Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 489 (3.6.1920)
- Date
- 1920-06-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Entente hat sich entschlossen, den Friedensvertrag in'Kraft zu setzen und, ßanächst. den Miederaufbau Oesterreichs mit Hilie von' Krediten zu versuchen, die den Vorrang gegenüber der Kriegsentschädigung' genießen. Die bisher gewährten Kredite werden in ^chatzscheinen konvertiert, aus denen die vorgestreckten Lebensmittel binnen vier Fahren zu bezahlen sind. Oesterreich wird bezüglich seines Realtmd MaterialWtzes unter die Kontrolle der Reparations- Exmission gestellt, verliert die Steuerhoheit und'das Büdgetrecht. Deyn die Note, die'der Staatskanzler tzesteru inr -Finanzausschuß der Nationalversammlung Mitteilte, bestimmte unter anderem: \ „Die österreichische Sektion wird auf Grund der' Instruktionen der Nepdrationskommission in dem Piäße, als dies wünschenswert erscheinen wird> gegebeüensalls die Einhebung von Steuern, Taxen, Gebühren und Meeren Revenuen der österreichischen Regierung itt die Hand r nehmen und be- Esichtigen; ebenso -die Verwendung der so erzielten Mitnahmen: sie wird bei vder, österreichischen Regierung Vorstellungen erheben, um die strikteste'Sparsamkeit in der. öffentlichen Verwaltung zu sichern. Die österreichische Sektion wird , sofort die wirtschaftlichen und finanziellen Derhältnisse Oesterreichs untersuchen und einen Gesamt-- für dessen Wi^deraufrichtsing-yusarbeiten, um, die tyl §ne^eu'-'pd.n Sarüt-GörnlMsJ üpHgösehensn 'Repara- Wen M^ßchei^^.u7-.V?.-M- - &if Oesterreichs wird natürlich schon in Kürze in unsärem gesamten wirtschaftlichen. und. 'politischen Leben Wirkungen zeigen. Der' zu Mahlzwecken von den Koalitionsparteien begonnene Streit, ob die Ver« fqssungsreform mit der Finanzreform zu jun° gieren sei oder -nicht, -wird-.höchst überflüssig. Bor den Absplitterungstendenzen der Lävder wird eine 'chohe, Mauer aufgerichtet und die Anschluß, pgrole' „Ein Reich, ein Volk!" wird banal -abge- Ludert: Ein Land, eine Kassel Die Entente ist endlich hoch zu der Erkenntnis gelangt,' daß Oesterrich'nicht die Kraft besitzt, seine Unterschrift auf 'dein Friedensdokument Au? honorieren....'Hie -zieht, aus dieser Ansicht: aber nicht ötzu . Schluß,' daß der Vertrag von Saint-Germain abgeändert. werden müsie — denn so hohe Mächte dürfen sg ^inen Mißgriff nicht eingestehon •— sondern sie übernimmt es. die Wirtschaft Oesterreichs durch ihre eigenen Organe einzurichten. Das ist ein sehr mühsames Werk, däs -die Entente da aus sich lädt. Sie wird zeigen müssen, ob sie die.Grüüdübel unserer so arg verfahrenen Sitrration kennen gelernt hat: die Verbitterung der arbeitenden und die Apathie der besitzenden Klassen. Die eine bedingt die andere und beide zusammen leiten sich aus der Unmöglichkeit her, zur produktiven Arbeit zu gelangen. 