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Wiener Morgenzeitung · 1920-04-22 · Heft 449 (22.4.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 449 (22.4.1920)
Date
1920-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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April. 5 Die KornPÜzserrtzeiL des Wahlganges in der Lfchechoslywakischen Republik bedingt es, daß der Wahlausgang noch immer nicht zur Gänze übersehen werden kann. Feststeht, daß die Sozialdemokraten als Sieger zurückleeren. .Sie haben .fast die Hälfte aller Sitze , erobert pnd zählen bei den Deutschen 23, der den Tschechen 77, bei den Slowaken 20 Mandate. Auf Seite der bürgersichen Parteien find die Nationalisten aller Schattierungen geschlagen worden. Die Deutschradikalen, diese Schande der alten Monarchie, sinh verschwunden, die Partei der Dechrfchen Rache, die Kramarsch-Gruppe, ist auf ein kleines Häuslern zusamrnengeschmolzen. ' Das neue Parlament zeigt al^> die politischen Strömungen der Tschecho-Slowakei in einem ganz tznderen Bilde. Die - in den ersten Stunden der neuen Freiheit durch Ernennung gebildete Nationalversammlung hat wabrikbeinlich damals der Parteistärke entsprochen. In her Zwischenzeit aber ist eine außerordentlich starke VerschieHmig der wirkenden Kräfte eingetreten. Die Aenderung der wirtschaftlichen und politischen Nachbarschaft,, die Wirkungen des Krieges und. die soziale xUWormung des 'Denkens hat die tschechischen Grenzen tpötz aller Absperrungen überschritten und den kleinbürgerlichen Radikalismus in die soziale Bahn gewiesen. Die Uvabhängigkertspartei, die überhaupt das alte Oesterreich kopierte, hatte sich allzusehr, an die Maxime Hyhenwarts gehalten, daß bei Bodenbach die soziale tWMMhM^AeWLte alle WMuMM. darauf gebaut, ^' die nänonalistische Hitze■'oM 1ö$\mit'tfrievjdfttffe lm Schmelzprozeß schwinden machen werde. Aber die Krisen der. Nachkriegszeit mit ihrem Streikfreber, dem Rohstoffmangel und der Not unter den arbeitendest Massen brachten sehr bald die Ernüchterung. Der neuen Volksvertretung. steht auch bereits die Repräsentanten der bisher von der. Gesetzgebung ausgeschlossenen Nationen in ihrer Mitte. Der jungen Mischen Organisation scheint es leider trotz ihrer numerischen 'Märkenicht gelungen zu sein, zu erstem Mandat zu kommen. Sie hat, soweit bisher bekannt, die statt We Zahl, von 79.606 Wählern, aufzuweisen, also fgst die .Mfte ^der. jüdischen Wahlberechtigten überhaupt.. Aber - der Mlftänd, dctz die eigentliche jüdische Masse, die in h^r.Mlichen Slowakei konzentriert ist, durch die AÜSschaltittlg' dieses Gebietes aus dem Wahlgang nicht ^zu Aäxte konunen kann, verhinderte fbren Sieg. Immerhin mv in Budapest? Geheime Konferenzen mit Horthy. L o n d o n, 21. April. (Tel.-Komp.) „Daily Mail" will «iffe», daß der frühere Kaiser Karl in de« vergangenen Woche mehrere Tage als Gast heimlich im früheren königliche« Schloß in Budapest geweilt und dort mit dem Reichsverwefer Horthy über dis Thronansprüche seines Sohnes Otto verhandelt habe. hat'ste den Tauf-Frsistnn'des Prager Kgstnotentums niedergeschlagen und für alle Zukunst eine strenge Scheidelinie zwischen bewußtem' Judentum und Assimilantenfchwindel gezogen. Die jüdischen Ziffern aus den großen Städten zeigen, daß sich die nationale Sammlungsparöle überall durchsetzt. In Prag wurden 8179 in Brunst 4144, in Jglau 2032 in, Pilsen 1903, in Karlsbad '1801/ in Olmütz 2235, in Nngarisch-Hradisch 2810, in Böhinisch-Lmpa 943, in Jungbunzlau 737, in Königgrätz 975, in Pardubitz 368 jüdische Stimmen abgegeben. Das sind Städte, wo die Judenschast bisher immer unter 'der Fuchtel, der steutsckien oder tschechischen Ungleichung