Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 542 (26.7.1920)
- Date
- 1920-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Pariser ZenLralregierungen hatten zur mufelpanischen Bevölkerung dieser nordafrikanischen Kolonie niemals rechtes Vertrauen und je nach den Berichten des jeweiligen Gouverneurs und seiner Beamterr und der .asimMlich in großer Zahl angesiedelten französischen - Bürger war das Verhältnis zwischen Paris und den algerischen Eingeborenen ein mehr oder weniger, gespannies. Solche Spannungen pflegen sich in Algier, rqenn sie zu stark werden, zunächst über die Köpfe der " Juden, die in Algier noch immer in abgesonderten Juden- . prerteln leben, zu entladen. 7 . . In den letzten Monaten nehmen in Algier Ueberfä'lle auf die Judenquartiere abermals überhänd. Wie immer, wird auch, jetzt der Konflikt der; Araber mit Paris auf dem Rücken der Juden ausgetragen. Die eingeborenen Muselmanen haben es von jcher als eine tiefe Erniedrigung empfunden, in ihrer ügesten Heimat in vieler Hinsicht, weniger Rechte zu besitzen als .die französischen Kolonisten, und fühlten sich stcks von Paris aus vergewaltigt. Bis zum Ausbruch des Krieges befolgte . Frankreich Algier gegenüber stets eine scharfe Politik und war sehr sparsam in der Gewährung von Freiheiten an die algerischen Araber. Als der Krieg aüsbrach und Frankreich auch von dieser seiner nordafrikanischen Kolonie 'nicht nur den Burgfrieden im Innern, sondern auch Geld' und Mannschaft benötigte, da7 versprach die Pariser Regierung den Führern der verschiedenen Eingehorenengruppen, - ihre zu erweisende Meüe mDd'er H'ewyhrung Politischer Rechte zu löhney., ' «HM.Mgener hohen sich chqhrenddes Krieges wacher gehälten Md Pans hät mit dem . Gesetze vom 4. Februar 7t9i9> durch welches die Rechte der Eingeborenen" ex. HeiMt winden,bezählti . ' Dieses Gesetz hat aber keine Beruhigung in Algerien gebracht. Die Araber fqnden das Geschenk zu geringfügig, die.französischen Kolonisten, deren politische und wirtschaftliche Stellring in einem freien Algerien schwächer werden muß, halten das Entgegenkommen zu weitgehend und.feuern Alarmberichte nach. Paris: Algier ist in Gefahr. . ' Zwischen diesen beiden Steitenden steht der eingeborene algerifcheJude. Im Innern für ein freies Algier, ist er zu schwach, um sich gegen -den alten/vererbten Judenhaß seiner arabischen Umgebung zu halten, und ist gezwungen, bei der Macht Schutz zu suchen. Dazu kommt noch, daß die reichen algerischen Juden, die ihre Kinder in Paris studieren lassen, allmählich französische Kultur annehmen, in den Kolonialdienst Frankreichs treten und als Vertrauensmänner Frankreichs in ihrer^ engeren Heimat fungieren. Diese Assimilations- Politik der reichen Juden ruft, unter dem Eingeborenen, ' die jetzt überdies unser den wirtschaftlichen Folgen des Krieges schwer leiden, immer größere Erbitterung hervor und — man schlägt die Juden, wenn man auch dabei oft Paris meint. Kleinere Ueherfälle^ auf Juden sind in Algier auf der Tagesordnung. Aber am 14. d. M. hat in der algerischen Stadt Setif ein veritabler Judenpogrom stattgefunden, der solche Dimensionen angenommen hat, daß der Belagerungszustand über die Stadt verhängt werden mußte. Der Anlaß war auch diesmal ein geringfügiger. Ein Betrunkener namens D e b b a h S