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Wiener Morgenzeitung · 1920-06-25 · Heft 511 (25.6.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 511 (25.6.1920)
Date
1920-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( Ums K Kro«e IMKtumttattoiwtweife; Wien: An« Wdol« in,de» «UNtUitl, L «tthff. Taborß,«tze 1 bis 3. ober in eine, ' feaWrißfMfe (Scftfif): Monatlich. . Krone» »«.— Vierteljährlich .. »»- Mtt Poftvrrtanb tür Wien nnd Oesterreich: Monatlich .. Kronen 3Y.- Tichecho-Blotvalei: Monatlich . . Krone« IS.— Vierteljährlich >, Sv. - tö tscheiho« slowakischer WÄ>rnng . Ün-ar«: Monatlich . . Kronen *'0.— Vierteljährlich OO.— . Ln «ngarischer Wädnmg '> - Augsflawie«: Meinallich .. Dinar v — tvierteijtthrlich „ IS.— Nr. 511 Wiener » Wien, Freilag, den 25. Juni 1920 €?stf«lmi*Vf*y: ~r; Urrrs L $r*nt Prän«meratto«spreistz Posen: - Monatlich .. Mark «O^ Vierteljährlich .» in polnischer Währnnz . Dentschlanb: Monatlich. . Mark 10.^ Mönatlich. ..Kaue» Italien: Monatlich '. ,i Lire ö»-< Schweiz:'' Monatlich . . . Krane- *.«j Für das übriae AvSland: Bierteljährltch' Kronen 1U5.M Redaktion«. Abrnittikirati« Wien,«. Be-.-rab-rsträl-s Telephon« Admtnistratte» 44«>3X, Redaktion 4»»kA ab v Uhr abendV Nr. lOSftl Postsparkassentouto ISOuttK 2. Jahrgang Gleichberechtigung «nd , Minoritätenschutz. llr. W i e «, 25. Fnm. HnnKrtnrak haben wir es ihnen gesagt, in Wort' uird Schrift verkündet, daß die Behauptung, daß der dusch den Friedensvertrag gewährleistete Schutz der nätwnalen Minderheiten eine Einschränkung der in den Staatsgrundgesetzen festgelegten Gleichberechtigung sei. bewußte Unwahrheit oder der Ausdruck der größten Borniertheit ist. Hundertmal haben wir erklärt und Abgeordneter Stricker hat es in der NqtionaichersammlNng läüt und feierlich - in einer denkwürdigen -Redejeden, den esangeht, wissen lassen, daß die Jüdischnationälen entschlossen lind, di?:-gesetzlich erworbene Gleichberechtigüng der Juden.bis auf den letzten-Punkt der Staatsgfündgösetze? zu verteidigen und 'daß der Minoritätenschutz erkämpft. werden. nMt'e,''°um'.''Lre^Glerchb'erechftgung vor allen Wechselfällen der inneren Politik: zu beschützen,/ mit einem Worte, daß wir auf dem Boden: der Gleich, berechtigung und des Mmöntätenschutzes stehen. Vergebens! Die. Partei der Nichtjüdischnationalen' setzt ihr schwindelhaftes. .Spiel mit Worten immer dreister fort, hört nicht auf, , unseren ehrlichen Kampf um einetiefere; Verankerung der Gleichberechtigung, um einen Ausbau - unserer Rechte so, därzustellen, daß wir die sichere'Gleichberechtiguvg - für:: eiyen , .unsicheren,' - heim Judentum schädlichen Minoritätenschutz eintauschen wollen. Während wr^ Unausgesetzt von Gleichberechtigung und Minderhsihsschutzsprechen, verdrehen sie / diese unsere Kare Formelzu eme'r,«M-rage: GlerKberechtigrmg. oder Mlnoritätenschutz?. - «. - . . .. . her Führer "boMRM-R kÜdischllMonmen/Professor Dr/Ä^ Königstein rrsit slÜneyr ArtikÄ im „Neuen Wiener Tagbläft^ begangen, Mit diesen seinen" Ausführungen hat 'Professor 7 Königstein dein ganzen Verleurndungsfeldzug die,, Krone aufgesetzt, den . er/seit Beginn der Wahlkampagne bis auf den heutigen Tag zur Rettung des letzten Restes ein^ altliheralen, ins Lager der Reaktion übergegangenen Clique gegeü die Jüdischnatidnalen fnbrt. Mit' einer' Gewissenlosigkeit' sondergleichen