Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 479 (23.5.1920)
- Date
- 1920-05-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2979076-2979416-2979557--04229-2989948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Heae 4 Wien- Sonntag ^-; ja'ri..».. »■'■—•'"-:-■—— **• schuldigt werben konnte; zum Teil waren fromme :\u&n 7iur deswegen fsstgenommen worden, weil sie am Sabbat iare DrZweiZpaPiere nicht bei sich trugen. So mußten auch alle Gesangenen sofort befreit werden. Obzwar sich berauSgestellt hatte, daß hier völlig Unnlniidlge grundlos in unmenschlicher und rechtswidriges Weise gequält worden waren, wurde einen Monat' 'Vater von der Berliner Polizei das Unternehmen wiederholt. Wieder wurde' eine Razzia vorgenommen, wieder wurden über 200 Personen verhaftet und wieder mutzten die Verhafteten mangels jedes Schuldbeweises frei-- gegeben werden. Es zeigt sich, wie sinnlos diese Art Judenverfolgung ist. Das Arbeiterfürsorgsamt hat jetzt von den Behörden die Zusicherung bekommen, daß sich derartiges nicht mehr ereignen wird. Hoffentlich ist dieser Versicherung zu trauen, trotz der Anarchie rn den einzelnen Behörden und Stellen, die jeden General oder. Polizeirat selbständig ohne Regierung handeln läßt. Das Anwachsen des Antisemitismus verfehlt in Deutschland sogar seine erzieherische Wirkung auf das deutsche Judentum. Die deutschen Inden meinen sich am besten dadurch schützen zu können, daß sie den Haß aus die Dsiiuden ab leiten. Dis liberale Presse, mit dem „Berliner Tageblatt" an der Spitze, sekundiert meifnr« hast dieser Taktik. Natürlich ist die. Wirkung eine entgegengesetzte. Auch die offiziellen Körperschaften des deutschen Judentums regen' sich nicht. Trotz der Entscheid» ng von San Nemo, trotz der Anerkennung der politischen Existenz der jüdischen Nation, lehnen die --irti'ckcn Juden die Gemeinsckmft mit dem Weltjudentum ab. Tie Berliner Kultusgemeinde hat sogar abgelehnt. eine Synagoge für einen Gottesdienst der MiZrachi zur Verfügung zu stellen, und der Zentrawerem protssttwt in aller Oeffentlichkeit nach wie,vor gegen den Zionis?' mus. Es ist zu hoffen, daß durch eine umfassende zroulstisme. Aufklärungsarbeit auch in die Köpfe ' dex beijtfdicn Juden Licht kommen wird. Sie werden dir Pflicht erkennen, die der gegenwärtige Wendepunkt der üdischen Geschichte ihnen auferlegt, und werden ihreFüku^r un Stiche lassen. Gelegenheit dazu ergibt sich bei dein bevorstehenden Wahlkampf zur jüdischen Repräsentantenversammlung, in den die Zionisten als jüdische Volks- Partei eingetreten sind. Die Wahlen sind auf den 20. Juni angesetzt und es ist zu erwarten, daß zum ersten Male zionistische Vertreter in die Berliner Gemeinde einziehen werden. Hoffentlich wird es .ihnen geangen, dort einen neuen Geist zu erwecken, v- Der Vrrdapefker Pogrom. Vergeblich' leistet die „Neue Freie Presse" den Horthy-Buben in Ungarn Vorspanndienste, indem sie in einem jesuitisch stilisierten Dementi die täglichen Uebsrsälle auf Juden in Abrede stellt und dadurch den magyarischen Räubern und Mördern vor dem Ausland die Mauer macht. Der letzte Pogrom vom 14.H.M. wird jetzt auch von den ungarischen Blättern zugegeben und die Negierung'sorgane sind gezwungen, zu dem lächerlichen Äuskunftsrntttel zu greifen, Saß die Ausschreitungen ein Werk — der Wudapester Agenten der nach Wien geflüchteten Radikalen gewesen seien. Tatsache jedoch ist, daß die Opfer durchwegs Juden sind, daß, soweit bisher bekannt geworden ist, drei bereirs ihren Verletzungen erlegen sind. »Mccsi Magyar Uflag" stellt auch fest, daß die Brachialgewalt sich am Pogrom beteiligte, was schon daraus hervorgeht, daß von den gestern genannten neun Schwerverletzten sieben Brief aus Palästina. Bon Dr. A. Mibashan (Jaffa). Die Nachrichten aus San Remo, betreffend die Zukunft Palästinas, haben auf die hiesige Bevölkerung infolge der letzten Ereignisse nicht den vollen Eindruck gemacht. Die europäischen Leser wissen, daß die Gefahr einer völligen