Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 455 (28.4.1920)
- Date
- 1920-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Deutschland soll oo. Wegs eillschWgmig bezahlen. Berlin, 27. April. (Korr.-Bur.) Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Genf r M« Blätter berichten ans Sa» Remo, die Mindestsumme, die man von Deutschland verlangt^ werde Sv Milliarde« G o l d m a r k betragen, die in dreißig Jahresrate» von je drei Milliarden Mark abzuzahlen feien, doch Könnte die Rate, je nach der wirtschaftlichen Lag» Deutschlands abgeandert werden. England habe SV Milliarde» Mark vorgeschlage«, alle» Millerand wollte nicht «achgeben. Berlin, 27. April. (Korr.-Bur.) Das „8-Ahr-Tlbendblatt" meldet, daß das Reichsfinanzministerium beim Etat für das Jahr 1920 zur Erfüllung der finanziellen Verpflichtungen gegenüber der Entente den Betrag von fünf Milliarden Mark ausgesetzt hat. Im Iahrtz 1919 waren für denselben Zweck 17 Milliarden Mark in den Etat eingestellt. Die akademische Freiheit. —7. W i e n, 28. April. An der Diener Universität baden gestern die deutsch» nationalen Studenten die Hörsäle gewaltsam von jüdischen Hörem und Hörerinnen geräumt und die Ab» ficht ausgesprochen, von nun an keinen jüdischen Studenten am wissenschaftlichen Betrieb teilnehmen zu kästen. Die Formen, in denen diese „Reinigung" erfolgte, lassen keinen Zweifel daran) daß hier" eine wohl» vorbereitete Organisation am Werke ist, die ihr poli» tisches Ziel, den reaktionären Hutsch, mit Hilfe einer fortdauernden Beunruhigung der Straße erreichen will. Die Behörden mußten sich gestern darauf beschränken, allzu schwere Exzesse vor der Universität zu verhindern. WaS im Gebäude der Hochschule vor sich ging, entzog sich der Kontrolle der Sicherheitsorgane. Denn . in der Universität herrscht die akademische Freiheit, ein aus dem Mttelaster überkommenes Recht der Studenten, auf akademischem Bohen ganz nach Gutdünken schalten und walten, Andersdenkenden den Schädel einschlagen und -mißliebige Lehrer.niedertrampeln zu dürfen. Das gewöhnliche Gesetz, dätz, jeden Staatsbürger wegen irgendeines Verstoßes am Kragen nimmt, gilt hier nicht; und vermöge der, Brutalität und Lungenkraft der deutschnationalen Schreier hat sich der akademische Senat seit jeher an bedingungsloses Gehorchen gewöhnt. Diese iogeüannte Behörde, deren. Geschäftsabwicklung ganz im Geiste alldeutscher Weltauffassung geschieht, hat in der Frage der Behandlung jüdischer Hochschüler, die ja nicht gchisDen den Forderungen der Billigkeit und jenen des studentischen Terrorismus aufgesührt. Jetzt hat sie diese interessante Beschäftigung ganz aufgegeben' und laßt die Jungmannen tun, was sie nur tun wollen. . will diese deutschnationale Studentenschaft? Sie ist politisch'zu wenig und zu einseitig erzogen, als daß sie die Struktur dieses armen Staatswesens be« greifen könnte; sie kann die Zusammenhänge nicht ermessen, die zwischen der Kriegserklärung im'Jahre 1914 und der heutigen Lage Oesterreichs bestehen: sie erkennt' nicht die Einwirkungen, der Wirtschaft», geographischen Veränderungen auf Oesterreich. Sie steht noch uneingeschränkt im Banne von Anschauungen, Me, vor dem Kriege vielleicht richtig waren, inzwischen aber jeden Inhalt verloren haben. Diese Studentenschaft ist in Mittel- und Hochschule unter dem Druck patriotischer Phrasen erzogen worden, die ihnen die österreichischungarische Monarchie als einen unter deutscher Führung flehenden Staat erscheinen ließen, in welchem die anderen Völker, insonderheit aber die Juden, nur die Rolle geduldeßxr Steuerträger zu spielen hätten. Man hat dieser Jugend eingeredet, daß ein aus einem Dutzend Nationen zusammengesetzter Staat im Namen der deutschen. Weltherrschaft Krieg führen könne; nun hat sie den Zusammenbruch ihres Ideals miterlebt, fünf kostbare Jahre ihrer Jugend und ihres Studiums verloren und stebt vor einem Trümmerfeld, ratlos und' verwirrt, in banger Sorge um die eigene Existenz, um die