Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 494 (8.6.1920)
- Date
- 1920-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Bon Dr. Paul Weisengrün. r. .; Unter diesem Titel hat der ehemalige Minister Otto Hauer eine-kleine Schrift veröffentlicht, welche auf die Aufmerksamkeit weiterer Kreise/ mit Recht Anspruch /machen kann. Denn es handelt sich hier um ein wichtiges praktisches Problem, um eine soziologische Aufgabe, die auch in das politische Getriebe des Tages eingreift. Die Ansichten Bauers über den russischen Bolschewismus gewinnen noch dadurch größere Bedeutung, daß er die Verhältnisse durch eigene Anschauung kennt und, wenn ich techt informiert bin, in ferner-langjährigen Gefangen- '.schast sich auch die russische Sprache, zueigen gemacht-hat. Es' würde zu weitführen, cy.tf alle, interessanten Aus- Wrungen des Autors einzügehen, aber es sei zunächst versucht, seinen Standpunkt in knappen Umrissen wiederzugeben. ' , / Bauer schildert ganz vortrefflich im ersten Äbschnitt die sozialen Voraussetzungen' der/ russischen Revolution. Pis zum Jahre 1861 war das russische Volk der vollkommenen Leibeigenschaft unterworfen. Es herrschten in diesem großen Reiche ärgere feudale Zustände als in Frankreich vor der großen französischen Revolution. Wenn auch die Reform des Zarbefreiers sicherlich eine historische Tat war. eine wirkliche Hilfe brachte die Aufhebung der Leibeigenschaft nicht. Die Bauernschaft hatte npch immer zu wenig Land und nur einb kleine Milderung der ärgsten fvirtschaftlichen Rot trat in Wirklichkeit .ein, Bauer schildert. ausgezeichnet , den Michälen EhaÄrkter der russischen Lanowirtschast auch mach. Ml, . Er, schält die Bedeutung des „Mir", dieses primitiven russischen Kommunismus, anschaulich heraus und zeigt, wie wenig eine wirkliche Sozialisierung durch diese Einrichtung der urwüchsigen Feldgemeinschaft vorbereitet wurde. Nach einer Schilderung der drei russischen Revolutionen enthüllt uns der Autor die ganze Schwäche der Sowjetmacht gegenüber der Bauernschaft. Am Anfang wollten Lenin und Trotzki eine wirkliche Sozialisierung von Grund und Boden ohne Beibehaltung des individuellen' Eigentums durchführen. Aber Schritt für Schritt wichen sie vor der Bauernschaft zurück. Mit Mühe und Not, sagt Bauer, verhüllte der Bolschewismus seine doppelte Kapitulation, indem er nur den „mittleren Bauern"'zur Mitarbeit ruft und. einer gewissem Dorfbourgeosie noch immer den Kampf ansagt. Zuerst bekämpfte man die mittlere Bauernschäft, um sie dann auch als Proletarier aufzufassen.. In Wirklichkeit hat der individuelle bäuerliche Kleinbetrieb zum zweiten Male vollkommen gesiegt, „er hat", sagt Bauer wörtlich, „die Reste des Feudalismus, zerschlagen und dann den Ansturm des Kommunismus abgewehrt". - Ein, interessantes - Kapitel ist betitelt „Die geschichtliche Stellung. der russischen Revolution". Es handelt sich hier, das Wort Trotzkis zu gebrauchen, um die Entwicklung-der konzentriertesten Industrie Europas auf der Grundlage-der rückständigsten Landwirtschaft der Erdtz, Nun weist-Bauer sehr klar auf den ganzen Unterschied zwischen der großen.französischen Revolution und der russischen Revolution hin. Sein Resümee ist, daß die Voraussetzungen der vroletarijchen Revolution in Best¬ und Mitteleuropa ganz andere sind als im russischen Osten. Die Konzeption der proletarischen Diktatur eines Marx konnte in der großen Umwälzung der Lenin und Trotzki im Jahre 1917 ihre Verwirklichung finden. Aber sie ist aus demselben Grunde auf die proletarischen Bewegungen West- und Mitteleuropas unserer Tage absolut nicht anwendbar. Im dritten Abschnitt werden die Probleme der europäischen Revolution behandelt. Der Unterschied zwischen Osten und Westen wird in einer trefflichen Analyse entwickelt. Währeird im Westen und in Mitteleüropa schon im Schoße der feudalen Gesellschaft ein starkes Bürgertum entwickelt war, setzte diese wirtschaftliche und soziologische Entfaltung in Rußland nicht ein. Cisi starkes Bürgertum hat sich in Rußland weder politisch noch ökonomisch zu entwickeln vermocht. Aber die Entwicklung des ganzen modernen Kapitalisnius/Hat die Verschiedenheit zwischen dem russischen/und dem europäischen Bürgertum noch überaus verstärkt. Es gibt eine ganze Anzahl von Unterscheidungsmerkmalen. Vor allem kennt Rußland einen organischen äutochthoNen Kapitalismus eigentlich nicht. Im Gegensatz zu Mittel- und Westeuropa ist der Kapitalismus in Rußland kein heimisches Gewächs. Mit Recht führt Bauer aus, daß die Kapitoli- 0n blutiger Lag in tiraz. Demonstrationen. — Polizei und Dolkswehr schießen in die Menge. — 7 Trete und 23 Vermrmdete. Graz, 7. Juni. (Kor.