Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 446 (19.4.1920)
- Date
- 1920-04-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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iefrz’ Hören, Montag ' Wiener Morgenzerrans r4£ teste. 19. Dp Nr ifzO aß die gewerkschaftslreuen Arbeiter «mm Sprengungs- 'ü«sücki beabsichtigt gehabt hätten. In der Debatte taut der Gegensatz zwischen den oMwunistisch-nationalistijchen Streitlustige und den >^ialdemolratisäen Arbeitswilligen zam Llusdruck. Ein ,ro«tersüyrer sagte: „§ie können streiken, aber ver-' ich'en Sie nicht, daß die Staatskassen auch streiken können, '.'mu die Arbeiterschaft eines PrivaiMternehmeiis an dm Besitzer mit Forderungen hcrpntritt, somuh sitz sich nirüber klar sein, ob diese Forderungen auch durcbzu- 'tzen sind, ohne das Unternehmen zu zerschlagen, Wxnn ciie streiken, so streiken Sie gegen den Staat. Da Sie wissen müssen, daß die Regierung außerstande"' sj, mehr zu geben, als sie hat. so können Sie mit Ihren Forderungen, die an und iür sich berechtigt, sind, das Internehmen, daS Sie beschäftigt, zerschlagen und den Ztaat zertriirrrmerv." Vertrauensmann Haymer sagte: „Sie können höchstens erreichen, daß die Regierung gestürzt wird. Aber rmr droht die Reaktion,' Stellen Ms sich vor, wir lMm .n keiner Republik, sondern in einer Monarchie wie in ckalien, wo man > die Eisenbahner anläßlich des Generalireiks zur Militärdiensilciftung einbernfm hat. Wo werden tann die Herren stehen, die Sie heute mjtreißen? Sje sind ne Schrittmacher der Reaktion!" Diese Rede wurde von höhnischen Zurnfen unt-r^ .'rochen und Haumer am weiteren Sprechen verhindert« Ein nationalistischer Beamter wandte sick in einer ästigen Rede gegen die Gewerkschaft, die die Südbahner -chon im Septemberstreik verkauft und verraten habe. Ä erinnerte daran, daß das Wiener Streikkomitee damals in Wiener-Neustadt mit vorgehaltenen Revolvern .mvfangen und mißhandelt worden sei, weil die Gewerkschaftsleitung' gegen has Streikkomitee gearbeitet Mite. Andere Redner rügten die Msimg des soziale - demokratischen Parteiorganes, das dlen ausgehungerten Arbeitern in den Rücken falle. S > : Der Gewerkschaftsvertreter R<a d empfahl' die Wiederaufnahme der Arbeit mit den Worten: iürchte, wir haben uns wieder einmal umsonst aufgeregt.* Hierauf übernahm der Kommunist Feucht den Vorsitz und brachte den Antrag aus Fortsetzung des'Streiks zux Ah stim m u n g, der, wie erwähnt, einstimmig angenommen wurde. Die nächste Versammlung findet heute um 5 Uhr nachmittags statt. PoliLischeRZmdschau. Polnischer Pessimismus. Die Stimmen der polnischen Dresse über die wirtschaftliche und politische Lage in Europa klingen in der letzten Heit immer düsterer, und verzagter. Im ,Zusammenhang damit findet auch die Situation Polens m den polnischen Blättern eine pessimistische Beurteilung. In dieser Beziehung fällt der. Lembexgeu .Lurjer Lwowski" ganz besonders aus, dessen bisheriger Chefredakteur Jan Dombski, eines der führenden und einflußreichsten Mitglieder der Voftspartei im Landtag, vor einigen Tagen zum Vizeminifter im polnischen Ministerium des Aeußern ernannt wurde. Dieses Blatt gehört nicht nur zu den leidenschaftlichsten Bekämpften ser auswärtigen Politik der unterschiedlichen Kabinette, es publiziert auch die hoffnungslosesten Prognosen für oie politische und wirtschaftliche Zukunft des polnischen Staates als Konsequenz der Unzulänglichkeit und Le ich tsertigkeit der offiziellen Leiter seiner Politik. In einem ..Europa auf dem Vulkan" betitelten Aufsatz vtzMftut- -icht das genannte Blatt, von einer allgemeinen Charakteristik der politischen und wirtschaftlichen Situation» Europas ausgehend, eine überaus bemerkenswerte Darlegung der Stellung Polens in der europäischen Staatengemeinschaft. „Die politische und wirtschaftliche Krise Europas —■ schreibt der „Kurjer Lwowsk" — kann