Entwicklung ihrer Nation, die man sie in Tausenden von Gedichten und Liedern als die Herrin der Welt anzubeten gelehrt hat, der alle anderen Völker in Demut zu dienen habeu. In dieser seelischen Verzweiflung stoftt die Studentenschaft auf gerissene politische Schieber, die in der allgemeinen Unruhe so viel als möglich Pros;, tieren wollen und dem neuen vertrauensseligen Auditorium das ganze große Unglück auf die einfache Formel reduziert präsentieren: Die Juden sind an allem schuld! Und die Studenten, längst vertraut mit der Zauberkraft dieser Parole, zögern nicht, nach ihrer Weise, nach ihrer Vergangenheit und nach ihren im Kriege gewonnenen Fertigkeiten die Konsequenzen zu ziehen. Man hetzt sie auf die jüdischen Schieber. Wucherer- Ketlenhändler; also stürmen sie die Mensa academica, in der arme jüdische Teufel ein karges Mittagbrot erhalten, und demolieren eine Frühstückstube, in der ein amerikanisches Hilfskomitee nebst anderen auch Juden Tee verabreicht. Und so kömmt in die ganze Sache Schwung hinein und alles entwickelt sich prächtig nach dem Willen der Drahtzieher, denen alles daran liegt, die Kontinuität der Unruhen nicht. unterbrechen zu lassen. Gestern haben sich bereits Kommunisten eingemengt, die bei keiner Dummheit feblen dürfen, und so steht einem Weitergreifen des Brandes weiter nichts im Wege als eben nur die BejoimeicheiL der. Wiener Bevölkerung, die ihre Sorgen nicht noch durch blutige Putsche und Revolten vermehrt wissen will. Nun sind aber die Dinge so weit gediehen, daß man es bei einer akademischen Betrachtung nicht mehr bewenden lassen darf. Zu Pogromen werden wir es nicht kommen lassen und eine Aufrichtung einer studentischen Brachialgewalt nach Budapester Rezept werden wir nicht dulden. Es äst nicht unsere Sache, diesen alkoholisierten Jungen. den. KM zurechtzusehen. Das -ist Pflichtdet^ReMkknff nM wHn siT nichb ungefäimlt das ihre tut, um den Hetzern, die sie und wir genau kennen und die so offen von Kapp und Horthy reden, das Handwerk zu legen, so trifft sie die Verantwortung fitr. alles Unglück, das sich aus der jetzigen Sachlage ergibt. Zunächst muß die akademische Freiheit beseitigt werden, hinter der sich alle möglichen Roheiten verbergen. Es darf für niemanden ein anderes Recht und eine andere Freiheit geben als die der bürgerlichen Gesetze. Der FM Immamuer Lfiw. \ Aus Budapest wird uns geschrieben: Er ist eigentlich nicht mehr und nicht weniger ols einer von den vielen „Fällen", wie sie im christlichnationalen Ungarn seit der Herrschaft des christlichen Kurses alltäglich sich ereignen. Widerlicher als die anderen ist dieser Fall nur wegen der Motive, die ihn hervorgerufen, und der Person, die' dazu zu haben war, die ganze Affäre zu schaffen und zu konstruieren. Die Motive -find-klar. Die ungarische Maffia wallte mit einem Schlage das ganze ungarische Judentum aufs Haupt schlagen, es sozusagen niederstrecken.. Dem Ausland, das der ungarischen Regierung in unzweideutiger Weise abgewinkt hatte, sollte der Nachweis erbracht werden, daß die ung-ürische Judenschaft in allen ihren Teilen unverläßliche Staatsfeinde seien und. daß demnach die Volkswut berechtigt sei, während nach innen diese Volkswut neuerdings hervorgerufen und ihr^elementaver Ausbruch provoziert werden sollte. Für diesen Zweck eignete sich kein anderer so sehr als Opfer wie der Szegediner Oberrabiner Dr. Immanuel Löw. der bisnu» als untastbarer Patriot galt, der Sohn des berühmten Leopold Löw, des Begründers der ungarischen Synagogenpredigt, der glänzende magyarische Stilist und Sprachenpurifikator, der Wortführer des jüdischen Assimilantentums, der sogar in den Aeüßerlichkeiten, in seiner Kleidung und seinem ganzen Gehaben ostentativ den Urmagyqren hervorkehrte. Und dieser von den Assimilanten vergötterte Oberräbiner der magyarischesten Stadt des alten und. neuen Ungarn — . so spekulierte die Maffia — wird nun als Vaterlands- Verräter entlarvt, als .Beschimpfer und Besudler all dessen, was den