz. Südlich davon wurde H ü sia t y n durch einen glänzenden Angriff zurückgewonnen. Warschau, 27. Juli. (Funkspruch.) Frontbericht vom . 26. Juli. Die längs der Straße Grodno—Bialystok vorgehenden feindlichen Abteilungen haben Sokolka besetzt. Unsere Truppen kämpfen mit außerordentlicher Tapferkeit, um die feindlichen Angriffe an der Linie der Sokolka abzuwehren. ' An der Bahn.tini-e Woloczysk-Ezeremcha besetzte der Feind Swislecz. Im Gebiet von Bereza schlug die 14. Posen.,che Infanteriedivision alle ftiudlichen Angriffe auf die Jasvldalinie ab. In der Polesie Plänkeleien. An der Südfi'vnt wurde Brody unter dem Druck des Feindes geräumt. Nördlich dieses Gebietes, bei Beresteczko, kämpfen unsere Infanterie und Reiterei gegen die Reiterei des Feindes. Oestlich von Tarnopol, bei Zbaraz, widerstehen unsere Truppen hartnäckig den nach Westen vorrückendeu feindlichen Mteilungen. Am Dnjestr, im Gebiet von Jwanfepuste, haben die. Bolschewiken den Zbruez im Abschnitt der ukrainischen Truppen überschritten und Lubianka und Czarnakarczma besetzt. Die Kämpfe dauern an. Angehaltener TrnppentranSport in HamVnrg. , Hamburg» 27. J«ü. (Tel'Komp.) A« Montag wurde ein Eisenbahnzug, der die mit dem White Star-Dampsrr „B e t g i y n e" angekommenen Truppentransport weiterbesördern soll, von einer «ach Tausenden zahlenden Arbeitermenge a« Weiterfahrrn verhindert. Eine Kommission von Unabhängigen »nd Mchrbritssozialisten durchsuchte den Zug, wvbn festgestellt wurde, daß sich im Zuge lediglich Tschechen «nd lerne französische» Soldaten befinden. Dagegen konnte eine. .Mengt Waffen beschlagnahmt werden. Zwei Waggons »nter ZoVperschlsß und ein Waggon mit angesammrlten Waffen wurden ansrehLntt, «nd untrr den Schutz der Stadt Hambnrg gestellt. Llyyd George über den Frieden. London» 27. Juli. lTel.-Komp.). Lloyd Georg e teilte im Unterhause mit, die russische Re gierung habe jetzt den Waffenstillstand mit Polens fc-' willigt und daher bestehen keinerlei SchwierigKeit-ü! mehr für England, die russische Handelsdelegätipn aufs neue in Engiand zuzulaffen. Er fügte hinzu, er' hege die besten Erwartungen für einen, Frieden, den die Welt nun sehr nötig habe, London, 26. Jnli. (Rrnter.) Im Unttrhans erklärte Adtzh George in Beantwortung einer Anfrage, da die Sowietregieamdir Zusicherung gegeben habe, daß ihre Truppen nach Polen mcht^ einmarschirrrn würden, sei eS möglich, die Handrl§be^prech«ngrs^ wieder anstunrhmen. Die russischen HandelSdelcgierten würden, wahrscheinlech demnächst nach London zmiickkehrrn. MiKerands Forderungen. London. 27. Juli. (Tel-Komp.) ^Dnily Telegraph"sagt, daß Mi l l e r a n d abgenetgt ist, ' der Londoner Konferenz berznwohnen, e»[ M denM daß die volschewikische L^egiernng die finanziellen Verpflichtungen Per frLheren rnsfischen Regierung übernehme und GLnerat Wränget gleichfalls «ach London eingeladen werde. Die Polen räumen Bialystok. Washirrgton, 27. Juli. (Funkspruch.) ..Associated Preß* mckdek aus Warschau, daß die Polen B i a l h st o k feit Mitte voriger Woche r 5 u m e n. Bon 80.Y00 Einwohnern seien über' 50.000 geflüchtet. Erklärungen der Sozialisten im poinifchen Landtag. W a r s ch a u, 27. Juli. (Funkspruch.) In der Laul»« tagssitzuug vom 24. Juli sprachen nach der Rede de- Ministerpräsidenten alle Parteien der Regierung - da» Vertrauen ans. Abgeordneter Barlieki, der Führer der Sozialisten, erklärte, daß die Koalitionsregierung , grundsätzlich den Forderungen seiner Partei nicht entspreche, da diese versuche und immer versuchen werde, eine B an ern. und Arbeiterregierung zu schaffen, daß jedoch angesichts der Unmöglichkeit, eine solche Regierung z« schassen, die sozialistische Partei die T eilnahme an der jetzigen Regierung beschlvsien habe und die Mitverantwortlichkeit wegen der Lage des Landes übernehme. Die sozialistische Partei verlange einen Frieden, der die U n a b h ä n g i g k e i t sichere und die Nationalentwicklang Polens fördere^ sowie den Gebieten Zwischen Polen, und Rußland Sel-stbestimmnng sichere. ) Alle Kräfte müßten vereint werden, damit der Friede keine Kapitulation werde. Für Sowjstrußla»-. Prag, 27. Juli. (Korr.-Bur.) Gestern fand hier eine große Kondüebnng der sozialdemokratischen Arbeiterschaft gege» die kriegerischen Absichten Englands «nd sür den Frieden mit Sowjet» rnßland statt. System nicht den Kriegsverbrechern den so feierlich in Leipzig versprochenen Prozeß? Ein braver Lokomotivführer, dem langer Dienst und der Gedanke an das kranke Kind daheim die Willenskraft lähmte, muß ins Kriminal, und Ludendorff und die vielen anderen, die gebrannt und gemordet haben, die Arbeiter und Mädchen aus Belgien verschleppten, sinnlos Bergwerke und Maschinen zerstörten, deren Beutekompagnien sich, einen bis ins letzte serbische und rumänische Nest reichenden Namen erworben haben, bleiben unhestrast und dürfen noch die Gekränkten mimen und frondieren? Die Kriegsgerichte sprechen einen Mörder nach dem anderen frei. Die Regierung aber, dieser Jammerspuk von Koalition, der vor einem fällenden Blatt erschrickt, tick nichts, um das kommende Unglück zu verhindern. Sie müßte heute durch die Truppen der Entente die Entwa/fnung ihrer im eigenen Hause liegenden Feinde dnrchft'ihren lassem Dann könnte sie sich, gestützt aus das allgemeine Vertrauen, dem von der Entente geschürten Separationstreiben im Süden widersetzen, die Armee der Arbeitslosen für den Wiederaufbau des von den Deutschen zerstörten Frankreich zur Verfügung stellen rind dadurch die Heimat von starken Ernährüngssorgen entlasten. Aber die deutsche Regierung will nicht von Lassalle Hören, daß, „wo die geschriebene Verfassung nicht der lvirklichen entspricht, das bloße Blatt Papier auf die Dauer der wirklichen.Verfassung, den tatsächlich im Lande bestellenden Macht- Verhältnissen erliegen muß". Rings um sie schieben sich' die Wolken neuer Krisen zusammen, sammelt sich der Geist des Widerspuchs gegen die unerträglichen Unterschiede zwischen Idee und Wirtlichkeii. Im Glanze solchen Glückes wird Deutschland nie blühen. *■"" 1