Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 521 (5.7.1920)
- Date
- 1920-07-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Reichsminister drS Aeußern Doktor S i m o » S erklärte heute gegenüber einigen ausländischen Pressevertretern über die bevorstehrudeKonfereuz unter anderem: Nach dem Vertrag von Versailles sei der Betrag, den Deutschland an Wiedergutmachungen zu leisten hätte, im Mai MSI festzusetzen. Aber wie die Dinge liegen, könnten weder Deutschland noch die Vertragsgegner "bis dahin warten, da sonst, die Feststellung vernünftiger Budgets praktisch unmöglich wäre/ Vielmehr sel es im Interesse der ganzen Welt, die nur durch iMernationale Zusammenarbeit vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt werden könne, notwendig, schon jetzt zu einer Einigung .zu kommen. Soweit Deutschland in Frage komme, werde es bereit sei«, allezu tun, um diese Zusammenarbeit zu fördern. | . Auf die Frage, ob Deutschland bestimmte Vorschläge mit' briuge, antwortete Dr. SimonS, eine bestimmte Summe zu nennen, die Deutschland unter allen Umständen zahlen könne, sei natürlich vollständig ausgeschlossen, aber wenn es nach eingehenden, freimütigen, mündlichen Verhandlungen gelange, ein volles Einverständnis über gewisse Voraussetzungen zu erlangen, so würde Deutschland .sehr wohl in der Lage sein, ein festes Angebot zu machen. . Der Minister bemerkte weiters, er habe im vorigen Jahre, a^,der Vertrag vyn Versailles unterzeichnet wurde, seine Stellung i« Reichsdienst a«fgegrben,-da er der Ansicht.MWstyr Hi^idHr^ Deutschland' die 'furchtbar Harken' ÄediHglurgVn nicht erfüllen könne. Seither habe er einen wichtigen Posten in der Industrie bekleidet und hiebei Gelegenheit gehabt, eingehend zu studieren, bis zu welchem Betrage Deutschland den Vertrag won Versailles j erfüllen fSqne. Jedenfalls werde er nur das unterschreiben, was; ferner Ansicht nach Deutschland erfüllen könne. Dr< .Simons betonte weiters, daß die Erfüllung des Vertrages durch.Deutschland in der Hauptsache in Arbeit bestehen würde. Diese Ärbe.t hange von drei Bedingungen ab: Rohmaterial, Lebensmittel, Friede im Jn»ern. Diese Dinge, ebenso grundlegend wie die Zukunft ObrrschlesienS, seien die wichtigsten Voraussetzungen, über die man sich zuerst einigen müsse, bevor Deutschland ein festes Angebot mache. Der Minister erklärte schließlich, daß es der feste Wille Deutschlands se>, -u einer- V e r ft ä n d i g u if g zu komm«.; i Die gebundene Marschroute für Deutschland. Paris, 4. Juli. Der Brüsseler Sonderberichterstatter der „Agence Havas" meldet: Die Konferenz hat in ihrer zweiten Vollsitzung dahin entschieden, daß man die Reichsregierung nur für jene Verletzungen des Friedensvertrages verantwortlich machen solle, die ihre Ursache im „bösen Willen" haben, während man über die durch materielle Schwierigkeiten erklärlichen h i n w e g g e h e n werde. Die Deutschen werden aufgefordert werden in Spa die Antwort auf die drei m Boulogne verfaßten Noten der Alliierten bekanntzugeben. Der Oberste Rat hat festgesetzt, daß die Alliierten vor den deutschen Bevollmächtigten keine Sondervor schläge erstatten werden, sondern daß man sich auf die Stellung von Fragen beschränken werde. Die Konferenz wird ein.e Note der Reparationskommission prüfen, die sich auf die von Deutschland nicht ausgeführten K o h l e n l i e f e r u n g e n beziehen, zu denen es nach dem Friedensvertrag verpflichtet gewesen wäre. Die englischen Sachverständigen pflichteten im Prinzip dem französischen Memorandum bei, gaben aber zu den vorgeschlagenen Durchftthrungsmaßn ahmen, die im -wesentlichen in der Errichtung einer Reichskohlentommission in Berlin und in der Einsetzung von Kontrollorganen auf den deutschen Verteilnngsvahnhösen" bestehen, nicht ihre, Z u st i m m u n g. Schließlich wurden die französischen und englischen Sachverständigen beauftragt, bis morgen ein anderes Sy stem au 8z u a r bei t e N. In der Hauptsache soll es jedenfalls dabei bleiben, daß Frankreich die P r i o r i t ä t auf die unter dem Titel der Entschädigung vollzogenen Aestnwgen behält. Was Frankreich erhält. Paris, 5. Juni. (Privat.) Wie die Blätter melden, dürfte Frankreich von Deutschland eine Kriegsentschädigung von etwa 50 Milliarden erhalten. Dr. Benesch nach Spa e'iugeladen. 