-Bur.) Wegen der von den Händlern für Eier im'o Kirschen geforderten Preise, die die Marktbesucherinncn angesichts der starken Beschickung der Märkte zu hoch fanden, kam es auf den hiesigen Marktplätzen zu Demonstrationen, woran sich etwa 2069 Frauen beteiligten, und die namentlich aus dem Jakominiplatzwo sich den Demonstrantinnen auch viele hunderte Männer angeschlossen hatten, zu turbulenten Szenen führten. Sechs einschreitende Wachleute erlitten leichte Verletzungen. Die meisten Geschäfte in der Stadt wurden in der Befürchtung geschlossen, daß die Demonstrationen einen größeren Umfang annchmen könnten; doch blieben diese aus die Märkte beschränkt. Graz, 7. Juni. Nachmittags kam es in der Inneren Stadt und in der zum Hauptüahnhos führenden Annenstraße zu größeren Menschenansammlungen, die bedrohlichen Charakter an nahmen. Es wurde daher die Räumung und Absperrung der Inneren Stadt verfügt und um 5 Uhr nachmittags von Polizei, Gendarmerie und Volkswchr dürchgesührt. An verschiedenen Stellen der Stadt wurden Maschinengewehre ausgestellt. Wegen Widersetzlichkeit wurden Zahlreiche Personen verhaftet. In der Aüuenstraße'^braüge» vorwiegend jugendliche Personen in das Annenyof-Bioskov-Theater ein, wo gerade die Nachmittagsvorstellung begonnen hatte, und richteten im Theaterramn an den Buffets und an den Kassenschaltern schweren Schaden an. Polizei ging gegen die Exzedenten mit blanker Waffe vor, wobei eine Person schwer, drei leicht verlc.st wurden. Ein Wachmann wurde durch eine» Steiuwürf verletzt. Eine andere Gruvpe von Exzedenten, in der sich kommunistisch gesinnte Elemente besonders hervortaten, zog vor das Haus der sozialdemokratischen Partei in der Mariengasse und wollte ins Gebäude cindringen. Mit Hilfe einer Spritze und durch das Einwirken besonnener Leute konnten die Ansammlungen rasch beendet werden. Auf der Stadtbrücke und dem dahinterliegenden Murvlatz sind einige , tausend Menschen angesammlet, die in die Innere Stadt I gelangen wollen. Ein Polizei-, .Gendarmerie- und Mi- ' litärkordo» mit Maschinengewehren hält die Demonstranten zurück. Die organisirte Arbeiterschaft beteiligt sich au den Ansammlungen nicht. Die aus dem Murplatz angesammelte Menschenmenge nahm gegen das die Stadtbrücke albsperrenj» Polizei- und Mlitäraufgebot eine drohende Haltung ein und beantwortete die wiederholten Anfforderuugen des diensthabenden Polizei-Inspektors äuseiüanderzugehcn. mit höhnischen Zurufen und Beschimpfungen. Gegen viertel acht Uhr abends mußte der Befehl zum Schießen gegeben Werden.- Zwei. Personen wurden getötet, 15 verwundet.' Die Dimonstranten, die nach dem Schießen auseinander'- stoben, sammelten sich dann wieder auf dem Muk-, platz und an der Stndtbrücke., die weiterhin gesperrt blieb. > Graz, 7. Juni. Der Befehl zum Schießen mußte von dem Kommandanten der Gendarmerieabteilüng att diese erteilt werden, da die Gendarmerie mit Steine» beworfen wurde und die Menge sich anschickte, die Gendarmerie anzugreifen. Bisher sind s e ch s Todesopfeie zu beklagen. In den Abendstunden begab sich eine vrdnüug der sozialdemokratschen Partei zum Landes* haiiMrnanrr, um gegen den Gebrauch der Schußwaffe durch die Gendarmerie zu.