stand, was ihre politische und auch wirtschaftliche Situa- Iwu aüßerordk'n^'ch belastete. Nunmehr können die Jüdest Wcht mlehr in den -deutsch-tschechischen Streit hineistgerissen werden und wenn sie auch infolge der Ungunst der Verhältnisse und infolge der Kürze der für die > WMgrbest verstigbaren Zeit um ihre parlamentarische Vertretung kommen,', st haben sie doch, vor aller Welt ihren politischen Willen in einer unzweideutigen und unverkennbaren Weife dokumentiert. ' . * D«r zukünftigen- Politik der' Tschecho-Slowakei ist .durch den Wahlausgang der Serpentinsstweg der Koalition .gewissen, wie sich überhaupt in ganz Europa die Politik' nach der Seite des Zusanunenarbeitens aller am. Aufbau > der Staaten positiv interessierten. Elemente zu bewegen scheint. Die Niederlage -es Chauvinismus 'Mr eme logische Folge der territorialen Sättigung des . tschechischen Volkes. Wenn, jetzt die Versöhnlichkeit und der saziäle Fortschritt die Stunde regieren, dann wird es. dem Staate leichter werden, die Schwierigkeiten seiner nationalen und sozialen Zusammensetzung und seiner merkwürdigen Position zu überwinden,' die dem einen Teil den Weg nach Hamburg, dein anderen den Weg zum Schwarzen Meere und zur Adria zuweist.' Wir in Oesterreich hoffen-,, 'daß unsere Beziehungen ^zudem Nachbarstaat in ZÜkui'ft W herzlicher und freier gestaftey werdüv älL btsbLL. . Rotterdam, 21. April. Laut „Evening Standard" soll eine weitverzweigte Ber« schwSrung entdeckt worden fein, die bezweckte, Aufstände in Irland, AegypLsty Indien und Kanada hervorznrufen. Der Plan dazu stamme ans dem HaupLqnarÜ« Devaleras in New-DorL, der über zwei Millionen Pfund Sterling verfüge und «ach de» verschiedenen Landern Agenten ansgeschkckt habe. Cs soll sogar der Versuch gemacht worden sein, Munition aus Amerika nach Irland einzuschiffen. ÄA MmW in AstmM Aede des Abgeordneten Stricker in der NationalverfammWg. Im Verlauf der Budgetdebatte in' der Nationalversammlung ergriff gestern Abgeordneter Stricker das Wort zu einer Rede, in der er sich mit den aktuellen Fragen der österreichischen Politik befaßte. Er nahm energisch Stellung gegen jegliche Art von Bünbnispo^ilik, die den Frieden des Staates gefährdet, und stellte als Ziel der österreichischen Zukunstsbestrebungen den Eintritt in den Völkerbund hm. Abgeordneter' Stricker wiederholte seine - durch die Entwicklung längst ausreichend unterstützte Anregung auf Verminderung des Beamtenstandes,. lehnte die in der Angelegenheit der Sachdemobilifterung betriebene Komödie der leeren Untersuchungen ab und förderte sodann sehr wirkungsvoll die Wahrung des Minöritätenrech'.es aufparlamentarische Vertretung. Er verlangte eine offene und'ehrliche Aussprache über die Jubetdstage,- die er der Demagogie, aber auch der Rücksichtnahme auf alle Renegaten 1a Sieghärt "entzogen wissen will. Das Haus nahm diese Ausführungen wie insbesondere die Worte über die großen Möglichkeiten des Zionismus mit warmem Beistll auf.' . Nachstehend die Rede: Abaeorittlürer! Sttickerr Hohes Haus! Ich-werde für das Budget sttmmen, das heißt, ich werde im Namen meiner Wähler der Regierung das Vertrauen ausdrücken. Ich tue das nicht deshalb, weil ich von den politischen Fähigkeiten unserer regierenden. Herren entzückt' bin, nicht deshalb weil ich alle getroffenen Matz-. nahmen gutheiße,-sondern weil ich den. guten Willen der regierenden Parteien-anerkenne, die Ruhe in diesem Staate aufrechtzuerhalten. ' Ich stehe auch nicht an, zu sagen, daß es den koalierten Parteien gelungen ist, diese Ruhe -tatsächlich zu bewahren. Ich mutz mich dagegen wenden, wenn, von verschiedenen Seiten die Zustände in unserer Republik so