benützt Professor Königstein den Ankjrß des Wahlkampfes, um die ^Ostjnden als, Ursache dex. /.scharfen politischen Gegensätze, der jüdischen Bevölkerung Wiens" zu denunzieren und die /Sache so darzustellen, als ob eine von'ihm gemeinsam mit den A ntisemiten gewünschte Vertreibung der Ostjnden ans Wien genügen'würde, den „Frieden" in der Gemeinde wieder he.rzustellen. Nun denn, mögen es Professor Königstein und seine Leute einfür alleemal zur Kenntnis nehmen, der letzte Oftjude, der einem ehrlichen Gewerbe nachgeht, dünkt nn§ ein wertvolleres Volkselement, als der reichste Börsenjobber, der auf seine fadenscheinige Bodenständigkeit pocht. Der einfachste jüdische Schlossergehilfe aus deck Osten, der ein unproduktives Studium aufgegeben, um von seiner Hände Arbeit zu ' leben-nnd, sich von der Philanthropie assimilatorischer Geldprotzen unabhängig zu machen, ist ein, verläßlicherer, nützlicherer Burger der Volksrepublik, als jüdische Professoren nnd Direktoren, die. wenn es, ihr persönliches Wohl erheischt, mit Tod und Teufel, mit der Reaktion .und Restauration - paktieren nnd ihre Volksgenossen opfern. Diese böse Absicht der Nichtjüdischnationalen. allein würde uns genügen, um -gegen diese volksfeindliche Gesellschaft den Kampf bis aufs Messer zu führen. . * Es wird Professor Königstrein nicht gelingen, seinen Namen mit der Vertreibung der Ostjnden aus Wien in «der Geschichte der Inden zu verewigen. Aber ebenso sicher ist es, daß, wenn diese heroische. Tat gelingen imb infolge seines Paktes mit den Antisemiten-der letzte Ostjude aus Wien vertrieben wäre, ja,, wenn kein einziger Jude aus dem Osten nach Wien gekommen wäre, ein Friede in der Gemeinde insolange undenkbar wäre, als Menschen, die nur-ihre Geburt Zufallsjuden werden ließ, sich anmaßen, die Führung der Gemeinde an : sich zu rejßen, um von dieser Stelle aus die Entjudung der Jndengömeinde systematisch durchzüführen. und die Kultusgemeinde als politisches. Werkzeug für eine reaktionäre Landespolitik zu mißbrauchen. Es ist ein Blendwerk, bestimmt, uneingeweihte Juden irreznführen. das 'Professor Königstein auffnhrt. wenn er davon spricht, daß. die. Zonifren die Politik, in die: Knltn'sgemeinde hineintragen wollen. Professor Königstein, bcm erst der Schreck vor dein Minoritätenschntz das Interesse für die Kultns^-weinde eingeflößt bat. weis aaru aut. Laß die KultusaerneindL LLoa Alle Verhandlungen gescheitert. — Die christlichsozialen NegierungSMitglieder definitiv zurückgetreten. — Die Sozialdemokraten führen die Negierung provisorisch allein fort. Die Verhandlungen zur Bildung einer neuen Regierung habe« sich' gestern nach- Mittags definitiv zerschlagen, worauf die Christlichsozialen dem Präsidenten Seitz in einem Schreiben die Mitterlunz Machten, datz sie sofort i h r e S t e l l e n n i e d e r lege«. Präsident Seitz hat hierauf den SLaatssekretär des Innern E l d e r sch mit der Leitung des früher von dem Chrlftttchsozialen Dr. Ramsk verwalteten Staatsamtes für Justiz nnd de» Staatskanzter Dr. R e rnt e r mit der interimistischen Leitung des Staatsamtes ffir Ackerbaudas bisher der EhrLstlichfozkale Stöckler innehatte, betraut. Das demissionierte Kabinett Renner, das bis zur Wahl einer definitiven Regierung durch die RationalversammUns im Amte bleiben muß», besteht also nur aus Sozialdemokraten «nd