imschwer mit der Vernichtung der schwächeren Staaten ^nden. In Europa überwiegt jetzt das wirtschaftliche Moment. Deshalb bemüht sich dir Entente so eifrig um den Frieden mit der Sowjetregierung und die wirtschaftliche Auferstehung Deutschlands. Es geht um Einbeziehung von 60 Millionen Deutschen und mehr 100 Millionen Russen in die europäische Produktion. Oie unausgefttzt wachsende revolutionäre Bewegung in 'Mropa untergrübt dessen industrielle und landwirtschaftichc Produkiion und verursacht ein stetiges Sinken her uropöischen ün Verhältnis zur amerikanischen Valuta. .'lmenka/daZ von den Folgen des Krieges am wenigsten etroff'u wurde, erftrwt sich einer normalen Produktion; nh ./runhrw Europa mit seinem teuren Getreide und " lener bezahlten, im Preise fortwährend steigenden i-^hstoswtt. Anrrrika arbeitet und das ist die Grundleinen gewaltigen Kraft. Europa ist bestrebt, sich nn di'^cr. Vormundschaft Amerikas je eher, je lieber n b'irüe'.n Dab-r das fieberhafte Bestreben, in die uroväi'che Produkn.iri - trotz oft gegensätzlichen Politik Mf-.cn Erwag-.nrqeu - - auch Deutschland und Rußland Dil europäische Politik wird von Lloyd -dd-oroe geleitet, dem vorausblickeödsten unter cillon nroväi'äwn StaatImännern. Er sieht die drohende '.efahr -irr die politische Struktur,Europas. Er sieht i!e F-ün n einer assgemeiuen bolsch.'wikischrn Revolution 1 /r )V?'- britische Jinperrum. Denn für dieses bedeutet Ausbieiumg des Bolschewismus geradezu eine Katai-iiifi!: (€r siebt?ih immer weiter wachsende Supre- 'naüe Unterikas will 800 Millionen Deutsche urw Die Vorgänge in Neunkirchen. Kein Generalstreik. Neunkirchen, 18. April. (Priv.-Tel.) Heilte nachmittags fand eine massenhaft besuchte Versammlung her Mbeiterschaft von N e u n k i r ch e n und T e r n r tz stgtt«.Gs wurde erklärt, daß die gestrige Versammlung llberhaupt nicht kompetent gewesen sßk, überx die Frage hes Generalstreiks zu entscheiden, und beschlossen, von hem General streik nhzusehen, Die ^».Mmisti schen Redner, welche die Arbeiterschaft wieder arrfztthrhrir versuchten, wurden niebergeschrieen und wußten daö Lokal verlassen. In Gloggnitz,fand gleichfalls eine Versammlung statt, die von der Arbeiterschaft des Schwarzatales stark besucht war. Auch sie erklärte sich gegen den Generalstreik und beschloß eine Resolution, in der die Freilassung der perhasteten Arbeiter gefordert wird NW WWW «W Rüssen für die europäische Produktion ein stallen. Was Lloyd George jetzt plant, gleicht einer Schutzimpfung gegen heg Bolschewismus. Me Mt yM Polen auf diesem Hinrsrgrufld aus? Gestehen wir M ganz aufrichtig: Politisch erfreut sich Polen im Ausland gar keiner Sympathien. In dieser Beziehung geht es ihm jetzt schlecht«? als PS? ßimm Jahre, da während dieses JzhrO eine Reihevp» Erwartungen und Hoffnungen zerronnen ist. Selbst die französischen Sympathien fita Polen sind oberflächlich unh offiziell. Die westlichen Deznokx-tftn, England und Frankreich, können Polen nicht ausftehen. Polen gilt im Anstand noch immer als ein Land des..mittelalterlichen Feudalismus, mit hep herrschenden Schlacht» und den unterdrückten Bauern. Und da Polen im Ausland fast ausschließlich von Aristokraten diplomatisch vertreten wird und die auswärtigen Vertreter in Polen immer nur mit den „höheren Kreisen" in Berührung kommen, finden sie diese Meinung vom reaktionären Charakter Polens nur vallauf bestätigt, Der polnische „Aristokratismus", her schlechteste von allen, wich im Ausland nur von Kellnern, Lakaien und Kokotten geschätzt- Polen als ProdultionsmechaniZmus. sowohl hinsichtlich der Bodenprodultion als auch hinsichtlich der industriellen Erzeug«'sft, kompromittiert sich vor dem Allstand mit jedem Tage mehr. Es kommt nicht vom Fleck, es ist nicht fähig, seine reichen, natürlichen Schätze zu verwrrten. Wir sind herabgesunken zu einem Kunde der Bureaukratie, der