'Prag, 4. Juli. (Tschecho-slow. Preßbureau.) Zufolge der von den Vertretern der Machte von Boulogne ans an die tschecho-slowakische Regierung ergangenen Einladung zur Teilnahme an der Konferenz in Spa wird Minister des Aeußern, Dr. B e n e s ch, Dienstag früh nach Spa abreisen. Tagung der FinarrzkonfsLerrz. Haag, 4. Juli. (Wolfs.) Der Generalsekretär des Völkerbunde s hat die in Fryge kommenden Regierungen verständigt, daß die internationale F i n a n z k o n'f er e n z vom Völkerbundrat auf den 23. Juli einberüfen worden ist. In dem Telegramm wird ferner mitgeteilt, daß die ersten Sitzungen der Konferenz der Vorlegung von Denkschriften dienen werden. Jeder Ä?- sügung der Konferenz zu' stellen. Die Dokmneute sollen eine möglichst vollständige Darlegung der wirtschaftlichen Lage des Landes enthalten. Die Enthüllungen über Dr. Heim. München, 3. Juli. Von deutschuativnaler Seite sind vor kurzem gegen den Abgeordneten Dr. Heim, Führer der Bayrischen Volkspartei, Vorwürfe erhoben worden, daß er in San Remo und Zürich mit Franzosen und Engländern , geheime Besprechungen gepflogen habe. Dr^ Heim hat diese Behauptung als Verleumdung hingestellt." Heute veröffentlicht die „Süddeutsche Demokratische Korrespondenz" eur angebliches Protokoll, welches von einem Kommerzienrat Kästner herrschten und das sich auf ein angebliches Gespräch des Kommerzienrates mit Dr. Heim beziehen soll. In diesem- Protokoll heißt es: In einer vertraulichen Besprechung am 28. Mai 1920 äußerte sich Dr. Heim über seine Politik wie folgt: Mein Hauptziel, das ich besonders in San Remo verfolgt habe, ist, die Engländer und Franzosen gegeneinander anszuspielen. Ich habe in San Remo den Franzosen gegenüber meine Politik dahin gekennzeichnet, daß ich die Vorherrschaft Preußens als ein Unglück für Deutschland ansehe. Preußen müsse somit ausgeschaltct werden. Mein Ziel ist ein Donaubund, dessen Kern und maßgebender Faktor Bayern sein soll. An Bayern werden sich anschließen Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Teilevon Deutsch Österreich, jedoch unter Ausschluß Wiens, das mit einer neutralen Zone umgeben werden soll. Baden und Württemberg werden als französische Vorprovinzen ganz unter französischen Einfluß gestellt und bilden die Brücke Frankreichs zum Donaubund. Eine Hegemonie Frankreichs wird anerkannt." Gegenüber diesen Enthüllungen erklärte heute abends Dr. Heim im „Bayerischen Kurier", dieses Protokoll sei zu zwei Dritteln erfunden. Er habe weder in San Remo noch in Zürich mit Franzosen oder Engländern verhandelt. Die Behauptung des Kommerzienrates Kästner sei daher eine glatte Unwahrheit. Ebenso sei es unrichtig, daß er sich für eine Donaukonföderation ausgesprochen habe. Im Gegenteil, er habe jederzeit auch Franzosen gegenüber dieMöglichkeit einer Donaukonföderation ab gelehnt und sie als nicht lebensfähig bezeichnet, weshalb der frühere französische Gesandte in Wien, ArlizS, ihn in Paris angeschwärzt und als Revanchepolitiker hingestellt hcche. Die ganze Geschichte mit San Remo‘ und Zürich sei daher Phantasie und Lüge. Die zionistische Jahreskonferenz. F. 3B \ e «, 5.;-Salt. - Heute tritt in London, dem Sitze der zionistischen ■ Leitung, die zionistische Jahreskonferenz.. zusammen, ' an welcher die gewählten Vertreter sämtlicher ziönisti'- schen Landesorganisationen und Föderationen' /teilnehmen sollen. Es ist das erstemal seit jepen Tagen, ». da der Krieg die Grenzen zwischen den Völkern in.imüberbrückbare Abgründe, verwandelte und den Ayntakt zwischen den Teilen der einheitlichen zionistischen .Weltorganisation