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Wiener Morgenzeitung · 1920-07-25 · Heft 541 (25.7.1920) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 541 (25.7.1920)
Date
1920-07-25
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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L , i>u. iiril 'Stiften, Somuag jp.. .... . .. . - Nähmen sei von Kerschvaum ausgegangen. Er habe immer Mr eine untergeordnete Rolle gespielt. Er sei sich eigentlich Wer bas wahre Wesen, seiner Handlungen nicht klar bewußt gewesen. r? Der Angeklagte erzählt, daß er eines Tapes den Qerschiam», den er vom Soldatenrat aus kannte, getroffen habe und dieser ihm den Vorschlag machte. Spielpartien auLzuhebrn, um Prämien zu verdiene». Dadurch' sei er auch in bte Wohnung der §Fran Bahn gekommen. Er sei mit Kerschbanm hingegangen und habe in der ganzen Sache nur eine passive Rolle gespielt. ■— Präs.: Sie haben doch nicht das Recht, ohne besonderen be--> hordlichen Auftrag und ohne Zuziehung eines Polizeiorgans in litte Wohnung einzudringea. jr Auch in den anderen Falle« behauptet der Angeklagte Äkoritschoner, er habe anfangs stets geglaubt, es handle sich um einwandfreie Annshandlungen. Erst später habe er gesehen, daß Kerschbaum die Gelegenheit benütze, um sich Geld zn derschaffen. H Der Angeklagte Brill, der wegen GewohnheitsbetrvgrS bereits mit fünf Jahren schweren Kerkers vorbestraft ist, bemühte sich gleichfalls, den Handel als ein ganz einwandfreies Geschäft ^mzusiellen. t Das Urteil. V > Die Verhandlung wurde in später Abendstunde zn Ende geführt. \ Die Geschwornen bejahten sämtliche Schuldfragen, teils ein» stimmig, teils mit zehn Stimmen, und nahmen in zwei Fällen, so auch bei der Frage ans Detrvg für Brill, einen Schaden von Unter K 4000 an. } Auf Grund dieses Verdikts verurteilte der Gerichtshof Bernhard K o r i t s ch o n e r zu d r e i I a h r e n und Franz Andreas Brill zu sünfzehnMonaten schweren Herkers. ) -- Der Hund als WohnnngsLüudigung-grnnd. ) Der Besitzer des Hauses XIX., Billrvthstraße 12, Hubert D a u ck, hat der daselbst wohnenden Marie Dietrich unter anderem die Wohnung deshalb gekündigt, «eil sie durch das Halten eines H u n d e s den Parteien das Wohnen im Hause verleidete. So habe der Hund einem Privatbeamren den Rock zerrisien- Auch der Hausbesitzer und seine Gattin wurden »»« dem Hunde in der gleichen Weise belästigt. Der Vertreter des Beklagten brachte bei der Verhandlung vor dem Bezirks' Gerichte Döbling vor, daß der Hund zum Schutze der fast den ganzen Tag allein bleibenden Frau gehalten werden müsie. Das Bezirtsgeriche hat die Klage als r e ch t s w i r k s a m «cklärt, wogegen die Berufung an das Zivrllandesgericht erhoben wurde. Das Landesgrricht hat der Berufung keine Folge gegeben. _ J (Sin zweites Landesgerrcht i« Wie». Im Gebäude des ehemaligen GarnisonsserichteS. Wie verlautet, ist die Errichtung eines zweiten Landes- Uarichtcs in Wien beschlossene Tatsache. DaS zweite Landesgericht wird iu dem weitläufigen, im Jahre 1SV§ fertiggesiellten Gebäude installiert werde», daseinerzeit als das GarnissnSgericht gebaut wurde. Dieses Gebäude liegt am Hernalser Gürtel. DaS LandeSstericht II wird ein eigenes Präsidium und eine eigene 'Staatsanwaltschaft haben. Der Wirkungskreis dieses LandrSgerichteS wird sich auf eine Reihe äußerer Bezirke beziehen. Wenn dir baulichen Arbeiten bis dahin abgeschlossen sind, soll das Landesgericht kl schon am 1. Oktober in Funktion treten. After»«? Morgenzerrung Ä.M.ROHATYN Wien 1. Bezirk Maria Therestanstrasse 10 - Telephon 20-363 Diirchfühnmg aller bankgeschäftlichen Transaktionen, Zahlungen auf alle Plätze des Auslandes kulantest und raschest Erteilung von Warenkrediten Separate Abteilung für Polen Korrespondent der Industriebank Warschau Besorgung sowohl brieflicher als telegraphischer Ueberweisungen ■ Einziehung von Aussenstanden etc. BANK- UND WECHSELSTUBE neben Hotel Post KUNSTADT Wien I., Fleischmarkt 26 Besorgung aller bankgeschäftlichen Transaktionen zu kulantesten Bedingungen. 