Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 478 (22.5.1920)
- Date
- 1920-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite U Wien, 1 PolitischeNundschau. Die „Reue Freie Presse" hilft den PogromlerrLen. Mau mus; voll Toten schlecht r-oden, rverm ihr« Uu'cit Taten wcitcrwirtcn. Moritz Benedikt, der Herausqeörr der „Neuen Freien Presse", war Protektor der mörderischen Hvrthy-Änechte und hat, wie in diesem; Platte bereits bcrichtct wurde, alle Bitten, über.die »In.iigrn Iudcnver>'!)lguugLN ivenigstenS objektiv zu be- -ichLen, gtutt abqelehnt. Er hat zugegeben, daß er von >en gräßlichen Zuständen unterrichtet sei, und erklärte, >es; er sich trotzdem nicht veranlaßt suhle, über diee'ben zu berimteil, roei! das seinerl Lieblingen, den lilgarjschcrl Aristokraten und Bankleu-en, im Ausland 'chadcn köilnte. AIS Moritz Bsneditt starb, hat sein Lohn und Erbe gelobt, daS Blatt im Sinne des BalerS ueiterzuleiten. Er begnügt sich nicht damit, fein Vorvrechen gu erfüllen, sondern - der gurr jüdische Sohn o-emüht sich, den Verstorbenen zu überrreifen. Die „Neue Freie Presse" betreibt die Förderung der Antisemiten, nnonderS der magyarischen Pogromisien, zynischer nrM ntensiver denn je. Von Ungarn klingt wieder dü:!?ur,de von greulichen Mordtaten, an unschuldiaen^udeu verübt. Sofort bringt die „Neue Frei?" an der Spitze ->es .Blattes die Meldung, daß diese Gerüchte -Opu Zuverlässiger Seite als gänzlich unzutcaifand bezeichnet werden". Eid. sagt perfidertveise "icht, wo diese „zuverlässige" Seite ist, nennt fciw.. Duelle, gibt lein.' Daten, leugnei's einfach ab. Feiger and grausamer hat noch kein Jnoe Brüder in Todes» not überfallen. ... . Um «der das Werk zu krönen, bringt die „Neue Freie Presse" in der gleichen Spalte die nebulöse, vrr- -chwommcne Nachricht von Pogromen in Palästüm. Tie Nachricht über das größte Ereignis in der jüdische« Geschichte, die Zuerkennung Palästinas an die Judenhat sie verschwiegen, aber was über Strömungen gehe« een Zionismus irgendwo getuschelt wird, das macht iie groß und breit auf.. Die Abteugnung von Juden- Schlächtereien drei Stunden von Vien und die Aufbauschung von Vorfällen in Asien in der nämlichen Spalte charakterisiert die bodenlose Verlogenheit und Schlechtigkeit der entarteten Macher dieser Zeitung, welche von jüdischen Lesern und jüdischen Inserenten lebt. Freilich, solange das jüdisch^ Publikum noch weiter dieses Blatt informiert, mit gutbezahlten Geschäfts-, Todes- und Freudennachrichten füttert, so- 'ange dieses Produkt jüdischer Gcsinnungslosigkeir von jüdischen Lesern begünstigt werden wird, ist keine Besserung zu erwarten.- :Jedes gekaufte Exemplar dev -.Neuen Freien", jedes ausgegebene Inserat, jede ihr iibermittelte Nachricht bedeutet eine Stärkung der Fudenseinde! Dessen möge das jüdische Publikum eingedenk s-ein und darnach handeln. Fort mit der „Neuen Freien Presse"! ' 1 ' ,; In Ungar« gibt es Keinen weiße» Terror. Die Korrespondenz Revue meldet, aus B«bade st: In den fetzten Tagen fanden'abermals blutige Ausschreitungen und Pogwmversuche. veranstaltet von. Mitglieder« der Offiziersdetachements und dem Verein der „'Erwachenden Ungarn" in den Straßen Budapests, zumeist in den Abendstunden, statt. Trotz der strengen Zensur brachten einige Blätter, die sonst spaltenlange 'Berichte über ganz nichtige Dinge zu veröffentlichen oslegen, kurze Mitteilungen, über die Straßenexzesse, über deren Dimensionen infolgedessen einstweilen keine authentischen Daten vorliegen. Der Umstand aber, daß zum ersten Male während des Hovthyschen Regimes Militär einschritt, bildet einen Beweis, dafür,, daß die Straße nexzessa größere Dimensionen angenommen Haben als bisher. Die gestrigen