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Wiener Morgenzeitung · 1920-06-09 · Heft 495 (9.6.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 495 (9.6.1920)
Date
1920-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang Dollstündige Absperrung Ungarns vom auslKttdischen Verkehr. Paris, 8. Juni. (Funkspruch.) Der Internationale Gcwerkschaftsverband hat bekanntlich beschlossen, über Ungarn den Bovkott zu verhängen und von Sonntag den 20. Juni an jede Verbindung mit diesem Lande abznbtechen. Nach Begründung dieser Maßregel mit den in Ungar«, verübten Grausamkeiten, die bei weitem die Grausamkeiten des in Rußland gestürzten Zarismus Lbertreffen, wobei eine Reihe von Beispielen anfgezahlt wird, wendet sich der internationale Gewerkfchaftsvcrband an die Arbeiter aller Länder mit der Aufforderung, jede Arbeit zu verweigern, aus der direkt oder indirekt Ungarn Nutzen ziehen könnte. Vom 20. Juni ab toll kein Zug die ungarische Grenze passieren, kein Schiff in ungarische Häsen einlamen. kein Brief, kein Telegramm nach Ungarn und von Ungarn ins Ausland expediert werden. Aller Handel soll unterbrochen werden, keine Kohle, keine Rohstoffe. keine Lebensmittel nach Ungarn Beförderung finden. ' ' Der Internationale Gewerkschaitsverband avvelliert an alle Arbeiter aller Länder, damit sich der Boykott, der im Kriege gegen die feindlichen Staaten und nach dem Kriege gegen die AEiterbewcanng in Rußland angrwendet worden sei. nutz gegen die ungarische Negierung kehre. Dem weißen Terror solle sich der vom W"ltpro!etariat verhängte BWkott entge gen stellen. Unterzeichnet 'ist der Aufruf vom' Präsidenten Appleto n, den Vizepräsidenten'und den Sekretären des Internationalen Gkwerkschastsvcrbandcs. Eine erregte Sitzung der Mgarlsche» Nationa!VLrfäMNlung. Budapest. 8. Juni. Bor' Beginn der heutigen Sitzung der Nationalversammlung herrschte in den Couloirs große Erregung. Man besprach eine Erklärung, die Oberleutnant Hejjas durch' eine L'.'kalßörres"onbenz d>en Blattern zukonrmen lassen wollte, deren Veröffentlichung aber von der Zensur.'nicht grstatt-tzt' worden ' war. Im Zusammenhang damit fand im Parlament ein Mnisterrat statt, der bis gegen-'halb 1 Uhr währte. Erst dann wurde die Sitzung eröffnet. In der heutigen Sitzung der Nati-'nalversammlung Erklärte vor Üebergang zur Ta^esordnu g Abgeorcne'er Huszar in einer längeren Rede unter anderem: Meinend will einen K nslik. zw'schenM'lit'ir und Bürgertum. Aber es zeigen sich gewisse Krankheitserscheinungen kUstd,.es. muß alles aufgeboten. werden, eine Verbreitung b'iese.r Krankheit zu verhüten. Ein - Mitglied der Nationälen Armee, .Oberleutnant Ivan Hejjas. hat einer Ldkalkbrrespondenz eine' Erklärung/ die sich in der Anleitung mit der jüngsten Anmeldung 'des Abgeord-- sttzebm.Drozby, betreffend Verletzung seiner Immunität, befaßt, zur Veröffentlichung in der Presse übergeben. > ' Hejjas spricht in dieser Erklärung auch von ' ihm unterstellten Organisationen. Ich frage - den Honvebmittlfter. über solche militärische Organifali'.nen Oberleutnant Hejjas eigentlich verfügt. Er / beschuldigt seiner einzelne ungenannte Mitglieder der Nationalversammlung, daß sie mit ries igen Geldsummen, er spricht von Millionen, Teile der bewaffneten Macht zur Dnrchmhrung ihrer politischen- Zwecke kaufen wollen. (Große Mwegüng.) Nedne: prq 'estiert dagegen; daß Oberleutnant Hejjas die; Person;des-'.'