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Wiener Morgenzeitung · 1920-07-21 · Heft 537 (21.7.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 537 (21.7.1920)
Date
1920-07-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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In W a r f ch a u wurde eine amtliche, vo« Ministerpräsidenten Dr GrabSKi gefertigte Kundmachung verlantbart, in der »uter anderem gesagt wird: ^Angesichts der falschen und beunruhigenden Gerüchte teilt die Negierung mit, daß in den der SottMtregieruug von England vorgelegten Maffenstillstands- Ledingungen keine Rede vom Rückzug inGalizien hinter sene Linie sein kann, welche die polnischen Truppen im Moment des Abschlusses des Waffenstillstandes einnehme« werden. Bezüglich der Nordfront werden laut den Waffenstillstandsbedingungen die Sowjettruppen sogar teilweise die bereits besetzten Gebiete räumen müssen. Rur in der Mitte -unserer stark nach Osten vorgeschobenen Front sollen die polnischen Truppen sich Hinter die jetzigen Stellungen znrückziehe», was selbstverständlich nur sukzessive geschehen wird. Vor allem jedoch macht die Negierung darauf aufmerksam, datz sie bisher keine Tschitscherins ablehnende Antwort. London, SO. Juli. Reuter erfahrt: Die Antwort Tschitscherins auf die jüngst nach Moskau telegraphierte Note bezüglich eines Waffenstillstandes mit Polen ist heute iü London emgegangen. Wie verlautet, ist die Sowjetregierung bereit, einen Waffenstillstand mit Polen zu vereinbaren und Frieden zu schließen. Zu diesem Zwecke sind neue Vorschläge gemacht worden, die das englische Kabinett heute erörtern wird. Die „Times" meldet über die Antwort der Sowjet, regierung auf die Vorschläge Lloyd Georges, daß die Svwjetrsgierung sich weigere, an der Konferenz in London teilzunrhmen, weil England nicht Unparteiisch sei. Ferner habe sie Bedenken-gegen die Zulassung'von Delegierten der Ostseestaaten zu dieser Konferenz, da Sowjetrußland mit die'en Staaten bereits Frieden geschlossen habe. Weiters sage die russische Regierung, der vorgeschlagene Waffenstillstand sei nicht günstig für Polen, das durch direkte Verhandlungen mit der Räteregierung eine viel günstigere Grenzregulier ung würde erhalten können. Moskau weigere sich auch, einige Bedingungen, betreffend die Strcitkrüfte des Generals Wrangel und die Flüchtlinge in Südrußland, anzunehmen und verlange eine b ed ingungslo se Kapit ulativn Wrangels. Der Ton der Antwort, weint bas Blatt, sei sarkastisch und offenbar darauf berechnet, Uneinigkeit zwischen den Alliierten und Polen chervorzurufen. ' ' Kabinettsrat in London. London, 20. Juli. (Reuter.) Wie „Daily Herald" meldet, fei abends plötzlich ein Kabinetlsrät eirrberufen tvorden. Lloyd George kehrte eilig von seinem Landaufenthalt zurück und konferierte mit Churchill. Das Kabinett soll über die Antwort Rußlands auf die ddote Lloyd Borges verhandelt haben. nmgRmsw.v *x«vntsmKmmaan offizielle Meldung von der Annahme des Waffenstillstandes durch. die Eowjetregrerung besitzt, und datz in Anbetracht dessen kein Grund zum Kommentieren des noch nicht geschloffenen Waffenstillstandes besteht. Im Zusammenhangs mit der Frage deS WaffenstillstandeS tauchen beunruhigende. Gerüchte auf, wonach der Waffenstillstand eine ganze Reihe von Fragen zu nngun ft en Polens im vorhinein prajudizieren würde. Die Negierung dementiert kategorisch alle diesbezüglichen falschen Annahme«. Die Frage der Zugehörigkeit Wilnas und ganz O st g a l i z l e ns zu Pole« wird im Falle des Abschlusses des Waffenstillstandes vollständig offen bleiben, und