Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 536 (20.7.1920)
- Date
- 1920-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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In den Zwanzig Jahren, in. deren Verlauf der Zionismus an der Organisierung her jüdischen Massen Uftd an ihrer Durchsetzung mit dem Gedanken der notwendigen Konzentrierung aller Kaste des Volkes zum Zwecke, des Wiederaufbaues und wer Sicherung seiner Mionalen Existenz arbeitet, ist er in der Oeffentlichkeit ziemlich unbeachtet geblieben. Negierungen und Staaten hoben, sich mit dieser, Frage .fast gar nicht beschäftigt, sind wenn sie dazu Stellung nahrsieri, so geschah dies in solcher. Weise, daß man erkennen konnte, wie unverständlich ihnen der Gedankengcmg der Zionisten war. '«Selbst das Land der größten jüdischen Siedelung, Rußland, hat weder zur Zeit des Zarismus, noch zur Zeit des Sowjetsystems ein ernstliches Bestreben erkennen läHn, .die Judensrage anders als im Sinne einer physischen, odr rechtlichen. Negation? des Judentums imd seiner ' Auffassung als einheitliche Nation zu behandeln. Die Gesetzgebung fast aller europäischen Staaten, die Aber eiüe . stärkere Juden siedelung verfügten, scheute .davor zurück,/sich-mit einem> neuem nationalem Gewicht EHlasten^ /sieMersahs geflisseMch, die - zionistischen Forderungen und begüemte sich ftiWr. dem Geschrei, des radialen .Antisemitismus an, dtzt isiiter den verschiedÄrsten Masken, bald , als Soziglreformer, bald als Ästtelständler, sozialpolitische Maßnahmen förderte und durchsetzte, die sich merkwürdigerweise immer gegen, die ^tistenzbedingnngeN' des jüdischen Mittelstandes., wendeten. Natürlich. konnte es der Zionismus nicht verytöitzem hin und wieder in die allzu enge Nachbarschaft der'Antisemiten? zu, geraten, die sich mit ihm einverjjWen erktäcktzn'/in dein Szsine-.-namM':daßMe?Mderi? tzMwanhern. Die Gegner Ms Zionismus im jüdischen l^ger habendaraus die Behauptung abgeleitet, daß die Worflsten eigentlich -je Geschäfte dex.-. Antisemiten besorgen. Ha oher das jüdische Volk überall das lebendige Beispiel sah, daß' nämftch nur die Ziortisten den Kampf um die.faktische, Gleichberechtigung des Judentums in den Kerkerländern führten, konnte ihm die Verlogenheit dieses Denunziantentums nicht langeverborgen bleiben und, das.jüdische Volk hat sich daran gewöhnt, in »llen Fragen des. jüdischen Lebens nur den Zionisten: sein Vertrauen zu. schenken, - /Mit dem Erstcucken der zionistischen Bewegung .nutzte auch. für die nichtjüdische Bevölkerung die Not- Wendigkeit wachsen, in irgendeiner Weise zu den Aeußerungen des. positiv gerichteten Judentunis Stellung zu nchme.m Wir haben denn auch verschiedentlich freundliche Erklärungen zu hören bekommendie aber doch im «gttersten Kern nur aus der^ antisemitischen Freude Herfamen, daß man die Juden loswerden könne. Jrgend- -m Eingehen auf den gedanklichen'Inhalt der zionistischen Literatur auf ihre Politischen und allgenreinyürtschoftlichen Bedingungen konnte man niemals verzeichnen,. Man fatztr den Zionismus als eine Art Jntellektuellenbewegung auf.' 'mit der man nichts rechtes rnzufängen wußte, weil der sundtynentale Unterschied zwischen dem jüdischen positiven Und dem europäischen negativen Nationalismus ein Verständnis der jüdischen Negentzrationsidee bei den europäischen exzessivnätiönalistisch erzogenen Politikern und Gelehrten nicht aüskommen ließ. Die befnrchtende Wirkung des Zionismus auf dos geistige und soziale Leben eines Vierzehnmillionenvolkes blieb in Europa, dessen Wissenschaft sich Um die leisesten Lebensäußerungen von Eskimos und Botokuden. kümmert, völlig umbemeckt. Män hat - kaum davon Notiz genommen,- daß die - hebräische Sprache strotzendes Leben zeigte, daß die jüdischen Kolonien in Palästina aufblühten, daß sich zwischen den Juhen der Verschiedensten Länder neu; Verbindungen spannten. - und daß sich innerhalb des Judentums selbst das Bestreben nach einer einheitlichen Formung seines nätionälen Willens kräftig regte. Soweit die politische oder die wissenschaftliche Literatur