3075 Telephon 18298 u. 21922 Der Volkswirt. Gi«e Krone --- 3.IS' Centimes Geld. Gestern notierte in Zürich: die österreichische Krone Geld. die osterr. gestempelte Krone Geld die tschechische Krone ..... die Mark .......... Agram Warschau.. Budapest .. . 3.15 ( 8.60 am 23. Juli 3.30 ( 3.60 am 23. Juli' 11.50 (12.- am 23 Jul>) 13.— (13.50 am 23. Jnll) , 7.50 ( 7.50 am 23. Juli , 8.— ( 3.— am 23. Juli 3.10 ( 3.30 an, 23. Juli) Der außerordentliche Rückgang unserer Krone steht mit der russischen Offensive gegen Polen und den innerpolitischen Verhältnissen in Zusammenhang. Brsher ist die Wirkung unserer Vermögensabgabe in Rußland eine stark negative. _ Die gegenwärtige Lage der Erdölindustrie in Pole«. Wir entnehmen dem „'Handelsmuseum": DieHaupt- Ursache der dauernden Abnahme ist in der Trans- Portkalamität zu sehen. Der Bestand an Bahnkesselwagen in Polen betrug im Mai nur rund 2000 Stück (von 9900, die Anfang 1919 im Gebiet des ehemaligen Oesterreich-Ungarn umliefen), die zudem infolge von Mängeln in der Organisation meist nur einmal im Monat verwendet werden. Bei einer durchschnittlichen Monatserzeugung von 60.000 Tonnen werden mit den vorhandenen Wagen monatlich also nur etwa 25.000 Tonnen abtransportiert. In der Benützung von Rohrleitungen steht Polen weit hinter den Anforderungen der modernen Technik zurück. Soweit in Galizien Rohrleitungen Vorkommen, dienen sie vornehmlich der Zuleitung der Erdöle von der Grube bis zu den Raffinerien: große Leitungen zu entfernten Bahnstationen sind nicht vorhanden und kommen nach Lage der Dinge vorläufig nicht in Frage. Die letzte Transportmöglichkeit, in Tankkähnen auf der Weichsel, ist wegen Fehlens der. genügenden Schiffe auch nicht gegeben. Die Lage ist somit die, daß der verfügbare Raum an Behältern gefüllt ist (500.000 Tonnen), jedoch nicht mit der nötigen Raschheit geleert werden kann, um neuer Förderung Platz 1 zu machen. 2ö. Juli 1920 Vene V Auch die Schwierigkeit der Beschaffung nette« Bohrmaterials wirkt auf die Erzeugung hindern^ ein. Die Zahl der Neubohrungen der letzten sechs Jahrq stand nicht in dem richtigen Verhältnis' zur Zahl der m Ausbeute befindlichen Bohrungen, um ein gleichmäßiges. Andauern der Gewinnung zu gewährleisten. Da die vor« handenen Bohrungen in verstärktem Matze in Anspruch genommen werden, ist auch hierin eine Gefahr zu sehen. Bei Würdigung der Ausfuhrmöglichkeiten ist noch in Betracht zu ziehen, daß die galizische Erdölindustrie schon vor dem Kriege am teuersten gearbeitet hat und zeitweilig des Absatzes nicht einmal in Oesterreich- Ungarn sicher war. Infolge außerordentlicher Lohnforderungen und der phantastischen Preise, die für neue Betriebsmittel zu zahlen sind, ist eine unverhältnismäßige Steigerung der Gewinnungskosten entstanden, so daß, wenn man dazu noch die ungeklärten ValutaverhÄtnisse in Betracht zieht, die Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt nicht gesichert erscheint. Im Laufe des vergangenen Jahres hat Polen mit Oesterreich, der Tschecho-Slowakei, Deutschland und der Schweiz Abkommen über die Lieferung von Erdöl und Erdölerzeugnissen gegen wertvolle Kompensationen abgeschlossen. In sämtlichen Abkommen war die Abholung in eigenen Kesselwagen vorgesehen. Deutschland soll 76.000 Tonnen, die Schweiz etwa 12.000 Tonnen, erhalten. In polnischen Kreisen macht sich das Bestreben bemerkbar, auf die galizische Petroleumindustrie bestimmenden Einfluß zu gewinnen. Bisher war die Beteiligung polnischen Kapitals an den galizischen Petroleum- Unternehmungen verhältnismäßig gering. Zu Beginn der Inbesitznahme des Erdölgebietes durch die Polen im vergangenen Jahre wurde sie von polnischen Zeitungen mit etwa 5 Prozent angegeben. Inzwischen sind zwei Gründungen bekannt geworden, an denen überwiegend polnisches Kapital beteiligt ist, nämlich die A.