es wird von der Art, wie Polen seine Rechte verteidigen wird, abhängen, ob die Lösung dieser beiden große» Probleme günstig für die nationale Existenz Polens ausfallen wird.'" Der türkische FriedeNSVertrag. London, 20. Juli. (Reuter.) „Däilh Mail" meldet aus Konstantinopslr Der Großwefir ist allein von allen Mitgliedern des ottomanifchen Kabinettbereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen. Seine Minister haben schon die Demission angeboten. Der Großwesir wird sich vermntttch an die Partei der liberalen Entente wenden, um eine neue Regierung zu bilden. Dr. Simons über die Verhandlungen in Spa. Berlin, 20. Juli. (Korr.-Bur.) Reichsminister des Answartigen Dr. Simons äußerte sich heute gegenüber Vertreter« der deutschen Presse ausführlich Über den Verlauf der Verhandlungen in Spa. Er erklärte, datz Kein Grund borliege, von Erfolgen zu spreche», «nd daß es lediglich gelungen sei, gewiffe ander gegenwärtigen Lage hervorgegangene unmittelbar drohende Ko «f e q u e n z e« des Friedensvertrages abzuwehren. In der Besetznngsfrage Hütten sich augenscheinlich die Alliierten de» französischen Anschauungen: ge» nähert. Die Frage der Wiedergutmachung ist den Genfer Beratungen Vorbehalten, die einen wesentlich technischen Charakter haben werden. ( ' } Das Kabinett hat in feiner gestrigen Sitzung eine schärfere N eu o r g a «isat i o n der Köhlens Lrder un gnnd der Kohlenverteilung beschloffe«. Oie Regierung hofft, das Kohlenabkommen ohne gar zu schwere Schädigungen der deutschen Industrie, dank diesen Maßnahmen, einhalten zu können. Zwischen den Mühlsteinen. —7. Wien. 21. Juli. ^Die internationale Finanzkonferenz, die am 23. Full in Brüssel hätte stattsinden sollen, wurde auf 14 Tage verschoben. Der genaue Zeitpunkt wird vom Rat des Völkerbundes bei seiner nächsten Sitzung am 30. Juli in San Sebastian bestimmt werden. Die Konferenz wird die internationale Finanzkrise zu prüfen und Mittel ausfindig zu machen haben, um die gefährlichen Folgen der Krise abzuwenden. In diesem Zusammenhang hat Leon Bourgeois im Namen des Rates des Völkerbundes dem Obersten Rat mitgeteilt, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau der Welt von der pünktlichen Erfüllung - der Verpflichtungen durch Deutschland äbhänge. Am 16. Juli teilte der Vorsitzende des Obersten-Rates, Delacroix, dem Völkerbundrat mit, daß die Brüsseler Konferenz verschoben werden müsse, weil die Ergebnisse der Zusammenkunft von Spa bis zum .23. d. M. kaum zusammengefaßt sein dürften. Die Verbündeten werden noch vor der Tagung der Finanz- Konferenz mit den Deutschen in Genf Zusammentreffen, uür alle mit ' der Entschädigung zusammenhängenden Fragen endgültig zu erledigen. .Das ist der ewige Fehlerkreis der Ententepolitik. Deutschland muß Verpflichtungen erfüllen, die noch nicht festgestellt sind... Solange dies nicht geschieht, kann aber Deutschland nichts beginnen. Es kommt also wieder zu Konferenzen und Verhandlungen, und das Resultat sind inftner wieder neue, Vorwürfe der Entente oder Deutschlands und neue Protokolle. Das Studiurfl der internationalen Finanzkrise steht schon seit zwei Jahren auf der Tagesordnung einer jeden Ententeberatung und auch-der Rät M Völkerbundes wie nicht minder 8er Oberste Rat dWten heute bereits zu der Erkenntnis gelangt sein, daß irgend etwas geschehen muß. Wie die eingangs dieser Zeilen wiedergegebene Nachricht zeigt, geschieht atzch wirklich etwas. Es wird ein neues Datum bestimmt, das. aber auch noch nicht ganz sicher ist, weil die Konferenz in Genf aufschreiben soll, wäS bei der Konferenz in. Spa verabredet