-, protestiere» und die Ein» leitung einer strengen Untersuchung zu verlange»; ob die Notwendigkeit zum Schießen gegeben war. Die Landesregierung hat in den Abendstunden den Befehl zu noch strengerer Absperrung der Inneren Stadt gegeben. Alle Murürücken sind besetzt und der Verkehr zwischen beiden durch die Mur getrennten Stadtteile» ist vollkommen unterbrochen. Graz. 7. Juni. Die Ansammlungen an der Mur»- brücke dauTru um 10 Uhr abends noch an. Die dort posierte Gendarmerie ist fortgesetzt den Verhöhnungert halbwüchsi/er Burschen und rabiater Frauen-aus'A'- setzt. Die Zahl der Todesopfer ist auf sieben gestiegen, und zwar sechs Männer und eine Frau. Von denSchwer^ verletzten wurden 15 in das Spital der Barmherzige» und 8 irr das Landeskrankenhaus gebracht. z :"ij sten, denen die Fabriken, besonders aber die Bergwerke, Eisenbalmen in Rußland geboren/ nicht Russen sind, sondern Franzosen, Deutsche, Engländer, besonders aber Belgier. Nun geht der Autor über zu einer Charakteristik der industriellen Demokratie und weist aufs schärfste den Gegensatz zwischen der russischen und der englischen Entwicklung nach. Er sagt wörtlich: „Ist Rußland der eine Pol der zivilisierten Menschheit, so ist England der andere." Bauer zeigt, daß England mit seiner wirtschaftlichen Entwicklung, mit seiner rein evolutiven Geschichte, mit seiner organischen Eindämmung der extremen Tendenzen des Kapitalismus ein ganz anderes soziales Bild darstellt wie der Sowjetstaat. Er führt aus, wie auf der einen Seite die englische Arbeiterschaft nur langsam und allmählich sichder kapitalistischen Hypnose entziehen kann, während sie ans der anderen Seite in steter Entwicklung doch einen gewissen revolutionären Charakter bekommt. Freilich handelt es sich hier mehr um eine innere Revolution, nicht um ein Streben nach reiner Gewalt. Das englische Proletariat strebt nicht einer einseitigen Diktatur, sondern einer „industriellen Selsistregierung" mit aller Macht zu. „Keine Klasse", sagt Bauer wörtlich,' „freiheitshungriger Persönlichkeiten, keW hochentwickeltes Proletariat wird durch längere Zeit die Diktatur in Staat und Aerkstätte ertragen; die Diktatur kann im modernen Industriestaat bestenfalls nur kurze Uebergcmgsphase sein. Zum Aufbau des Industrial Selfgovernment führt nicht die Diktatur, sondern nur, planmäßige Ausdehnung der Demokratie aus dem politischen Bereich auf den der Volkswirtschaft." Ein sehr interessantes Kapitel sind die' Schlnßausführungen über die deutsche Revolution.- Zwischen. Rußland und England, meint Bauer,-steht Deutschland in jeder Beziehung en der Mitte. Das deutsche Volk hat sich nicht in der Weise wie das russische vom Feudalismus und Absolutismus befreit, aber es i};st auch keine lange Epoche wahrer demokratischer Entwicklung hinter PP. ~a§ deutsche Volk war in dem inneren Wesen zu sehe verknüpft mit dem, ganzen Herrschaftssystem, mit der „Mentalität" des preußischen Militarismus. Aber dieses ganze innere und äußere Herrschaftssystem wurde durch den Weltkrieg definitiv zerstört. Daö deutsche Volk muß sich nun definitiv von den Traditionen und Ideen Bismarcks abwenden. Nur ein Sozialismus, der die gesamte Ideenwelt, der deutschen Nation völlig, umwälzt» der den deutschen Geist völlig erneuert, kann siegen. I» einem gewissen Sinne wird sich dann das Proletariat Deutschlands mit der Sowjetregierung vereinige» können. Aber es handelt sich nur um eine Vereinigung zur gegenseitigen Unterstützung bei dem zukünftigen sozialen Aufbau. „Diese Allianz", sagt der Autor zm» Schluß, „kann nicht, gegründet werden auf die Gleichheit der Methoden des Kampfes und der Herrschaft, -sondern nur auf die Gleichheit des Mutes, der Opfern Willigkeit, des Enthusiasmus ' km Ringen nach dentz Sozialismus." Otto Bauer hot sich auch in diesem Buche M ei» guter Schriftsteller bewährt. Seine Ahrückung vor» Boffchewismus ist eine vollkommene und man muß offen! euKestehen, daß seine ganze .Analme eine gewisse soziologische Großzügigkeit offenbart. Wie sehr rym auch geglückt ist, den Unterschied zwischen russischer und! europäischer Entwicklung, besonders nach der wirtschaftlichen Seite hin, darzustellen, ganz in die Tiefe dcÄ Problems konnte er bei seiner einseitigen marxistische» Orientierung - nicht dringen. Er hat auch , (wenn mich nicht alles täuscht), das rusjiiche Leben nicht ganz erfaßt. Man begreift die große russische Umwälzung nicht, wen» man nicht auch einen Blick zu tun vermag in die russische Seele. Die ganzen Besonderheiten und Eigentümlichkeiten des russischen politischen und ökonomischen Prozesses gehen auf gew''je Vorgänge im Bewußtsein Unterbewi'ßisein der normschen Psyche surutf, die