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Wiener Morgenzeitung · 1920-04-18 · Heft 445 (18.4.1920) · p. [Seite]

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 445 (18.4.1920)
Date
1920-04-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Kür morgen ist das Belgrader Parlament einberusen, um in der Lebensfrage des jugoslawischen Staates eine Entscheidung ■: zu fällen. Der parlamentarische styyftikt zwischen den Konservativen und den Demokraten) der sich formell um die Frage des.Quorums dreht, das heißt darum, ob eine nder beiden Parteien dich qualifizierte Majorität erreichen und damit eine Regierung stürzen oder wählen kann, ist letzten Endes, der Entscheidung darüber gewidmetob Jugoslawien konservativ oder demokratisch, ob es zentralistisch oder föderativ regiert sein soll. Es ist also ein Kampf um die Ntaatsform, jn dem einstweilen die beiden großen Par« leien die Arbeitsunfähigkeit des Parlaments herbeigeführt haben. Gegenwärtig sind die Konservativen am Kuder» das heißt sie sind im Besitze der Regierung und sie Sollen, wenn der morgige Tag keine. Entscheidung -ringt, in einem Appell an das Volk die Entlassung des Parlaments aussprechen und rechtfertigen. Die Konservativen kündigen an, daß sie bis. auf weiteres ent? schlossen sind, die Gesetze im Wege der Verordnung, zu Erlassen. Der 8 14, dessen Anwendung die südslawischen Abgeordneten des österreichischen Reichsrates so oft mit herbeigeführt. haben,, feiert also eine fröhliche' Auferstehung. Die Regierung will als erste ihrer Maßregeln eine Besteuerung der Kriegsgewinne in der Höhe des zwölften Teiles der Äetuinne im Verordnungswege verfügen und dann in einer zweiten Kuydmachlwg dis für einv Abstimmung notwendige Präsenz der Abgeordneten von 149 auf Ivy herahsstzW. ^Dss-.^MlKmtz«tsich morgen mit diefencheiden Angelegenheiten zu ^Die Staatskrife ist also aus einer sozusagen-tech». Nischen Differenz zwischen den Parteien entstanden. In den Grundzügen, in der' Bildung eines südslawischen Einheitsstaates, sind die Parteien scheinbar einig. Beide Woyen ein Reichs ein Parlament und einen Könitz. Die Konservativen stellen aber außerdem roch, dre Forderung - der Verwaltungsautonomie für die drei Landesteile quf, wobei die früheren politischen Grenzen weiter bestehen bleiben sollen. Dieses Streben, das'sich auf die politische /Theorie von der Bildung eines Großserbenreiches stützt und hauptsächlich von Pani, einem der .fähigsten Politiker seines Landes, vertrefen wird, hat das Mißtrauen der Demokraten hervorgerufen, das sich gegen dse Gefahr einer> nationalen Absperrung zwischen ,, Slowenen, Serben und Kroaten wendet; aber auch' die Kroaten, obwohl konservativ gerichtet,, fürchten einen zu weitreichenden Einfluß der Serben auf die Verwältungsaytönomie. Kroatiens und verlangest eine gewisse Selb-, ständigkeit^ ihres Gebietes. Die gleiche. Förderung stellen die.slowenischen Klerikalen auf. Obzwar also nun überall der Hille besteht, den in der Revolution errungenen Staat auszubauen, und' zu befestigen, ist doch in, der'inneren Ptzlrtik-durch diesen Streit -eme siust unübersteigbare - Mauer aufgerichtet worden. Alle Bemühungen, dem Konflikt auf außerparlamentarischem Hege die Spitze abzubrechen, sind-auf. dem toten Punkt angelangt.' Dieser Kampf, zu' dem noch finanzpolitische Momente, wie der Krieg der Krone gegen den Dinar, hmgutreten, berührt natürlich auch Äe Nachbarn Jugoslawiens.. ' ‘ \ ”/ Pasin diesem. Staate vorgeht, ist eigentlich dasselbe,^ was in allen Staaten geschieht, die aufdem, Boden, der Monarchie eytstayden sind< Uralte, SchickfalsgemmnschAstenWö geM Wörden, ohne daßman mr/die Zukunft, gedacht hat. Jü-der.'