Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 459 (3.5.1920)
- Date
- 1920-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Montag Wiener Morgerizeitrmgf 3. Mai I92Ö Nr. 459 - ------ - —-.—rm-T-J-- —. ... - .^———— ■ -— Ein neuer Skandal der ukrainischen Vertretung.' Kuriere, die sich gegenseitig um Milli»««« bestehle«. verschwunden. Er hatte, wie der Portier umgab, einzelner Personen oder Kommissionen, die nach Sibirien entsandt werden, überlassen bleiben, die Situation, die üe dort antreffen, möglichst gut auszunützen und zu retten, was momentan zu retten ist. Haupt-; sachlich ist die Frage des Abtransportes der Kriegs-' gefangenen, oder mindestens der in Ostsibirien befindlichen, eine Frage des Geldes. In Wien wurden in den letzten Tagen etwa sechs Millionen Kronen durch S t r a tz e n s a m m l n n g ausgebracht. Dies ist für hier . ein ganz schönes Resultat, für Sibirien aber bedeutet es ziemlich wenig, denn das Geld genügt gerade, um bestenfalls einige Dutzend Gefangene der Heimat wiederzugeben. Hier mutz staatliches Geld verwendet werden oder Geld, das unter der Bevölkerung von Staaten mit hochwertiger Vatuta gesammelt wurde. In dieser Ertamckrno hat i das American Joint Distribution Committee neuerlich 250.000 Dollar, also etwa 85,000.000 Kronen, für die Befreiung der Kriegsgefangenen bewilligt und eine Kommission nach Sibirien entsendet. Aber selbst diese Summe wird nicht genügen, alle jüdischen Kriegsgefangenen, selbst wenn die Umstände günstig sind, aus Sibirien herausznziehen und ihren Angehörigen wiederzugeben. Jedenfalls aber sind die Augen der jüdischen Kriegsgefangenen und ihrer Angehörigen heute auf unsere Brüder in Amerika gerichtet und von diesen erwarten sie ihr Heil. , TelegMMMe. Die yolnische Offensive gegen Sssvjetrrrstlückd. Der russische Bericht. Warschau, 1. Mai. Frontbericht vom 30. April. Unsere Truppen haben in ununterbrochenem SiegeZmarsch Schmerinka und Wiunitza besetzt. Im Abschritr Kazatim wurden mehrere Ortschaften erobert. Die Stadt Malin war von Chinesen verteid igt worden, bei ihrer Eroberung wurden 15 Geschütze und viele 'Maschinengewehre erbeutet. In Podolien wurden bisher 100 Lokomotiven und 2000 Güterwagen nebst einigen Panzerzügen erbeutet. In Zitomir und lBerditschew wurden mehrere Tanks und Flugzeuge erbeutet. Der größte Teil der ukrainisch e n Jägerbrigade, die unter dem Namen „Siezowniks" bisher aus Seite der Bolschewiken kämpfte, ist in Her Stärke von bisher 12.000 Mann zu uns übergcgangen. Aus Kamenetz- Po.do.lsk wird dem ÜtraiNischen Pressedienst telegraphiert: Die galizisch-ukrainischeu Truppen, die nach der Einnahme von Odessa die Räume von Balta-Winnitza und Cherson besetzt hatten, haben sich der ukrainischen Armee P-tljura angeschlossen und nehmen an dem Vormarsch an ^en D n j e p r teil. . ' ÄEin Aufruf der Sowjetregierung. Moskau, 2. Mai. (Funkspruch.) Anläßlich der polnischen Offensive hat die Sowjetr gierung einen Aufruf an alle Arbeiter. Bauern und ehrlichen Bürger mußlands erlassen, worin mitgeteilt wird, daß die Truppen des kapitalistischen Polen mit Hilfe Petljuras und französischen Goldes Zitomir genommen haben ^nud Kiew bed xo Herr. Mehrere ukraini sche Einheiten wären zum Feind über ge gangen. Polen hatte bisher seine Politik verheimlicht und beabsichtige nun, die ganze Ukraine unter Petljuras Direktorium zu stellen und eine Eroberungspolitik zu treiben, die jener der Hohenzolleru würdig sei. Die polnische Gefahr könne mit leich'er Mühe bei Eintracht der Russen abgewendet werden. Nach Petrograd — Leningrad. London, 2. Mai. (Funlspruch.) Nach Meldungen aus Stockholm wird Petersburg zu Ehren des 50. Geburtstages Lenins in Leningrad umbenannt werden. Die