Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 517 (1.7.1920)
- Date
- 1920-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gimeliwempt-rr: J5«tsK4.»0 PrSnumerattonspreise: 99 ie«: JS«» Stifteten tu »er <ix»«»IÜon, 2. Bezirk» Tabort liiS 3, oder in einer LerschleWeU» iTrafik): Monatiiltz . . Kronen «<».— «vierteljährlich „ 00.— MU Postvcrsan» ffit Dirn mt» Oesterreich: tfioRiuHOf .. Krone« SV.— Tichecho-Slowakei: Monatlich . . Kronen IS.— vierteljährlich .. 39.- drtschecho.slowalischerWäliritng Nngar»:: Monatlich . . Kronen »<».— Mtetteljährlich .» 90.— i» «rgarischer Währung Jugoslawien: Monatlich .. Din« 8.- «ierteljiihrli» » 18- Wiener ■fiumu CMtttrtmtttyj*»: vrri« K1JSO SS#-«' Monatlich. : . OTtttf W. Monatttch CIn S.-H We da« ii abVUhr adenV-Stt.KO»« Postsparl«N«,ro»ia UOm Nr. 517 Wien, Donnerstag» de« 1. Juli 1920 2. Jahrgang Isolierung oder Derkehrsfreiheit. —7. W r e «, 1. Juli. Dem französischen Senat ist gestern ein Bericht über den Vertrag von Saint-Germain vorgelegt worden, der die' wirtschaftliche Zerstörung Mitteleuropas auf das anschai'üichsteschildert. Der Bericht stellt fest, daß die Sukzessionsstaaten wirtschaftlich aufeinander angewiesen bleiben und stellt es als Ziel der Donau-Politik Frankreichs hin, die neuen Staaten in ihrer Existenz und Freiheit zu unterstützen, was bei Oesterreich am besten durch Hilfeleistung in feiner gegenwärtigen Not erreicht werden könne: Die Alliierten sollten Oesterreich Lurch Kreditgewährung aufrichten, im übrigen aber durch Schaffung einer Zolluniondurch Handelsverträge und Ausbau der Donauschiffahrt die wirtschaftliche Gegenseitigkeit in Mitteleuropa wieder Herstellen. Was hier vorgeschlagen wird, ist seit BekannLwerden der Friedensverträge schon zir dutzendenmalen gesagt worden. Wien ist der Knotenpunkt der Eisenbahnadern Mitteleuropas und die natürliche Zentrale der Donauschiffahrt. Diese Erkenntnis hätte aber nicht erst jetzt kommen müssen/ denn sie ist in der Verkehrsentwicklung von etwa. fünf Jahrhunderten begründet worden. Die Unterbrechung durch den Weltkrieg hat ja für leider lange Zeit hinaus das Terrain der Wirtschaft Europas, unterwaschen, aber heute, wo sich das große . Unglück durchaus nicht nach Siegern und Besiegten einteilen läßt und seine eigenen dunklen Wege geht, müßte doch die Zusammenfassung' Mitteleuropas zu einem großen Wirtschaftsgebiet und dieHeranziehung Sowjetrußlauds; zur Produktion! «werden. ' - - - Die Kriegstermmologie der deutschen Volkswirtschaft hot das Wort von der Autarkie erzeugt, derzufolge es-das Ziel jeder staatlichen Politik sein muß, aus den eigenen Erzeugnissen und Vorräten leben zu können. Aber das ist die Psychologie eines Säulenheiligen, der von wildem Honig lebt. Das Leben der Völker wird nickt nach ' politischen Gesichtspunkten, . sondern nach wirtschaftlichen reguliert, und das Bedürfnis des einzelnen, sich nicht nur eine Wohnung zu schaffen, sondern sie auch wohnlich zu gestalten und sich in ihr behaglich zü fühlen, führt automatisch zur stärkeren Betonung des Luxus- und Schönheitsgesühls. Zudem gibt es gar keinen Staat, der aus eigenem leben und sich von seiner Umgebung ganz isolieren kann. Wer sich der Einsamkeit ergibt, ist bald allein. Und es wäre vielleicht eine noch viel größere Katastrophe als der Krieg, wenn durch das Schlagwort der Autarkie, diesem bösen Geschenk Deutschlands an seine Nachbarn, zu der materiellen auch noch die geistige Verarmung der Welt treten würde. Die Menschen sind aufeinander angewiesen und die- Völker, die Multiplikation des JndividualÜegriffes, ebenso. Dadurch, daß sich die /neuen Staaten durch Zoll- und Paßschranken gegeneinander absperren, ist ein schlechthin unerträglicher Zustand geschaffen worden, der in einer allgemeinen Verbitterung und Nervosität kulminiert. Die Schuld daran trägt aber nicht der abgeschlossene Krieg, sondern dieser durch den bewaffneten und unaufhörlich randalierenden Frieden fortgesetzte Krieg mit seinen in die Zivilverwaltung hineinredenden Generalen. " Die Politik und die Wirtschaft sind militarisiert worden, alle