7 Die Währung ist zerstampft und in den Notensümpf flattern jetzt auch schon die Papierzettel der Dorfbiirgermtzister hinein: der Abbau der Preise, der aus verschiedenen Gebieten tatsächlich rm Gange ist. trifft auf mutlose Hausfrauen, denen das Leben eine unerträg-' liche Marter bedeutet; die Menschen haben in fünf Kriegsjahren, in. denen man sie systematisch zum Müßiggang gedrillt hat, die Freude an der Arbeit verloren: die allgemeine Not hat die Seelen so verwüstet, daß jung, und alt heyte in trauriger Würdelosigkeit nür von Liebesgaben aus depi Ausland träumt. Die Elfern, denen hie Sorge für die Familie ehedem freudiger Lebensinhalt war, sind glücklich,, wenn sie die Kinder dem Ausland oder einer ausländischen Mission anhängen können. We soll in diese Verlotterung Ehrgefühl, in dieses Chaos Ordnung, in diese Dergrämtheit Freude zurückkehren? Die.Entente unterzieht sich dieser Ausgabe. Es ist sticht zu, leugnen, daß ihr Anerbieten ■ jedweden traurig stsinylen muß, der die verzweifelten Anstrengungen der fllegierung und der Schichten angesehen hat, die den Maat trägen,,also der Arbeiter und der Kaufleute, ihre When, doch irgendwie die Erzeugung von Gütern zu ermöglichen. Alles scheiterte. Die Regierung ist. haltloh und hat überdies die großstädtische.Presse in seltener Einstimmigkeit, aber alter Einsichtslosigkeit gegen sich. Die Arbeiterschaft hat redlichsten Willen, aber keinerlei Exekutive und der Kaufmannsstand weist immer jvieder auf die Verbrecherwirtschaft der Zentralen, auf die Verständnislosigkeit der Devisenzentrale und auf die geschlossenen Grenzen hin; die öffentliche Beamtenschaft ist Mi großen Teste durch die TsuerunOschrMe M HMf-Sanäen sem-nstneren gegen Oesterreich. Budapes§ 2. Juni. Heute gegen 5 Ahr zog ein Trupp von 30 bis 40 Perfosteu vor das Gebäude der österreichischen Gesandtschaft,, in welchem auch Bureauräume der tschecho» slowakischen Gesandtschaft untergebracht sind. Es wurden Rufer ^Nieder mit d e « Tschechen!NiedermitSe ft erreich!" ausgebracht. Ein Fenster in den Parterrelokalitaten wurde emgefchlagerr. Die Demonstration dauerte nur einige Minute». Polizei schritt ein. Es wurden mehrere Personen stellig gemacht. russischen " ' „ Berlin, 2. Juni. Die „Bofsische Zeitung" meldet ans Kopenhagen: Frankreich hat gestern gegen die Verhandlungen zwischen Llohd George nnd Krassin ProLestiert. Deu französische Botschafter E a m b o n erschien im Ministerium des Aeußern und machte offizieü auf die große Gefahr der geplanten AnnLhernng Englands an Rutzland aufmerksam. (Sfy gab gleichzeitig die Erklärung ab, daß die euglische Politik ans diese« ^j^^Vou.MDWW^nrKt als sehr peinlrch empsnnden wMd> Weitere Konferenzen Mllchen der engtWe» WWMWnM Krassin. Haag, 2. Juni. Nach ehrev Londoner Meldung soll im Laufe der Woche eine zweite Zusammenkunft der Mitgli eder des englischen KabinettS mit Kraffi« erfolgen. London, 2. Juni. (Funkspruch.) Jm Anschluß an die Besprechung zwischen Lloyd George und Kras-- srn wird mitgeteilt, daß Me russischen Experten einen verhältnismäßig langen Aufenthalt in London, nehmen werden. Der wiederaufzunehmende Handel soll sich auf folgende russische Produkte "beziehen: Getreide, Oel, Bauholz, Flachs. Das neu zu errichtende russische Handelsamt in London soll seinerseits den Ankauf von rollendem Material, landwirtschaftlichen, Maschinen. Textilwaren, Kleidern und anderen in Rußland stark mangelnden Fabrikserzeugnissen anstreben. Krassin hat sich, wie angenommen wird, mit dem russischen Außenamt in Verbindung gesetzt, um Einzelheiten über die Lage der englischen Gefangenen in Rußland zu erhalten. London, 2. Juni. kTel.