franzVfisch-deutschen Verhandlungen. Paris, 3. Mai. (Funkspruch.) Infolge des letzten Schrittes des' deutschen Delegierten Göppert hat Ministerpräsident Millerand eingewilligt, eine deutsche wirtschaftliche Kommission in Paris zu empfangen.' Sie wird in Paris mit den französischen Fachleuten übet die Zwischen den beiden Ländern dmchzusnhrenden Geschäfte verhandeln. Die deutsche« Neuwahlen. Berlin, 1. Mai. D.er Reichspräsident hat durch Verordnung vom 30. April die Haupiwahlen zum Reichstag auf den L. Juni anberazrmt. Gleichzeitig hat er auf Grund der Ermächtigung des Reichswahlgesetzes bestimmt, daß in ganz Ostpreußen, Oberschlesien und Schleswig- Hotstein sopzie in dem der Abstimmung' unterliegenden Teile des Kreises Namslan die Wahlen üufgeschoöen ' werden... Die Prager Partei-eratungerr. Prag, 3. Mai. Tusar beginnt heute seine Beratungen mit btn Parteiführern. Die Konferenz total, in drei Abteilungen stattfinden. Zunächst wird Tusar mit dtn Nationaldemokraten und der klerikalen Volkspartei, dann mit den Deutschen und zum Schlüsse mit den Parteien det bisherigen Koalition verhandeln. -e Prag, 3. Mai. „Lidove N-ovini" melden: Die Nationalsozialen werden in keine Regierungskombmation rintreten. sondern eine Politik der tac-ien Hand betreiben. Der ukrainische Staat hat mit seinem auswärtigen Personal einiges Pech.. Dor kurzem erst wurde berichtet, intjj fein ukrainischer Legationssokretär Unterschlagungen in det. Höhe von 50'Millionen Kronen verübt hat und'am SamStag h'ät sich wiehtzv ein Millionendiebstahl in Men 'Mm Schaden, des' ukrainischen Staates. ereignet. " ,. ■ ' . iyf Der KestoRene ist der ukrainische diplomatische Kurier in Griechenland Emanuek Glau s m a nN, der Dieb der ukrainische diplomä'ische Kurier in Griechenland Georg Granovsky. Beide Kuriere wohnten in Wien im Hotel Royal-in der ^Singerstraße -3.- Glausmann hatte die Mssion,, erhebliche Geldsummen in fremden Valuten- «ach Griechenland zu bringen und stand un mittelbar vor seiner- Abreise-aus-Wien. Am 1. Mai war er.um etwa. H Uhr früh in seinem Hotelzimmer damit beschäftigHdveuMketä'mit Geld, die der ukraini 'chen Negierrmg gehören, in seinem Koffer unter den Hemden zu.verstecken, urn.^das Geld über die Grenz? zu' bringen.- Während, er Noch an dem Koffer herum manipulierte, ^rnt Granovsky M sein Zimmer? Er sah^ das Geld und lud Herrn Gläusmaun «in, ist sein Zim.-- mer zu kommen, er werde ihn y -v) einer elega n eu Dame vorstellen. Glausmann versperrte, als das Geld versteckt war, den Koffer und. folgte dem Granovsky. in srin Zimmer Nr. 17. Dort traf er die im Hause Nr. 11 der Weihburggasse rm dritten Stocke wohnhafte Fanrrv Erber an. Sie ist mit Granovsky seit kurzer Zeit bekannt. Man unterhielt sich kurze Zeit im Hotelzinlmer, und dann lud die Erber beide Herren ein. ihr iu die Wohnung zu folgen.-Dort benützte — nach der polizeilichen Darstellung — Granovsky eine günstig' Gelegenheit, um aus den Kleidern seines Kollegen die Schlüssel zu stehlen. Er begab sich angeblich in ein Nebenzimmer, eilte aber in Wirklichkeit mit fiebernder Hast aus^ der Wohnung und dem Hause die paar. Schritte ins Hotel Royal, wo er im Zimmer des Glausmann den Koffer rasch, ausspferrte, unter den Hemden die drei Pakete mit den Milliom ".werten an sich nahm, um' das Geld in sein eiaeueff Zimmer zu tragen. Ebenso hastig kehrte er wieder ins Haus Weihburggasse Nr. 11 zurück. ■ Da er aber keine Gelegenheit mehr fand, die Schlüssel wieder sin die Kleider Glausmanns zu praktizieren, ließ er sie auf den Boden fallen, wo sie GläUsmann auffand. Er .glaubLo, sie \ seifen ihm aus der Tasche gefallen^ und steckte sie -zu sich. Die beiden Kuriere verabschiedeten sich um 4 Uhr früh von Frl. Erber ^und gingen im heiteren; Gespräche ins Hotel zurück. Granovsky ließ sich äußerlich gar nichts von Aufregung merken. Glausmann ' - begleitete Granovsky in sein Zimmer und verabschiedete sich dort von seinem Kollegen. Er, ging mm'in. sein! Zimmer uirta wollte den Rest der Nacht dazu benützen, um ein Verzeichnis der versiegelten Pakete mit den MiMonenwerLen anzulegen. Er war tödlich überrascht, als er-nichts mehr davon v vrfan d. Glausmann eilte in das Zimmer seines Koll-gen, um ihm sein. Mißgeschick mitzuteilen — aber Granovsky war Wiener Abteilung des American Joint Distribution Eommittee. Vollversammlung. — Dank des Generaldirektors Dr. Goldman. Bor kurzer Zeit hat hier die Vollversammlung der Wiener.Abteilung des American Joint Distribution Committee unter dem Vorsitz des Präsidenten Doktor Artur Kur anda stattgefunden. An der Versammlung nahmen der Generaldirektor für-das europäische Hilfswerk des Joint Herr Dr. Julius Goldman sowie der Leiter des Hilsswerkss für Polen Herr Dr. Boris Bogen teil. Den Tätigkeitsbericht erstattete der Direktor der Wiener Abteilung Herr Leon Wechsler. Der Bericht umfaßt die. beiden ersten Monate dieses Jahres. Ick dieser Zeit konnte ' Versorgung der unter der Not schwer leidenden jüdischen Bevölkerung mit Lebensmittel n weiter ausgebaut werden. Diese Feststellung fällt umsomehr ins Gewicht, als die von: Staate durchgesührte Rayonierung . der wichtigsten 9?ahrungsmi'.tel vollkommen unzulänglich ist. Die rationierten Mengfeu reichen zur-Kräftigung der geschwächten Organismen nicht aus, sind auch oft zu den. staatlich, bestimmten Preisen nicht erhältlich. Aber selbst diese Preise übersteigen die.Budgetkraft einer gewöhnlichen. Miltelstandsfamilie. Zucker und Fleisch sind unerschwinglich, Holz und Kohle nur dem Namen nach vorhanden, Salz und Seife fehlen ebenso wie Butter, Tee, Hülsenfrüchte uslv. Milch soll nur an stillende Mütter und an Schwerkranke geliefert werdem was aber meist unmöglich ist. Denkt man noch an dr^5losten von Klei^rn^ und Schuhen, so. ist es verständlich, baß die Arbeit des Joint eine sehr, stark fühlbare Erleichterung der Exiftenzmäglichkeit des bedürftigen Teiles der Wiener Judenfchaft zur Folge hatte. Konnte in dem Gericht über das Ende des Jahres 1919 die Errichtung der Lebensmitteläbteiung am Esteplatz und die Verteilung von Lachs, Zwieback, Haferftocken und Dörrgemüse erwähnt werden, so konnte jetzt mit Hilfe amerikanischer Mittel die Ausgabe von Fleisch und Milch in breiterem Ausmaße durchgesührt werden, was unendlich viel bedeutet, wenn das Hotel soeben verlassen. - 'Dadurch war jeder- Zweifel über di,e Person LeS Diebes beseitigt. Der bestohlene Kurier erstattete sofort - eS war zwar gegen halb 5 Uhr — die Anzeige bA der Polizeidirektion, die sofort die Grenzpolizeikommissariate und die Behörden des Ickimb Auslandes von dem Diebstahl benachrichtigte. Alle am 1. d. M. abgegantzeneck Züge wurden überwacht, doch konnte vorläufig eine Spür des Flüchtigen nicht gesunden werden. Die Beute besteht aus folgenden Werten: fein versiegeltes Paket enthält eine holländische Banknote zu 1000 Gulden, 360 amerikanische Banknoten zu je.20 Dollars, 5000 rumänische Banknoten zu je 600 Lei, 20 Banknoten zu je 1000; Lei, 1 Bäuküöte KU LOOMWuMMutzeltt ulch 60MMLk-' - nifche Kärbowanetz in Noten zck 50 Karbowanetz. Dieses! Pgket erckstammck der ukrainischen Gesandtschaft in Berlin. - Ein zweites versiegeltes Paket enthielt 20.000 rumänische Lei ln Noten zu je 500 Lei Dann waren noch im-Koffer 110 Noten zu je 100 Mark und 5000 österreichische Krosien in ungestempelten Banknoten zu je 1000 Kronen. Alle diese Gelder sollte Glausmann nach Griechenland bringen. Ihr Wert beträgt einige Millionen