Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 533 (17.7.1920)
- Date
- 1920-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien» Samstag Wierrer Morgerrzerturtg 17. Juli 192V Rr. 53$ •‘—■5—t—:- * * " ' "r •.11 - ■ ■ . t, RüÄLritt Descharrels? London, 16. Juli. (Funlsprüch.) Aus Paris wird von jutonl.ativer Seile gemeldet, daß Präsident DeSchanel on seinem Amt zurücktreten werde, salls sich sein Zustand nicht mmn drei Wochen bessere. Der türkische Friedensvertrag. Vonvon. 16. Juli. (Fmckfpruch.) Bonar L a w teilte im stnterhause mit-.daß die türkische Regierung den Friedensvertrag »och nicht angenommen habe. London, 16. Juli. (Funkspruch.) Fünf britische Kriegsschiffe sind' mit aus Konstantinopel deportierten türkischen »Mischen-Führern an Bord in Malta tingetroffen. Die. bolschewikische Agitation in Anatolien. -Washintzton, 16‘ Juli. (Funkspruch.) „Associated tzreß" mctßet 'aus Konstantinopel,' daß die bolfchewikische Agitation seit den Erfolgen an der polnischen Front mit Mge-nzeiner Tatkraft in ganz Anatolien aufflamme. Es vixd. verbreitet, daß. Lenin, nach Besiegung Polens Rumänien, uberrennen und dann, mit Hilfe der Bulgaren ^ie -Griechen und. die. Truppen , der. Westmächte aus Thrazien, vertreiben wird. Die Hauptführer der Bewegung seien Vahidoff, der lange in Orenburg war und ich nun in Wki-Seher befinde, und Manatoff, der aus ^osHu^Mch Augbra gekommen, sei. , st ' - \V£ '• 7,Ä«to»omie für .Schlesien/ ,"'7' ' Warschau, 16. Juli.' (Fnnkspruch.)' In der Sitzung sonst nahm der Landtag einstimmig den von der lZerfassungskommission orngebrachten Antragan, den nach -er Abstilnmnng in Obexschlesien an Polen "fallenden Uehieten sowie.dem nach der Entschließung, des Obersten states an Polen zuzusprechenden Teil. des. Teschener Gestetes., weitestgehende Selbständigkeit zu gewähren. Das UeseMeht -einen, eigenen schlesischen Landtag vor, der selbjtälälg!'"Gebiets- .und - örtliche Fragen regeln und über UesttNdhertÄvesen, -Polizei, Schulwesen,' Religion und ^ntdwirtschaft beschließt. NücktritLsabsichten Tnsars? Prag, 16. Julk. (Privat.) Ministerpräsideut T u s a r ist sE-Oe: angekommcn; seine Anwesenheit hängt mit der Er- »eützM d^s sozialbemokratischen Abgeordneten Dr. Ivan jR.a.r.k.o,p i c zum Minister für nationale Verteidigung zusammen.. In der Stadt.ist das Gerücht verbreitet, Tusar volle mit Rücksicht auf sein Leiden von seinem Amte l u ,r ü ck t r e t e n. D eI Affue. tschechisch i Verteidigungsminister. v Prag; .V.16. - (Tfchecho-slow. Preß-Bur.) Der. Ab- ^eoxdn.G -Dü M a r k o v i c wurde zum Minister für nationale-Bencü-iiun'g cmaurtt.'. Lembrrger Reisebilder- ,' . L . ' '■ - Das Lembtrger Ghetto.; Ein graues, eintöniges Häusermeer mit lässig.dabinivQndelNden Menschen. Man spürt noch einen leisen HaüH des Westens und doch gemahnt alles an den besinnenden Osten Europas. In der Hauptstraße Lembergs, sie jetzt de» .Namen der polnischen Legionen trägt, breitet tch'M-geradezu verschwenderischer Luxus großstädtischer KanrKdest ans" und 'dieweil ein vornehm aufgeputzter Reyschssnstrom die breite Straße über flutet, trägt eine wschröckliche Bettlerschar an allen. Ecken und Enden ihr klend .zur Schau-und verhungerte Fratzen starren einem Urf Schritt und Tritt flehentlich ins Gesicht. Ändkaum endet, die Hauptstraße, mit dem . weißchimmernden Prachtbau des Nationaltheaters, da besinnt schon der eigentliche Osten. Er schäumt und chrudett irn tausendfachen Gekreisch geschäftiger, hanielndch Menschen, die unter freiem.Himmel allerhand Karen feilbieten und er umschnürt einfach die Brust mit -iner faustdicken, übelriechenden Lust, die aus einem Kot- Mr emporsteigt und auf all die Menschen den Stempel wir Schmutz und Verwahrlosung 'aufzudrücken scheint. Im. Herzen einer