Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 512 (26.6.1920)
- Date
- 1920-06-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 SlUcu, Samstag LL icner MorgeuzeiLurrg 25. Juni 1920 Nr. 512 Die älabkn tu die **' „ '. M o v g e ri ah!Lag! — Mahlzeit von 8 Ahr früh bis 4 Ahr nachmittags nnunterbrochen. An Me Wühler! Wähler, welche keine WahltegitirrraLrott erhalten haden, könuenk LroHdsm ihr Wahlrecht ausnben. Ihre LegiLLmaLionen erliegen den Wahllokalen, wo sie ihre Stimmen m abzugeben haben. Auf jeden Fall genügt jedoch ein IdenLiLätsnachweis (Geburtsschein, Heimatschein rrsw.). Jüdische Frauen und Mädchen! Lieder ruft ein neuer Wahlkampf Zur Erfüllung treuer,Pflichten! . Jüdische Frauen und Mädchen! Tretet bei den Labien in die Kultusgemeinde für die Kandidaten der zionistischen Partei ein! Stets war es die Zionistische Bewegung, welche sich und ganz auf die jüdischen Frauen und Mädchen ftützte und -ihnen gleiche Rechte mit den Männern ein« räumte. Gleiche Rechte aber legen «ins auch gleiche Pflichten ans. kleine jüdische Frau versäume daher ln diesen Tagen?crW-.llsi, ihre Stimme abzugeben! Keine jüdische Frau Dcrffiitme es, mit ihrer Stimme für die zionistische Partei ünzutrcten! Frauen und Mädchen, werbet in eurem beimc, in euren Berufs- und Freundeskreisen für die zionistische Partei! Wenn Ihr selbst nicht wahlberechtigt leid, so kann doch jede von euch Stimmen werben und die Stimmberechtigten ausrntteln. Vieles ist in der Leitung nuferer KnltuSgerneinde alt und morsch und müde. Wenn wir Juden dafür kämpfen, daß wir den haß und die Unterdrückung abschütteln, die uns immer wieder von neuem aufallen, wenn wir Frauen vor allem danach streben, das: unsere Kinder als Juden ihren Weg durch Leben und Beruf stolz und aufrecht werden gehen können, so müssen wir dafür sorgen, daß in die Leitung unserer Gemeinde stolze, starke, kampffrohe Juden eintrcten! - Jüdische Frauen und Mädchen, die iKb euer Fudenm im Herzen tragt, schließt euch denMeihen dieser ämpfer an. Anitta Müller m. p. Zwei Wühlcrvrrsarnmlungen beim „Wilden Mann". .PUttlooch,^ 6 Uhr, heißt es in öen Einladungen. Um örewiertel 7 Uhr sind einschließlich der Einberufer, vier bezah'l'Ler, diesmal jüdischer „Pülcher" (Ordner genannt), des Kellners und etwa zehn Zionisten gezählte 85 Personen in dem 'großen Saal „massenversammelt". Doktor Vick'tritL auf. Er spricht kurz und feine Rede gipfelt in dem bezeichnenden Satze: Wir sind nicht Schutzluden, sondern Trutzjuden. Professor Königstein peroriert gegen die „Morgenzeitung", welche er überaus geichmackvoll die „jüdische Reichs post" nennt, wendet sich dann pathetisch gegen den „Zwangskataster", weichen die Jüdischnationalen angeblich verlangen, und bittet die Zionisten, sich lediglich mit Palästina zu besasseu. Herr Glück vom Alsergrund expliziert einige Lügen über die Absichten der Zionisten, in der Kultusgeme'.nhe jede positive Arbeit zu verhindern (!) und stellt die Nichtjüdischnationalen als Bollwerk gegen die Taufe hin. Ta -Dr. Schmitz sodann den Nichtjüdnchnationalen einige ihnen sichtlich unangenehme Eahrheiten-sagt, flegeln sie ihn während seiner Rede in unperschän'.ter Weise an, wobei der Versammlungsleiter Dr. Winter kräftig einstimmt, schließlich verlieren sie den Kopf und greifen zu dem bewährten Ausweg, ihre e.'i g e n e V e r s a m m l u n g z u s p r e n g e n. Ein bezahltes Individuum namens Rosenfeld, angeblich Stadtschützruann. stürzt sich mit einem Stock aus den an: schwächlichsten 'Allssehenden der anwesenden zehn Zionisten, entreißt ihm einen Spazierstock, welcher dann zerbrochen und als Trophäe herumgezeigt wird. Einige Zionisten werden aus dein Saal gedrängt, die -Ordner würgen