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Wiener Morgenzeitung · 1920-06-16 · Heft 502 (16.6.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 502 (16.6.1920)
Date
1920-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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, ' |Ri»l (BMiat ,*2fÄ OEr ***“• Nr. 502 Wien, Mittwoch, den 16. Juni 1020 AMsLKr»»» y- V»8n»«eeatk.O»»Ppiesis«U' ' ' ' .’fWfe«T .;" 1‘a ^. «Ek«. . M«r S»E / A«K«r - •-,-4'4 vtomtttich '. ‘."-.'. AM/ MMcktpch^ Für bar AM-s «iertelMrüch ti'im l«fc- »elfcftt*«a. Sltmstarf Wte»,S.Vez..L«^»rs 44«8§, »etzchms» ÜMII «* Ät» «ve»v»R*.j MM»1 o 4£rf* Jahrgang S^' Bürger und Arbeiter. —7. Wien, 16. Juni. Die österreichische Nationalversammlung steht vor ihrem vorzeitigen Ende.' Die Legislaturperiode, die bis zum-Februar des nächsten Jahres reichen sollte, findet jetzt infolge der Staatskrise - ihren Abschluß und schon der Herbst soll uns die Neuwahlen bringen. Die Frage, ob diese Krise gerade jetzt kommen mußte, wo der Staat vpr neuen Ernährüngsschwierigkeiten steht und alles daransetzen müßte, sein Vertrauen im Ausland ungeschmälert zu erhalten, erscheint nicht mehr aktuell. Ein Schachzug der Grohdeutschen, der den Sozialdemokraten galt, hat die Christlichsozialen getroffen und sie dank der fabelhaften Ungeschicklichkeit Kunschaks, der sich nun einmal in einem Porzellanladen nicht zu - benehmen weiß, in eine taktisch Ungünstige Lage: gedrängt. Sie, die die Koalition jeden Tag beschimpften. Müssen heute — natürlich hinter den Kulissen -- zu ‘beri -<&timlbemofraim bitten gehen. Oeffentlich tim-sie stolz und beschließen, die Wahlarbeit in vollem Umfang aufzunehmen. Aber die Wahlparole fällt ihnen nicht-günstig. Es geht um die Verinögensabgäbe; und in der Ausnützung eines -solchen schönen Schlagwortes sind ihnen ihre roten Koalitionsgenossen weitaus überlegen. Daran ändert auch nichts der ‘ Speisezettel, den sie nun am Schlüsse der kärglichen Mahlzeit der- Nationalversammlung vor- Wen, die noch 22 Gesetze -beschließen soll, darunter die Peffassungsrefopm, die Vermögensabgabedie laufende ^PiiM^M^tÄev/-7'-VeM^gMsNck>^ssteutzv) Personal«' eWommensMor/ UmfäWeuer.^ CffMenunisatzsteüer.. Minder- und. - Hemeinde-ÜeberÄersüngsg'esetz' usiv. Daswjirde selbst für eiite im Vollbesitz ihrer Kraft und ihrer Autorität stehende Volksvertretung'eine-fast unüberwindliche Reihe von Schwierigkeiten bedeuten; bei einer sterbenden,"zersetzten' und majoritätslosen Körperschaft ist ein solches Programm eine Ironie ' Die' Frage der Vermögensabgabe ist die Frage des Klässenkämpfes, in dessen vollster^ Entwicklung Oesterreich und Deutschland, nächstens vielleicht ganz Europa, stehen. Die Lasten des Krieges sollen auf die' Kreise gelegt werden, die vom Krieg profitiert haben. In dieser Form erschiene die Frage einfach. Aber die Ausführung M eine dornige Sache. Wo liegt die Grenze zwischen erlaubtem und gemeinem Kriegsgewinn? Wo -beginnt die Steuerkrast in einer Zeit, in der Vermogen aus sechsstelligen .Ziffern, kaum etwas bedeuten und in der die. Millionenvermögen in das Ausland abgewandert sind? Es ist-eine Pflicht der Stunde, das schreiende Mißver- HBtniß zwischen Reichtum und Armut aufzuheben und wenigstens in den öffentlichen Leistungen/ die schwachen' Schultern zu entlasten, aber die Erfüllung dieser