polnischen Hauptstadt das schmutzkarrende Lemberger Ghetto. Wie überall sonst eine Welt »ir sich und wie stets ein exotisches .Königreich, wo die Gegensätze der Träume und des Lebens hart aneinander- -rallen.' Feilschende Händler wandeln unter asketischen stüßern und durchgeistigte Gesichter junger Chassidim »igeit vft aus schmuhstarreudem Menschenknäuel hervor. .Und wie der Sabbat stets vonl Schimmer des Heilig- »uns umweht wird, so verwandeln sich auch ,hier all. die Menschen.an Samstagen in eine stille, betende Gemeinde md'' all''i>!e schnnltzigen Gäßchcn und Pfützen'werden MMi von einem Menschenlaut berührt. ßn ößn niedrigen, zerfallenden Häusern vergrabt sich tos..todmüde Hirn der,von, Not und maningfacher. Per- »lgung gehetzten Menschen und so. manchem Bettelgeselle serstzürt erst nn Samstagen den Hauch eines freien, aufpchlen Menschen . . . ivllf .'.perlst,, nichts von der Geschichte sind lebt , in sen Tag,...hinein,. Man betört sich und betört die zweiiunoerttaüse'nd Meilschenleben, die heute, von Sieges-. leriKchst in Sicherheit gewiegt, ahnungslos des Lebens raMvuskosten, um morgen vielleicht wieder einmal im Zerraufe von sieben Jahren jäh in Elend und Verzweif- »mg gestürzt zu werden. An unsere Leser und Bezieher in Deutschland! Wir dringen zur Kenutnls, daß wir dem Zeilungsvertried-bnrea« Hemewasser, Berlin C 54, Nösenthalerstraße 43 (Telephon Norden 1982) die Generalvertretung der „Wiener Morgenzeitung" für Deutschland übertragen haben. Wir bitten, alle Geldsendungen und Bestellungen an diese Adresse zn richten DerZvalinng der „Wiener Morgenzeitung" An diesen Tagen kommen erst recht die grausigen Spuren des großen Pogroms zum Vorschein. Im Menschengewühl erstickt beinahe der Schrei niedergebrann'er Häuser',' gewaltsam niedergerissener Mauern und der in den Boden, versinkenden Synagoge, in der ein Häufen, betender Anden von aufgehetzten Wüterichen erstochen und verbrannt wurde . . . Wie eine ewige Klage starren die nackten Wände und wie ein Schandmal nwderner Kultur liegen ganze (Straßen entlang schwarze SchutLmassen, die Blut und 'Menschenelend in einen unze.rstörMen Felsblock verwandelt hat. Dochdas' flutende Leben ist stärker und auf den Trümmern der Pogromstätte erblüht ein neuer Morgen. Zwei Jahre sind'dahin, noch blutet das Ghetto aus allen Wunden und schon ersteht ein neues Geschlecht, das eine Brücke zu'schlagen beginnt zu den gestrigen Schlächtern.. Hüben und drüben'regt .sich' das Gewissen, so mancher FerndschafLsgrund verwelkt und da man auf ein Miteinanderleben angewiesen ist und sich nicht totschlagen lassen will, so werden die Symbole des Pogroms zürn Weckruf.eines: neuen Lebens. Man lebt nicht gegeneinander, man kann und will nicht miteinander leben und so leben heute Inden und Polen Lembergs nebeneinander. Jeder in seiner eigenen Welt und jeder auf' seine eigene Art. Das Ghetto, das bis vor zwei Jahren in einem 'Viertel Lembergs hauste, breitet fick»' jetzt wie ein Unsichtbarer Schatten über 'die ganze Stadt ans und eine undurchdringliche Mauer ersteht zwischen' den zwei so nahe und dach so weltfern lebenden.Völkern. .. ,*• - j'II. ,. * Dte ahnungslose Stadt. Eia unerbittlicher Feind kriecht.an die Stadt heran und imteu^ fortwährenden.Siegesberichten jauchzt das' schäumende Leben Lembergs.' ^6is in die späten Nachtstunden lerdröhnsn Eafös, Bars, und allerhand Vergnügungslokale vomschallenden Gelächter, dieweil hart an der Grenze des Landes der Donner der Kanonen in Tänfenden-jeden LebenshaM für immer erstickt. Lemberg lacht und jubelt und der Feind breite- Nu merklich' seine Arme um die unglückseligste Stadt Europas, die seit sieben Jahren ununterbrochen vom Kriegssiebergeschüttelt wird. Im Jttnern verelendet, durch Bruderkrieg verwüstet und.zerschossen, durch fortwährenden Hader in Stücke zerrisstn — sä gleitet Lemberg allmählich, in den Abgrund des Verderbens. Man lacht und nran lebt, man handelt und- .schmiedet großzügige Pläne und doch spürt man beinahe den Dodeshauch über die Stadt w>L'hLy.'