den beiden beamtete» Staatssekretären Dr. Ä e L s ch und Dr. L 0 e w e n f e l d - R u tz seit Jahren von den verschiedenen Regierungen des l alten Oesterreich zu. politischen Zwecken ins Schwvptau gönonunen wurde,und.daß' diese altliberale Hintertreppßnpölitik. einer der Erreger des Lnegerismns 'nnd. sernech^.Ausläufer gewesen ist.Diese jüdische Politik hat tzazll'geführt,, daß die Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich -in den lebenswichtigsten Punkten don Weg. tuta der Theorie in die Praxis nienlals ^ulÄckgelegt hat. Die. Folgen dieser Politik waren "eben die, Peranlcrssul'g, le politisch. schütterten :echtig'üng„ ötn.' .dnrK''dM Hrie.densv.ex.trag gewahrleisteten 'und vom PöÜerbund kontrollMten.'Schutz der Minderheitsrechte 'erkämpften. Professor 'Königsteiri freilich möchte die alte Politik, der Äeheiintuerei irr der Gemeinde fortsetzen,.'die nur omzelneri, Großjnderr nützt, während wir die Geinernhe' oWl.'.n'nd' 'ehrliH^zn. einem achtunggebietenden politischen^ .Faktor gestalteil wollen, der dem jüdischen- Volkallzulang entbehrte Külturwerke schafft und ihren. Bestand politisch Zu -stützen imstände ist. Aber, nicht nur die Entstellung nnseres Pragrämms, die sich Professor. Königstein täglich zuschüldey kommen läßt, haben ihn und alle, hie sich senwr Führüng'an- , vertrauen, zu traurigen .Gestalten gestempelt, sondern auch die Wege, auf denen er diesen EntstelUrngen diö Publizität zu verschaffen trachtet. Ist dem Professor Dr. Königstein rächt die Schamröte ins Gesicht gestiegen, als er gestern das Entschnldigungsgestammel des „Neuen Diener Tagblatt", an der Spitze seiner Wahlrekläme gelesen hüt? Hat er es nicht als erniedrigend empstlnden, daß sein Pamphlet trotz der Bezahlung, in die Spalten des „Neuen Wiener Tag» blatt" nur deshalb Eingang Pfunden hat. weil die Vorgänge'in der Kultnsgemeinde angeblich, auch, „ar'.ßerhalb der israelitischen Glarrbensgemeinde" Interesse beanspruchen? Außerhalb der Glaubensgemeinde! Dahin hat -sich Professor. Königstein mit seinem , ganzen. 7 Anhang begeben, als er seine Denrtnziation.en. gegen die Ostjuden, seine gegen besseres Wissen konstruierte Interpellation des Mino ritätenschrrtzes in das - Wiener Preßorggn der rrngar'lschen Horthy-Regierung trug. In diesem Organ durfte Professor Königstein von allen, möglichen Judenverfolgungen, die schon längst überholt sind, schreiben, aber die zeitlich rmd örtlich am allernächsten liegende und alle früheren Verfolgungen an EntsetzliDeit übertrMnpfenden Pogrome der Horthy-Bando sinh für das „Neue Wiener.Tagblatt" und seine ordentlichen und gelegentlichen Mitarbeiter, zu denen nunmehr, auch Professor Königstein gehört, ein Noll me tangere. Es wäre eine Beleidigung der Judenschaft Wiens, wollten wir nach alledem', wie. sich die Nichtjüdischnationalen als Juden und als Demokraten in diesem Wahlkaiypf präsentieren, auch nur eine Minute lang annehmen, daß ihre Liste an: 27. d. M. siegreich aus der Wahlurne^ hervorgehen könnte. Wir bauen auf den gesunden Sinn, auf das politische Reinlichkeitsgefühl der Killtü^vähler, . mögen sie in der allgemeinen Politik welcher 9tichtung immer angehören, und ürrd riberzerrgt, daß sie in diesem Kampfe sich, auf die Seite der Zionisten stellen werden, die eine offene, ehrliche, denwkraiische Politik im allgemeinen Interesse des Staates und des Judenrrrms be-'olaen und a'.'ch in ^t-knnft beiolLen werdm. 