Vernichtung der Zionistischen Bewegung unb der Arbeit von anderthalb Generationen durch die ungeschlachten Hände einer unwillig gewordenen Soldatenherrschaft im Heiligen Lande sehr nahe lag. Nach den Erzessen in Jerusalem kam der Prozeß Jabotinskys und seiner Freunde von der Selbstwehr, um zu bezeugen, daß die hiesigen militärischen Organe sich alle Mühe geben, den edlen Ruf Englands zu schänden. Die jüdische Bevölkerung hatte infolge des unerhörten Urteils spruches gegen die Selbstwehrlente einen allgemeinen Fast- und Trauertag beschlossen. Dieser wurde am 20. April in ganz Palästina auch streng eingehalten. Indessen langten gerade an diesem Tage die guten Nachrichten aus San Remo an und so wurde der Trauerlag zu einem teilweisen Freudentag. Anfangs war die Begeisterung über die Meldungen von der Friedenstonferenz sehr groß und fremde Leute umarmten-sich mtf der Straße. Jedoch verhehlt man sich hier nicht, daß die Juden dadurch, daß die Konferenz die Balsour- Deklaration in den Friedensvertrag mit der Türkei ausgenommen, noch nicht alles erreicht haben, was ihnen versprochen wurde. Immerhin hat die Nachricht aus San Nemo und das Echo der gewaltigen Protestaktionen des -Auslandes gegen den Jerusalemer Judenkrawall aus die hiesige Behörde eingermaßen eingewirkt und auch die Araber, welche durch die falschen Vorspiegelungen mancher Verwaltringsbeamten ausgehetzt worden waren, beginnen einzusehen, daß sie sich jetzt mit den Juden aus freundschaftliche Art werden verständigen müssen, da die Absichten, welche die Exzesse veranlaßten, io schmählich mißlungen und die Antwort der Welt daraus die Anerlcnnuncr der Deklaration.Balsour? war. Wiener Mvrgenzeitung 23. Mai im An unsere i». 1. Abonnenten! Oesterr. Postsparkafsenstonto 150.893. — Tschechoslowakischer Postsparkasseverkehr 150.893. ZahlsteVe für Polen: Lombardnnd GsKvmptebanK,' Kralrau» Rynek 12. . Wir ersuchen, die Abonnementserneuerung rechtzeitig vorzunehmen. damit in der Zustellung der „Wiener Morgenzeitung" keine Unterbrechung eintrete. BezugsgeLLHrern Für Wien und Deutschösterrekch: monatlich Kr. 25, vierseljährrg Kr. 75. Für die Tscheche- Slowakei: monatlich Kr. 10, vierteljährig Kr. 30 Lschecho-slow. Währung. Für Jugoslawien monatlich Dinar 6, vierteljährig Dinar 18» Für Polen monatlich 25 poln. Mark, vierteljährig 75 pol«. Mark. Für das übrige Ausland monatlich Kr. 35 österreichischer^ Währung. . 'Einzelexemplare Kr. 1. Wir Giiteti, urrs die Abonnementbeträgr durch dir bezügliche Postsparkässenümter und dort, wo dieser Vorgang nicht möglich ist, durch eine Bank, welche mit Wien Verbindung hat, zukömrneu zu lassen. Dir Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung" Wien, 2. Bezirk, Taborstratze 1 bis 3. von Säbeln her rührende Verwundungen aufweisen. Die Gendarmerie, die nach der Meldung des Wachkomcmdanten gegen die Pogromhelden aufgeboten wurde, e'Ate den Ueberfallenen nicht zu Hilfe, sondern half den, Offizieren der Brachialformaiion und den „Erwachenden Ungarn" wacker mit. Erst als die Polizei erschien, wurden die Horthh-Buben vertrieben und acht von ihnen ans das Polizeipräsidium gebracht, wo. sie sich mit der Mitgliedskarte des Vereines der „Erwachenden Ungarn" äuswiesen. Daraufhin ließ ma sie sofort frei. In der Provinz wurden die Pogrome unter dem Vorwände „Gründungsversammlüngen der ,Liga für die territoriale Integrität'" veranstaltet. In K k skörös erschien der als der Massenmörder von Kecskemet berüchtigte Oberleutnant Ivan Hejjas, hielt auf dem Marktplatz eine Versammlung und versprach, daß niema ndem etwas geschehen werde, der Juden erschla ge und beraube. Darauf:stürzte sich der Pöbel auf die jüdischen Bürger und plünderte sie aus. In Kiskunhalas wurde der Kaufmann - Alexander Schwartz von einer Abteilung, des Oberleutnants Tassy mit Gummistöcken Lalbtotgeprügelt und dann nach Hause gejagt. Am anderen Morgen fand man seine Leichs auf einer benachbarten Wiese. Dasselbe Schicksal drohte dem Advokaten