Pflicht ist noch nie'gelungen, weil die' unparteiische 'Verwaltung nicht zu finden ist. Der Unterschied zwischen Stadt und Land,' zwischen Konsumenten und Produzenten ist . ein! so .tiefer, daß ihm weder durch sozialistische Propaganda' nvch durch öffentliche Belehrung beizukommen ist. Der Mittelstand ist ausgepumpt, die Arbeiterschaft steht am Rande ihrer physischen Kraft; das Bauerntum dagegen, erfreut sich'robustester' Gesundheit, ist .entschuldet und sieht uninteressiert den wilden Vorgängen in den Jn° . dustriezentpen zu, wo eine Schießerei die andere ablöst.! Dieser Stand, der angeblich mit Bürgern und Arbeitern, zusammen die. Republik gegründet hat, besitzt keinerlei Empfinden für den Staat und seine Not und steht der Vermögensabgabe mit der Waffe in der Hand gegenüber.' Ein Staatsbewußtsein existiert nur im negativen Sinne,, soweit es nämlich durch den Friedensvertrag 'mit seinen die territoriale Integrität Oesterreichs sichernden Bestimmungen erzwungen wird. - . Das. Bürgertum hat nicht viel Wahl. Ihm und sestsier Existenz gilt die Feindschaft der Bauern, der Grotzkapitaliften -und. der lrukssozialistischen Radikalen.. Daraus konnte'eigentlich der Schluß nicht'so schwer sein. Ist d.ie.Koalitiyn der Christlichsozialen und Sozialdemokraten in die.Bruche gegangen, so könnte eine.Koalition von Arbeitern und Bürgern, angeflrebt werden, die ja die gleichen Feinde haben! Die Bildung einer bürgerlichen Einheitspartei, die die Christlichsozalen propagieren, weil dann in der Hitze des Wahlkampfes ihre bürgerlichen Kandidaten erfahrungsgemäß verschwinden, ist. an sich . wenig, erwünscht,/ aber auch bei der Vielfältigkeit der . Interessen und Parteiungen unerreichbar. Andererseits ist., der bürgerliche Liberalismus am Krieg gestorben. Er' hat ja viel Gutes getan,. aber leider noch mehr 'f'f.hri.ineu.' Seü: Erbe soll das demokratische Bürgerta Jßük.haäLjm. Giolittt mit der Kabinettsbildung betraut. Rom, 15. Juni. (Kork-Bur.) Die Agenzia Stefani meldet: Der König hat die Demission des Kabinetts angenommen und G'rolitti mit der Bildung des neuen Kabinetts betraut. Nom, 15. Juni. (Tet.-Komp.) Nach den letzten Berichten wird sich das Kabinett Giolitti folgendermaßen zusammensetzen: Mnisterpräsident und Inneres Giolitti, Aeußeres Sforza, Justiz Fera, Industrie Alessio, Finanzen Tedesco, Arbeiten Labriola, befreite Gebiete Nainero, Schatz Meda, Ackerbau Michele, Posten und Delegraphen Pasqualino-Vasallo, Krieg Bonorni, Marine Secchi, Unterricht Penezetko Chrose, Verpflegskommissär Sioleri. Vergebliche Bemühungen Dr. Trimborns. Die Sozialdemokraten lehnen ab. Berlin, 15. Juni. Dr. Trimborn setzte im Laufe des heutigen Vormittags seine Bemühungen, eine Regierung zustande zu bringen, fort.- Er verhandelte zunächst mit den- Sozialdemokraten Hermann Müller und Lobe, die ihm auseinander setzten, daß ein Weiterbestehen der bisherigen Koalitionsregierung unmöglich sei und. baß auch sein...Wunsch, die, : sozialdemokrattsche MehrMMraUÄ^Mög^ wenigstens? einen Vertrauensmann in das neue Kabinett.entsenden. Lein t A us sich t habe, von der - Fraktion bewilligt zu werden. - Dr. Trimbonr richtet nunmehr seine Bemühungen darauf, ein. K a b inet t o h ne S o z ia ld e mo kr ate n zu bilden. Hiebei wird viel von dem Verlauf der Fraktionssitzung des Zentrums abhängen, die gegenwärtig