Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 506 (20.6.1920)
- Date
- 1920-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das pazifistische Programm der Sozialdemokratie wurde ein-. gezogen, als es dem deutschen Imperialismus gelungen war, auch die Gemüter des Proletariats oder besser seiner opportunistischen Führer zu-umnebeln und die unheilvolle Legende vom schmählich überfallenen Deutschland in die Geister einzuimpfen. Und als sich die deutschen internationalen Sozialisten in Sozialpatrioten schmählichen Gedenkens wandelten und bald zu allen Exzessen der gefräßigsten Gewaltbestie Ja und Amen sägten, da teilte sich alsbald das-bis dahin geeinte Welt- Proletariat in zwei große Lager und-mit aller Menschlich^it chorsunft auch der internationale Gedanke unter ldem '. Lrümm^'^er MMMfchßn s-S^ln^W'.'fttzkun-'' mehr zeigen sich die exstmr Anfänge einer neuen Inter-. nÄiönäle: Der Gewerkschaftsbund hat zum Boykott gegen - Ungarn aufgerufen und der Ruf - hat in den verschiedensten Ländern bedingungslosen Widerhall geweckt. Es ist ein Akt der Abwehr gegen ein System, das alle Errungenschaften der Revolution, ja noch mehr, die primitiven Grundsätze der bürgerlichen Freiheit mit Füßen tritt und an Stelle der Rechtsordnung den brutalsten Terror setzt. Der Beschluß der internationalen Arbeiterschaft wird hoffentlich den Erfolg haben, Ungarns heutige Machthaber zur Raison zu bringen. Aber noch mehr als das: es ist das erste Sympton einer neuen geistigen EinfWmig, die 'man nach jahrelanger Verhetzung auf die Dauer verschüttet wähnte. Es scheint, daßsich der Gedanke allmählich wieder durchzusetzen beginnt, daß Landesgrenzen keine absolute,' sondern nur eine durchaus relative Bedeutung haben, und daß es ihnen gegenüber etwas Höheres gibt, die allgemeinen Grundsätze menschlicher Rechte und bürgerlicher Freiheiten. Und in diesem Sinne kommt dem Beschluß der Gewerkschaften mehr afs bloß parteipolitische Bedeutung zu. Es bedeutet die Rückkehr zum Gedanken der internationalen menschlichen Solidarität, die beginnende Erkenntnis, daß es unter den Völkern Gemeinsamkeiten gibt, die hoher ssthen als nationale Bedenken und Sonderrnteressen, und zeichnet den Weg, auf dem allein die zivilisierte' Menschheit , wieder in geordnete Bahnen zurückfinden kann, euren Weg, der zum Abbau des Staatssetischismus führen, und in den versöhnenden Gedanken des Völkerbundes münden muß. *■ \ .r - Das Permanent e K o m i t e e hat gestern eine Sitzung abgehalten, in der die Telegramme aus Amsterdam, die sich auf die Durchführung des Boykotts Wen Ungarn bezogen, einer eingehenden Beratung unterzogen wurden. Es wurden die letzten Vorbereitungen . getroffen, damit - der Boykott um 112 Uhr nachts allgemein ein setzen kann. Alle Organisationen wurden ersucht, den Boykott st r e n g burchzuführen. "? . ' Außerdem wurde mitgeteilt,. daß Gewerkschaftssekretär Hueber in Angelegenherten der Durchführung des Boykotts Montag den. 21. Juni nach Amsterdam, abreist. Er wird an den Beratungen des Internationalen Gewerkschaftsbündes teilnehmen. * . Eine Vollversammlung der Vertrauensmänner der Eisenbahner hat beschlossen,'die Richtlinien, die vor einigen Tagen von der Eisenbahnergewerkschaft hinausgegeben wurden, auf das genaueste einzühalten. El» letzter Appell. Amsterdam, 18. Juni. D-:r JnwrnaUonale Ge-> werkschastskongrsß hat dem ungarischen Minister des Innern eine Mitteilung zukommen lassen, worin es heißt: Bor dem für den 20. d. M. ftstgefttzten Inkrafttreten