Morgenblütter bringen hierüber fol- :mibcu lakonischen Bericht: „Gestern drangen zumeist aus jüngeren Leuten bestehende Gruppen in die Basfe^häus-er ein, insultierten die Gäste und zerstörten die Entrichtungsgegenstände der Kaffeehäuser. Die Polizei verhaftete mehrere Leute." Ein Morgenblatt fügt noch folgende Mitteilung hinzu: „Gestern nachts drang eine aus ungefähr dreißig Mitglieder« bestehende Gruppe in bas Kaffeehaus .Hindenburg auf dam Telekyplatz ein und jagte die Gäste auseinander. Als die Polizei eintraf, waren die Exzcdenten bereits geflüchtet." Die Abendblätter bringen neue, aber ebenfalls lakonisch gehaltene Berichte Über die Ausschreitungen. So mdbet „MagtMwrszag", daß vorgestern abends, in der Nähe des Ostbahnhofes, bald darauf auch in der Damjanichgesse Schlägereien entstanden, bei denen mehrere Personen verletzt wurden. Eine militärische Abteilung stellte die Ordnung wieder her. Exzesse fanden gestern no.chts auch in einem Kaffeehaus aus. der Arenastraße statt. Hier stellte die Polizei die Ordnung her. Acht Personen wurden verhaftet. Nach dein Bericht des „Pestor Lloyd" wurden bei oou Erzessen dreißig Personen verletzt Das Militär gab einige Schreckschüsse ab, doch wurde dabei niemand verletzt. Das geschah an demselben Tage, an bem die ungarische« Blätter den Inhalt des englischen Weißbuches üb^r Ungarn veröffentlichten und daraus mit dem größten Entzücken seststellten, daß es irr Ungarn nie eilten weißen Terror gegeben habe. Die Delegation der englischen Arbeiterpartei konnte.sich, von dieser Wahrbeit übsr'/uasn. Wiener '.tfcoi^eti^cuungr werden bis 3 Uhr nachmittags Inserate für die Schewuoth-Nummer entgegengenommen. •- ür Eine Liste von Verletzten. Budapest, 21. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Die letzten Ausschreitungen in der Umgebung des Ostbahnhofes in Budapest haben pogromartigcn Charakter gehabt. Die ungarischen. Blätter geben schon "heute 30 Verletzungen zu, es ist abcr crwiesen, düßses deren viel mehr gegeben hat. Aber schon die Namen der Schwerverletzten, die festgestellt werden konnten, beweisen, daß es sich um einen vorher geplanten antisemitischen Uebcrfall handelt. Unter^den Schwerverletzten befinden sich der 32jährige Emanuel 'Brüll mit einer schweren Kopfwunde, der Oberkellner Waldiner, 50 Jahre alt, mit Verletzungen am Kopfe und linken Arm. der 5Yjährige Kaufmann Josef Schwarz, mit schwerer Kopfwunde. Jakob Neuhauser, akademischer Maler, 28 Jahre olt; mit schwerer Kopfwunde. Minder schwer verletzt würden die von den Pvgrvmheldcn auf däc Straße Angegriffenen: der 53jährige Fabrikant Sicgmund Friedman», der 32jährige Kaufmann Wilhelm Vogel. Vor dem Häüse DamicmiHgasse 49 Überfällen und perletzt wurde der 26jährige Advökatnrskandidat LadisläuS Kohut und der 65jährige Private Benedikt Bianca. Im Lloyd-Cafe erhielt ein jüdischer Kriegsinvalider einen Stich in den Schenkel, im Cafe Magyarorszäg wurde der Casetier entsetzlich zugerichtet. Die Bttdapester Demerrtierspritze. ' Budapest, 21. Mai. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Einzelne Wiener Blätter melden angebliche Pogrom ähnliche Vorfälle in Budapest und fügen hinzu, baß die ungarischen Blatter durch die Zensur verhindert wurden, Nachrichten über diese Ruhestörungen zu bringen. Demgegenüber muß auf den Umstand verwiesen werden, daß die gesamte ungarische, Presse tatsächlich Meldungen über Ausschreitungen gewisser u n v e r-- antwortlicher Elemente lEs sind dach die Horthh-Grenadiere gemeint? DZRed.) während der Nacht vom Dienstag auf. Mittwoch Hrpchte und dabei ohne Parteiunterschied betonte, daß Ruhestörungen welcher Art immer mit der größten Energie unterdrückt werden müssen. Die gesamte