Korruption und her -Indolenz, Das sieht das Ausland, weil es uns scharf heo-gchftt, und deshalb werden wir als Mechanismus der Sammelproduktion auf dem Felde und in der Fabrik vom Anstand nicht mehr ernstgerwmmen. Aus den voltischen Zügen dep.maßgebsndcn Faktoren der europäischen Politik ist leicht zu entnehmen, daß sie den Deutschen und den bolschewirischen Russen mehr Vertrauen schenken als dep Polen. . Darin liegt auch der Grund hex bisherigen Mißerfolge Polens auf der internationalen Arena. Wir werden noch weitere polit'sche Niederlagen erleiden, wenn wir nicht HM den greifbaren Beweis erbringen, daß auch wir Europa nützlich sein kennen." Es fragt sich, welche Gründe für diese niedere Einschätzung. Polens in Westeuropa maßgebend sein könnten. Der „Kurjer Lwotvski" nimmt nur eine Konstatiernng vor, ohne die Ursachen zu besprechen. Wir meinen, daß die Haltung Polens zur Juhensrage bei der Beurteilung dirsKL Angelegenheit nicht übersehen werden darf, Die. polnische Regierung war sicher? sich in dem letzten Jahre/bestrebt, ärgere Wesso zu verhüten. Mer den schleichenden Pogrynl in hex Form Wistatorischar Unt?chrüMng und KküMng der jüdischen Rechte hat sie nicht pHxhtndept; dep polnische Landtag, der in der SonfltagSruheangelegen'heit sich über die ökonomischen. Bchürfnisst der jüdischen MllionenbevülkeWng hinweggescht W. hätte dies unterlassen. wenn die Regierung^ sich widersetzt hätte. Aber die Angst vor her Straßendemagogie ist. bei her Regierung stärker ass die Bedachtnahme auf das Mische Element,' das trotz seiner wirtMaftfichen Kraft vom Aufbau der staatlichen Gesellschaft ausgeschlossen "wird. Das Ausland wertet aber diese Lücke nicht allem politisch, sondern auch wirtschaftlich, und dM fallt heute, sehr ins. Gewicht. , > 1 . , Zur Aufhebung der VervsttuuK-autyuvmie von Biebenvargsn Md her Bukowina. Das offizielle Rumänische Preßbureau meldet, wie gestern mitgetsilt, daß -ts Provinztalregierungen in der Bukowina und in Siebenbürgen qufi gelöst sind. Damit brachen vorläufig alle Einrichtungen zusammen, welche die nationalen Minoritäten Don den Prodinzialregiernngm erhalten haften, unh die Versprechungen, die ihnen gegeben wurden, Man erkennt sofort, wie richtig die Haftung der BuhßN in Bukowina war, daß sie sich mit den rumällischey Führern nicht in Verhandlungen wegen des ÄnsWsftß an Rumänien Massen wollten, sondern ihre R-u» tralität in territorialen Fragen Mer den schwfr» rigsten Verhältnissen behauptet Men. Jetzt wirh alleS von Bukarest dirigiert weroen. Die Siebenbürger sind zu üppig, man muh sie kleiner machen. Zu diesem Zwecke wird ein Zentpaftsmüs singWhrt, hgr Rumänien vor neue Probleme stellt, als ob da- Lanh nicht deren genug Mite, Bukarest wird jetzt für Siebenbürgen ein neues „Budapests und für die Bukowina ein neusS > „Wien" werderr. Die Lntereste» der jüdischen Massen werden mit einer durch keinerlei Sachkenntnisse gehemmten Skrupellosigkeit behandelt Werden; die Jude» des neuen Rumänien werden balkanisiert WttdtN. bider Kampf zwischen den Z'nträlisten nnd den Auto» nomisten dadurch ftn Hnde finden wird, Hatz andere, größere Schwierigkeiten die Aufmerksamkeit von hlefett* Konflikt ablenken werden. Jedenfalls werden dis Mu- Wahlen in das pumänifchs Parlament in den neuen Provinzen Mer dtm Eindruck der Anfiösr. I der Pr^ vinztalverw.'