Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 503 (17.6.1920)
- Date
- 1920-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Beschluß von San Remo gibt den durch die Balfour-Deklaration unterstrichenen. Tendenzen eine reale Basis und stellt auch für die Siedlungen und Aufbauarbeiten deK. jüdischen Volkes neue, scharf umrissene Bedingungen auf. Der nationalpolitische..Charakterder jüdischen Siedlung.fordert die weitestgehende Handlungsfreiheit des jüdischen Volkstzlewents, die Aufhebung aller Einengungen durch militärische Vorschriften, die durchs die Entwicklung der allgemeinen Lage seit dem Zusammenbruch der Türkei vielfach Überholt worden und sind durch die im Wesen der Militärbureaukratie liegelwen Diskrepanzen zu den Absichten der englischen. Zivilbehörden schon großen. Schaden gestiftet haben... Die Rückkehr - zur Zivilverwaltung unter der breitesten-Heranziehung jüdischer Kräfte erscheint als die erste Voraussetzung zur Schaffung geordneter Verhältnisse und. zur Aufrichtung eines regelmäßig funktionierenden Administrativapparats.. .Mit der Erlangung des San Remo-Beschlusses, der die. Errichtung einer nationalen. Heimstätte unter das Protektorat Englands alsBeauftragten des Völkerbundes stellt, hat, die zionistische. Organisation die erste Etappe ihrer seit fast 30 Jahren geleisteten politischen Vorarbeiten abgeschlossen. Sie hat Palästina erreicht und' damit den ersten Punkt., des. Baseler Programms erfüllt-J bet. für das jüdische Volk: hie Schaffung einer Hentlichrechtlich, gesicherten. Heimstätte in Palästina KaM./keiner M. Me.E^iloxganiiation gWtzten Richtung, sondern hehr ganzen jüdischen Holle, . Daraus ergibt sich die Notdüendigkeit, nunmehr an das jüdische Volk zuappellieren, alle. ..seine materiellen, geistigen und. physischen Kräfte in den Dienst der gemeinsamen Sache zu stellen und den Aufbau der neuen nationalen Existenz auch tatsächlich so in Angriff zu nehmen, daß.alle Kräfte des jüdisch,en Volkes, denen die neue Freiheit Lebensbedürfnis ist,, daran teilnehmen können. Daß die Vorarbeft hiefür nur von einem Zentralpunkt aus geschehen kann, ist selbstverständlich; ebenso selbstverständlich aber auch, daß dieser Zenträlpunkt nur die. zionistische Organisation sein kann, .weil nur. sie die Äutprität besitzt, das jüdische Volk auf diesem ersten Weg in die Freiheit sicher zu geleiten. Vre Arbeit zionistisch, ihr Sinn und Geist alljüdisch; denn diese beiden Begriffe decken sich nur m der Theorie. Organisatorisch besieht insofern , ein großer Unterschied, als. eben noch nicht das ganze jüdische Volk im zionistischen Sinne wirtschaftlich und politisch einheitlich zusämmengefaßt ist. Diese Lücke zu schließen, gehört mit zu den menschliche Kraft fast übersteigenden Aufgaben der. nächsten Zeit, die alle Stellen der auf dem Boden des Baseler Progranrms stehenden Kreise des jüdischen Volkes zu erfüllen haben. Esist nicht allein Ans- und Einwanderung ge° napestens zu überwachen, es müssen auch die rechtlichen und materiellen Beziehungen der Wandernden zu ihrer bisherigen Umgebung geordnet werden, Lebensmittel Ünd Unterkünfte auf den Marschlinien bereitgestellt und ein tadellos arbeitender Kontrolldwnst organisiert werden. In Palästina selbst mutz Arbeit und Urbeitsgelegenheit geschaffen werden, um Stauungen des Zuzuges und hy^enische Belastungen zu verhindern. Das alles erfördert ein Massenaufgebot geschulter Kräfte, die sich mit Herz und Hirn, mit ihrem ganzen Sein zur Verfügung stellen. Diese Kräfte sind im Judentum vorhanden. Sie müssen nur aufgLsucht und zum Dienst an. der Allgemeinheit herangezogen werden. An ihrer freudigen Bereitschaft wiyd-es nicht fehlen; denn der Opfersinn unserer in zwanzig Jahren mühevollster Kämpfe gestählten Jugend ist unbegrenzt, ihre Hingabe an das Volk ohne Beispiel. Wenn sie von der zionistischen Leitung gerufen wird, so wird sie da sein.' Sie mich mobilisiert werden.! Unzweifelhaft werden die kommenden Monate erfüllt sein von einer drängenden Schar von Problemen, die. sich aus dem Werk des Aufbaues eines neuen Staatsweseus ergeben. Aber sie werden unser Leben durch immer neue fruchtbare Werte bereichern und den jüdischen Idealismus befeuern, der bisher müde seine Schwingen ruhen lassest müßte und sich jetzt reich und freudig wird regen können. Unser Volk wird bis in den letzten Winkel der Erde erfüllt sein von dem Gedanken, daß es nicht obdizieren muß und daß ihm. eine grüße Hoffnung ersteht, an deren Verwirklichung es bi.