'MM' Alfred Dreyfus gestorben. Paris, 22. Juni. (Iüd. Korr.-Bur.) Major Alfred D-r e y fu s ist g e st 0 r b e n. Das Leichenbegängnis hat unter grOtzer' OeteUrgung fäurtlicher DoWschichren.stüttgefunden. * . ■ . ■ * Alfred Dreyfus ist pner. aus der Galerie, dör iüöi- , fchen Sürrdenböcke,- w,e,lchd sich -dich Weltreaktion vdn. Zeit ' : Siitfcw:' .MWNMKMitit Paris' und gegenwärsig Das spannende politische Dreyfus-Dräma in PqrfH^ .hasck mit ein Jinpnls für Theodor Herz!, war, über die Juhenfrage nachzusinnen rmd.. aus. dem' EsiMfall des fron- . zqsischen Kapitäns^ der — - eich ' Enijudeter — plötzlich znnr duldenden Repräsentanten jüdischer Tragik wird.; ewige Wahrheit abznleiten, ist.in allgemeiner^' Ein'ne-.. rung. Das , Drama von der ' Tenfelsinsel hafte., jedoch. dank dem Eintreten rpntiger rlnd. wahrheitsliehe.nder , .Mgrmer wj'e' Em ile - Z 0 l ä s, welcher sein' berühm'tes „J'accuse" in die Welt. schleuderte, einen teilweise per- . söhylilhen Abschluß.., . .. . ',^,7..' . Es ist aber, nichts allein die jüdische Note ' gewesen, , die .in'- diesem. Drama . aufklang, auch. die allgemeine, pölitische Krise, der Europa'seit dem verfehlten Frankfrrrter. Frieden entgegerchrieb, kam hier zu greÜem' Arrsdruck.. Der Revanchetaumel,, der in der Mitte der. 9Üer-Jä.jhre,'bte'französische Intelligenz erfaßt hätte-'trieb', aü^er. anderen giWen . Blüten auch die Spionenfurcht und die gallische Phäütäste tat, das ihre,, um diefwMngelegenheit zu .einer, die ganze Welt erregenden' Sensation zu.gestalten. Wred D rey fu s, der der Artille» ric-Abteilüng des Generalstabs nach der Ausmustexung ans Säint-Cyr zügeteilt worden wch-, wurde eines Tages im Sornnrer 1864' beschuldigt, im Auftrag des deutschen Militärattaches 'Majors Sch w'a r tz k 0 p p e n Spionage ' getrieben zu Haben. In die Untersuchung spielten die irrannigfachsteu 'romantischen Affären hinein, eine .verschleierter Tarne/ ein uin'gedrehter Papierkorb, em zerrissener Zettel mit -er angeblichen Handschrift des. Attaches „cette canaille de D . . rmd alle Abentourer, hie sich in. Paris ein Stelldichein gaben, benützten die schöne Gelegenheit zu einer Weltrekchme. Die-französischen Ritualmörder — dort heißen sie Nationalisten-—' bemächtigten sich natürlich' der Affäre nnd ihr .Hanpk. der Oberst Henry, der die Untersuchung führte,Dieß sich bald von einem der vielen, persönlichen. Fginde Dreyfus', dem Major Eszterhazi, hineinlegen. Im Dezernber 1894 wurde Häuptmann'Dreyfüs degradiert und' zulebenslänglicher Aussetzung aus der Tenfelsinsel (Cayenne) verurteilt. Kriegsminister Pi'cqu-ardt, Meysus' Bruder Matthien, der Senator S ch e u.r e r- Kestner, Emile Zola und Anatole France kanten aber bald zur Erkcttntnis des Justizmordes und erzwangen eine Neuaufnahme der Untersuchung. Henry! wurde verhaftet nnd schnitt sich M Gefängnis die Kehle durch. Eszterhazi floh nach -London. DaS KäbinM B r if f.o n wurde im Herbst 1898 von der Kammer der» anlaßt, Rede und Antwort zrr stehen, und übertrrrg die Angelegenheit dem Kassation Hof. der das Militärgericht in Neunes mit der Revision betraute. Dreyfris wurdtz nach Rennes gebracht. Der neuerliche Prozeß war reich an den senfationellsten WendungeNz DmM' Vertejdiaer > 4'

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