-..DiL',./,unzäh,ligtzü -• schwarze» Löcher, die tzon feindlichen und. eigenen Kugeln in die Häusermauern geschossen wurden, .sind wie ein Menetekel, .das nur für kundige Augen sichtbar wird ... s , V. .... III. Das jüdische Gymnasium. Hier erwächst ein neues Geschlecht polnischer Juden. Aufrechte Judenjungen inmitten eines schäumenden Kotmeeres von Sklaven und Parasiten. Man erkennt dies auf jeden Schritt.,. Vom prächtigen Gebäude und seinen großen, lichtumflnteten Räumen bis zu dem ernsten, offenen Blick dieser ganzen Judenschar. Es liegt geradezü eine Weihe auf all den Lehrern, die mit emsigsten Fleiß Wd. trotz aller Widerstände in dieser iStätte der Lehre jüdisches Herz und jüdischen Geist herembringen. Liebe ist hier mit pädagogischer Strenge gepaart, wissenschaftlicher Ernst mit freudigem Trotz jüdischer Pioniere. ■ Um Schüler und. Lehrer schlingt sich ein Band liebevollen Verstehens und-rastlosen Strebens nach einem höheren, jüdischen Sein. Eine geschlossene Welt. Da gibt es Vereine und Zeitschriften, Bruderfchasteu und literarisch-wissenschaftliche Genossenschaften, die sich nach jugendlichem Gutdiinken ausleben und im aufstrebenden Judentum Halt und Inhalt suchen. Wen die alpenschwere Last polnischer Erziehung poch jetzt zu, Boden drückt, der wird den ungeheuren Wert dieser jüdischen Musterschule ermessen^ Ein wütender Haß wurde, von Psaffenhirnen jahrzehntelang gezüchtet, dieweil hier in jüdischer Schule zum ersten Mal junge Sklavenseelen frei aufatmen dürfen. An den Pforten dieser »Schule hört der bittere All- - tag.. pM M)HH,W,KMulebM auf und ein -Hauch der Ewigkeit umweht diese Räume, die von hebräische, Klängen widerhallen, und jüdische Kinder zu freier Juden schmieden. Dr. Z. F. Finkelstein, König Faisul im Zudenviertel von tzaleb Auf seiner Rundreise durch bas Land, zu dessen König er sich ausrufen ließ, kam Emir Faisul auch nach Ha leb (Alepp-o), wo er die uralten Denkwürdig, fetten der Stadt besichtigte. Sein erster Weg führt« ihn in. die Synagoge, an welche sich, eine ganze Reih« wenig bekannter Sagen knüpft. Nach einer dieser Sagen ist diese Synagoge noch von Jo ab, dem Svhn ZeruIahG dem berühmten Heerführer des Königs David, zur Erinnerung an einen Ewberungszug, als gottesdienstliche Stätte errichtet worden. In diesem Tempel befindet sich auch eine Höhle, in welcher sich der Prophet Elijahu auf seiner Flucht vor Acheb verborgen hielt. Allerdings ist diese „Wjah--Höhle" nicht die einzige in Syrien, denn es ist ein Wettstreit unter den verschiedenen Städten Syriens um die echte „Elijah-Hohle", die jede Stadt für sich in Anspruch nimmt, entstanden. Die Synagoge von Haleb besitzt unter anderen Altertüinern auch eine mit vielen Inkunabeln gezielte, auf Pergament ausgeführte havdschriftliche Kopie der 24 Bücher der Bibel, welche auch die Bewunderung Faisuls erregt hat. Interessant ist auch der Text des Gebetes, welches „der Chacham Baschi von Haleb, Hiskijah Effendi Sabbatai, anläßlich des Besuches Faisuls in dex uralten Synagoge" verrichtet hat. Es ist das eine Adaptierung des auch in Europa üblichen „Hanothen Teschnoh", und zwar in folgender Form: „Der Hilfe gibt den Königen . . ., der segtwte mit denr Ueberflnß seiner Gnade Abraham, Friede sei ihm, Vater Israels, Vater der Araber, und Isaak, Vater der Israeliten, segne . . . unseren mächtigen, gerechten und vorzüglichen Herrscher, dessen einziges Streben das Wohlergehen der unter seinem Schutze lebeirden Natton ist. Faisul der Erste usw." König Faisul wär von