und stoßen, sie. So schließt die würdige friedliche Massenversammlung der 70. Gerechten. Donnerstag. Im gleichen Sagl bei der zionistischeu Wählerversammlung ein Massenbesuch. Die streitbarsten nichtjüdischnationalen Kämpen Währings, welche am Tage vorher sich an feurigem Jugendmut nicht hatten genugtun können, finden auf die sachliche Ausführung unserer Redner und Rednerinnen nicht einmgl einen Zwischenruf der Erwiderung, obwohl ihnen Tr. "'Arnold F r i e d m a n n, der Obmann der Bezirkssektion, und Herr K l i n g e n b e r g e r,' welcher die Versammlung leitet, wiederholt voll e Redefreiheit zusichern. Doktor Plaschkes weist darauf hin, daß die Ausgestaltung der. Kultusgemcin.de zur Volksgemeinde durch - Mit- Wirkung des ganzen Wiener Judentunis den ausrangierten Liberalen, welche Ruheposten brauchen, nicht paßt. Er besaßt sich sodann mit den Protagonisten der iächtjüdischnationalen Liste .und berichtet der interelsierten Versannnlung die Tatsache, daß zwei Kandidat c n dieser Liste, welche das Judentum erhalten sollen, getaufte Söhne haben. Herr Klingende r g e r setzt hierauf die soziale, Tr. Schmitz die politische Seite des Kampfes um die Kultusgemeinde auS- 'laanL.'is und' dann bespricht Herr Neben3ahl den la;>i ,vi- Minderbeitsrecbte und weist darauf bin daß die politische Angliederung der Juden an fremde Itationew ihnen stets schädlich gewesen ist/wie sich das in Ungarn gezeigt hast In stürmisch bejubelter Rede -legte Frau Anitta M ü kl er dar,• daß wir heute, wo uns' Palästina» gegeben ist, danach trachten, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Einheit ■ des Vicrzehnmillioncrwolkes über alle Klassengegensätze hinaus zu stärken. Mit dem Prinzip, daß der Kassenschlüssel das Zeichen der politischen Reife sei,, mutz aufgeräumt werden! Die zionistische Idee, welche stark genug war,- Land zu erobernwird auch Itavf genug sein, die Wiener. Kultus gemeinde zu erobern. Schließlich fordert Frau Patak in kurzen Worten zur Wahl der zionistischen Liste aus. So schließt die zweite Versannnlung beim „Wilden Mann". Massenversammlung her jüdischen Staats-, Bank-mrd PrlvaLbeawten. Für Freitag waren die jüdischen. Beamten und Angestellten aller Kategorien^ 31t. einer Aussprache über die soziale und politische Bedeutung der Kultusgemeindewahlen ins „Hotel' Post^ geladen worden und leisteten dieser Einladung in Massen. Folge. Es Ivar eine imposante Kundgebung demokratischer Kraft und sozialen Willens? ^welcher s auch politisch: verschiedene Elejnente einigt, wenn es gilt, gegMMeWnsoziglen Triebe und die reaktionären' Umtriebe' - Stellung zu nehmen, welche ihrenletzten Schlupfwinkel in der Kultusgemeinde behaupten wollen. . ' ~ Nachdem Dr? Glücklich im Namen der jüdischen Beamten im -Wühlkomitce -die Versammlung begrüßt hatte, gab er bekannt, daß entgegen der Lüge, welche die Nichtjüdischnationalen verbreiten, die ' gewerkschaftlichen Organisationen, der Beamten hätten ftir die jüdischen Beamten die Parole ausgegeben, gegen die zionistische Liste'zn stimmen.—• Abgeordneter AIItna im Namen der Organisation der Äeamten die Ermächtigung gegebenhat, zu erklären: E s i st. u n r i ch t i g, d a tz di e G ew erksch asten über h a u p t . e i n e Parole für die- Kultusw ah len ausgegeben Habe-n,,also unrichtig, daß sie die Parole ausgegeben-hätten, gegen die Zionisten zu stimmen.. Hierauf führte Gemeinderat Dr. Plaschkes aus, daß es Pflicht der jüdischen Beämtenschäft ist, ohne Rücksicht auf die politische Anschauung für die demokratischen Forderungen dem Zionisten in. der Kultusgemeinde seinzutreten, vor allMHshalh?s^itzhie?priMivjte.Fprderung dev Denrokratie? die nächMnl allgörkeinen, gleichen und direkten