*.» vollen Kräfte,Lewer Seele ießeA .kanL Der ungarische Ministerpräsident versucht die Oeffentlichkeit zu blufisn. — Angeblicher Abba« der Mörderbanden. —- Zn Angar« wird weiter gemordet. Budapest, 16.' Juni. (Privat.) In brr heutigen Sitzung ' des ungarischen Abgeordnetenhauses interpellierte Graf Apponyi in Angelegenheit des vom Gewerkschäftsbünd der Tränsportärbeiter in Amsterdam gefaßten Boykottbeschlüsses gegen Ungarn. Er gab zu, daß' die ungarische Zensuö' alle Morde vertusche und das -Publikum vollkommen uNc>ri.»ntiert sei. Apponyi versuchte in seiner Rede, alle Morde, die von den Ofsiziersbänd'rn begangen wurden,' zu beschönigen und den 'weißen Terrorismus in Abrede zu stellen. In seiner Antwort erklärte - Ministerpräsident Simonyi-Semadam, daß die Nachrichten, über die Internierungen übertrieben seien. Am Gefangenenlager von Hajmasker waren am 15. März - dieses Jahres insgesamt 1877 Internierte. Heute Ijt die Lage folgende: Die Anzahl der Jnternirrten^in Zaläergerszeg — ein anderes Interniertentager gibt es jetzt nicht — beträgt -2411. Die Anzahl der -unter polizeilicher Ueberwachung stehenden Persönsu' htträgt 'ink ';22ii. ÄiLJAnzW der Ausgewiesenen. 142. Bon^ letzteren hesindet sich. ein Teil in Zalaergerszeg, da es bisher nicht möglich war, sie aus dem Lande zu schaffen. Gegenüber der Behauptung, daß 5000 Arbeiter zum Tode verurteilt wurden, wird ftstgestellt, daß deren Zahl nicht einmal 50 (?) beträgt. Um das-Ausland, für Ungarn günstig zu beeinflussen, sei es nottviendig, daß hier die innere Ordnung vollkommen gesichert ist. Diesbezüglich gab es keinerlei Meinungsverschiedenheiten unter den maßgebenden Faktoren, die darin einig war^n, daß die Rechtsordnung, dir- Gesetze und die Sicherheit der Bevölkerung durch verfassungsmäßige Garantien unbedingt gewahrt werden müssen. Dies ist in vollem Maße gelangen (!) und die Wirkung dieser Maßnahmen zeigt sich bereits (I).-Ich bin überzeugt,- daß alle, die es angeht, begreifen werden, wie sehr heute unsere Kraft und unsere Wertschätzung vor dem Ausland .davon abhängt, daß wir hier Einheit, Ordnung und inneren Frieden bewahren' können. (Beifall.) Die Regierung hält es für ihv» Pflicht, die Ausländischen Regierungen sowie die ausländische' Presse stets über unsere Läge und unsev» Maßnahmen zu informieren, und ich bin überzeugt, daß die Verfügungen der Regierung, insbesondere des Honvedministers, welch letzterer sie mit der größten Energie durchzuführen versprochen hat, heilsame Früchte bringen werden. Simonyi-Semadam bespricht die Tätigkeit der. ausländischen.Kontrollkommissionen in Ungarn und sagt:'Wir sind nicht in der Lage, zum Beispiel die . holländischen Gewcrkschaftssekretäve einzuladen. Ich glaube auch nicht, daß ihre Einladung einen guten Erfolg hätte, und zwar deshalb, weil die Fäden ihrer Tätigkeit direkt zunr Bolschewismus führen. Wir müssen^ uns über hüten, bolschewikische Elemente hieher zu rufen, denn die Verläßlichkeit derselben wäre für uns nicht sehr beruhigend/Was die Zensur betrifft, so teile er vollkornmen die Auffassung des Grafen Apponyi. .Die Zensur müsse mit Rücksicht auf auswärtige und Heeres interesscn aufrechterhalten. werden, aber. er selbst habe den «leisten Aerger mit ihr, denn/sie begehe bis-- weilen ganz rmverftändliche-Fehler.". Der Ministerpräsident hält .es für richtig,^ daß auch die ungarische Arbeiterschaft die.ausländische