Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 485 (30.5.1920)
- Date
- 1920-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdischer Sport. Unser Kampf um die Kuttus- ' gemeinde. r. Wien. 30. Mai. Ein alter Kampf kommt nunmehr zum Austrag. ( Schon im Anfang des politischen Zionismus erkannte ' man die Notwendigkeit, daS Bollwerk der jüdischen Koalition, die jüdischen Großgemeinden, zu erstürmen, i um dem modernen jüdischen Volksgedanken die ihm ge-! bührende Plattform zu schaffen und von der Kultusj gemeinde aus an der Regeneration des jüdischen Volkes erfolgreich arbeiten zu können. Schön auf dem zweiten' Zionistcnkongretz von 1898 gab Nördau die Parole ans: Eroberung der Kultusgenreiüdeir.' Damals galt es. den häryischen Feind, der seine Positionen benützte, um den Zionismus mit allen Mitteln zu.bekämpfen und dem die unlauterste Art zu diesem. Zwecke, gut genug war, die assimilatorischen Auch-Juden und die ihnen dienstbaren Protestrabbin'er abzuschütteln, 'die gegen'den Zionismus ihren Patriotismus ausspielten, mm ersteren so m' den Augen der.Mächtigen verdächtigen'. M..können... M .! dieser Zeit war es, daß Herzl feinen klassischen Aufsatz von: „Mauschel" schrieb, in dem er den Typus der feigen ' antizionistischen Ghetto-Kreatur, die\ vor der Möglichkeit einer Erhöhungdes jüdischen. Lebens -zurückbebt, in unvergänglicher Linien festhielt. - Es war Herzl selbst, der den Kampf um die Wiener Kultusgemeinde aufnahm und führte. Sein damaliges Organ, das. in Wien herausgegebene , zionistische Zentralorgan „Die Welt", übte fortwährend Kritik an dem. kaulen System der Wiener Wirtschaft und es genügt, jene mehr als 20 Jahre alten Blätter nachzulesen, um zu. erkennen, wie wenig sich diese Methoden im Grunde geändert haben. Um sich vor einer Niederlage zu schützen, führten die damaligen Machthaber, „liberal" wie sie waren, die Kurie der Höherbesteuerten ein: Ein Drittel von allen 36 Mandaten wurde jenen reserviert, welche in der Lage waren, über 200 Kronen Kultussteuer zu bezahlen,, das heißt also, die denwkrotische Opposition war von vornherein erdrosselt und die Vorherrschaft des GetdsackeS gesichert. Der auch bis dahin herrschende Grundsatz, daß der reichere Jude auch der bessere sei, wurde im Statut festgelegt. Trotzdem brachte schon im Jahre 1900 die Ovvositionvier Mann in die Stichwahl, von denen zwei in die Kultusstube einzogen, wo sie jedoch durch eine starre und verstockte' Mehrheit an jeder. ersprießlichen Tätigkeit gehindert wurden. Bei den Wahlen von 1902 verbündete sich der Kahal mit der „Israelitischen Union" und den antizionistischen Sozialdemokraten und die' Brutalitäten der bei den Wahllokalen aufgestellten bezahlten Büttel taten das übrige, so daß die Zionisten eine Niederlage erlitten. Der Tod Herzls im Jahre 1904 erschütterte das Gefüge der zionistischen Organisation derart, daß ein Wahlkampf unterblieb. Die damaligen Offiziellen überkam jedoch nun ein leises Gefühl für die nndemokraüsche und unjüdische -Ordnung, die sie geschaffen hatten, und ihr offizielles Wahlprogramm versprach „behufs Erweiterung des Wahlrechtes die Festsetzung des obligatorischen Steuerminimnms auf 10 Kronen" — ein Beschluß, der bisheute nicht erfüllt ist! Beim Wahlkampf von 1906 wuchsen die oppositionellen Stimmen schon so . bedenklich an, daß der Führer der Offiziellen Dr. Stern in die Stichwahl gedrängt wurde. Das konnte so nicht weitergehen. Darum brachte der Kahal 1908 den Wahlrechtsraub-Paragraphen 2 b aur Anwendung, der besagte, daß jeder vom aktiven Wahlrecht ausgeschlossen sei, der nicht außer den Steuern der zwei