vom Zionismus sprach, jgt sie dies nur mit Achselzucken und den deutlichsten Anzeichen der Langeweile. * Erst der Krieg schuf hierin'eine Aenderung. Die Negierungen der Kriegsstäattzn können, unmöglich^ den Umstand verkennen, daß die vom Zionismus geschaffene Organisation die einzige war, deren Verbindungen durch den Krieg nicht für immer zerrissen werden konnten. Zwar hörte naturgemäß die' direkte Fühlungnahme aus. öher die interstaatliche Basis des Zionismus blieb un- Wrlitzt,' weil sw' sich eben auf das unter allen Himmelsstrichen unverändert gleichbleibende Mn!We Bek.eM- Eine Rede Dr. Mayrs. Innsbruck, 19. Juli. In einer gestern abends vom Tiroler Volksverein einberufenen Versammlung referierte Nationalrat Steinegger über das Krankenversicherungsgesetz für Staatsbeöienstete. In die Debatte griff auch Staatssekretär Dr. Mayr ein, der bei dieser Gelegenheit eine ausführliche Darlegung der Aufgaben der gegenwärtigen Uebergcmgsregierung gab. Der Staatssekretär erklärte unter anderem: Wir sind gegenwärtig. im Staate Oesterreich in der erfreulichen Lage, seit dem 16, d. M. den Frieden mit allen Mächten in Kraft gesetzt zu sehen. Dies ist ein bedeutender Fortschritt, weil wir endlich wiederum Mit der übrigen Welt in geregelten Verkehr treten können, sowohl hinsichtlich, des Warenmlstausches als auch bezüglich der F r e i z ü g i g k e r t der P e r s ö n, (Aber die Juden weist dieser Mayr aus Oesterreich aus!) Dies wird sich freilich nicht rasch geltend machen, aber 'in einigen. Monaten — denke ich — werden wir immerhin bereits einige Erleichterungen verspüren. Ich hoffe, daß -wir uns bis dahin ausrechtzüerhaften vermögen. Aufklärungen von maßgebenden, Seiten lauten dahin, daß wir am Ende wären, wenn wir weiterhin unsere Notenpresse in größerem Maßstab in Anspruch nehmen müßten. Dies hätte unseren f inanziellen Zusammenbruch zur Folge, den wir bisher hintanzuhalten vermochten. In der allernächsten Zukunft handelt es sich hauptsächlich um zwei Gefahrenmomente, diebesonders zu beachten sind:. Das Beamftenechen d, die Not unserer Staotsangestellten gegenüber anderen Ständen, und die Masse der Arbeitslosen, dis, in den nächsten Monaten wahrscheinlich wieder, anwochsen dürfte, weil es nicht ausgeschlossen ist, daß wir, infolge der wirtschaftlichen Entwicklung in den nächsten, Monaten gegebenenfalls mit einem Stillstand, unserer Industrie rechnen müssen, vor dem wir die größte Sorge haben. Dies bringen hauptsächlich die , valutarischen Verhältnisse mit sich. Wir können.heute nicht mehr exportieren, weil sich bei.uns die Pro-? duktions kosten infolge des verminderten Geld-! wertes bereits so hoch stellen, daß die Ware mit-einem! Preis belegt werden' müßte, der sie im Vergleich zu! anderen Ländern trotz der großen Valutadifferenz eben? als zu teuer erscheinen läßt. Die Folge davon ist, dgß'. der Ausländer heute besser und billiger ins. seiner Heimat einkauft als b e i u n s. Angesichts dieser Zwangsverhältnisse können wir kaum etwas. anderes tun, als von den Herren' der Reparation?-' kommission das entsprechende Verständnis für unsere: Lage zu erwarten, auf daß sie uns endlich mit den bereits zngesägten Krediten und Rohstoffen ernstlich unter die Arme greifen. Es wird demnach eine der wichtigsten Aufgaben unserer Regierung sein, diese nnnmehr angebahnten Beziehungen mit den Alliierten so zu pflegen, daß sie auch zu Taten führen, die uns aus den erwähnten zwei Gefahrenmomenten heil heranszuführen vermögen. . . Leipzig, 19. Juli. (Tel.