/ ^hey. - WirMnq tiefe Kluft zwischen Tschechen und Slowaken, VBlkörteilen gleicher Art und gleicher.Zunge. Serben, Kroaten und Slowenen sprechest. die gleiche Sprache, . ' wWÜIMch,..ste/do^chiedene, Alp'HÄete anwenden, und sich >'auch/'religiöZ voneinander unterscheiden. - Die natio-- / NüM Homogenität reicht .also hier nicht.aus, wirtschoftspoMsche Momente zu überwinden, und man wäre fast versucht', das sprachliche Bekenntnis überhaupt aus den y -pittf ^e^^ttff§6e^^inlr^ung der Nation notwendigen Elementen ausznschei den. Die. Sprache erscheint lediglich .. als technischer Bef?elf für Ausdrucksform und gegen- . . fertige Verständigung, als Voraussetzung für einen gewissen /gleichartigen Aufbau der Kultur, aber nicht, als Voraussetzung für eine Staatsbildung. Die Elsässer, - die' sich /ihrer politischen Richtung-nach als Franzosen / - /'.rklären- Brechen deutich. Die Vosener Bolen sprechen Montag Md «rein 58Oadnm!rebß- V.. ' .. * ._. -i'■■■KVo a^, H O Die gestrige« Berhandlunge« mit de« SKddrhner» Mrtea z« Le, Ergebnis, Die Situation hat sich infolge weiterer Usstimmigkeitea noch^- LL.? fchiechtert, so daß mit der Wiederaufnahme des Verkehrs am nicht zu rech«e« ist. Die Verhandlungen werden heute fortgesetzt. '-2L^ S> Der des Mordes irr Vierzehn Fallen angeklagte Feldzeugmeister des R«hqstq«-es Stephatt Hubieie Wttvde bei der gestrigen Schlutzverhandlnng vor 'de« Senat des Obersten GerrchLstzsfes f r e i g e s p r och e n. . , HandeLKfreihelt zwischen Frankreich und Mitteleuropa. Dar i S, 17. April (Funkspruch.) Eine heute Veröffentlichte Verordnung stellt die Hanv elS f r e ihei t z w i f ch en Fr^ankreich ünV den £ änb ern Mitteleur o p aS ■Wte d er h $ Bisher war -er Handel mit Maren» die WSEWtMaNd/M e st e r r eich, ver LschechoMlowakti uittf DolW stammten, besonderen EinschrLnkungen unterworfen. Die Vertreter der Alliierten bei PateK. W.a r s ch a u, 17. April. (Privat.) Vorgestern erschienen die VerLneter der aMierten Staaten der Reihe nach beim Minister des Aeuftern P a L e kr. In politischen Kreisen wird angenommen» daß diese Besuche mit der letzte« R o te Ts ch it sch eri n s Zusammenhänge«. Gegen die Pqlilik der Gewalt. , Ein Protest der franzSstschen Arbeite« . schast. Paris, 17. April. (Lel.-Komp.) Die l8o«stl»eiWch Lion generale du travsil hat rin Manifest erLAM, KoE sichmit dem I^Müi befaßt. - Der Aufruf fordert einen allgemeine« gen Streik, damit die von der Confederatisn wünschte Politik durchgeführt werde. Die jetzige PslÄW der Gewalt muffe verschwinden. Die bewaffnete Be» sehung müsse airfhöre« und alles unterbleibe«, wast Deutschland herausforder» könnte. Die ConfederatisN. verlangt f-“ rftgc Zurückziehung der Truppe«, biß auf das rechte Rh.lnufer gesendet wurden. Auch kolonialen Uuternehmnngen müßten eingestellt werben» In dem Manifest wird weiter gesagt, daß alle Maß» nahmen einvcrnchmllch mit de» Arbeiter« der anderen LLnder vorgeschlage» wurde«. Ber türkische friedenswtrag. Haag, 17. April. (Tel.