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Wiener Morgenzeitung · 1920-04-12 · Heft 439 (12.4.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 439 (12.4.1920)
Date
1920-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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W i e rt 12 April Immer sah Europa zur Zeit.der Schneeschmelze sorgen-, voll auf den Balkan. Seit Jahrzehnten fürchtete man immer, das Balkonchaos werde sich eines TbsgeS zum'Weltbrande verdichten. Tatsächlich war das Dran^a in Sarajevo.der letzte Anlatz zum Weltkriege, der trotz ^er Waffenruhe von eineinhalb Jahren leider nicht beendest »ist. Jeden Monat kann das ungelöste balkanische Probleni den Anlatz zu neuen Katastrophen und Kriegen bieten/ Die Franzosen haben Frankfurt besetzt und magnettsch zieht es sie hin zum Rhein, die Engländer stehen in KonstaHttnopel und die Italiener machen den- Südslawen die Adria ^streitig in einem Zeitpunkt, wo eS in Kleinasien und in der übrigen mohammedanischen >Welt hedenMch gärt und wo eS zu Reibungen zwischen Sechen und Bulgaren kam, wo um den Besitz Albaniens zwischen Italienern und Serben' in Skutari und am Tarabosch bereits gekämpft wird. Zur gleichen Zeit erfolgen Streiks, Minister- und Parlan'-ntSkrisen/s in.Bulgarien, Jugoslawien, Rumänien und Griechenland, tejfo wirtschaftliches Elend, eine traurige Finanzlage einer steigenden ' sozialrevoluttonären Flut die Wege ebnen, ««erer^eits aber ein unersättlicher, chauvinistischen Imperialismus neuerliche Verwicklungen zwischen den einzelnen Balhanstaaten herauf-'.beschwören dröht. Bezeichnend nach dheser Richtung ist, daß in Sudungarn gege- ' die ökonomisch .unzuftiedenen Elemente das dortige serbische Regime' schon schon Ausnahmsmatznahyren anwenden mutz, fotpie ferner, datz in Rumänien die dortige demokratisch. gefärbte Regierung Bajda infolge des regime AvartzSeü,' weil es' &tnje Majorität in der Bukarester Kammer hesatz, sich beranlatzt: sah> die Kammer anfzulösen. Was ab:r die rumänischen Angelegenheiten noch sehr kompliziert, ist nutzer dem von RuMand bereits gegen Ostgalizien und auch Rumänien sich näheimden Bolschewikenstürm die ungelöste rumänische Judenfrage. / Bor kurzem erst erklärte Wohl - der' frühere, rumänische Ministerpräsident, »es gebe keine Judenfrage in Rumänien; dip Tatsachen aber, die sich in Rumänien abspielen, beweiset, daß in Rumänien fast alles beim alten geblieben ist. Hunderte von Jud — befinden sich ohne Urteil, in den Gefängnissen, in einzelnen Orten werden Juden ohne. Gru.nd mißhandelt, wie dies zum Beispiel vor kurzem-jüdischen Studenten »omch in Czernowih zustietz, und als Hauptmotiv des. rumänischen. Antisemitismus wird jetzt plötzlich ■*ii> - PogromMeratur. Pro Jsraele. die nichtjüdische italienische Vereinigung zur Verteidigung der jüdischen Rechte, hat im Verein mrt dem Komitee der jüdischen Gemeinden Italiens und der Federazione Sionistica Jtalräna soeben eine italienische Schrift erscheinen lasten, welche die während des Jahres 1919 an den Juden in per Ukraine, in hen von Deniktn besetzten Gegenden und in Ungarn verübten Bluttaten darstellt. Die Schrift (I Pogrom contra gli Ehrei, Rom 1920) enthält eine Darstellüng der ukraintschen Pogrome zur Zeit des Direktoriums und Pelljuras, des Blutbades von Pröskurow und FUfchtin, Schitomir,' Elisabethgrad, gibt eine Statistik der Opfer laut der. Aufstellung des russischen Noten Kreuzes und bretet nach einer Darstellung der Situation in Ungarn nach „Secolo", „Tribuna" und „Manchester Guardian"?in grauenvolles Bild der Bluttaten in Südrntzland unter Denikm. Den Schluß ^bildet ein Aufsatz von Ke betreff, dem gewesenen Minister im Kabinett Kerenski, unter dem Titel: Warum protestieren die Alliierten nicht? Der Schrift ist ein „Appell an die Italiener" beigelegt, der von den drei Vereinigungen unterzeichnet ist und die öffentlich- Meinung, Negierung und Presse in flammenden Worten irufruft, die Stimme des Protests und' ,den Hilferuf zu erheben , und die Vernichtung eines Volkes zu' verhindern. Der