worden ist, um es der Konferenz in San Sebastian vorzulegen, die den Termin der. Brüsieler Finanzkonferenz fixieren soll. Abänderungen dieses Programms sind immerhin möglich, und Wi-r können,, ehe der Herbst und mit ihm die neue interrationale Kohlensorge und Lebensmittelkrise ms Land zieht, noch ein Dutzend von verschobenen Terminen vorgesetzt erhalten. Die Entwicklung der Weltgeschehnisie nimmt aber von diesem artigen Spiel keine Kenntnis und die.Politik der Entente, die ja hauptsächlich von Frankreich aus in eme Schraube ohne Ende gewandelt wird, bleibt m diesem leeren Lauf, als wenn die Alliierten allein-auf der Welt wären. Sie lasten sich nicht dadurch beeinflussen, daß das sowjetistische Rußland im Rausch des Sieges in einen Nationalismus verfallen ist, der alle fronunen Erzählungen von der Ueberwrndung des Hurrah-Gesch'reies durch den Sozialismus zu dummen Ammenmärchen stempelt. Es liegt ganz im Bereich der Möglichkeit, daß nach einem Washingtoner Fnnksprüch Lenin die Eroberungganz Polens plant. Er soll erklärt haben, daß eine, gemeinsame Grenze zwischen Rußland und Deutschland für. die Zukunft beider Staaten unbedingt nötig sei. Der Angriff gegen Polen werde solange fortgesetzt werden, bis dieses Ziel erreicht sei. Die Baume wachsen ja auch im bolschewikischen Osten nicht in den Himmel und etwas Wässer wird in diesen schäumenden Wein gegossen werden. Die Frage der polnischen Unabhängigkeit ist ja auch im Vordergrund der Kriegsprobleme gestanden und der polnische Annexionismus, der an dem heutigen sinnlosen Blutvergießen schwerste Schuld trägt, kann unmöglich durch einen russischen rot angestrichenen abgelöft werden. Außerdem wäre es nach der Einverleibung Polens nickst mehr weft zum russischen Monarchismus und zum Wiederaufleben jenes gewalttätigen Panflawismus, der, ein Schrecken der Welt war. Die polnische Politik ist Wege gegangen, die direkt ins Verderben führten; sie hot sich mit der Schuld an dem Außmorden ganzer jüdischer Ortschaften, mit einem sadistischen Pogromismus. . belastet; dätz aber jetzt'nicht sie, sondern das polnisch^ Volk gestraft wird und gerade von. jenen bedroht wird, die die Freiheit der PSlker auf ihre 'L^hne ,'gilMrieden7yaVen, diK bedeutet wieder und wieder. Krieg. Die führenden polnischen Kr-ise haben ihre «ächö ans den gestellt. Daß er nun zerbrochen äuf der Sttaße liegt, sollte fiUe* demn zu denken gebM, dtz' dek jÄvtt der Gewalt anbeteU. Es gibt eine historische Gerechtigkeit, die langsam, ober schrecklich klein mahlt; ihre Probe sehen wir heute in Polen und erkennen auch schon ihre entsetzlichen Wirkungen: neue Judenmetzeleien, neue Hilferufe der jüdischen Bevölkerung deS Ostens, über die wieder, nach sechs Jahren furchtbarster Leiden, die Wogen des neuen RachekriegeS' hinweggehen. DaS zurückgehende. polnische Heer, daS vordringende russische Heer — schlagt zunäW die Juden. Und an dieser TragÄ des jüdischen Nenienws rm Osten zeigt sich am MMigften und bis Lux Krairsmüksit gegenständlich die Katastrophe, mit der die militaristische Denkungsart die ganze Menschheit bedroht. Ihre Opfer sind die Juden in Osteuropa, in Mitteleuropa und-Gott weiß wo noch auf der Welt; sie reißt die Armenier in den Wirbel und entvölkert weite Gebiete, treibt die Mensche» immer tiefer in den Wahnsinn deS HungerS und des Schreckens.'Jedermann muß dieS^klar werden, der die Zeit seit dem/sogenannten .Waffenstillstand überdenkt»; Aber die Staatsmänner der Entente fahren von Spa naihi Genf, vo« da nach San Sebastian, und dann nach Briisis^

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