Erlvägungen der Regierungen über die Regelung der internationalen Beziehungen geschehen nicht in friedlicher und versöhnlicher, sondern eher in kriegerischer Stimmung. Hievon trägt die französische Politik die stärksten Spuren. Sie ist noch immer ganz auf Krieg eingestellt, sie verhindert die ruhige Auseinandersetzung mit dem Sowjetsystem in Rußland und sie. hat den Krieg zwischen Polen und Rußland souteniert, in den sie auch Rumänien hineinziehen möchte. Die französischen Politiker können sich nicht von den Schrecken der deutschen Kriegführung in Nordfrankreich und Belgien freimachen. Das ist menschlich verständlich. Aber so wie Italien, dessen nördliche und nordöstliche Geriete ja auch etwas über Okkupation zu erzählen wissen, sich in seiner auswärtigen Politik von der Leidenserinnerung emanzipieren konnte und damit der Absicht des Volkes entspricht, so mutz das auch in Frankreich möglich werden. -Der Dilettantismus der Generäle hat schon Unglück genug, angerichtet. Ihn ungehemmt weiter wuchern zu lassen, hieße die Verdorjung der Welt aus die Spitze treiberr. Die Reparation$kommi$$ion gegen die neue Mrreicbische mebrrnacbt Scharfe Worte eines Ententediplomaten.; s Graz, 30. Juni. (Korr.-Bur.) Die „Grazer Tages- .: den sozialdemokratischen Staatssekretär für Heerweft» post" veröffentlicht im Abendblatt eine Unterredung eines die Wehrmacht zu einem Ma ch t m i t t e l d e r S ozO-l. Mitarbeiters des Blattes mit einem Mitglied? der R edemokratre stempelt. Sobald eine arbeitsfähige Rep a r a t i o n s k o m m i s s i o n in Wien über die Frage,! gierung in Oesterreich gebildet sein werde, werds dieM. aus welchem Grunde die Auslösung der neuen Wehrs parationskommiffion mit den Vorschlägen hervortrete», macht in Oesterreich beabsichtigt sei.! das Wehrgesetz vom März d.J. zur ü ckzu zieHerründ Das Mitglied der Reparationskommiffion erklärte, ’ mit tunlichster Beschleunigung alle noch IrauidiereWn es sei widersinnig, daß ein Staat, der auf die Almosen sowie neügebildeten österreichischen WehrformäÄnen ' der "Entente an g e wie s e n sei, und mit einem Defizit a b z u ba uen. von annähernd 20 Milliarden im Staatshaushalt.! * : r;-V- •*. rechnen müsse, ein Söldnerheer /ansstellen, 'will,' dessen s Wir können es nicht glauben, daß ein,.-der 1 Erhaltung schon jetzt 1 Milliarde, spater aber wahrschein- , Reparationskommission solche Aeußerungen/zü einem sich noch mehr kosten würde. .Jetzt,'wo. die Reparations-. Journalisten gemacht Hatte. -Ou.'demMvg$sc.-Matte'steht' kommission zu amtieren beginne, wüste sie vom Standin Wien der politische Macher des Jndustriellenvundes Punkt der finanziellen Aufwendungen und der notwendi- Dr. Reichenau er, der auch in der jetzigen Regiegen Sparsamkeit aus ihr Veto gegen die An s st elrungskrise mysteriöse Hintertreppenpölitik wacht, sn lung.der neuen Wehrmacht in Oesterreich einengen Beziehungen unddä wird vieles erklärlich. Auflegen, wobei sie ganz davon absehe, daß die einseitige « jeden Fall ist eine amtliche Erklärung der Reparations- Auslegung und Durchführung des Wehrgesetzes, durch kommisston unbedingt notwendig. T HIHI , HVI;. Vr VSIttl#* ( Der Senatsberrcht über den österreichffchen Friedensvertrng. Paris, 29. Juni. (Havas.) Die wichtigsten Stellen des Berichtes des Senators Jmbart de la Tour über die Ratifizierung des Friedensverträges von Saint-Germain lauten: Der Vertrag von Saint-Germain bezweckt ohne Zweifel ein unabhängiges Oesterreich im befreiten Mitteleuropa. Gibt er ihm jedoch die Hilfsmittel und Kräfte der Unabhängigkeit? Das ist dis Frage, die der ganze Vertrag von Saint-Germain aufwirft. Sie muß noch erweitert werden. Dieser Vertrag von Saint- Germain muß ratifiziert werden, zunächst, weil es hohe Zeit ist, die Bedingungen des Friedens in Mitteleuropa offiziell wiederherzustellen. Nach dem Kriege, der so lange dauerte, haben die Verzögerungen bei der Wiederherstellung des Friedens in der Welt die wirtschaftliche und moralische Lage Europas ganz besonders verschlechtert. Europa gibt sich heute davon Rechenschaft. In Mitteleuropa