Kronen., A. Ergänzend wird uns berichtet: Im Verlaufe der Erhebungen wurde festgestellt, daß sich Granovsky M ,Ausführung des Riefendiebstahls der Mithilfe der Erber versichert hat. Sie wußte allerdings nicht, daß es . sich um einen-DiebstahlHandle. Der Besuch der Erder imJ?oteI Noyal, ihre Vorstellung an Glausmann, die Ein- -laöüng in ihre WohNupg waren vorher abg'ekartet»' Glausmaun ist - ahnungslos^ , , .... das L)pfer eines Komplotts - geivoröen. Granovsky Hatte der Erber aber, .sefügt, es handle sich nur' die E n t to js nfb u n'g eines h ö chp o l i t i sch e n A k t e n st ü ck e s, das nichts Geringeres .bedeute, als den Ver kauf Vu» gariens. an die Entente. Granovsky appellierte an den Patriotismus der Erber mit dem Hinweis darauf, daß Vulgärien an ückserer Seite gekämpft habe. Allerdings hat er ihr für' die Mitwirkung bei dem diplomatischen Diebstahl auch eine Belohnung versprochen, die in K. 12.000 bestehen sollte. Wie verabredet, bat sie den Granovsky, ihr aus' dem Kasten im Nebenzimmer den Schläfro.ck zu holen. Obwohl der Kasten offen stand, kam Granovsky mit der Botschaft'Zurück, er könne den Schlüsftl nicht finden. Sc bat daher Herrn Glausmann, ihm seine Schlüssel zu borgen; vielleicht könne er mit einem der Schlüssel den Kasteü öffnen. Glausmann gestattete ihm, die Schlüssel aus der Hosentasche zu nehmen, und mit dem Schlüsselbund girrg Granovsky scheinbar in düs Nebenzimmer, in Wirklichkeit aber eilends ins Hotel Royal, wo er den Diebstahl verübte. Der Erber gab er zwölf ungestempelte Vanknoten zu je 1000 51ronen als Belohnung. Das Geld wurde auch hu Badezimmer der Wohnung gefunden.. Die Erber ist rrumnehr auch iu Untersuchung. Auf die Wieder» erlangung des Geldes ist eine Belohnung von 5 Prozent ausgesetzt. mau Heu allgemeinen Mangel dieser beiden Artikel bedenkt. Auch die Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der rituell lebenden Inden muß hier in.Betracht gezogen werden. CS wurden im ganzen 5617 Familien mit 19.615 Köpfen unentgeltlich, 2863 Familien mit 13.098 Köpfen gegen Bezahlung mit Fleisch betsilt. 954 Frmitten von Festangestellten mit- 4037 Köpfen erhielten das Fleisch zu billigerem Preise. Die . ' Milchvetteiluug ‘ lonme, schon im Monat Dezember ausgedehnt werden. ' GagpnlvärtiM erhalten die dem Joint.bekannten; Krankstt. im. Wege der Abteilung Kranken für s « r ge aus : dem Lebensmiltelmagazin das ärztlich vorgeschriebene Milchqüantnm, im ganzen 3700 Parteien, an welche 427.4 Dosen Kondensmilch ausgegeben tverdem In zehn Milchirinkhallen werden 1910 Kutoer täglich mit je einem Biertellcker warmer Milch versehen. s- > AbKpsck)en von dieser Fortsetzung der Lebensmittel- Hilfe müßte die Wiener Abtttlung des American Joint Distribution Committee ihre auf die Unterstützung foto bestehenden. jüdischen Fürsorge- und Wohlfahrtseinrichtungen gerichtete Tätigkeit fortführen, in vieler Beziehung erweitern. . Die materielle Basis dieser Institutionen ist dckittz die Wirklingen der Zeitereignisse unterbunden Mörddn. Ihr Starjtmkapikal ist teils infolge der ' erhöhten Anforderungen aufgezehrt, teils durch dieMtlage ick Kriegsanleihen beträchtttch vermindert worden. Die pri« vato Unterstützung durch Spenden ist auf ein MiniMunt reduziert worden. Die Gründe hiefür liegen teils 'ick Heu 'Valutaverhältnissen, teils, aber/ wie wir leidev I feststellen müssen, darin, daß der soziale' Sinn deck ' reichen jüdischen' Kreise Wiens int Zusammenh ang mit den. politischen Ereignissen an Intensität eingebüßt hat.' Die Personen, die vor der Umivälzung für üfMtliche Zwecke oft bedeutend^ Summen gespendet I^aben, stehen der allgemeinen Not vielfach kalt gegenüber^ weil .ihre finanziellen LMunaen. nicht mehr, wie in der