ukrainische. Pressedienst in Berlin gibt im eigenen Verlag in deutscher Sprache eine Dokumentensammlung unter dem Titel: „Die Lage der- Juden in Ungarn" heraus, um die Stellung der sogenannten ukrainischen Nationalbcwegung, die in der ukranischen Volksrepublik ihren Ausdruck gefunden hat, zu beleuchten. Die Schrift, welche den apologetischen Zweck verfolgt, die Schuldlosigkeit der.Petljura-Ncgierimg an .den blutigen Exzessen zu erweisen, enthält eine ganze Nöihe von intereffanteri Dokumenten. Interessant ist namentlich das umfangreiche Gesetz, betreffend die jüdische Selbstverwaltung vom 17. April 1919, welches das erste Beispiel einer weitgehenden jüdischen Autonomie in der Gesetzgebung eines Staates bildet, die in der Institution ataei Ministers für jüdische Angelegenheiten ihren Abschluß Lord Derby bei Millerand. P>r ri S, 12. April. Ministerpräsident Millerand Hot gestern nachmittags den englischen Botschafter Lord D e rb h empfangen und ihm die Antwort der französischen Negierung auf die englische Note überreicht. Hölz geflüchtet. F a l ft e « si e i 12. April. Auf die Kunde von dem Anmarsch -er NeichSwehrtrupPen traten dis von Hölz gebildeten Brandkommandos in Tätigkeit und steckten fünf Villen in Brand. Gegen 3 Ähr früh glich hie Stadt einem Flammenmeer. Im Hofe des Amtsgerichtes ließ H'ölz die den Einwohnern abgenommenen Waffen verbrennen. Am 4 Ahr früh verließen Höiz und seine Anhänger, nachdem sie die Geiseln freig2lassen hatten, in zehn Automobilen die Stadt und fuhren »ach der sächsisch-böhmischen Grenze davon. \ angeführt, die volschewikische Propaganda in Rumänien rühre vorwiegend von Juden her. Es ist dies derselbe Vorwurf, den man nach den überraschenden Siegen der kommunistischen Partei in Jugoslawien — die sich vielfach gegen die grotzserbische Militär- Partei richten — auch dört gegen die Juden erhebt. Charakteristisch für die Entwicklung" 8er Verhältnisse speziell in ' Kroatien ist es, datz in Agram der Kommunist Mrjo Radosevie zum — Bürgermeister vorgeschlagen wurde, nachdem von 50 Gemeinöeratsmandaten 20 den Kommunisten zufielen. Die Erfolge der kommunistischen Partei beschränken sich aber nicht auf Agram, sondern sie erlangten auch in Effeg ebenso wie in Pozega, Bukovar, Karlovac alle Mandate. Besonders charaktert,..,ch aber ist es, datz inv vielen kroatischen Dorfgemeinden nur Kommunisten gewählt wurden und datz weiters vielfach zu den Hauptagitatoren der Kommunisten jugoslawische Hochschüler gehören, von denen speziell in Belgrad sich ein großer Teil zu kommunistischen Anschauungen bekennt. Berücksichtigt man weiter," datz in Montenegro, gefördert von italienischer Seite, eine starke Strömung exiftndet. Eine Reihe vontz Verordnungen, RegierungSkundgebungenund Aufrufen an die Bevölkerung und die Armee soll das Bestreben der Regierung beweisen, die Exzesse zu verhindern und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Durch ein besonderes Gesetz wurde eme Sondexkommrffion zur Untersuchung der Pogrome eingesetzt. Ein besonderer Abschnitt des Buches enthält Erklärungen jüdischer Organisationen und Vertreter. Obzwar nun die Gesetzgebung der Petljura-Regierung den Juden die weitestgehenden Rechte einräumte, steht das Urteil noch lange nicht fest, ob Petljura und sein Direktorium alles getan haben, um die blutigen Ausschreitungen zu verhindern. Es gibt verschiedene Anzeichen — die Akten über dieses traurigste Kapitel der jüdischen Leidensgeschichte sind noch lange nicht geschloffen — datz das Direktorium vielmehr eine vielfach schwankende und zweideutige Haltung einge- > nommen hat, wodurch "die ^xzedenten ermuntert werden konnten, während man gleichzeitig dem Ausland und namentlich den Westmächten gegenüber, um deren Anerkennung man sich mühte, auf die den Juden gesetzlich garantierten Rechte und Freiheiten Hinweisen durfte. Die mangelnde innere Konsolidierung,' der Zustand der Gärung auf allen Gebieten, die nie erlöschenden Kämpfe boten überdies den verschiedenen Horden reiche Möglichkeiten, durch Mord und Plünderung an den Juden