stattfindet. Außerdem hat sich Dr. Trimborn heute mit den Führern der D e u t s ch e n V v l k s p a r t e i und der Demokraten in Verbindung gesetzt. Die erstere zeigt sich bereit, an einer Koalition der Mitte teilzunehmen, bei den Demokraten sind die Meinungen geteilt. , Heute nachmittags' trat der Parteivorstand der Mehrheitssozia-ldemolraten zusammen, um zu dem Vorschlag Dr. - Trimborns bezüglich eines neutralen Verhaltens der Sozialdemokraten gegenüber einem Minderheitskabinett der bürgerlichen Parteien Stellung zu nehmen. - Polnischer GeneralstabsberichL. Warschau, 15. Juni. AbjeilunLen der Gruppe des Generals Sikorski eroberten in einem nächtlichen Angriff C z a r n v b y l wieder, das wir vor einigen Tagen geräumt hatten. Infolge dieser Aktion wurden die 72. Sowjetbrigade und die SowjeLinfanLerieregi!- menter 220 und 242 vollständig aufgerieben. 200 'Gefangene und 15 Maschinengewehre blieben in unserer Hand. In. der Ukraine geht unsere U mgruppierung in vollständiger Ordnung weiter. Der russische syrontbericht. Moskau, 16. Juni. (Funkspruch.) Frontbericht. Westfront: Bei Rjeschitza haben die Roten Truppen den Dnjepr überschritten und rücken auf dem rechten Ufer vor. Sstdwestfront: Unsere Truppen halten die Linie Kiew—Korostyn. In der Krim haben unsere Truppen eine Kavalleriedivision geschlagen, den Divisionskommandanten gefangengenommen und Kriegsmaterial erbeutet. Die russische Grenze gesperrt. Kopenhagen, 14.' Juni. .(Tel.-Komp.) „Berlin gske Tidendr" meldet ans Riga: Die Funkenstafton in Kronstadt schweigt seit Donnerstag. Die .russische 'Grenze ist seit Freitag mittags gesperrt. ■■a—iniiiiw um i io» das lebendigste Interesse daran haben nrüßte, mit der politisch kräftigen Arbeiterschaft zusammenzugehen, um den bankmäßig geführten „christlichen Sozialismus", der doch nur der ewige Lakai jedweder Unterdrückung bleibt, in den gebührenden Schranken zu hatten. Wenn sich aber das Bürgertum, mit nationalistischen Liedertexten in das Lager der Christlichsozialen treiben läßt, dann beschleunigt es nur seine eigene Entwurzelung und treibt den Staat in den Strudel der.Sungerrevolteir» System Ungarn. ■ Während uns in täglichen Depeschen' ddr INgarischen Regierungsagentur vorgeschwindelt wird, öaß die Brachialformationen der weißen Mörder aufgelöst'/" werden ultö daß Untersuchungen über ihr TreiKn, ar^gestellt werden, dauert ihre auf die Erweckung des. Magyaren-,, tums gerichtete Tätigkeit fort... Die BerichteHierüher weisen Einzelheiten auf, die fast eine saKsiiM' Entartung eines ganzen Volkes vermutest/Gewiß geschehen diese . Grausamkeiten von Offiziererr Geblüts, aber' was dieser Erscheinung/ dew,'.trHitMst. Stempel gibt, ist. das. schweigende GewAtzenlasftn^de«' gesamten magyarischen Intelligenz. Nn^.d^Mr^Moen. Passivität scheitern alle Anstrengungen.'der/echpopüMm Oeffentlichleit, die BerhülLmss» zu'bessern? Es ist aber notwendig, auch.hapou. zü- -HrWry,' wlrj - die Mitteilungen über diesen ungarischen Krenzzyg gegen!' das Judentum von der jüdischen Oeffentttchkertz ' auf-/- genommen werden. Es muß leider , gesagt, werden, da^. es einzig und allein die jüdischnationale -OrgMsütioÜ ist, die ihre - Bruderpflicht. erfüllt, vor Europa He^ Hnklägtz' erhoben hat und den nach Wien geflüchteten/HpfMr mitz: Rat und Tat .