-G. Polska Naphtha (Kapital 50 Millionen poln. Mark) und die Naphthaindustrie-Gesellschaft Gebr. Nobel in Polen (Kapital 100 Millionen poln. Mark), die alle bisherigen Unternehmungen der Firma Nobel, die sich in Danzig und Polen befanden, übernimmt. Bei der Polska Naphtha müssen satzungsgemäß von den Aktien stets 65 Prozent in polnischen Händen sein. Außerdem hat sich das französische Kapital in letzter Zeit der galizischen Petroleumindustrie zugewendet. So wurde die Mehrheit der Aktien der Galizischen Karpathengesellschaft von einer französischen Gruvpe (Firma Bernard Freres und Banque de Paris et' des Pays Bas) erworben und in Paris eine Compagnie Franco-Polonaise des Petroles mit einem Kapital von 12,6 Millionen Francs gegründet. Daneben bemüht sich auch das englische Kapital, seinen Enfluß auf die gglizische Erdölindustrie zu verstärken. Englische Kapitalisten haben vor einiger Zeit die Gesellschaft „Galicia" erworben. •_ , Sechs Millionen russische Goldrubel «ach Schweden befördert. ' Kopenhagen, 24. Juli. (Tel.-Komp.) Die russische Handelsdelegation hat am Donnerstag Reval an Bord eines kstnischen Dampfers verlassen, der die Delegation nack Stockfidnt bringen soll. Mit dem gleichen Schiffe werden s'e ch 8 Millionen Goldrube! nach Schweden transportiert. Rommerz.-o.Dlskonto-Baiik-A.G. Zentrale Pressbnrg °Filiale Wies, l.,Wipplin|irstrassi 24-261“Telephon 12358,18296,17408 Besorgung aller bankge schaftl. Transaktionen. Ent gegennahme ron Geldeinlagen. Ausgabe ron Einlagsbücbern. Uebcrnahme yon YermögensYenraitungen. Warenab teilung. Export von Serienmöbeln n. landwlrteehaftl. Geräten, a Import Ton deutschen Heizmaterialien etc. □ *.———— i ii i jiji mmmammmmm Die Stadt der Toten. Von L. Schapirv. » dem Jiddischen übertragen von SiegfriedSchmitz (4. Frrtsetznng.) " _ Und es gibt keine Ruhe vor ihnen! Wo ein Winkel pmd ein.Hügel ist, da sind sie, und wohin sie kommen, von dort vertreiben sie die lieben tzuben Seelen und tragen Unruhe in ihren heiligen Frieden. Bejle erschauderte. Erst wenn der Monat um, wenn die Feiertage vergangen waren und der Menschenstrvm sich zurück pag Tal ergoß, atmete Bejle frei, f 1 Dann verließen die Seelen der Tvteustadt für eine FE ihren Ort und schwebten zum Himmel empor. Ein jüangen blieb zurück. - So ist der Herbst da. Er ähnelt dem Großbtt$er; grau und grimmig schaut er drein; doch er ist aut im tiefsten Grunde. - >Auf den Friedhof senken sich schwermütige Nebel. Dsiv Bäume werden mager und dürr. .Die Weide murmelt, doch ganz anders, ganz anders als früher. Regen und Wind erheben sich. Fort ist der liebe blaue Himmel, fort ... 1' " *' V. „Großvater, Großvater! Die Seelen kommen aus dein Htntmel zurück!" — schreit die kleine Bejle vom tster her und stürmt aus der Stube. Wahrhaftig: Seelen schweben hernieder. Zart und weiß kommen von allen Seiten des Himmels, wiegen sich in der Luft und sinken dann weich auf das Kind; auf ihrem Duar, ihren Brauen und Backen hocken sie fröhlich, Junten ihr schelmisch ein Geheimnis ins Ohr und verschwinden huschend wie ein Lächeln. Und neue kommen, unzählig diele, wie die kleinen Sterne des Himmels. Wie im Rausch tanzt Bejle umher und hascht nach fett weißen Blütensternen, die vom Himmel schweben, und