.Aseichsberwesecs in diese skandalöse ,Affäre ^lnbeziehe, sowie gqgen dis, Droh,ung,. die in dieser Erklärung enthaltsn sei, urrd -schließt: Entweder -ist die.Regierung imstairde, noch heute.'Ordnung zu schaffen, oder siet hat morgen keine 'Existenzberechtigung mehr. (Lebhaf er..Beifall,) - Abgeordneter C'serti (Partei der kleinen Landwirte) führt, .aus; seit drei Monaten befinde .sich in seinem Bezirk' das Osz/enb urg-Deiach?rn en t; er wisse nicht, warum, villlücht deshalb, weil sein Bezirk häbsburgfcindlich sei. Ein OffizlerstelWertreter des. Detache.nen.ts Osztenburg habe den Redner, als er jüngst zu Hause weilte, aufgefordert, eine Rose, die er im Knopfloch trug,'zu entfernen. Als er sich gegen eine solche Aufforderung verwahrte und erklärte, daß er Mitglied bsr Nationalversammlung sei. habe der Offizterstellvertreter erwidert: Wir sind schon mit größeren ' Herren fer i geworden, als mit Mitgliedern der Nationalversammlung. (Nuss: Unerhört!) Eine Person, die zur Umgebung Osztenburgs gehöre, habe den Redner schließlich wissen lassen, wenn ihm sein Leben teuer fei, möge er Budapest verlaßen. (Große Bewegung.) Der Präsident erklärt, die Anmeldung werde ohne jede Debatte dem Jmmunitätsansschuß zugewiesen, der darüber binnen drei Tagen dem Hause zu berich.cn habe. Gin Drama i« Tübrks. ' Selbstmord des deutschen Konsuls. London» 8. Juni. (Tel.-Komp.) Reuter meldet aus Tabris: Das dortige deutsch« Kon s«1 a t wurde von persischen D?mokraten am 4. Juni belagert und die Auslieferung verschiedener dort festgehaltener persischer Bolschewiken verlangt. Der Konsul letz ans einem Maschinengewehr aus die Menge sch testen, die das Feuer erwiderte wu schlietzlich das Konsulatsgebaude erstürmte. Bevor die Menge in das Gebäude eindrang» entleibte sich der Konsul. Vorläufiges Ergebnis der deutschen Wahlen. Berlin, 8. Juni. (Wolff.) Das vorlSvfigs frgebnis auS 331 Mahttrreisen beträgt: sziaLdemokraten 104, Llnabhängige 77,! Deutsche Volkspartei 58. Zentrum 65, Deutschnationale Vslkspavtei 61, Demokraten 43, Bayrische Volkspartei 12, Kommunisten 2. Demission der deutschen Negierung. Wetterführung der Geschäfte. Berlin, 8. Juni. (Wolfs.) Das Reichskabinett hat sich heute mittags um 12 Uhr versammelt und dem Reichspräsidenten seine Demission angebown. Der Reichspräsident nahm die Demission an und bat die Minister, bis auf weiteres ihre G c f ch 8 f t e w e i t e r z u f ü h r e n. Außerdem hat er den Reichskanzler ersucht» darauf Hinzuwirken, daß eine Möglichst beschleunigte Feststellung des Wahlergchniffes erfolgen und die Einberufung des Reichstages möglichst bald ftattfinden möge. Berlin, 8. Juni. (Tel.-Komp.) Tie Parteivorstande der Reichstagsparteien treten Ende dieser Woche in Berlin zusammen. Als erste Partei werden die Mehrheitssozialisten am Freitag eine Parteisitzung im Reichstagsgebäude abhalten. Wiener WahlparM. --y. W i e "frmv Die Deutschen in Oesterreich haben endlich eine Wahlplattform. Der Führer der Christlichsozialen,/ also der einen der beiden Regierungsparteien, der' Abgeordliete Kunfchak. hat sie am Montag abends votz der Treppe des Abgeordnetenhauses proklamiert und eine^ tzüs wiirken Lausend : Studenten- und - Mittelschülern HeHhtzndS Menschenmenge nahm die Parole mit jener ^-gehÄenetr Verzückung auf. die sich immer dann/emftellt.Men'n der . Stimmung der Masse entsprochen tvirb- - - Dre.Meüe^Käff.- role -ist allerdingsnicht ganz neu> . aber - ihre-'Zugkraft- hat sich schon so oft-bewährt, Hatz -man sie'i i^unßr-vpsi . rreuem aus dein übelriechenden Arsenal des/deutschen - politischen Rüstzeuges herausholt. Sie isL/Nahp/un.d; bUdkcüftig: Nieder mit den Juden! Wir /haben .uns , schon oft genug 'damit beschäftigen/ müfse-n./ daß.daZ - deutsche Bürgertvnr. dessen Gehirn durch das- Kriegsgist bis zur Raserei, herwüstet worden ift alle posstiben.Elemente aus seiner politischen Systenmtik entfernt hat und , in diesem, selbstmörderischen Tun mit dem, besinnuntzslosen Sadismus der Verzweiflung versinken will/ Welche aufbauenden Werte können denn darin Iwgen,.weNn hie Führer des deutschen Volkes, die mit der Parole:/ „Gott; strafe England" oder „Jeder Schutz ein Ruß!" den Krieg ' angefangen und verloren haben, heute die Ausschaltung . der jüdischen Mitarbeit aus dem wirtschaftlicheir,.