Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 507 (21.6.1920)
- Date
- 1920-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Aus London wird gemeldet: Oberst Jossa Wedgwood» der vor einiger Zeit als Führer der englischen Untersuchungskommission m Ungarn weilte, äußerte sich zu dem Vertreter der Agence Centrale über Ungarn wie folgt: „Ich hatte den Eindruck, daß in Ungarn derzeit wenig Freiheit und Gerechtigkeit zu Hause ist, daß a l l e M e n s ch e n i n Angst leben. In Ungarn wird eS von Tag zu Tag schlechter und die Zivilgewalt wird immer hilfloser. T) i e Unterdrückung der politischen Meinungsfreiheit, die K n e b e l u n g d e r Justiz» der Antisemitismus in seiner « i e d r i g st e n F o r m, die D n l d u n g von Folterungen, dies alles sind Dinge, die einem w e stl i ch e n B e r st a n d e hassenswert erscheinen und von allen anständigen Magyaren verurteilt werden sollten. Freilich kann der Ausländer nicht alle Verantwortlichkeit genau abschätzen. Wir können nicht, sagen, ob der Reichsverweser und der Kriegsmiyister die Dinge kontrollierten, Detachements leitet oder machtlos gegen sie ist. Wir haben keinen Einblick in die verschiedenen Parteibeziehungen, wir sind nicht einmal sicher, ob die Atrozitäten, die uns eidlichbestätigtwurden, in allen Einzelheiten oder bloß in großen Zügen wahr sind, weil oas Material für ein Kreuzverhör fehlte. Dagegen sahen wir Leute, die erwiesenermaßen furchtbare Verbrechen begangen haben, in Freiheit, geachtet und geehrt in der Gesellschaftumh er gehen. Man erzählte als humorvolles Tischgespräch, wie verängstigt die Juden geprügelt werden und schöne Frauen rühmten sich ihrer Bekanntschaft mit einem Salm oder Pronay. Der Fall der Frau Hamburger war zur Zeit unserer Ankunft in Budapest wohl bekannt, ebenso wie dir Ermordung des Gutsbesitzers Toszegay, des Redakteurs Szomogyi und des Ingenieurs Müller. Aber das berührte in keiner Weise die Bequemlichkeit und Freiheit der Offiziere Hessas^ und Bibo. Ein Engbei Tisch begegnen würde." alle Postämter geöffnet sind, zeigen, ob das Publikum nicht doch versuchen wird, Briefschaften und Packete für Ungarn zur Aufgabe zu bringen. Es ist übrigens anzunehmen, daß Paketsendungen vorläufig sowohl von Privaten wie auch von Kaufleuten nicht erfolgen werde«,! da man den Verlust der Güter bei den'Waggonverschiebungen befürchtet. Wie man hört, will die ungarische Gesandtschaft versuchsweise wichtige, für Ungarn bestimmte Briefe übernehmen, um sie mittels Kurier in den nächsten Tagen jeweils nach Ungarn, vor allem nach Budapest befördern zu lassen. Der Gesandte Dr. G r ä tz befindet sich bekanntlich gegenwärtig in Budapest. Nach seiner. Rückkehr soll das „provisorische Postamt für Ungarn* t« der Bankgasse installiert werden. Telegramme werden nach Ungarn ebenfalls' nicht befördert. Auf einigen Telegraphenämtern wurven gestern mittags wohl von nichtsozjaldemokratischen Beamte» Telegramme für Budapest entgegengenommen, jedoch nur mit Vorbehalt, da die Beförderung nicht garantiert »«che» konnte. Es handelte sich freilich nur um ganz vereinzelte Fälle von Telegrammaufgabe. Kaufleute vor allem-die sich wegen der Ankunft abgeschickter Waren erkundigen wollte», waren die Telegrammabsender. Die Absendung der Telegramme war freilich unmöglich, da für die Ungarns che.