des Boykotts, den der Jntematiönale Gewerkschaftsbund zur Bekämpfung des Weißen Schreckens gegen Ungarn zu verkünden sich genötigt sah, richten wir einen letzten Appell an Sie, ausreichende Sicherheiten für die sofortige Einstellung jedes Lerrorist.schen Vergehens' und für die freie Entwicklung der Arbeiterbewegung -zu geben. - - Der Boykott und die. ungarischen Sozialdemokraten. Budapest, 19. Juni. (U. T. K. B.) Die sozialdemokratische Parteileitung hat sich.mit der Frage der Regierung beschäftigt, 'welchen MhaichpMft . die '-MlMr.lAybi^-stziäll^««deaWhe:-Köftet, gegenüber dem geplanten Boykott einnehme und auf welche Weife sie eine Abwehr' des' Boykotts 'für möglich hafte. In -der; dem Ministerpräsidenten übermittelten Antwort rührt die soziaVemvlratischs Parteileitung,-ans-; sie habe auf die Fassung des Boykottbeschlusses keinen Einfluß geübt-und könne daher über Ausmaß und Dauer des Boykotts keinerlei Ansicht äußern. .Im übrigen stellt die Parteileitung gewisse Forderungen.-auf und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß nach. ErWsüng. dieser Forderungen mit der Einstellung des Boykotts gerechnet werden könne. Diese Zuschrift der sozialdemokratischen Parteileitung wurde auch in Kreisen der Partei der kleinen Landwirte bekannt, die'die Ansicht äußern, daß diese Forderungen unerfüllbar sind. Die Hortbh-Banditen drohen. Budapest, 19. Juni. Wie das Ungarische Telegvaphen-Korrespondenz-Bureau erfährt, ist her^ Standpunkt der ungarischen Regierung gegenüber dem vom internationalen Gewerkschaftsverbarrd beschlossenen Boykott der, daß die ungarische Regierung gegen alle Staaten, welche die Blockade tatsächlich durchführen, von ihrem vollen Rechte der R e p r e s s a l i e n Gebrauch machen und dieselben Maßnahmen durchführen wird, die Ungarn gegenüber in den betreffenden Staaten tatsächlich angewendet werden. Ungar« hat kein ExPorlgetrciLe. Die Wiener Geschäftspresse von der „Renen Freien" bis zu der schäbigen „MiLLagszeitung^ versucht der Oeffentlichkeit einzureden, daß Wien durch den Boykott geschädigt wird. Daß alle Berichte ' dieser Presse aufgelegte Lügen sind, beweist folgende Aeüßerung: . Budapest, 19. Juni. (Tel.-Komp.) Der Budapester Direktor der österreichischen Warenverkehrsanstalt, Eduard D i t r i ch, erklärte: Wir hätten von Ungarn Getreide gewünscht, doch wurde ungarischerserts erklärt, es müsse zunächst die verfügbare Menge festgestellt werden, erst nach Absetzung des eigenen Bedarfes könne dann von eier Lieferung die Rede sein. Der tschechische Zenlralgewerkschaftsrat. Prag, 19. Juni. „Pravs Lidu" veröffentlicht einen Aufruf des Zentralgewerkschaftsrates und-der wichtigsten Verkehrs- und Handelsgewerkschaften, worin der Anschluß der. tschecho-slowakischen Arbeiterschaft an die Boykottierung Ungarns proklamiert wird. Die Unterstützung der Schweizer. Bern, '19. Juni. (Schweizerische Depeschen-Agentur.) Das Komi es des Schweizeriichen Gewerkschaftsbunde:' veröf e t icht einen Aufruf, betreffend den Boykott gegen Ungarn, in dem es bezüglich der Schweiz heißt: Die Eisenbahner, die Postangestellten, die Postbeamten und die Arbeiterschaft der Schweiz werden vorläufig;-t die Boykotibewegung nicht, aktiv, einnreifen. muffen > Achtung! Kuttuswähler! Der Wahlausschuß hat entschiede^ datz . alle deutschösterreichische» Steuerzahler» welche irrtümlich aus der Wählerliste gefMche» wurde«»-von Amts wegen i» die Liste!' Uuf», genommen werden müffen, wen» sie denMach» weis ihrer Staatsbürgerschaft