l i m a n e ben iSaid wurde arretiert. Er leistete Widerstand und mußte überwältigt werden. Der Polizeikommissär ließ -den Betrunkenen, der schon früher gestürzt war, in ein Spital '/■ schaffen, wo Slimane die Polizisten beschuldigte, daß sie ihn mißhandelt hätten. <Äimane ist einige Tage nach; seiner Ueberführimg ins Spital gestorben. Sern Tod war ftir die Araber der Anlaß, um am Tage seiner Beerdigung das Juden viertel zu stürmen. Mehr .als 3900 aufgeregte Araber drangen in die Geschäfte und Warenhäuser ein, plünderten und raubten, was gut . und teuer war, demolierten die Wohnungseinrichtungen und Mißhandelten die Juden, daß viele mit dem Tode; ringen. Die Polizei war zu schwach. Eine Militärabteilung umzingelte das Eingeborenenviertel, die Stadttore wurden geschlossen. Was weiter geschah, weiß man noch Nicht, aber die Stadt Settf ist seit dem 44. b. M. im Belagerungszustand. v kine Anfrage an die österreichische Regierung wegen Ausweisung der jüdischen"""' * „. P nris, 26. Juli. (Tel. d. »Wr. MorgenzLg.^) Das Komitee der jüdischen Delegation Itt Parihat an die österreichische Regierung folgendes Schreiben gerichtet r An das Staatsamt für Aenßeres in Wien. Das Komitee der jüdische» Delegation Lei der Friedenskonferenz in Paris hat Meldungen erhalten, daß die österreichische Regierung die wahrend der Krieges zugewantzerte» galizische« Inden a«S ihren Wohnungen vertreiben und ans dem Lande weifen will. Das Komitee kann nicht glauben, daß die österreichische Regierung solcherart die Gesetze der Menschlichkeit und die Bestimmungen des Friedens- Vertrages verletze» will, und bittet «m beruhigende Aufklärung. Gez. S o k o l o w. Russland und Deutschland Eine Note Deutschlands. Berlin, 24. Juli. (Wolfs.) Dem Präsidenten ders Friedenskonferenz in Paris ist unter dem 21. Äli folgende N o t e überreicht worden: Nach Mitteilungen, welche: die deutsche! Negierung erhalten Hat, sind die Truppen! v der Sowjetregierung ttstr »*$ 0)6«ige Tag es « ürfche n orr der oOpre« tzi-s fcheni Grenze entfernt. Zur- Wahrung der Nentralitüt, z«^ Sicherung der Grenze und zur Beruhigung der Bevölkern»-, die noch in Erinnerung früherer Ruffeneinfäkle aufs äußerstes e r r e g t i st, erscheint es erforderlich, eine' freiwillige Schutzwehrder Ein gesessene« zu bilde«, die i« Lutzersten Notfälle zur Unterstützung der Grenzschutz-! truppe» Herangezoge« werde» kann. Die deutsche Regierung Littet die alliierten Regierungen, hiezu ihre Zustimmung zu erteilen «nd darin nicht einen Verstoß gegen die in Spa abgeschlossenen Verabredungen zu erblicke«. Gleichzeitig bittet die deutsche Regierung, ihr zu gestatten, die'zur Wahrung der Neutralität und zn« Schutz der Grenze erforderliche» Truppen durch die Abstimmungsgebiete Allenstein und Marienwerder an die Grenze dieser Gebiete z « f e « d e «. i Die deutsche Regierung geht davon aus, daß nach dem Friedensvcrtrag die Souveränität im Abstimmungsgebiet bei ihr verblieben und sie daher völkerrechtlich verpflichtet ist, geeignete Vorkehrungen gegen etwaige Verletzungen der Neutralität und der Reichsgrenzen zu treffen. Die Einzelheiten werden zweckmäßig mit dem interalliierten militärischen Ueberwachungsausschuß in Berlin zu vereinbaren sein. Amsterdam, 26. Juli. Der Londoner drahtlose Dienst meldet: Wie verlautet, wird