«Komp.) tzollandsch Mrnws Bureau meldet ans Paris: Äie Konferenz l« San Rem o wird den in London vorbereiteten Wortlaut des Abkommens mit dev Tiirftei revidieren. Die Türkei wirdie Hälfte ihrer früheren Einwohnerfchast verlier«».' Die verkleinerte Türkei wird «ntsr genauer Kontrolle der AMerten stehen. Der türkische Teil von T h r a z i e n fällt an Griechenland. Das Hinterland von Adana und Adalia wird für Frankreich und Italien reserviert. Ko «st ans in opel wird internationalisiert. polnisch, fordern aber ebenso wie die galizischen ihre verwaltungstechnische'Autonomie. Der Krieg hat eben auch hierin revolutionierend gewirkt.. Vielleicht ist die Er-, kenntnis nicht mehr weit, daß in der. überstarken Betonung der sprachlichen Sonderart eine der vielen Lebensquellen der nationalistischen Bestie zu suchen ist und daß in der Beschränkung der Sprachpflege auf die Er«, ziehung der. Jugend und auf die Kunst ein Mittel zur' 'Erreichung der Völkerversöhnung und damit zu einer höheren Menschheitsgesittung liegt. Die Vereinigung von Volksteilen aus -Grund ihrer Geschichte und ihres Willens, zu einer Gemeinschaft mit gleichen natonalpolitischen- Zielen) also -die Bildung von Nationen, ist eine Voraussetzung Mr die Organisierung der Menschheit in der Form der Völkerkamilie. Wenn aber die Nationen durch die Ueberhewertung ihrer sprachlichen Sonderart eine M.cmer um sich ziehen, dann.wird der Zweck der Zöherführung der Menschheit verfehlt und es kommt zu mehr oder minder heftigen Zusammenstößen, denen man dann leicht ein idealistisches Mäntelchen umhängen und die man ebenso leicht zu einem wirtschaftlichen Kön. kurrenzkampf nmfälschcn kann. Die Wirtschaftsgeographie, die den Bedürfnissen des täglichen Lebens eniFpringt, ist stärker als der Nationalismus. Das sehen wir in Volen. das sich sowohl östlich gegen'Rußland wie westlich gegen Deutschland handelspolitisch orientieren muß; wir sehen dies in der Tschecho-Slowakei, deren Politik, zwischen den Interessen des Elbe-Moldau-Gebietes und des Donau-Gebietes schwankt.' Wir erkennendies nun auch in Jugoslawien, dessen Dreigestaltigkeit durch das verschiedenartige konfessionelle Moment, aber auch durch die^ Differenzen zwischen dem Donau-Save-Gebiet und der Adria an der Erzielung einer^ einheitlichen Politik verhindert wird. Auch hier zeigen sich die zerstörenden Wirkungen des aus'dem Weltkrieg hervorgegangenen Friedensvertrages, der große, historisch gewordene' und historisch entwickelte Wirtschaftsgebiete in Trümmer geschlagen , hat, auf denen kein staatliches Leben ungestört gedeihen rann. Die inneren Vorgänge in Jugoslawien, der Fiume-Streit' und dazu noch die groteske des deutschen Klagenfurter Beckens sind genau so Beweise für-die Notwendigkeit der Revision 'der Friedensverträge, wie die Vorgänge , in Vorberasien und in Deutschland, wie die Not", -in Wien. Der Gedanke der Donauföderation stoßt - heute noch ans den llnabhängigkeitsstolz der Nationalstaaten^ er wird vielleicht morgen in der Idee einer . mitteleuropäischen Tärifunion sich wieder hervorwagen. Jedes « Tag aber, . der. eine Fortdauer der heutigen Zustände i brinst. ist ein Verlust für die Sache deZ.FriedrM^ „

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