Prager, der aber zu flüchten vermochte. Darauf fielen die Horthy-Wuben über seinen Bruder Alexander her, prügelten ihn und brachen ihm die Glieder mit Eisenstöcken. Darauf führten sie mit dyn Bedauernswerten zum Vergnügen des Oberleutnants Tassy ein „Probeaufhängen" vor. Alexander Prager ist bisher noch in der Gewalt der Mordbu'ben. Aber natürlich ist das noch lauge nicht alles, was die Zionisten von der britischen Regierung und der Welt verlangen. In allen Versammlungen, die am oberwähnten Trauer- und Freudentag abgehalten wurden, nahm man einstimmig dieselbe Resolution an, die besagt, .daß die palästinensische. Judenheit und daß Judentum der ganzen Welt von Großbritannien in erster Linie ibte strenge Bestrafung der Materiellen und moralischen Urheber der Verbrechen in Jerusalem verlange, ferner .' Gerechtigkeit für die Verurteilten mit Jablotinsky an der. Spitze, Ersatz für die materiellen Schäden der Exzesse, Absetzung und Bestrafung der stark kompromittierten militärischen Behörden im Lande und Ersetzung derselben durch eine gerechte Zivilverwaltung (Soll ehestens erfolgen. Die Red.), Oeffnung 'der Landesgrenzen für eine geregelte und zunächst kontrollierte Einwanderung, Erteilung der für den Aufbau des Landes nötigen Konzessionen usw. Diese Forderungen sind so selbstverständlich, daß sie auf die englische Oeffentlichkeit ihren Eindruck nicht verfehlen werden. Indessen hat aber die Bevölkerung Palästinas noch . gar manche Schwierigkeit durchzumachen. Die Lage in Galiläa ist sehr beunruhigend. Die offenbar von Damaskus aus instruierten Beduinen treiben ihr Raubwesen in der Jordanniederung seit Wochen, stehlen, überfallen, morden, greifen gelegentlich auch britische Posten an, während die militärische Behörde aus Gott weiß welchen Gründen zunächst passiv zuschaute und sich über die Raubmordes „berichten" ließ. Erst als die Beduinen, in der Annahme, daß man sich vor ihnen fürchte, Eisenbahnen und Bahnstationen anzugreifen begannen, erteilte die britische Militärkommandantur den Befehl zur Abwehr, und dann gelang es freilich, die Tiberiasseegegend sofort zu säubern. Jetzt ist starke militärische Bewachung in der Gegend vorhanden, nachdem mehrere jüdische Kolonisten, darunter auch eine Frau, , ums Leben gekommen find. Die Ueberfälle wiederholten sich, dann an anderen Stellen, so auf den» Kanaan bei Rosch-Pinah, in''der Umgebung von Mesha, in der Nr. 479 (Sin Geständnis des ungarische« Gesandte« in Wie«. Horthq ist ohnmächtig. Der Wiener Korrespondent des „Daily Setctb" melde? seinem Blatte unterm 15. d. M'., baß die nach Ungarn entsendete Delegation der britischen Arbeiterpartei unter Führung I. C. Wedgwoods vöv ihrer Abreist von Me» nach Budapest sich bei dem ungarischen Gesandten in Wien über die Zustände in Ungarn informieren ließ. Der ungarischr Gesandte habe zugegeben, daß Horthy ohrrmächti g sei» seine Truppen zu kv sttrollitzren. Die Delege.ii0.-f sah einen Juden namens Hacken au, der vonungarischen Weißen Terroristen brutal verprügelt -wurde; seine Wunden sind jetzt noch nicht verheilt. Die ungarische sozialdemokratische Partei (gemeint sind wohl die in Wien weilenden Emigrantender Partei. Änm. der Red.) besitze eine Liste" von Namen und Adressen Taufender von Opfern und die Beschreibung der Umstände, unter denen sie ermordet, eingekerkert und — gefoltert wurden. Das Rechtsschutzbureau der Partei sei im Besitz von 92 Protokollen mit unter.Eid abgegebenen Erklärungen der Betroffenen oder deren unterrichteten Verwandten. Diese eidlichen Aussagen enthalten Mitteilungen über Morde an Lebendigbegrabenen, über Kastrierungen, über Ausreißen von Fingernägeln und ähnliche Grausamkeiten. Oberst Wedgwood über Palästina und; Zionismus. Unter Führung des Unterhausmitgliedes I. C. Wedgwood hat sich bekanntlich eine Delegation der englischen Arbeiterpartei, einer Einladung der ungarischen Regierung Folge leistend, nach Ungarn begeben, um sich über die durch den Weißen Terror geschaffenen Zustände an Ort und Stelle zu informieren. Oberst Wedgwood, dessen Palästina.