das an die Entente «richtete Ansuchen der deutschen Regierung um Zu--, stimmung zur Verstärkung der deutschen Truppen in Ostpreußen gegenwärtig von den Alliierten geprüft. Man ist der Ansicht, daß dar Ersuchen in gewissem Grade mit der Erklärung der deutschen Ministers des Aeußern, daß Deutschland die Durchfuhr alliierter Truppen durch deutsches Gebiet nicht gestatten könne, in Widerspruch steht. Zn den bevorstehenden WaffswMftands. Verhandlungen. Patt«, 2b. Juli. (HavaS.) Sämtliche Blätter besprechen die Annshlpe des polnischen Ansuchens um Waffenstillstand seitens der Sowjetregierung. Sie geben zu, daß die S ow j etregieru n g in dieser Angelegen-, heit geschickt und logisch vorgegangen sei, und heben die verschiedenen Gründe hervor, die für die Moskauer Regierung maßgebend waren. . ,Jou r n a l" sagt, die Erfolge Wrangels hätten die leitende» Männer der Bolschewiken beunruhigt. die es vorzogen^ ihre!Heere? gegen ihü zu verwenden, statt sich! mit europäischen Truppen zu messen. Außerdem bilde die Mäßigung für sie im Verhältnis zu den Polen eine mächttgere 3Vaffe als die Gewalt. Schließlich sehe die Moskauer Rognrung hie MögKchkeit voraus, in die Bölkersamilie zurückzukehren und die Wiederherstellung des slawischen Blocks vorznvereiten.! »M a t istellt fest, der Zasammenbruch des polnischen Staates hätte Deutschland Gelegenheit zu Intrigen gegeben, aus denen es anscheinend Vorteil ziehen «Schie. Der aus dem Waffenstillstand ^sich ergebende Anfschub werde den Verbündeten die Möglichkeit gewähren, Polen zu reorganifieren. Die erteilte Lehro werde Polen auf den Weg der Klugheit^ bringen, von dem es sich nicht entfernt haben würde, wenn er die Ratschläge Fochs befolgt hätte. Frankreich, fügt das Blatt hinzu, das nicht aufgehört habe, Pole» zu unterstützen, hat gegenüber der Sowjetregierung; freie- Hand und wird also, während er seinen Einfluß in Warschau aufbietet, um seine Ratschläge zur Klughett zur Geltung zu bringen, verhindern können, daß die: Sowjetregierung Polen Demütigungen auferlege, die die- Spannkraft der polnischen Nation brechen könnten, l »G a u l o i l* schreibt: Da Polen daS Bollwerk der Entente ist, wollen wir es festigen^ indem wir der polnischen Armee die Mittel geben, sich zu verteidigen. Sämtliche Blätter betonen, daß eS gefährlich wäre, den Ansuchen Deutschlands zn willfahren, die es in Paris vorgebracht habe, nm angeblich seine Verteidigung gegen einen eventuellen Angriff der Bolschewiken zu sichern. Journal" schreibt, die Verbündeten täten unrecht daran, sich in Sicherheit wiegen zu lassen. Die Drohung eines Zusammenspieles der Deutschen und der Bolschewiken verliere nichts von ihrem Ernst, wenn sie sich hinter friedlichen Aeußerlichkütrn verberge, i ‘ 1 Keine Msffendurchsnhr durch Deutschland. . Bert«, 28. Juli. Der Verstand drS Eise»bah»erHerdandrS hat svl-ende G«schl»eß»»s angenommen: Die de»tschr Regierunhat für Deutschland die Neutralität gegenüb» Polen und Rnh- 'land erklärt. Der erweiterte Vorstand des deNtschen Eisenbahnerverbändehält diese Politik als die fSr Deutschland einzig richtig^ und erklärt es als unbedingte Notwendigkeit, jede Verletzung der Nextralttt durch Transporte von fremden Luippen oder Kriegsnwterial auf dewstam Gebiet mit alle» ih« zu Gebote stehenden Mitteln zn verhindern.