Ar-. Leiterschaft über die wahre Situation aufklären wird, auch darüber, daß wir nicht 5000 Arbeiter haben hinrichteu.4.lassen und nicht 50.000 Mbeiter interniert haben d Ein Rrtf von liuks: „Sie werden es nicht tun!" .Ministerpräsident: Sie werden es.tun. Er rechnet hiebei auf den Patriotismus der sozialistischen Arbeiterschaft Ullgarns, ebenso wie auf. die übrigy .ArbeiLerjchasr. . . Der MinifLervräiibent erklärt schließlich, die Ro-" I giernrog werde auck^weiterhin durch Aufklärung des j A^Mlides, tr.ach.ttzn» KlleL M dep sich nicht. ausbreite. Er . glaube, nachdem es' um eine bolschewikische,(?) Mion und^ nicht ami/ein« solche der westlichen Arbeiterschaft handle, .-brauch'« man nicht .zu. befürchten, daß die westströhe((fy Arbeiterschaft in ihrer Gänze sich den BeschlM^M eigen machen, werde. - . - ’ , Wie fie die BrachialLruppe abdaue«^ Hvnvedminister Soos erklärt in det Nationalversammlung, daß sämtliche Brachial truppen in der Provinz ab gebaut^ bezietznngS« weise in die Gendarmerie oder in den Ml^ malen D'visionpverband emgeteM ryerdenV Der Abbau der Brachialtruppen werde -am 15. Juli voMomme» beendet sein. f I , Es wird weitergemordet, t i / Die Wiederherstellung 8er Ordnung'wmW-PW in folgenden' kleinen Polizeinächrichten de« Mngstei« Rumcherrr hei: ' nnZürischdN'jBkLrked!$m■ - der gestrigen Rächt -.wurde' jan und Damiastichgasse 'eH^Mann stand aufgefunden.. <&£ it) uxb^:: feftgpefbeitt^ treffende der - 30jährige' Täglöhickr' Georg Er hatte an der Schläfe' --zchei^Stichwunderrr ins Spital überführt," konnte aber' nicht veHörL^wer« den, weil er das Bewußtsein noch nicht '.erläu^^^ Sein Zustand ist lebensgefährlich. Die MjäHcige Fabrikarbeiterin Gisela Kosaras wurde gesterir.-Nachts durch unbekannte Täter überfallen und derart verprügelt, daß sie in bewußtlosem Zustand aufgefMdtu wurde. — Der Angestellte der 'Bezirks-ÄtbeibchMM^d" kasse Josef Züsz stürzte sich gestern von seiner imMtje«' Stock befindlichen Wohnung auf die StwtM.-.M^WÄmit zerschmetterten Gliedern; Lot 'liegend Er; wuHch wiederholt wegen WolschewisuiNs^ aNg'ezvtg^M^MM' stellte sich seine Unschuld heraus. Er fürchketö sich'.aHrvor weiteren Verfolgungen. — Vor drei Wöchetr v^s" schwand der Leiter, der Szolnoker Filiale de^ -„Unßarischen Landesversicherungsänstält, Josef Kalmäh/ 'M ging geschäftlich nach TörökszentMiklos, w.o ' er/ Mmdrei Soldaten ergriffen und in einem Wa'geüf ver^; schleppt wurde. Seither fehlt'jede Spur-' vorr^h«r< ' j ■ Nach der Verhängung des - verschärfteniÄäMs rechtes und nach der Ankündigung der strengsten^Maß^ nahmen gegen die Ausschreitungen des Milftä^tz scheiÄn in der Tat in Ungarn die Ruhe . und. Ordnusitz Hertze-I'. stellt zu werden. Denn während , die Mgarifchen.-BlätSerj' bisher täglich: nur eine bis zweiaufgefundene'. Lerchen! als kleine Polizeinachricht meldeten, sind - nach - denj Mitjeilungen sämtlicher ungarischer Blätter gestern iwder. Nähe von Budapest in derGenreiüde' -5Wii.-:vie'r j' furchtbar verstürnmelte Leiche» -gesirnden wordchr. Dia Untersuchung - hat . festgestellt,, daß die SetteffeniKW identisch sind mit dem Grundbesitzer -Hvsef /ÄeßlerJ Hessen Sobn. dessen 2.0jähriger lTochter und -dem -Bev-,' Walter . Andvr Pridig. Auch auf - die „Erwachenden-!' Magyaren" übte die Verhängung des Standrechtes! die erhoffte Wirkung aus. Eine Gruppe! überfiel'gßstepnid.en -Maschinisten Heinrich' Fürst- und -MMt»- ihm halbtot. : . /v Der Boykott gegen Horthy-tLUSßlirnj -; Bern, _15. Juni. (Schweizerische; Depeschen^ Agentur.) Das Exekutivkomitee **r nationale« Verbände der Post-, Telegrchphe«-! und Telephonaugestellten hielt gesteeu Wd Aue Sitzung ab, in der beschlossen wurde, dep Einladung des internationalen Gewer«chMt--j Hundes in Amsterdam zur Berhänguu» de« Boykotts über Ungarn Folge -u leisteM und alle Maßnahmen zu treffe«, um dem Boykott» soweit die Post-, TelegraphenuuA Telephonarrgeftellten in Hraae kpmme«, uchkst-s {laut zu getzaUe«. 2277