-Komp.) „Westminfter Gazette" meldet, daß die Opposition im Unterhaus Lloyd George ersucht habe, baldmöglichst im Unterhaus eine Erklärung über die Verhandlungen mit Kürass in abzugeben. Die Opposition will wissen, oh tatsächlich esn Friedensschluß' mit Lloyd George beabMigt sei mch wie es sich in diesem Falle-mit der Lieferung vo« Kriegsmaterial an Polen und mit der Blockade im Schwarzen Meer verhalte. Es verlautet, daß. Lloyd George ohne Rücksicht auf einen Teil feiner Ministerkollegen Frieden schließen will. : Lord C u r z.o n will zurücktreten. - ' 1 ' - Denesch in London.; " London. 2. Juni. (Tel.-Komp.) Der tschecho-siowakische Außenminister Benes ch hat gestern, dem Sekretariat des Völkerbundesdie Bitte Lbennittslr. eine Kommission nach Teschen zu entsenden, zur Feststellung, wer für die Unrirhen verantwortlich sei. Benesch hat die Teschener Frage dem Auswärtigen Amte auseinandergesetzt und wird heute eine Unterredung mit Lord- Curzon haben. Er erklärte, daß ein Abbruch der polnischtschecho-slowakischen Beziehungen die Aufregung nur erhöhen würde. Die Tschecho-Slowakei hat den Obersten Rat gebeten, die Volksabstimmung in Teschen zu. beschleunigen. MBaammmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmrnmmitmmHm,! zur Erschöpfung enerviert, zum Teile korrumpiert und treibt bösartige Renitenz gegen das Staatssystem, das heißt gegen die Bevölkerung. Der einzige produzierende Stand, die Bauernschaft, ist finanziell saturiert, schrrldenfrei, und sieht müßig, aber nicht bewundernd das Werk untergehen. - Nun greift die Reparotionskommission ein. Sie .soll die Arbeit wieder eirrrichten, die Fabriken in Gang bringen, die Ernte und ihre Austeilung überwachen, die Gesetzgebung und die Steuerleistirng mit beit Erfordernissen ihrer Auftraggeber in Einklang brmgen. Wenn man's so hört, mag's leidlich scheinen. AM wo wird sie anfangen und wie wird sie, was ja die Hauptsache ist, der psychischen Ueberreizung der verelendeten Massen Herr werden, wie wird sie die Agrarier zur Raison bringen, wie wird sie den Schieberhyänen das Handwerk legen? Ilnd wie Vierden die Faktoren unseres öfferrtlichen Lebens Dr. Renners Mahnung beherzigen, die neue Epoche politisch, wirtschastlich.und sozial werten? Don der Art, wie diese Fragen ans beiden Seiten aufgefaßt werden, wird es abhängen, ob der kranke Mann an der Donau unter der Vormundschaft wird aenesen j können» Die Unterzeichnung des ungarischen Friedensvertrages. Pogromfurcht in ganz Angarn. Bon unsere« Budapester Korrespondenten. Der 4. Juni, der Dag der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Neuilly, gilt in Ungarn als kritischer Tag allererster Ordnung. Es ist den einge-- weihten Kreisen nicht unbekannt, daß die National grmee oder, richtiger gesagt, die Führer der einzelnen Dffiziersdetachements die Situation heute beherrsche« und daß die ungarische Regierung sich als unfähig wies, die Zügel ganz an sich zu reißen. Die wircklichen Führer der Nationalarmee erklären, die Unterzeichnung des Friedensvertrag'es nicht zur Kenntnis nehmen zu können, da sie bei der ' seinerzeitigen Schaffung bei: Armee sich und die von ihnen angeworbenen OfsiFiere l'.nd Mannschaften durch schwere Eide verpstichtebe«, eher von ihrem Leben als von dem effektiven Kämpf für die Wiederherstellung der alten Grenzen der Länder der h?:l'gen Stephanskrone abzutassen. In jenem Arpich-. Schwur, den die durch den Kommunismus entthronte« ungarischen Oligarchen jeinerzest in entworfen 06998354