-polfti- ( scherr, künstlerischen. Leben betreiben. Das, deutsche Volk . Hot, dächten wir, 'Feinde genug, uyd die-Ärt> / -Mnx/.PMs^LWasieue. Niäerlage trägteignet, ihm Vertrauen rmd T^ltnhschüft' in'.WMÄt'". zu werben. 'i/'. V''.'A Aber, ob. es, für die deutsche Volksrvirtd.fL' nützlich ist, wenn sie, wirklich, auf. -jühisHen Fleiß und/- jüdisches Kraft verzichten will, darüber nachzudenken,. Mt .unsere Sache/ Wir treten mtr: für das Jüt^Dsse ' des? Judentüms einjupb die Lehenßfragen anderer Haftatten.'-', erwecken^ unsere Alstmerksam.keit ' nur insoweM als. isie.,,- das jüdische Leben streifen. Nun ist es sicher^ Ätz beider Gestaltung der Verhältnisse, nach einem Mieä< best!? nur Schufte oder unheilbar /Irrsinnige dem' Judentrml/- ausschwatzen können, die allgemeine Not in rhrev lc.iion zur jüdischen Existenz ein Doppelgesicht. trägt:'' Das Judentum 'leidet^, wie so . oft -in seiner' Heschichte. ' eben doppelt:, als Teil der. Menschheit und alA'jüdisches ' Volk. Die Versuche, aus dieser Situation durch-die.wolk» . siche oder konfessionelle - Ausgleichung, dürch/jern - Ästf- ' gehen in der Umgebung, zu entkommen, sind'' überall mißlungen. Sie waren nichtvom Willen des gauzÄr Volkes getragen, das sich eben nicht, verlieren will, und sie waren durch ihre negative' Fassung, nicht geeignet, eine merkliche Entlastung^ -zu schaffen. Heute, in der Zeit, wo das jüdische Volk seine nationale Existenz-von neuem aufrichten will und durch die Bildung 'eines ° Zentrums in seinem Vaterland die Vorbedingungen s-ür die Räumung einer unhaltbar gewordenen Pvsition ■ herbeiführen will, sind diese Assimilationsverfuche nicht mehr Ausdruck einer -politischen OpportunitÄ,-sondern einer namenlosen Feigheit. Wir sind uns unserer Geltung bewußt, lvir verzichten auf nichts. Wir wollen unseren Massen einen Abflutzweg aus den Kerkerländern öffnenaber wir werden uns als ein selbstbewußtes Volk durch nichts und durch niemand zwingen lassen, irgendein Recht aufzügeben. Wir bleiben Bürger der Staaten, in denen wir heute leben; wir denken nicht daran, die Minoritätenbestinnmmgen der Friedensverträge als Vorwand für eine Deklassierung gelten z« lassen. Jede Theorie, die uns als Juden für irgendein« Fluchwirkung des Krieges verantwortlich machen will, fordert unseren Widerstand heraus. Es gibt jüdischs Schieber, jüdische Wucherer und jüdische Gelegenheits- Politiker. Sie sind aber lediglich, ebenso wie ihre nicht» jüdischen Berufsgenossen, auf das Konto einer ehr- und pflichtvergesienen Gesellschaft zu buchen, die das Worden. Stehlen und Plündern unter die Sanftion.des gottgewollten Patriotismus gestellt hat. Wir empfinden das Dasein dieser geschäftlichen oder politischen Schieber als eine Schande unbeschadet ihrer sonstigen Volkszugehörigkeit unp die jüdische Abstoinmung ist kein Gnmd, dieses Gesindel anders zu werten als die „arischen", gut christlichen Blutsauger. Alle Bestrebungen, die Korruption judenrein zu machen, können unserer intensivsten Anteilnahme sicher sein; aber da die Sumpfmoral Europas nicht von uns erzeugt worden ist, an« erkennen wir darin keine jüdische Note und werden jeder Tendenz, -re Gelegerrheit zu einem Angriff auf

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