-beifteht. - 'Me' rePräsentyt8ren-"KMä-/dchs' jüdischen Wien, die vielfach mit Ungarn we-rw>änMchaft< ttche Beziehungen unterhalten, also direkt in Mitleidew-s schuft gezogen werden, halten sich abseits und rÄ»eü^nichts> einmal von Sympüchre. Jeder^ aus! BichapesU kömNtest-ch ZuO hrrngtmeue leidende/Zevgdw der: lichnÄionaler Politik.- - Das jMsche PübliWn?-ML?W' einem großen -Teil die „Neue -Freie Presse^-ünb' .hH Steyrermühl-Blätter lieft, findet dort nichts' an tatsäM' lichem Material über die Horthy°Gemeinheiten,' soNdemj' höchstens an irgendeinem katholischen FeierW^albungZ^ volle Artikel, in welchen über ein System gMagt wiM. das die Beziehungen zu Oesterreich erschweM Was jenseits von Bruck geschieht, wird slMinrhast W^HvregW Das liegt sowohl im Interesse dieser Presse, Hch die Ziehungen zu Ungarn immer nur — sagen " wir, börM^ technisch aufgefaßt hat, aber auch im Jntetesse jerqH Sorte vpn Kultusgemeindeführern, die ihr/Kudentüm! verstecken und denen alle Bestrebungen zuwider' sind!, die! Rechte des Judentums auf die Wahrung. tz«w?näcktÄ^ Existenz in den Vordergrund der Diskussion.zu ste^Mr.! Diesen Kreisen, die merkwürdigerweise immep mit'tzÄ nichtjüdischnätionalen Geheimzirkeln identisch, sind, /spriM eigentlich das heutige unparteiische System aus her SeÄ^ Es will den sozialen Fortschritt aufhatten und' UngaHE zur Monarchie znrückführen. Eine Monarchie aber deutet Orden und Titel, Patronessenkränzchen,!aber' auA MMarismus, mit dessen Hilfe man freche Lohnforde-1 rungen von Arbeitern zurückweisen kann. Erst zwar? so ist die Denkweise dieser Auchjuden, bedauerlich,, dM dabei ihre jüdischen Verwandten Leben uyd Gesundheit! verlieren, aber schließlich ist ein Pogrom in UnWn besser! als eine Vermögensabgabe in. Wien. JüdiW,'KErr^! Wähler, denket daran am 27. Junil '? / : > Heute liegen aus Ungarn folgende Berichte vor: . In Szegszard wurde Deal, ein Mann «noj 66 Jahren mit seinem. Sohn und Schwiegersohn. vom. ^e^' Lachement Jankcdich gefangengenomm'en; die drei Mawreri wurden ohne jeden Prozeß gehenkt. Die Tochter^ Deaks würdei gezwungen, mit ihren beiden Kindern der Hinvichllüng ihvezj BaterS, ihres" Mannes und ihres Bruders bäzuwohnen. demselben Orte wurde Jmre Engel auf folgende Werse/Hy^ gerichtet: Es wurde ihm der' Bauch aufA.e.schni.t't-^-«^ der dann mit Salz gestillt wurde. Daraufhin lieh'man^chyq „ruhig sterben". , - ,.' :; i In Kecskemet wurden mehr als 200 Peffime^- don den Offiziersbanden ermordet. Antal Bakony. wurde-mitr noch 36 anderen, deren Namen alle.dem JnLernationolle«! Gewerkschaftsbund bekannt sind, aus dem Gefängnis geschleppt und./ nachfürchterlichen Martern im Walde, von Orgothrntzj . ernnordet. Andere -Personen: wurden mit Steinen - beschwert! und dann gezwungen, in die Theiß zu springen. . - -! - Josef -D u n d e i, Vertrauensmann der } Mrtällaiwxftrr^' wurde verhaftet, nach Salgo-Tarjan gebracht' und in 'dem^ dortigen Gefängnis mit Gewehrkolben „bearbeitet". Hauptmvnni' Reich zwäng ihn unter LebensbedrohunA, : tätlichvor'-' Offizieren zu onanieren. Die Frau des Unglücklichen- Mhtq den Hau'ptmann auf ihren Knien an, 'ihren von fünf Kindern, freizulassen. Der Haüptmann ließ.hi^au^' Dundek aus dem Gefängnis holen, Ihn an Händen und^Fnßsvs knebeln und vergewaltigte die Frau im Beisein ihres'.eigchm^

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