« Leitungen von den sozialdemokratisch organisierte« Angestellten der Strom ab geschaltet worden war. Nur eine Telegraphenleitung ist in Funktion geblieben, die aber scharf überw acht wird. Auf ihr werden die S taatStel egramme und die vomBoyM Aetttzermrgen des Abg. Fvrstwer. ♦ Vollständiges Einstellen des Eisenbahn-, Post-, Telegraphenu«d Telephonverkehrs. — Auch der Donauverkehr behindert. - Der Boykott gegen Ungarn ist in vollem Gange und wird restlos dmchgesübrt, um das Budapesier Gesindel der Gentry endlich zu zwingen, europäische Manieren anzunehmen. Die Lektion, die dar organisierte Proletariat den Weißgardisten erteilt, wird hoffentlich gute Früchte tragen und bei dem anständigen Teile des ungarischen Bottes die Ueberzeugung ouslösen, daß es höchst an der Zeit ist» zur Ordnung und Gesittung zurückzukehren und die Horthy-Garde samt ihren Protektoren zum Teufel zu jagen." Die Nachrickten der Wiener Geschäfts- und christlichsozialen Presse, . daß durch den Boykott die Verpflegung Wiens bedroht ist, sind unwahr und werden von den Wiener Trabanten des Horthy in Umlauf gesetzt, ' um die öffentliche Meinung zu verwirren. . . Seit Samstag Mitternacht ist der Boykott auf den Bahnen (mit Ausnahme des Personenverkehrs), der Post, des Telephon und Telegraphen in vollem Gange.; Der private Telephonverkehr mit Ungarn ist eingestellt, da von den fünf Telephönleitungen vier „unter-- brocken* sind. Wie verlautet, wurden die Leitungen an der Grenze unbrauchbar gemacht. Auf der fünften Leitung tüickelt sich mit großen Schwierigkeiten der internrbane Telephonverkehr der Regierung, der diplomatischen Vertretungen und der Missionen ab. , ' - Im P o stv erkehr hat gleichfalls bereits am SamStag abends theoretisch der Boykott begonnen. Es , wurden am Nachmittag noch Briese und Paket, sendüngen nach Ungarn entgegengenommen, die freilich insehr geringer Zahl aufgegeben wurden, da schon ant Tag vorher vom Publikum die dringendsten Briefe und Paketsendungen „expreß" zur Aufgabe gebracht worden waren. Am Samstag gab es in erster Lime Telegrammaufgäbe und Telephongesprächem e ldungen in großem Umfang.; Praktisch konnte sich erst am gestrigen Sonntag «weifen, wie weit die Stellungnahme der nichtsozialdemvkratischen Postangestellten, und Eisenbahner die völlige Durchführung des Boykotts hindern oder stören könnte. ES zeigte sich, daß die sozialdemokratischen Eisenbahner, Post, und Telegraphenbeamten alle B o rkeh^ungen getroffen hatten, um die Absichten der nichts» zialdem akratischen Angestellten bei Bahn und Post zu vereiteln, bezw. ihre Bereitschaft, die Beförderung von Gütern und Postsachen nach Ungarn durchzusühren, gegenstandslos zu machen. Auf den Strecken der Süd-, Oft- und Nord-- bahn sind die sozialdemokratischen Eisenbahner völlig Herren der Lage. Es macht sich keine besondere Opposition der nichtsozialdemokratischen Eisenbahner gellend. In den großen Stationen, wie Wr.-Neustadt, Bruck u. s. w., werden die Güterwaggons, die Waren für Ungarn enthalten, ausrangiert. ES sind übrigens, wie man in Eisenbahnerkreisen sagt, infolge der Rückberufungen vieler Transporte am Sonntag und an Tagen vorher gegenwärtig noch wenige für Ungarn, bestimmte Güterwaggons im Anrollen,. doch können sie sich natürlich schon in den nächsten Tagen vermehren und stauen. Das Betriebspersonal der Bahnen beschäftigt sich auch außerhalb seiner Dienststunden mit der Durchführung des Boykotts und der Anordnung aller Maßnahmen, die trotz der Ausrangierungen der ungarischen Güterwaggons eine Behinderung deS , sonstigen Eisenbahnverkehrs auszuschließen angetan sind. Der Personenverkehr nach Ungarn wickelt sich im allgemeinen glatt ab. Die Züge treffen nur