seinem Besuch in Haleb und von dem Empfang im Judenviertel sehr befriedigt. Der unmirksame »Liebeskrtche»". Aus Olmüh wird berichtet: Infolge einer Anzeige hielt ,die Polizei bei der am Nrcderring Nr. 11 wohnhaften 81jährigen Franzisla ^ulilchek eine Hausdurchsuchung und in der Tat sahen sich die Polizewrgane beim Betreten der Wohnung in ein Milieu versetzt, wie es aus Geschichten^ büchleins, über Hexenküchen, Zauvererheime und dergleichen in Erinnerung lebt. Die Wände der Wohnung der Kulischet waren mit Heiligenbildern förmlich austapeziert. Der TW. Präsentierte sich als eine Art '.Hausaltar, auf dem zweL' Leuchter mit Kerzen, .Heiligenbücher, ein Traumbuch, Spielkarten zum Aufschlagen, allerlei Fischknochen und Fischgerippe, rn Gläsern, Hleiklumpen zum Weissagen, «ine Unmenge von:' Kräntern, Reste von G'rabkränzen usw. sich vorfanden. Die Anzeige, war von dem Mdürer. Julius Prikryl aus Sedbejski, erstattet worden, dem die Kulischek wiederholt Ratschläge und Hilfeleistungen religiöser Natur gab, tun dadurch zu. erreichey, -daß sich dein Prikryl wieder did Llebs feiner jh'm untreu gewordenen Frau zuwende. Da aber all die Mixturen der „wundertätigen" Kräutleins und die religiösen Maskeraden nichts fruchteten, verabreichte die §kulischek dems Prikryl einen „Liebeskuchen", nach dessen Genuß' der erhoffte Zweck erreicht werden würden Für jede dieser „Visiten" ließ! sich dis „Zailberin" 3' Kronen bezahlen. Als Prikryl von dem Liebesbrchen kräftig zu' sich' gen'vmnren hätte, erkrankte er schwer und mußte längere Zeit im Krankenbett verbringen, j Die Untreue war aber auch mit diesem Opfer nicht gebannt; und so erkannte Prikryl endlich, baß er einer Schwindlerin ln die Hände gefallen sti. Gegen die Ganklerin wurde das, strasgerichtliche Verfahren eingeleitet.; Lehrstellen für jüdische Hochschüler und HochschülexjM« <m jüdisch.n Volksschulen. Zu Beginn des Schuljahres 1921/22,. werden tu Wien V o l k s s ch u l l e h r e r st e l l e n mit deutscher Unterrichtssprache zur Besetzung gelangen. Da es gegenwärtig an entsprechend qualifizierten Lehrkräften mangelt^ hat di« U n t e r r r ch t s k o nr m i ss i o n des Jüdischen National-^' rates 'in ihrer Sitzung vom 28. Juni 1920 beschlossen,! für jüdische Höchschüler und Hochschülerinnett, welche willens , und geeignet sind, sich unter Verzicht auf di« Fortsetzung!' ihres Hochschnlstudiums dem schönen nnd verantwortungsvollen Beruf von Erziehern ihres Volkes zu widmen, im? September 1920 einen Lehrerbildungskurs zu eröfstrerr, der es den an ihm mit Erfolg Teilnehmenden «r-; möglichen soll, inl Frühjahr 1921' sich' der staatlichen Reife- ' Prüfung in Wien zu unterziehen. Die Unterrichtskommission st sichert'den Absolventen dieses Kurses zu, daß sie nach be-. stastdenep Reifeprüfung eine Anstellung alS provisorischer Lehrer, beziehungsweise Lehrerin, an einer jüdischen Volksschule in Wien auf die Dauer von zwei Jahren erholtem werdeii, und zwar mit Wirksamkeit vom Beginn deS Schul-' jahreS 1921/22 und mit Bezügen, welche den von der! Gemeinde Wien den provisorischen städtischen Lehrern gezahsten . Gesärnthezügen mindestens gleich kommen werden. Die Unter-, richtskommission wird ferner den Besuchern. d«S Kurses etwa . am Jüdischen Pädagogium die Gelegenheit geben, sich zum , Teil schpn vor, hauptsächlich aber während ihrer provisorische»^ idienstlerstung in der hebräischen Sprach« auszubilden und! im Juni 1923 durch AblegMg einer besonderen Prüfung die Befähigung zum Unterricht des Hebräischen an jüdischen Volksschulen mit deutscher Unterrichtssprache zu erwerben. Denjenigen, welche die Prüfung auS dem Hebräischen bestanden, haben werden, sichert die Unterrichtskommifsion bei fort« gesetzt, tzNs>.stede.>istF,llLndeL .D.i-MlMtM dtz FoAdaM dex.