dargestellt werden, als wenn wir hier im Zustande der größten. Anarchie leben würden. Ich muß mich gegen diö von sogenannter bürgerlicher Seite ausgeübte- Demagogie aussprechssn. (Bravo!) Es ist demagogisch, wenn man sagt, daß in Oesterreich der Angehörige des Mittelstandes seines Lebens und seines wirtschaftlichen Besitzes nicht sicher ist. Es ist demagogisch, wenn man Einzelfälle herauSgreist und dann generalisiert. In der gestrigen Debatte wurde zum Beispiel der Fall v...;. v , des Neunkirchner Direktors Zweifel angeführt. Dieser Fall soll als Beweis dienen, daß man in der.Republik Oesterreichden Arbeiterräten schutzlos preis-' gegeben ist. Der Fall Zweifel'hqt nur dadurch ein ganz Meres Gesicht tzchMMg- SM & Me LMM-- M rnchr war es nicht eine dritte Macht eingegriffen hat, eine übckt beratei c dritte Machtz Sieben österreichische Arbeiter habs«^ einen Schweitzer FabrikSdirektor durchgeprügelt und daS hak» Anlaß gegeben', um der Republik Oesterreich Borschrifte». Pß machen "nd rhr diplomatrlch zu drohen. Wenn der Fast nvm , gekehrt gewesen wäre, ioenn^ sechs österreichrschö. Fabrik^ direkwren' einen Schweizer Ärbeiter durchgeprügelt hätte«, wäre diese Note nicht erlassen worden. (Sehr richtig!) Ich «aötzeder demokratischen Schweiz leinen Vorwurf, ich mache «chep denen einen Vorwurf, die die Schweiz dahingebracht Heck«» Io etwas-zu Lun. ' , . ' Es wurde uns gestern hier auch erzählt, daß das' A«Gß land über unsere Zustände entsetzt ist. Es wurde üsts bv» richtet, daß ein Herr qus England nach Wien gekommen iß und gesehen hat, wie arme, alte Weiber Holz.fällen u«d eütz gutgekleideter uniformierter Mensch dabei steht und nicht .Hol^ hackt, sondern acht gibt. Da hat der Herr aus England, ,dSE übrigens ein sehr naiver. Herr sen: muß, -diesen Wachthabenden geftagt: „Warum hackst du nicht das Holz, und! warum geben die armen Weiber nicht acht?" Das ist $<t was man sonst immer als die gottgewollte Ordnung angefehisol hat, daß einer gut aggezogen und gut genährt irgendwo stehtz und andere, die weniger gut angezogen und weniger güt ige-»- nährt sindarbeiten. Um das zu konstatieren, hätte, sich diesey SohU der britischen Nation nicht nach Wien bemühen müsse«. Wenn ihm solche Fragen am Herzen liegen, so hätte er sie m London auch stellen können. Ich war vor ein paar Woche« in London, und da habe ich gesehen, daß sehr gut aussehende Herrschaften in einem Automobil fahren und nebenher arme -Krüppel gehen. Ich glaube nicht, daß diese Leute drn. Mut hätten, in London dre Frage zu stellen: ^Warum steW'tz« nicht aus dem Automobil aus. und läßt den Krüppel hl daß Automobll hineinsetzen?- So die Auslandsmeinuytz be^ arbeiten zü wollen, heißt denn doch den Verstand d'eS Aus-, landes sehr gering einschähen. . Dann ist noch etwas anderes zu bedenken. Nehmen.wiL an, eS kommentatsächlich Ausschreitungen der Arbeiter vor. Ich bitte doch zu, bedenken, daß wir eiucn gewaltigen historische« Prozeß mitgemacht haben, daß eine . Klaffe einen Sieg, übor die andere errungen hat, und man weiß, daß siegende Kläffe« absolut nie zart auf das reagieren, was ftüher wor. Ta!« sächlich hat die siegende Arbeiterklasse Oesterreichs in ge, mäßigter Form regiert. Man muß doch berücksichtigen, dast die gegenwärtigen Z. s.ände daS Resultat einer Revolutio« sind! Das zarte Gefühl gewisser Herren, daS jetzt gerade De»,, schiedenen Ausschreitungen gegenüber erwacht ist, kommt miß etwas gekünstelt vor. Wo waren. die Nerven dieser $en%« während" der verflossenen Jahrzehnte, und wo, warm Nerven dieser Herren währendes Krieges? Ich erinnere W dW letzttz,! Proreß M dem!rvaü!Len GsuLral.

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