ist es, damit man sich über die Zukunft der Staaten klar werden und das regelmäßige Leben sich wieder enffalten könne, nötiger als anderswo, Latz das neue, aus dem Kriege hervorgegangene Recht anerkannt werde. Und für Oesterreich selbst ist trotz der L a st e n, die das »System von Saint-Germain ihm aufbürdet, die Ratifizierung notwendig, weil sie nicht bloß ein Schlußpunktf sondern gleichzeitig ein Ausgangspunkt fern wird. Sie wird namentlich den endgültigen Beginn der Tätigkeit von Organen, wie der Wiener Sektion der Reparationskommission, ermöglichen, von der das unglückliche Land innerhalb der Be-, stimmungen des Vertrages, und wenn die Mächte es wollen,, eine wertvolle Mithilfe für eine gerechte Liquidierung seiner Lasten und für die ersten Anstrengungen zu .seinem Wiederaufbau erwarten kann. Wenn die Mächte es wollen ... Es ist offenbar, daß Frankreich wollen wird. Der großen, siegreichen Nation, die nach dem Siege zu ihrer Sicherheit genötigt ist, die Wacht am Rhein zu beziehen, ist es nicht mehr unbekannt, daß die Wacht am Rhein durch die französische Politik an der Donau ergänzt werden muß. Gerade deshalb vielleicht, weil sie in den Jahren von 1870 bis 1914 dies allzusehr außer acht gelassen hat, hat sie ein zweites Mal nach 44 Jahren einen überraschenden Angriff und die Schrecken der Invasion erfahren. Unsere Politik an der Donau nach dem Vertrage von Saint-Germain läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Mit unserer ganzen Macht die Staaten, die sich aus den Trümmern der früheren Monarchie gebildet oder vergrößert haben, bei der unab- .hängigen Organisierung ihrer politischen und wirtschaftlichen Existenz und bei her Verteidigung Drei jungen Freiheit gegen stets mögliche Eingriffe des Dcckgermanrsmüs unterstützen. Gegenüber ’ Oesterreich kann sich diese Politik durch sofottttzeß greifbares Handeln äußern, / . indem ihm in seiner gegenwärtigen Not geholfen-wrrl '. Der Bericht weist aufsdie diesbezüglichen Beschlüsse der Verbündeten hin und sagt: Den Ertrag raffffzieren, . Oesterreich, das hungert, Hilfe leisten, ihm ermöglichest,, durch eine Politik finanzieller. Mitarbeit sich' sv-tzsb: als möglich der Lasten des Vertrages zu' entledigen^ indem man die Kredite, deren es bedarf, beschafft.'und nach und nach seine. Lago bessert, das sind die sich hurch die Umstande der Politik Frankreichs ünd . seiner Verbündeten unverzüglich aufdrängen. Wir aber in die weitere Zukunft blicken und uns fragen,' auf welche Weife, durch welche spätere ItaHnahmLn- und, im Notfall, durch welche Aenderungen ssipM'Heburtsaktes das neue Zentraleuropa sich wird endgültig organisieren und das Gleichgewicht und dis Wohlfahrt der Völker, aus denen es besteht, verwirklichen, HnHm Wirtschaftlich ergänzen die Völker einander, geographisch' sind sie Anrainer der.großen Verkehrsader.PpMU- Ungarn ist ein Getreideland, Jugoslawien ein'Sand der Viehzucht, die Tscheche - SlvwaM. Wtzt . Gruben, insbesondere . Kohlengruben, Rohstoffe und zahlreiche .Industrien, wie Bier-, Zuckev- . tznd Glasindustrie. Oesterreich. erzeugte Mahleiftn^ - perarbeitete Holz/ veredelte Insbesondere Won außM-ckynkurende Stoffe, und finanzierte durch die Orq,aHsätio.n feines Bankregimes den Handel und die Industrie -Reiches. . . , Der Vertrag von Saint-Germain trmg.fdieser . Gesamtlage nicht genügend Rechnung. .Wir hgHst-WKeinandergesetzt,. daß die 'Schuld daran weniges -seOe Verfasser trifft, als auslösende Kräfte, die aus^MrM vielleicht gegen ihren Willen, einwirkten. ÄuffHen Fall erheischt die Zukunft Oesterreichs urü», WDtze ganz Zentraleuropas, daß die gegenseitige, wirtschastliche Absperrung der aus der ehemaligen.MHstchi-r hervorgegangenen Gebiete nicht sortdauere. Die des Vertrages hatten Kenntnis von'dieser Läge hex Dinge sowie von den Notwendigkeiten, die der Vertrag, üi. s den Arttkeln 222 und 224 schafft; aber, statt. b^ schränktcr provisorischer Verfügungen wärches nvtrvrndis gewesen, hier den ' ° Grundsatz der wirtschaftlichen Einheit der Donaustagk.'i aujzustellmt. Diese Einheit ist nErstchersvKtse.fK.«ML.