Wahlrecht, einzig und allein in der Wiener Kultus'gemeinde noch nicht erfüllt ist, weil in dieser Gemeinde ein Geist der ärgsten" Reaktion herrscht, der 'die Beamten unterdrückt und' hungern - läßt, und weil die elende Verwaltung und das Ungerechte Steuersystem, welches die Neichen schützt, esdazu bringen, daß Leine Mittel vorhanden sind, um die Beamten anständig zu bezahlen. ' ..."' '? O ' Amtsle'rter Jakob K ra u NA stellte dann im Namen des Verbandes der Angestellten dex Kultusgemeinde an die jüdischen Beamtenkollegen aller Kategorien die Bitte," durch ihr Eintreten für die zionistische Liste gegen die notorischen Beamtenfeinde Rappap 0 rt, Kemp I e r, Engel der Partei, welche die Beamten der Kultusgemeinde als einzige in ihrem Kampfe gegen brutale, unsoziale Demütigung geschützt hat und schützen kann, zum Siege zu verhelfen. Abgeordneter Stricker wies darauf hin, daß die Nichtjüdischnationalen als Exponenten derjenigen Großkapitalisten und Bankmagnaten zu betrachten sind, welche darauf üusgehen, bei den nächsten Wahlen die jüdischen Stimmen unter der Vorgabe einer Ralliierung der Besitzenden süv die Christlichsozialen und Großdeutschen einzufaygeu. Die Sieghart und Genossen wissen, daß die Zionisten diesem Plan stets entgegentreten werden, darum stützen sie in der Presse und mit Geld die Nichtjüdischnationalen. Darum wird auch die „deutsch"gefärbte Lüge verbreitet, die Zionisten wollten die staatsbürgerlichen Rechte rer Juden von den Feinden schützen.lassen, während sie in Wirklichkeit sie vor inner- . parlamentarischen Zufälligkeiten sichern und daher ^festigen dadurch, daß die Juden ihre Sache ^selbst vertreten. Jeder demokratisch denkende Jude muß gegen die Schrittmacher der politischen Reaktion für die eintreten, welche sich^ aus -ihren: svahren jüdischen Empfinden energisch dagegenZtemmen. » Sämtliche Redner fanden lebhafteste Zustimmung, die sich noch steigerte, als am Schlüsse Herr Mobitz, einer der bekanntesten sozialdemokratischen Partei' ftmktionäre, erklärte, jeder Modern denkende, anständige \ jüdische Mensch in Wien, welcher Parteirichtung immer er auch angehört, ' habe die Verpflichtung, mit allen Kräften der zionistischen Liste zum Siege zu verhelfen. - - E-.-n AsberzerrgLev. Intensive Austlärungsarbeit, offene Aussprache mit einem, ehrlichen Gegner hgben noch immer gute Früchte - getragen, Die Wbhrhe'ch wagt sich auf die Straße, die Lüge zischelt in geheimen Konventikeln herum. Dieser I alte Lehrsatz hat sich auch im gegenwärtigen Kültuswahll kainps bewährt. Wer sich i'.icht üou vornherein vor Mitteillmgen aus dem PuMum. —-» Herr und Frau Isak Tischler danken aufs herzlichste für die ihnen anlässlich ihrer Vermählung zugekommenen Gratulationen 3«0* IlfSslau! Neues Erholungsheim Austria Familienpension Kadisch 8 sc Vorzügliche Küche / Telephon 99 Stelle VIII f Staubfreie Lage jedem Ueberzeugungsverfuch verschloß, ist überzeugt worden und in unser Lager herübergekommen. Hier sei nur einer >der vielen Fälle angeführt. Im zehnten Bezirk gehörte Regierungsrat Dr.Händl zu unseren xnragiertesten Gegnern. Er bediente sich ürteUslos all der verleumderischen Schlagworte der uichtjüdischnationalen Wahlmacher und schenkte ihnen blindlings Glauben. Er war ein ehrlicher Gegner. Er hatte das - Verlangen, auch unsere Gegenargunrente zu hören. Und als er sie gehört und sich überzeugt hatte, daß er das; Opfer irreführender Verhetzung gewesen ist, hat er es als seine Pflicht angesehen, dies auch öffentlich zu erklären, (Negierungsrat Dr. Hand! hat in Konsequenz^ dieses Umlernens sein Mandat im Wahlkomitee der Nichtjüdischnat.ianalen zurüBgelegt und erklärt, daß er nunmehr, nachdem er hie bisherigen Leistungen und