Vorjahre innerhalb der Reklamationsfrist die Steuer des laufe,rden Jahres bezahlt habe. Es war ein probates Mittel; bei der Opposition wurde gar nicht emkasiiert und zehntausende Steuerzahler verloren so ihr Wahlrecht. Als die Empörung über diese unqualisizverbare Handlungsweise nicht verstummen wollte, versprachen die Offiziellen in ihrem Wahlaufruf, „die Wahl- Achnnng ist nach der Richtung zu ändern, daß die Be- Warschau, 29. Mai. (Funkspruch.) Frorttbericht vom 28.Mai. Zwischen dem Raratsch^ fee und der oberen Berefina ermatten die feindlichen Angriffe, denen durch G e g e ttij augriffe unserer Truppen erfolgreich entgegengetvirkt wird. Wette« südlich versucht der Feind an verschiedenen Stellen die Beresina zu überschreiten, besonder « harte Lrampfe sind südlich vonBorissow und bei BohrnS^ Die feindlichen Anstrengungen schlugen fehl. Am Brückenkopf von Kiew -etderseitzg«! Ausklärungstätigkeit. Der russische Froutbericht. Moskau, 29. Mar.. (Funkspruch.) In der Richtung Swenzjany wurden einige Ortschaften nördlich von Postawy erobert. In der Richtung Moloöetschno wurde die D w i n o s f a überschritten, K r i w r t f ch i und D o lg i n o w wurden erobert. K r a j s k, 45 Werst nordöstlich von Molodetschno, wird angegriffen. Bei der Mündung der Uscha versucht der Fein^Wsere Truppen in die Berefina zu treiben, seine Angriffe schlugen fehl. Unsere Fluggeschwader haben die Bahn Byrissow-^-Minsk mit Bomben belegt. In her Richtung Jgumerr wurden feindliche Angriffe abgewiesen, der. vom Feinde. versuchte Uebergang über die Berefina gehindert. Im Gebiet von Kiew führen unsere Abteilungen' auf dem linken Dnjeprufer einen erbitterten Kampf um die befestigten Stellungen des Feindes/der sehr hartnäckigen. Widerstand, leistet, namentlich im Zentrum, dessen, vorderste BefestiguMslinien §m Gebiet von TäfüWMä haben nnserö LrnPPen ' den Widerstand des Gegners gebrochen, die Stadt Tara s ch t s ch a und eine Reihe von Ortschaften 40 Werst nordöstlich von öisfte Stadt besetzt. . Warschau im Verteidigungszustand. Basel, 29..Mai. (Privat.) Die „Daily Mail" mi den aus Warschau, daß die Stadt irr den VerteidÄ gungszustand gesetzt wurde. Die polnische Regiert hat mehrere Reservefahrgänge zu den Waffen geruft In Warschau verkünden Anschläge, daß das polnisch -Heimatland durch.das bedrohliche HeranrückeN-Lolschj wikisch-russischer Heeresteile in Gefahr gebracht- \ttk Die Bahnlinie nach Warschau unter Arttsi^ feuer. Basel, 29. Mai. (Priv.) Die »Times" wilden, daß'* Polen ihren strategischen Rückzug fortsetzen. Die Bo' haben die Front Wilna—Minsk langsam vorgeschoben und \ schießen die Vorstädte von Minsk mit schweren GeschLtzeni Eisenbahnlinie nach.Warschau liegt unter bolschewikischnn. leriefeuer. Kundgebungen in Lonvou. , Beplitt, 29. Mai. (Korr.-Bur.) Wie HöllanW Nieuws Bureau aÜZ Lö n der p o l n i s ch e n G e f a n d t sch a f t in Londw A r b e r t e r L u n d g e b u n g e n gegen den n« Krieg mit Sowjettußland statt; d'Annunzio hat Sussak besetzt. Paris, 29. Mai. „Petit Parisien" meldet: d^Annunzio bemächtigte sich an der Spitze seiner Heißsporne S u s s a k s. Der Zwischenfall, dessen Folge« unberechenbar sein können» hat plötzlich die italienisch-s n g ofl«wischen Beziehungen sehrverwirrt, in einem Augenblick, wo die beiderseitigen Verhandlungen wieder ausgenommen worden waren. Die iugoslawische Regierung ließ die italienische Regierung sowie die Alliierten wissen, daß sie sich mit Gewalt jeder Handlung widerfetzen werden, die gegen ihre Völker unternommen wird. Der Aufstand der Nattonattste». Mustafa KemaL Pascha rüstet. " Berli«, 29. Mai. (Korr.