ungarische Presse stellt mit einstimmiger Befriedigung die Tatsache fest, daß die Polizei und die Brachialgewalt sofort inst größtem Nachdruck gegen die Exzedenten auftraten und Einerlei Uebergriffe gegen die persönliche Sicherheit und Freiheit dev Staatsbürger ohne Unterschied der Nationalität und Konfession duldeten. Es kann hiemit festgestellt werden, daß weder von Pogromen noch von der Unterdrückung der bezüglichen Nachrichten die Rede sein kann. Protest der Ukrainischen Rada gegen den Vertrag mit Polen. Die Delegation des ukrainischen Volksrates in Lemberg veröffentlicht folgendes Communique: In den Unterhandlungen, welche zum Zwecke der Realisierung der Warschauer Abmachungen vom 2. Dezember 1919 geführt wurden, hat'die Regierung des ukrainischen Volksrates in einem vom 22. April 1920 datierten Geheimkontrakt mit Polen eingewilligt, daß folgende Gebietsteile an Polen angeschlossen werden: derCholmer Kreis. Podlesien, Teile der Polesie uitd die Westgebiete von Wolhynien. Die Delegation des ukrainischen Volksrates erklärt, daß dieser Akt dem Willen des ukrainischen Volkes widerspricht, welches sich durch die ukrainische Dolksrada in Kiew und durch eine große Zahl von Resolutionen in Versammlungen, Meetings und Konferenzen . für den unbedingten, eventuell auch 'mit Waffengewalt zu erstrebenden Zusammenschluß aller ukrainischen Gebiete in ein ukrainisches Staatswesen ausgesprochen hat. Bezüglich der Gebiete der Westukraine erklärt die Delegation, daß der Verzicht auf diese eine Ungerechtigkeit gegen den Willen der westukrainischen Bevölkerung bedeute und dem Beschluß der Rada als Volksparlament widerspreche. 1 Gleichzeitig protestiert die Rada gegen die Losreißung O st g a l i z i e n s von der Ukraine. Sie erklärt, daß diese Tat einen schweren Konflikt zwischen dem ukrainischen und polnischen Volke heraufbeschwören könne. Zusammenkunft Skoropadski—Wilhelm Hastsburg? Wie den „Baseler Nachrichten" aus Leipzig gemeldet wird, fand im Hotel Astoria eine Zusammenkunft des ukrainischen H e t m a n s Skoropadski mit dem Erzherzog Wilhelm von Habsburg statt, an der auch ein ehemaliger ukrainischer Minister teilnahm. Erzherzog Wilhelm war bekanntlich öfter als Thron- Kandidat für die Ukraine genannt worden, so daß die Nachricht einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht entbehrt. Immerhin ist sie mit Vorbehalt auszunebmen. 22. Mar 1920 Nt. 478 Irland. Parlamentarisches. Nach den gestrigen Parteiberatungen inr Parlament Iritt in der inneren Politik eine Pause ein, die bis Ende der nächsten. Woche dauern dürfte. . Daun sollen wieder die Verhandlungen der Parteiführer der Christlichsozialen und Sozialdernokraten über die Vermögensabgabe ausgenommen werden. Bisher konnte in den strittigen Fragen teilte Einigung der Koalition erzielt ^Herdeü.' Die ‘ ländlichen Abgeordneten, die wegen Frühen^ Ernte bald alle Hände voll zu tun baÄn werden, sind dafür, daß die Gommersession der Nationalversammlung nicht länger als bis Ende Juni bauert, und werden schwer zu bewegen fein, an den Verhandlungen im Parlament bis Mitte Juli' teilzunehmen. Bis zu dieser Zeit sollest aber außer den großen Vorlagen noch das Budgetprovisorium und einige kleinere Vorlagen vom Hause fedjiggeftellt werden. Die Verhandlungen über Staatsbürgerschafts- und Min-srheitsschrchfragen. Bekanntlich haben zu Beginn dieses Monates in Prag< Verhandlungen d:r von der tschecho-flowakischen und osterreicht scheu Regierung für die Regelung der St a atsbürgevschafts- und Minderheitsschutzfragen eingefetzterr Zwischenstaatlichen Kommission stattgefunden. In der Zeit vom 17. bis 21. Mai wurden diese Verhandlungen in Wien fortgesetzt. Hiebei. konnte di?se