mit einiger Verspätung hier und wohl auch in den ungarischen Stationen ein, da an den Grenzen ein scharfer Ueberwachungsdienst eingerichtet ist, damit Reisende nicht allzu große Gcpäcksftücke über die Grenze nach Ungarn schaffen und so den Boykott zu mildern suche». Auch mit den Schissen der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft werden kein er lei Güter befördert. Die Gewerkschaftsleute haben Posten aufgestellt, die genau darüber wachen, daß keinerlei für Ungarn bestimmte Güter auf die Schiffe gebracht werden. Auch die Zwischenstationen der Donaustrecke werden bewacht und die anlegenden Dampfer kontrolliert, so daß auch aus dem Wege über die Donau ein Güter¬ oder Briestransport nicht stattfinden kann. Es scheint, daß das Publikum, welches mit Ungarn in ständigem postalischen Verkehr steht, sich mit dem Boykott abgesunden hat. Am gestrigen Sonntag gslangten bei den, Hauptpostamt, das allem an Sonn- Ic.gon eeösw.'t tft. Büefschart^ kür Unaamzw: Ausgabe. Es wirb sich siüllch crsi heute, wem Grge» die Lüge» der christlichsoziale« P»eff<. Am Tag-/ des Boykottbeginns machte der sozialdemokratische Nationalrat August F o r st n e r, der qn der Spitze der Transportarbeiterbewegung stehteinem Redakteur der „Sonn- und Montagszeitung* folgende Mitteilungen über die Einleitung des Boykotts gegen Ungarn und seine Ursachen: „Der Ausruf zum Boykott gegen Ungarn ist bekanntlich vom Internationalen Gewerkschaftsbureau in Amsterdam ausgegangen. Der Boykott soll eine wirksame Demonstration der sozialdemokratischen Gewerkschaften gegen den weißen Terror und die Unterdrückung der Arbeiter m Ungarn sein. Die Boykottbewegüng als eine Aktion auf Veranlassung der Juden zu bezeichne« ist eine grobe Verleumdung, ebenso wie die Angaben der ungarischen Regierung über die Zahl der Hingerichteten nnj) Ein gekerkerten in Ungarn völlig unrichtig find. ' Es sei ausdrücklich erklärt, daß im Internationalen Gewerlschaftsbureau, das den Boylott beschloß, l e i « einziger Jude sitzt. Der Boylott setzt auch nicht wegen der Ermordung von Juden in Ungarn, sonder» wegen der von Arbeitern und wegen der Unterdrücknng jedweder sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Orgamsationsbestrebung in Ungarn ein. In meiner Hand befindet sich eine Liste von 454 Namen. Es sind die Namen eines Teiles jener' Menschen, die in . Ungarn, meist durch die Brachialtruppen, hingemordet worden sind. Die Zahl ist nur ein Bruchteil der vielen Hunderten von Ermordeten — die ungarische Regierung gibt nur fünfzig zudie allen Gesellschaftsklassen angehören. Die Liste weist Namen von . Bürgern, Beamten und Arbeitern auf. Neunzig Prozent dieser Ermordeten sind Arier und C h r i st e n und nur zehn Prozent Juden. Biele Intellektuelle befinden sich unter den auf der Liste angeführten Toten, zumeist jedoch Arbeiter. Der Boykott ist eine Maßregel, die gegen dieses Ungarn der Gewalt angewendet werden mußte. Die int Transportarbeiterverband organisierten Genossen sind ebenso einig in der strengen und gewissenhaften'Durchführung des Boykotts, wie alle andere« sozialdemokratischen Arbeiter, die am Boykott milzutun haben. ' Wir erhoffen uns von dem Boykott gegen: Ungar» einen bedeutenden moralischen und prattischenErsolg, der wohl sehr bald fthon sichtbar w«den wird!* Fortgesetzte Derhaftrrnge« 1» Itfegts«. Budapest, 31. Juni. Der Pobrrckencht mtikä M Mg» Tagen fast täglich die Verhaftu»- ««er Reihe tzv» Itrso««, Mwnst Arbeiter, unter der Beschuldigung kvummiiMch^ Umir.rL:. 636