die Intentionen der Jüdischnationalen kennen gelernt hat, für die zionistische Liste Abgeordneter Stricker und Genossen sümmen^ierde. Dr. Leo Landau, ein Ostjude, gegen Ostjnde«. . i Vorige Woche fand in: Restaurant Barschak eines : KültustvählervLrsammlung der Mitglieder des Ver» Beth Israel statt, in welcher sich alle dagegen wendeten, daß der Obmannstellvertreter Dr. Lea Land.a u auf der gegnerischen Liste kandidiere, dev als Verräter gebraudmarkt wurde. Zum Schlüsse wurde folgende Resolutiongefaßt: ,,Die ün Restaurant Barschak am 17. Juni versammelten Mitglieder des Vereines B-eLH Jsra-rl erklären, baß Dr. Aeo Landau durchs die Kandidatur ans der Liste der nichtjüdischnationalen Parteien' eiüen schmerzlichen Verrat am Ostjudentuut, ' dem er an gehört, begangen hat. Sie fordern-' D'r- Leo L a n d a n au f, sein e Kan d i d a t ut 111t d ' sein Mandat als Obmannstellvertreter des Ber» einH^Beth?Israeli n'ieder'zfulegen, daer durch! sein schamloses Vorgehen bas Recht verwirkt hat,- > Mandatar polnischer Juden zu sein." . Die Versammelten richten an alle Ostjuden den Appels, nur dizionistische Liste zu wählen, in welcher auch die Ostjudey durch aufrechte, ehrenhafte Männer verlreten sind. ^Der Zweck heiligt die Mittel". Diese bekannte jesuitische Methode haben sich die Herren wer Trenuungsorthodoxie, die so gerne im Trüben fischen, zurecht gelegt. Dort, wo ihnen Namen , für Kaudadaten oder von Vertrauensmännern für Wahlausrufe fehlen, fälschen sie diese tvillkürlich, wenn, sie auch anderen Richtungen angehören. Dies praktizierterr sie bei der von ihnen vorige Woche in Ottakring abgehaltenen Versamnilung, zu der sich ungefähr 30 Neurige, dabon zwei Drittel Zionisten, der ‘ Rest Assimilanten, ein gefunden hatten. Bei diesem „großartigen Meeting" ließen sie eine sogenannte Präsenzliste zirkulieren. Jeder Anlvesende wurde gebeten, seinen Namen zu unterschreiben. Ahnungslos folgten fast alle diesem Ersuchen. Schnell wurden zehn von diesen Unterzeichneten Namen (darunter auch von drei zionistischen Vertrauensmännern) herausgesucht und auf einen Wahl-. ausrus für Wolf Pappenheim und Konsorten gesetzt. Die Herren Siegmund Roth, Emi.l K0ll- - mann und Leopold Dichter erklären, daß ihre Nanren zu dem Wahlaufruf für Wolf Pappenheim mißbraucht wurden und es ihnen nie eingefallen ist, der Parole der Trenuungsorthodoxie zu folgen, daß sie vielmehr nach wie vor treue Anhänger dev zionistischen Liste Robert Stricker und Genossen sind. Ehr wichtiges Geständnis der Nichtjüdischnationalen.;2f,n 24. d. M. fand im Elisabeth-Heim, 8. Bezirk!, Malzgasse, »eine der Geheiniversammlungen der König stein-- Gemeinde statt. Sie war verhältnismäßig gut besucht, denn es waren nicht. ivemger als 60 ganz- und halbchristltche „Ordner" anwesend. Bemerkenswert in den Reden, die von den. bjekannten Phrasen mrd Beschuldigungen der Zionisten! erfüllt svaren, tvar nur die Bemerkung oes Herrn Dr. Haas«» daß ,düs jetzige schlechte Wahlrecht zur Beschwörung der Ge fahr erster Ueberschwemmung durch Ziest i st e n notwendig sei.. Nachdem mehrmals betont worden war, daß nur die Religion uns zu Juden macht und fk unsev gmizes Gefühlsleben beherrschen muß, gelangte ein Kandibatj der. „Ge'setzestreuen" zu Worte. Bei jedem hebräischen Bibelzitat wurde gerufen: „Deutsch!" Bei jÄrem „jiddisch"- tlmgenden Wort und als bat Meintet für die Heiligung des Sabbat eintrat, wurde höhnisch gelacht. Ein Nichtjüdischnationater erwiderte, daß, er in erster Link DeutschösterreichLst, in zweiter Linie GewerbSmann und erst in letzter Linie Jude sei. Als da jemand dazwischen rief: „In erster Linie und vor allem muß m<m Jude, feiyi" wurde diese«! „Frechling" an die Lust gesetzt.