erbriugeuAste, die österreichische Staatsbürger und nicht in der Liste sind, müsse» daher SonntaAden 2V. d. M. i» d e r Z e i t v o » 9 bis lZUIjr in der Kultus gemeinde (Steneramt) erscheine«: , und unter Vorweisung der Dokumente ihre^ Aufnahme verlangen. Sonntag ist chevt letzte Termin! und werden aber, wenn erforderlich, bereift seiH Da-; . gegen ist es zweifellos.daß die gesamte ArbeMer-'! fcha-ft und die Bev ölkerung überhaupt dieMrch^ ' führung des Boykotts nachhaltig,unfte.r können, inderü sie Eisenbahn- und Postsendihugen,! , Briefe und Telegramme nach Ungarn nicht.^aüfKMn. . Die Maßnahmen in.den. Grenzstaaten Ungarns müsste so unterstützt werden, daß der Boykott nicht i eine-. Blockierung der Grenzbahnhöfe dieser Staaten fttzerde,,' wodurch deren wirtschaftliche Situation» besonders' hie > O e st e r r ei ch s, verschlimmert - würde.- - , ' , /;, . Keine Beteiligung der Sozialdemokrat« Ä den Gemeinderatswahle». . - " Bnbypest, 19. Juni. Die sozialdenvokrätischeDarsti^ , leitung hat beschlossen, an^den 'am. 11'. Julft shM-!. findenden Genreinderatswahlen nicht. tLilzunehMeüft Md' . zwar aus. denselben .Grmzden,. aus denen die. Partei ' an, den Wahlen zur Nationalversammlung nicht, teil-!, genommen hat. - . ' Der Hörthy-Terror in Deutsch-Westuntzärn^ Gestern erschien eine Abordnung von Deutschem, und Kroaten aus Westungarn bei dem französischen^. Gesandten Lefevre-Pontalis,. beim italienischen Mi - sandten Marchese di Torvetta und beim Chef der eng-,.' lischen Mission in Men, Mr. Lindlev^ und überreichte. den Vertretern der Ententestaaten, eine Denkschrift,!! , betreffend die Uebergaste Deutsch-Westungarns an Oester-, reich, so wie dies im Friedensvertrag von Snint--Ger< mam festgesetzt wurde.. Die Abordnung verwies unter - anderem auf die Bedrückung durch den weißen Terror , sowie insbesondere darauf,! daß zahlreiche- Peftsonew wegen ihres Bekenntnisses zum österreichischen Staat-: verhaftet und eingesperrt wurden. . j Die-Chefs der auswärtigen Missionen nah'»«« - die Darlegungen, der Abordnung, mit großem- Inter-! esse entgegen, erkundigten . sich um die Namen dtr - wegen ihres Bekennttrisses zu Oesterreich verhasteieü'! und eingekerkerten Personen und sagten die Uebermitt-- , lnng der Denkschriften an ihre.Regierungen zu. z Vorbereitungen zu einem Monarchisten-, putsch in Tirol. Innsbruck, 19. Juni. In den heutigen -Innsbrucker Nachrichten" wird eine'Unterredung der M-! geordneten Abram und Rappoldi mit dem Landes- Hauptmann Schraffl, betreffend den Waffenschmuggel l aus Bayern nach Tirol, besprochen und der AnsiM > Ausdruck gegeben, daß in der.christlichsozialen Parteft Tirols zwei erbittert gegeneinander kämpfende Gruppen - bestehen, von dÄren die Bauernpartei für die R^nblik - sei, w ährend die- M o n a r ch ist e n in den k l e r i t a le n , Kreisen der Städte zu finden seien, auf die der, « Landeshauptmann keinen'Einfluß, habe, da fl$ auch seine erbitterten Feinde seiend! Nach seinen .Ausführungen hatten' weder -der, < Landeshauptmann noch die Finanz- und Gendarmerie-; behörden eine Ahnung von dem Waffenschmuggel-'. während in Innsbruck ganz offen von der. Verteilung von Waffen, gespwchen werde. Das Blatt warnt die. Bevölkerung, irgendwelchen reaktionären Unternehmungen, die bevorzustehen scheinen, behilflich zu sein, und rät dem Landeshauptmann, mir , starker Bauernhand den gordischen Knoten von Ber^ schwörungen und Kabalen zu durchhauen, wenn td\. nicht als Mitschuldiger angesehen werden wolle. ' f