dichter fallen die Floren, der Boden wird grau, dann licht und endlich deckt ihn eine seidig^ weiche weiße Decke. Ihre Falten schmiegen sich an die Erde und raunen gütige Worte dem kleinen Kinderfuß zu, der über.sie hinwegschreitet. Und nun gar der Fluß, der liebe Kamerad Bestes! Mit ihm ist sie täglich beisammen; und nun sieht sie, wie er zwischen den weißen Usern wild seine dunklen Fluten wälzt. Sie sind fast schwarz und blicken grimmig in Ahnung böser Tage der Haft. Kaltschneidender Wind pfeift von Norden her über den Fluß; — und der Fluß wird dunkelblau, zittert vor Kälte erschauernd, biegt sich und krümmt sich' und ringt mit der Totenstarre, die seine mächtigen Glieder erfaßt. Immer schwächer wird der ringende Widerstand, schwer und schläfrig. Eines Tages schwimmt ein formloses schmutziggelbes Eisstück auf dem Wasser, still und harmlos. Niemand weiß, woher es gekommen ist . » . Bald werden es mehr, bald kommen viele auf einmal, schon schwimmt eine ganze Schar Eisstücke zuhauf. Sie schwimmen spielerisch zwischen den Wellen wie Wassergeister. .Es knackt und knistert über den Fluß hin. Unter den Schollen, die den Fluß bedecken, reckt sich breit eine große hervor und die kleinen ducken sich kriecherisch vor ihr, machen ihr Platz und drängen sich aneinander . . . Der schwere. Tvdeskampf des Flusses verscheucht die Menschen. Die Boote und Flöße verschwinden. HS wird still. Die große Scholle bleibt stehen, dreht sich langsam und weitet sich, zerschellt die kleinen Schollen und reckt sich ans Ufer, Um sie starren auf allen Seiten spitze Zacken, glasige Scherben von zerbrochenem Eis — ein Schlachtfeld mit zerbrochenen Skeletten. Dann schweben wieder kleine weiße Seelchen nieder, legen sich in gutem Erbarmen um die totstarren Zacken und decken sie. Und dann gibt es keinen Fluß mehr. Graue kurze Tage lächeln schüchtern der Erde zu und verhuschen bald, wenn «der Wind düstere Lieder pfeift; hungrige frierende Wölfe heulen am anderett Ufer, ein elercheK Klagelied -«. < : vi. ' ■" •] Lang währt der Winter, so lang, daß der Somme? nur noch wie ein Märchen in den Gedanken dämmert. Bejle erinnert sich kaum noch des Flusses: dort, wo ihre Erinnerung ihn sieht, fliegen Schlitten dahin und' Menschen gehen leicht und sicher vorbei, als wäre es' immer so gewesen ... ' 1 I Aus Süden haucht es feucht und weich. Der glatte, weiße Weg wird kotig und grau. Die Fußgänger gehen vorsichtig vorbei, klopfen mit Stöcken und horchen . . * Die Wagen weichen an manchen Stellen in großem: Bogen aus; oft spritzt es unter den Rädern auf. Die Tage werden ein wenig länger. Der Fluß fordert Opfer: ein Mensch versinkt, ein Wagen bricht ein, Löcher und Gruben entstehen. Die Menschen halten sich eine Zeitbang scheu fern; der Schreck vor dem Auferstehen der Toten ist nicht geringer als der vor dem Tvdeskampf ... Eines Nachts fährt Bejle aus dem Slase empor und fragt erschrocken: i /.! „Großvater, hörst du? Was ist bas? . . 1 „Nichts, Kind, nichts . . . Der Fluß rührt sich/* Den alten Dan hat es schon lange nicht schlafen lassen. Er raucht im Finstern seine Pfeife und räuspert sich oft. ' ,Ha! Großvater! Was war bas?" — ftagt Bejle, zitternd vor Schreck. „Hm — gar nichts!" — brummt der Alte itttb1, trinkt einen Schluck Wasser. Bejle fühlt, daß Groß-s Vater gar nicht so schlecht bei Laune sei. Doch! weder er noch sie kennen den Grund der Freude. Der Fluß donnert, daß alle Fenster klirren und' die Mauern Leben. Bejle blickt mit aufgerissenen Augen in die finstere Nacht der Stube und meint zu sehen, wa§ sie hört. Endl' .h bricht der Tag an, den sie «ungeduldig ei>' wartet hat. Entsetzung folgt.)

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