Kommission, welche die Auslegung - ustd Handhabung wichtiger und schwieriger Bestimmungen der Verträge von Saint-Aermain zu behandeln hätte, eine Ä e b e r e i n st i m m il n g über die hauptsächlichen, prinzipiellen Fragen feststellen, so daß die Grundlage für die Berichterstattung an die beiden Regierungen gegeben ist. Zum Zwecke des formellen Vertragsabschlusses wird die Kommission in der nächsten Zeit zu einer Schlußsitzung in Brünn zu- ' fciittmeuttclcn. Aufhebung bei' Militärgerichtsbarkeit. Die Staa'sregieumg bar der konstituierenden Nationalversanrmlung zwei Gesetzentwürfe vorgclegt, die im Gerriue mit einem noch in Dorbaeiiung besindlichen Entwürfe zu einem Gesetz über die Uebeniahme von Angestellten der Militärgerichte in den ZivilstaatSdienft dar im neuen Wehrgeietz ausgesprochenen Grundsatz durchsühren sollen, daß die Strafgerichtsbarkeit über bt* Heerrsangehvrigen im Frieden durch die bürgerlichen Gerichte ausgeübt wird. Zum Zwischenfall auf dem Wiener-Nenstädter Flugfeld. lieber den Zwischenfall auf dem Flugfeld in Wiener- Nleustadt wird vom Interalliierten HeereSüberwachungsauSschuß nntgeteilt, daß sich die Vorgänge auf ein Mißverständnis beschränkten, das zwischen der italienischen Bewachungsmannschas-t nnb dem Personal der „Lufag" bezüglich eines. Trans-- ports entstand. Das Mißverständnis wurde, jedoch balp behoben, so daß der betreffende Transport anstandslos'E gewickelt werden konnte. Telegramme. Friedenszustand zwischen Amerika und Oesterreich. Washington, 31. Mai. (Reuter.) Die verbündeten Parteien des 9?epräsentantenhauscS haben beschlossen, die vom Senat allgenommene Resolution, die den Kriegszustand zwischen den Vereinigten Staaten und Deutsch-- land und den Vereinigten Staaten und Oesterreich für beendet erklärt, anzunchmen. Das Haus wird am Freitag endgültig über die Resolution abstimmen. Eiu angeblicher Plan zur Errichtung einer Sowjetregreruug in Frankreich aufgedeckt. Pari», 21. Mai. (Havaß.) Eine Untersuchung bei einem enilasienen Eisenbahner hat eine Reihe von Planen zur E i tu» recht ungei nerSowjetregierung in Frankrrich zutage grsoidert. Hausdurchsuchungen bei einer Reihe von ver^ hasteten Reisendw haben den Beweis erbracht, daß in der gegerrwortigcn Streikbewegung die siihreuden russischen Bolschewiken die leitenden Elemente sind. Das Ende der Streiks iu Frankreich. Parts» 21. Mai. (HavaS.) Der NationalauSschüß drS AAgemrine» UrbriiSverbandes bat mit SS gegen 11 Stimmen bei 18 Stimmemuthaltungrn die Wied eraüfnahme d er Arbeit beschlossen. Die Arbeit wird morgen wieder ausgenommen. Der Verband der registrierten Seeleute hat seine Mi!?.l'eder ausgesvrdrrt, die Arbeit sofort wieder auszunehmrn. Gras Apponyi Über den Friedensvertrag. Keine Erfolge. Budapest, 21. Mai. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die ungarische Friedeusdelegation hielt Unter dein Vorsitz des Grasen A p p o n h i im Beratungssaal des Ministeriums des Aerchern die letzte Sitzung ab, an der auch Minister des Aeußern Graf Teleki teilnahm. Graf Appontzi erklärte, die Arbeit der ungarischen Friedeusdelegation sei beendet, leider nur mit einem sehr geringem Erfolg. Der Friedensvertragsentwurf fei als endgültiger Text bezeichnet worden. .Die Grenzbestimmtmgen erfuhren keine Aenherung. Die Friedeusdelegation sei nicht in der Lage, den Vertrag anzunchmen. Die Friedensdelegation gebe daher ihre Betrauung den-, jenigen Faktoren zurück, von denen sie sie erhalten bube. Die Mitglieder der Friedensdelegation wollten durch diesen Schritt der Verantwortung nicht audweichen. Redner werde als Mitglied der Nationalversammlung Gelegenheit nehmen, zu dieser Frage vom politischen Standpunkt aus Stellung LU nehmen.