Magyaren heilig ist, bloß gestellt. Es ist nur zu begreiflich, daß sich, als die angeblichen Aeußerungen des Oberrabiners Löw bekannt wurden, der Juden sowohl als auch der Christen unbeschreibliches Entsetzen bemächtigte. Jeder wußte, was das zu bedeuten habe, und das Blatt des Engen von Rakosi, das Konservative ,Mudapesti Hirlap", hatte gewiß das R'chtige getroffen, als es nach beiden Seiten hin zur Ruhe mahnte. Aber die Mahnung wurde nicht befolgt. Weder von der jüdischen noch von der christlichen Seite. In der Nationalversammlung tobten die CLriftlichnationalen und forderten mrisom den Kopf des greisen Szegediner Oberrabbiners. Auf jüdisch«! Seite wurde allerorten nervöses SesselrÜckeu hördarrf das Ab rücken von dem noch bis gestern allverehr^; ehrwürdigen geistigen Führer. Paul S a n d o r wollNH sofort in derselben Sitzung der Nationalversammlung-! in welcher die Sensationsblase platzte, sich namens! der ungarischen Judenschaft von Dr. Löw lossage» und Rabbiner Dr. Simon Hevesi hat in.der letzt«« Samstagpredigt in Budapest für den Fall, als sich d« Nachricht bewahrheiten sollte, eine patriotische Äkatti»! festation der Judengegen den Hochverräter Dr. L5WA in sichere Aussicht gestellt. ' Bon wem stammen aber alle diese, dem Dr. MW-' in den Mund gelegten hochverräterischen AeußerungenK Von einem angeblichen Journalisten namens Alexanders Hollosi, einem getauften Juden, der nichE, nur ohne Bedenken seinen Glauben wechselte, sondern, seit jener Zeit mit gleicher Skrupellosigkeit auch sei« politischen Herren und Gebieter wechselt und sich, ststtdem Meistbietenden zur Verfügung stellt. Dieser polb» tische Agent provocateur stand seinerzeit für güiefi Geld in Diensten des Grafen Karo lyi, wie er nachher von Bela Kun sich bezahlen ließ und heute aüs reis nder JFournalistenspitzel an dem Budget hefi Pressebureaus der magyarischen Gesandt^ schaft in Wien Lehrt. Hollosi ist auch Mitglieds der Vereinigun g der ungarischen Journa listen in Wien. (In Wien wird dies in Abrede gestellt. — Die Red.) Diesem Mann ist Dr. Immanuel! Löw zum Opfer gefallen und auf ein angebliche- Interview eines solchen Individuums hin wird daK Haupt einem Mannes, dessen ganzes Sinnen' und-' Trachten die Großmacht des Magharentums war, mi£ Schmach und Schande beladen und das ungarische Judentum neuen Schrecken, neuen Martern auSge-» setzt werden. . - Bis nicht das Gegenteil davon in einwandfreier Weise nachgewiesen ist, müssen wir den Erklärungen des Dr. Immanuel Löw, die wir im folgenden wiedergeben. Glauben schenken. Kurz vor seiner Verhaftung veröffentlichte der in Szegedin erscheinende »Stel* magyawrszag" die folgende Erklärung: „Die vom „Nemzeti Ujsag" mir zugeschrieben«. Aeußerungen habe ich mcht getan. Szeged, am 23. April 1920. Dr. Immanuel Löw." Einem Mitarbeiter des „Delmagyarorszag", der de» Oberrabbiner vor dessen Verhaftung sprechen konnte, gab Dr. Löw folgende Erklärung: An einem der letztvergangenen Tage warm zwei Journalisten bei mir; der eine war ei» Ungar, da andere ein Holländer, der deutsch sprach. Sie erkundigte» sich über das allgemeine Elend und fragten mich, ob hier Grausamkeiten vorgefallen seien. Hierauf antworte» ich, daß man in der Stadt von einer Atrozttät sprich^ von dem Fall Müller, über den der Bruder Mülleül Aufklärungen geben könnte; dieser klärte die Herren mtd auf, aber in diese Aussprache habe ich mich nicht go mengt. Zur selben Zeit, während ich mich mit de» Herr«« unterhielt, erschien in meinem amtliche« Lokq einrussisch-jüdischer Kriegsgefangener, den die Serben voll okkupierten Gebiet allsgewiesen hatten und der n« Brest^Liwwök heim lehren wollte. Ich sagte ihm, daß st ihm nicht helfen könne; der holländische Journalist ab« riet ihm von einer Heimkehr nach Brest-Litowsk ab, m» der Begründung, daß dort furchtbare Zustände herrschen. Weder Über prwate Personen noch über Gestalten daß öffentlichen Lebens habe ich mich bor den Journalist« geäußert. Ueber den. Herrn Neichsverweser M