aufhob, daß sich ein größerer. Preis zionistischer Vertreter zu geni einsamer Beratung zusammenfindet. Die vor etlichen Wochen gleichfalls im London stattgefundene Sitzung des' großen zionistischen Aktionskomitees, bildete gleichsam nur das Präludium zp her heute bcginndon Tagung, welche sich nicht bloß durch einen größeren Kreis von Teilnehmern. vyn. dieser Sitzung unterscheidet, sondern auch durch die neue Situation, welche sie vorfindet. Während das Aktionskomitee nur auf der Grundlage der historischen Erklärung Lord Balfours von 1917 beraten konnte, ist inzwischen das entscheidungsvolle Ereignis von San Remo eingetreten, der Beschluß der Eierten Mächte, dem jüdischen. Volke in Palästina eine nationale Heimstätte zu geben, feierlich - besiegelt worden. Damit erst erhalten die zionistischest > Beratungen einen realen Untergrund. - i : Es sind Fragen von grundlegender Wichtigkeit für die Zukunft des jüdischen Landes und damit des. jüdi« : schen Volkes, welche in London beraten werden sollen . und auf den Männern, welche jm dssst zw. schasferchen , Beschlüssen- -teUhäben-^MHt- - einegroße- VskmiMbMWp'- - In diesen Tagen bekommt Palästina eine Zivilverwal< tung unter Sir Herbert Samuel, in welchem die! jüdische Sache einen ergebenen Freund gewonnen hat, und er ist' dazu berufen, dem Lande, Latz in den letzten Jahren lind. bis in die letzten Tage so viel gelitten, seine normalen Verhältnisse wiederzugeben und die Bedingungenfür den künftigen jüdischen Stuföau vorzubereiten. Obgleich das Mandat bereits an England übertragen und die Ablösung des Mlitärregimes durch eine geordnete Verwaltung einen großen Forrschritt bedeutet, ist es! nötig, die Schwierigkeiten zu erkennen, ivelche sich der Reali- ' sierung des zionistischen Projekts entgegenstellen. Es sind Schwierigkeiten verschiedener Natur. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der gesamte, Orient heute von einer allgemeinen Unruhe erfüllt ist, und daß die Gärung, welche in deck zivilisierten Staaten vorlvaltet, an Europas Grenzen keineswegs Halt gemacht hat.' Der Krieg hat auch im Orient manche Begehrlichkeit geweckt, die Rivalität der Mächte hat zn Beemflussungen einzelner Kreise in Vorderasien gefiihrt, welche sich in ihren Wirkungen als unheilvoll erwiese:; haben.. Eines der heikelsten Probleine bildet die Araber-Frage. Die Entente 'hat. seinerzeit die Errichtung eines arabischen Königreiches zugesagt, und Emir Feisul, der Prätendent, und der Kreis der Nationalisten von Damaskus zeigen sich bisher wenig geneigt, ihre großarabischen Aspirationen aus- ■ zugeben. Wohl im Zusammenhang damit stehen die Kämpfe der aufständischen Beduinen, welche auch jüdisches Eigentum und jüdische Sicherheit an Palästinas Nordgrenze bedrohen und die durch das Vordringen neuer Einflüsse um die Erhaltung ihrer Positron besorgten Scheichs und Großgrundbesitzer, welche-Len unwissenden und versklavten Araber ausbeüten, Inn alles mögliche, um den von ihnen erweckten Fanatismus nicht zur Ruhe kommen zu lassen. . Die zionistische Tagung in London, welche den allgemeinen Zionistenkongreß vertritt, dessen Eiirberufrurg angesichts der Weltlage noch immer, unmöglich ist, muß das Araber-Problem mit aller Gründlichkeit behandelir und Richtlinien aufstellen, nach denen in dieser Frage vorgegangen werden soll. Wir müssen mit allem Nachdruck die sofortige Zulassung der Einwanderung von kräftigen und produktiven Elementen ins Land, von der englischen Regierung fordern, denen unter anderem auch die Aufgabe zufallen muß, die Grenzen des jüdischen Landes zu schützen. Aber daneben mich klar zum Aus. druck kommen, daß jeder Chauvinismus in der Behandlung des schwierigen Araber-Problems von größtem Schaden ist, und daß alles versucht werden muß, um mit den Arabern, durch systematische Aufklärung und positive Kulturarbeit zu einer wirklichen Verständigung zu, ge-, langen^ Uuch W der. Frage der- AreyM Ualastmas^ 543877