-Bur.) Die „Bö" fische Zeitung" meldet aus Lugano r M „Seeolo" aus Saloniki berichtet, ziehe SS t stafaKemalPascha seine Truppen. der Küste des Marmarameeres zusamm, Er plane mit 70.000 Mann eine» Angrifj gegen Griechenland. Auch in -er-, schiedenen Teilen Kleinafiens sammeln sich türkische Nationaltruppe«, um gegen Mesopotamien vorzugehen. .• .-;jp stimmungen für die Erlangung des aktiven Wahlrechtes eine wesentliche Erweiterung erfahren", und Dr. Stern verkündete im November 1908, die Reform werde in wenigen Wochen.beschlossen werden. Dieses Versprechen ward aber auch nicht eingehalten und noch im. Wahlkampf des Jahres 1910 mußte ' dex. Wahlrechtsraub- Paragraph den. Offiziellen den'knappen Sieg ermöglichen, indem man von 27.000 Zensiten nur 13.000 zur Wahl zuließ. Jetzt wurde der Schandparagraph beseitigt und die „freiwillige" Zehnkronensteuer eingeführt. Im Jahre 1912 versuchten es die Zionisten mit einem Kompromiß. Man kennt den Kampf, den die zionistischen Vertreter Abgeordneter Stricker und Doktor Ehrlich führten,' und ihre vergeblichen Versuche, die - Kultusgemeinde in demokratischem. Sinne zu reformieren. Die Offiziellen führten stets das gleiche Manöver auf. Vor der Wahl machten sie alle. möglichen Versprechungen, die nachher ohne Skrupel gebrochen wurden. ' Wie wenig die Kultusgemeinde während des Krieges ihren Mann stellte, wie gröblich sie ihre Pflichten in her Fürsorgefrage für die Flüchtlinge verletzte, steht in; allgemeiner Erinnerung. Als nach dem allgemeinen Zusamnrenbruch alle reaktionären Gebilde verschwanden, hofften alle mödenijüdischen Elemente, daß auch die jüdische Reaktion in der Seitenstettengasse abtreten werde, und als eine Soldatenversammlung die Forderung nach Demokratisierung der Gemeinde erhoben hatte, kam es zu Verhandlungen mit den Jüdischnationqlen.. Das Ergebnis war, daß , Dr. Stern zurücktrat, eine Vermanenzkommission zur Abfassung einer dernokratifchen Wahlreform eingesetzt; wurde. und der Jüdische Nationalrat drei Mitglieder! designierte. Das schmähliche. Verhalten, der Mehrheit, drÄ - infolge der von den Jüdischnationalen geübten MöAi gung wieder kühn geworden.war und die Reform tnis allen Mitteln zu verschleppen suchte, bildet das vorletzter Kapitel in der unrühmlichen Geschichte der Wiener schen Hertretung. (Das letzte wird durch den völligem Zusammenbruch aller Jnsütutionen und den Streik b&\ ( hungernden Beamtenschaft ausgefüllt.) Endlich kam dis „Reform" zustande und ihr Ergebnis zeigt den Geish der herrschenden Mehrheit in vollster Beleuchtung k Keitrj allgemeines Frauenwahlrecht, kein passives Wahlrecht fiter. Beamte der Gemeinde, Minimalzensus von 20 Krönenj und das Erfordernis der österreichischen Staatsbürgers schaft. Das Ziel ist erreicht: Die Ostjuden sind von detj jüdischen „Brüdern" in der Kultusgemeinde des Wahl^' rechtes beraubt, sie sind damit von ihnen als. unwürdig erklärt worden, in jüdischen Fragen mitzusprechen, ünd' als minderwertig stigmatistert. - So findet eine lange Epoche jüdischer Paschawirtschaft ihren würdigen Abschluß: Die Wiener Kultusgemeindeverwaltung zerreitztz das Band der jüdischen Einheit, sie sagt sich von de« Brüdern aus dem Osten los und macht sich die Draxist des österreichischen Antisemitismus zu eigen! Ganze 6 Prozent der Wiener Judenschast kommen im Zeitalter der herrschenden Demokratie dank der „großzügigen*! Wahlreform - zur Urne — 17.000 von 290.000! Abet auch sie werden ausreichen, um den morschen Bau in der Seitenstettengasse zu Falle zu bringen, damit endlich^ . die Wiener Kultusschande auf ewige Zeiten verschwinde;