- Freundschaft aus den wiederholten Anfragen wegen Beschleunigung der Durchführung der Balfoue- Dek lara tivn bekannt ist, hat seine Anwesenheit in Wien dazu benützt, um den Qberrabbiner Dr. Chajes, dessen hervorragende- Tätigkeit er bereits kannte, persönlich kennen zu lernen unb sich mit ihm über allgemeine jüdische Fragen, insbesondere aber über Palästina und den Zionismus, auszusprechen. Jas Gespräch kam leicht in», Fluß, denn Oberst Wedgwood beglückwünschte den Wiener Qberrabbiner zu dern herrlichen Erfolg des Zionismus; sein Gesicht strahlte, als er von „unserem" Palästina, von all den schönest Möglichkeiten für die Entwicklung der zu schaffenden nationalem: Heimstätte der Juden aus ihrem alten heimatlichen Boden sprach. Berechtigter Stolz, um den ihn gar mancher Jub6 beneiden könnte, klang aus seinen Worten, als er von seinem; Anteil-an der Herbeiführung des Sieges der gerechten Sache; des jüdischen.Volkes und von der Tätigkeit des interfraktionellen zionistischen Klubs im englischen Parlament sprach, dem ein Jude angehört. Auf die Frage des OberrabbinerH Dr. Chajes, welcher Gesichtspunkt ihn zudieser so dänkmrswerten Stellungnahme für die Forderungen der Zionistest geführt habe, erklärte Oberst Wedgwood, daß er aus. dev inneren Üeberzeugnng heraus handle, daß das jüdische Volk, einen so mächtigen, für. die Menschheit wichtiges Kulturfaktor darstellt, daß es ein Segen auch für die., übrigen Völker wäre, wenn diesem Kulturfaktor die Bedingung gen geboten werden, die höchstmöglichen Leistungen zu voll-, bringen. Oberst Wedgwood gab seinem aufrichtigen. Schmerz über die Verurteilung des um die Palästinasache -hochverdienten Jabotinskh Andruck und sprach die;. Hoffnung aus, daß die neue Verwaltung in Palästina die ver-! schiedenerr Mißgriffe der Militärverwaltung gutmachen werde«! Nähe von Sichron-Jakob, wo einige Kolonisten wiederum! j ums Leben gekommen sind, usw. Ueberall kommt blej militärische Hilfe einige Stunden zu spät, so daß die. Panik im Lande noch nicht aufgehört hat. Außerdem" ist die Haltung der Behördcrt auch in den größeren. Zentren sehr unfreundlich. Im offenbaren Bewußtsein^ daß sie bald.das Land lverden verlassen müssen, bemühen sich die englischen Beamten oder -ein großer Teil derselben» den Juden bei jeder Gelegenheit eines auszuwischen. Die Zensur über die Zeitungen wird in einer skandalösen. Weise ansgeübt, so daß sogar offizielle Telegramme der britischen Zentralregicrung sticht zugelassen werden, weil sie von' der jüdischnationalen Heimstätte handeln. Einzelne Offiziere haben mit den Wühlereien bei den Arabern, besonders in Sichern (Nablus), noch, immer nicht aufgehört, und im allgemeinen ist die Sllmmung noch g e drück t. 'In Liesen ereignisreichen Zeitpimkt fielen auch die Wahlen zur Delegiertenversammlung sin ganzen Lande. Einmütig und mitseltener Entschlossenheit ging die ganze Bevölkerung des Landes zur Urne', obwohl die orthodoxen Kreise mit einigen Jerusalemer Rabbinern an der- Spitze gegen die Wahlen Front machten, weil sie 'sich mit dem Frauenwahlrecht nicht befreunden wollten. Die Resultate zeigen eine sehr starke Beteiligung namentlich der mittleren und Linksparteien sowie der Fraueir, die zum erstenmal in Palästina an die Urne durften.. Es werden an 250 Delegiete in die Versammlung, kommen, von denen zirka 35 Prozent aus Anhängernder A r b e i t e r p a v t e i bestehen. Auch die Sefardim. sind ziemlich gut vertreten. Die Oeffnung der Urne gestaltete sich. überall, zu einem kleinen Feste, in Jerusalem wzwde sie zugunsten des Nationalfonds versteigerte In allen Wählern, auch den weniger gebil-. deten, war das Bewußtsein, daß eine neue Aera beginne,, sehr fltark. Die an die Versammlung geknüpften Erwürtungen gehen namentlich in der Richtung einer strafferen Organisation des jüdischen Lebens im Lande und einer endlchen Verständistuna Hut. der „arabischest Bevölkerung, \ k