.ltungen stehe». Verfchick«ng d«s Schrich ül I-la«. Wie die rnglischen Blätter Mtl-rv, .geht auS einem Pk»t«sttckrgwmm der mdttchrn Külisatabordnvng an Llp pd Kßsrßz, hervor, daß die Allacrten den S ch e i ch tz s I - f $ m W Ksm stantinopel Verb aftrt und nach Malta sb-efchph-p haben. In dem Telegramm -rißt «S, hie Alliierten seien ftä an* scheinend nicht bewußt, wie vrrhängnisvsll die MaßnabWtz « Indien und iw ganzen Osten'wirken müßte. Dir Alliierte« W<« seinemit die Deutschen »egen der Behandlung beS Karbinaks Aiercur beschuldigt. Die Verhaftung deS Scheichs öl Islam stdoch ohne Zmeistl Wmmer. Inland. Der Staatskanzlee informiert die Gefandten. Offiziell wich uns mitgeteift; Aamstas mch" mitjags um Wb 5 Uhx Hai Staatstanzlex Poktar Renner hie hsptamattschen tzzrtretsr ßür Drctzmächta Amerika« England, Frankreich unh tzapa» empfanden,, um Men über die Argebnisf« dev itaktsttifch«« Reise Bertzht zu erstatten. Um halb 8 Uyk schtaK sich daran her Empfang der Vertreib« btt Tscheche« Stawnfti, Fugostawtans, Rumänien-, Ungarns und! Polens. Der Kanter brachte dabei zur ^nntnis, Haft die österreichische R gierung die Absicht HM, im Rn» schlusft an die bisher nach Paris unh Mm onLssnheteu A^rdmrngen österreichischer StaotsstMäre auch mit sämtlichen -tachbarftaaten in nnmrits^ bare Perhandlnnsen znr Duxchführnns des Frieden-Vertrages Kjnzntreten, der A»«demtsch«r A«tisemltt»A«s a» Grazrr UqiversttSt. In Graz haben am t% h M. bk gnskripftsns» an der UniversifA hegonnm. Hiebei mutzten alle Ausländer ihre Dokumente einer neuerlichen MhmPchfWst unterziehen lassen mid Fragebogen ausfüllen, dse unser anderen die Rubriken BolkSzugeh-xigkeit, ^Staatsangehörigkeit, enthielten. Durch -ins vom Rok» torat ausgehende Entscheidung wurde nm einer R-iye von Studenten, sämtliche Juden, die Nsuinskm» tion verweigert, darunter solche»!, welche seit Jahren tu Graz studierm und vor den letzten Prüfung"» stehe», Die Entscheidung ist durch einige Professoren unh dem Ausschuß der deutschnationalen Studentenschaft der» anlaßt und der Kanzseidjrektor der Universität erklärte zwei jüdischen Studenten unverblümt, sie könnten cin der Universität weiterstudieren, wenn sie eine Bestätigung vom Obmann heS deutsche» Studentenausschusses erbringen, daß er gegen ihre Aufnahme nichts etnz»« wenden habe. Interessant ist, -aß «ran zu gleicher Zeit« da man solche Maßnahmen gegen im ganze» ungefähr 38 jüdische Ausländer trifft, mehr als hundert arische Sfirdenten au§ Ungarn und Bulgarien an der medizinischen Fakultät aUein ausgenommen hat, die bisher nie in Graz studiert haben. Atz durch solche^ Maßnahmen die Ausflüchte des KanzleidirektorS und des Rektors widerlegt erschienen, die sich anf Wohnungsnot und Leben-mittel» Mangel beriefen, erklärten diese, es bestehe namentlich bei den jüdischen Medizinern die Gefahr, daß sic pater im Lande blieben und den heimischen Nerzten Kow kurrenz machen könnten. Auch -ine schriftliche Ep kläruyg der Betroffene», daß sie nicht beabstchttsen, nach der Absolvierung ihrer Studie« in Oesterrkick einen Beruf -u ergreifen, blieb erfolglos und es katv zu der inappelablen Entscheidung, die zu ejnem Zeitprrnkt erfolgt ist, der eS den Ubgewiesciren unniösisich macht, eine andere Universität zu beziehen. Bemerkt muß werben, dckß als Ausländer alle jcn» betrachtet werden, welche nicht in der Lage sinh, ihr« Zuständigkeit nach einer österreichischen Gemeinde nach zuweissn, fy haß auch dis abgegebene Staatsbürger schaftSerklapuny nicht genügtt Man gibt es rr Gras durchaus zu. daß es sich hier um «ine einsestigf Maßnahme gegen das jüdische Element handelt, und el ist charakteristisch, daß in einem Falle von zwei Tt»»- disronden aus demselben Opt, auf welche durchaus glcich» BoraUßsstzungm zutxofftn, bloß der eine jüdische vor der Wskripfto» äuSgoschsosstn wurde, In Graz scheint man von der wesilichö» Orim tierMg, welche Mtaatskynslsp Dr. Renner gnstrcht nichts, zu Zwisten und möchte augenscheinlich der Orte» tisrung nach HorthyMägyarien von Vopzug geben. Dai Vorgehen der akademischen Behörde» von Graz cnthLlli sich als ein kpästep Mssmitischer Willkürakt, der vor LeMjtät -hensv weit entfernt ist wie von Menschlichkeit NcbsßorbMßr Stricker fort bereits i»n Pvrtamew wegm bigßr Porfäste inkerpollieft und auch Gemeinde rat Dn. Ehrlich hat bis Angelegenheit anläßlich bq» Debatte über daß neue Wisnsr Gemoinbastatut W i Sprache gebracht.