-Komp.) Von am tli che »Steile wird über den Stand des Prozesses gegen die Kriegsverbrecher sorgendes mitqeteilt: Die Vertreter der obersten deutschen Justizbehörde habe« in Spa mit den Ententevertretern diese Frage durchgesprochen und find dabei aus das größte Entgegenkommen seitens er Entente gestoßen. Man kam dahin überein, daß von nun ab diese Angelegenheit ans dem diplomatischen Verkehr ausgescha!tei und vom Oberreichsauwalt direkt mit den Justizministerien der alliierte» Länder ver^ handelt werde. Die Entente wünscht eine möglichst schnelle Durchsührnng des Prozesses, welchem Wunsche der Oberreichsanwalt in jeder Hinsicht Rechnung trage» wird. Bon einer Fristsetzung oder einer Presfion ans die deutsche« Justizbehörden war irr Spa keine Rede. ms zum Judentum stützte und weil das jüdische Volk das einzige war, das am Kriege nur passiv und gezwungen teilnahm. Es fehlte nicht an Bemühungen der einzelnen Kriegskonzerne, den Zionismus für sich zu gewinnen und die in ihm schlummernden Kräfte für die eigenen politischen Zwecke mobil zu machen. Aber die Struktur des Zionismus hat diese schwere Probe rühmlich bestanden. Nirgends haben sich die Zionisten dazu hergegeben, ihren Briidern in anderen Ländern in den Rücken zu fallen, und die Leitung der zionistischen Organisation, die unmittelbar nach Kriegsausbruch von Berlin nach Kopenhagen verlegt worden war, wandte ihr Augenmerk ausschließlich der materiellen Notlage des vom Kriege so schrecklich betroffenen Judentums zu. Diese feste Haltung der zionistischen Bewegung, die aut Angenblicksvorteile verzichtete und das große Ziel der Befreiung der Nation unverrückbar fest im Auge behielt, mußte ihre Wirkung bald äußern: Die Siegerstaaten entschlossen sich, der Judenfrage im zionistischen Geist näherzutreten und es kam zu dem Beschluß von'San Nemo, der die Aufrichtung des nationalen Heims für die Juden in Palä-, Ana als wesentlichen Bestandteil in den türkischen Friedensvertrag hineinschrieb. Und nun zeigt sich die von uns längst erwartete Erscheinung^ daß alle diejenigen, die früher, als der Zionismus noch nebelhaftestes Ideal gewesen war, ihm ihre Sympathien ausdrückten, in förmliche Raserei verfielen ob der Vorstellung, daß sich das jüdische Volk auf eigene Beine stellen könnte, daß es zu einem Quentchen Macht gelangen und der europäischen Canaille ein wehrloses Objekt ihres politischen Wütens entziehen könnte. Plötzlich tauchten wie auf ein Zaubersignal in fast sämtlichen'Zentren der Welt Zeitungsartikel, Broschüren und Bücher auf,Welche von der besonderen Gefährlichkeit des JndentuwWstnd seiner politischen Einigung ftn Palästina zll' erzählen wissen. Die antisemitische Literatur schlägt eine neue Note an. > t Sie beweist, daß die Juden nicht die Fähigkeit besäßen, sich politisch selbst zu verwalten: es ist interessant, daß dies das hauptsächlichste Argument der nichtjüdischnaftonalen Assimilanten ist: sie beweist, daß die Juden gar kein Recht auf Palästina haben — auck hier ist die Kongruenz mit den nichtjüdischnationalen Verdrehungen unverkennbar. Sie beweist alles Mögliche und Unmögliche, nur um die eigene Angst vor der politischen Mündigwerdung des Judentums zu bemänteln. Sie wissen genau, daß der Zionismus in der Frage der Gleichberechtigung kein Kompromiß und kein Verhandeln kennt: sie wissen, daß der Zionismus kein Recht, das allen Juden als Bürgern des Staates zukammt, antasten läßt. Darum soll überall auf der Welt die Mißstimmung gegen das Judentum im allgemeinen auf den Zionismus im besonderen umgespannt werden und darum wird alles mit Freuden anfgebanscht und übertrieben, was es an Schwierigkeiten für die zionistische Arbeit in Palästina .gibt. Die Todfeinde des jüdischen Volkes sind eben immer dieselben: Die „Achtjüdischnationalen und mosaischen Staatsbürger" und die mit ihnen verbündeten antisemitischen Parteien der verschiedensten Couleurs. Beide geht im Grunde genommen der. Zionismus gar nichts an. Die einen wollen sich assimilieren, die anderen verfolgen das Judentum als ein angeblich die Ruhe ihrer Staaten bedrohendes Element. Wenn nun der Zionis'- mus dem jüdischen Volk, das heißt den Juden, die sich zum jüdischen Volk bekennen, ein neues Heim schaffen will, so ist er doch weit davon entfernt, irgend jemandem an seinem privaten Irrglauben Abbruch zu tun oder die Ruhe der eirropäischen Staaten anzutasten.? Er will nichts weiter, als daß die Lösung , der Judenfrage, di, bisher von den Nichtsuden versncht wurde,-nunmehr ft« jüdische Hände üb!'vg"b'tz Das kann niemanden,in Aust regnng versencn bft de-n sich nicht das UNnioMisckie von jelblt versteht.