ihr Mütchen zu kühlen und die entfesselten Instinkte aüSzutoben. Die Dokumentensammlung des Berliner ukrainischen Pressedienstes hat einen politischen Zweck. AuS den veröffentlichten Stücken ersieht man, daß die Gesetzgebung, was die Juden anlangt, durchaus befriedigend' war, auch daß sich verschiedene jüdische Gruppen und Persönlichkeiten für das damals demokratische Regime und gegen die ihm vorausgegangene Richtung des von der deutschen Ättlitärpolitik geschaffenen reaktionären HetmantumS ausgesprochen haben; trotzdem mutz man mit dem endgültigen Urteil zurückhalten, bevor nicht das reichlich vorhandene Material lückenlos vorliegt, aus dem fcstzuftellen sein wird, ob daS Direktorium Petljura allegetan hat, um die grauenvollen Mordtaten zu verhindern, und ob es nicht mehr tun konnte, als KroUamationen zu erlassen unb mit strengsten stiert, welche die Volksabstimmung darüber fordert, atz Montenegro ein selbständiger Staat bleiben oder aber de« Verbände des S. - H. 'S.-StaateS auch weiter angehoren fo& undaß die Adriafrage zwischen Jugoslawien und Italien ebensowenig bisher bereinigt wurde als die serbisch-rumäNischch! Streitfrage über den Besitz des ehemaligen Banats, dann wiM eS klar, wieviel Zündstoff am Balkan angesammelt ist. J UeberdieS darf nicht außer acht gelassen werden, datz au» in Bulgarien und Griechenland sowohl die inneren Verhältnisse wie auch die gegenseitigen Beziehungen zueinander und z«^ den anderen Balkanstaaten äußerst verworren und ungeklärt sind, dann ist genug Anlatz, sich keinem Optimismus, betreffs der Dauerhaftigkeit der jetzigen „Ordnung" am. Balkan unbj der neuen Gefahren, die Europa von dort drohen, hinzu^ geben. Neunkirche«. Der CielMiMtitnt Wir» »»»testiert gcgt* Me Sw hoft»«sen. Der Kreisarbeiterrat Wien beschäftigte sich' W einer Sitzung, die am Samstag unter dem Dopsitz Friedrich Adlers im Sitzungssaal des allen Rathauses stattfand, mit den Eingriffen fremder Mächte in unsere Rechtspflege sowohl im Falle der Freilassung der iyternierten ungarischen Kommunisten att auch ün Falle Neunkirche». j Friedrich Adler führte auS: ,$n einer zweistündigen Unterredung mit den Genossen hatten wie Gelegenheit, uns über die Wünsche der Jnternierk» 1« Steinhof zu informieren. Diese hatten, als ihneu die Ichchricht zugekommen ist, daß drei her interniert-« Genossen freigelassen und nur jene inÄmmrt ^lÄbev sollten, gegen deren Freilassung die italienische Ro> gierung Einspruch erhoben hat, den Hungerstreik abgv-§ brochen. Die Internierten überreichten uns eine «w klärung, in der sie 5um Ausdruck bringen, daß, d« die-österreichische Regierung nur der Kerkermeister bm Enjerrleregierungen ist und eS zwecklos fei, gegen ein« Kerkermeister zu demonstrieren, sie auf eine Forifetzun« des Hungerstreiks verzichten, durch welchen fiebotatfeni zum Ausdruck bringen wollten, daß sie in Deutschj« österreich keineswegs daS Afylrecht genießen, sondern in Schutzhaft gehalten werden. Inzwischen ist der Gifd Mordversuch erfolgt und wir haben daher Freitag frtzh nochmals die Genossen besucht und uns abermals in Strafen zu drohen. Jedenfalls ist der Titel der Schrift fa» führend: die „Lage der Juden in der Ukraine" wird durch die Pogrome, deren Darstellung man in der Schrift -nichis findet, viel deutlicher gekennzeichnet als durch eine Gesetz» gebung,' der die Entwicklung keine Zeit zu ihrer Verwirk lichnng lietz. j Eine herzerschütternde Sammlung von Dokumenten ift englischer Sprache ist der vom Kiewer HilfSkomitte verfatzdH und vom Zentralkomitee für Rußland (Merkaz) herausgegebene Bericht.über die j ü d i f ch e n P 0 g r 0 m e I n @ ü M rntzland (Jewifh Pogroms in South Ruffia), in welche« festgestellt wird, datz es während der ersten zwei Jahr« der Revolution keine wirklichen Pogrome gegeben hat. Erst di das Direktorium von den Kommunisten niedergerungen wurde, begann die Serie der blutigsten Judenpogrome. Je öfter die Petljura-Truppen gezwungen waren, vor de« Kommunisten die besetzten Gebäude zu räumen, desto grausamer behandelten sie die Juden, gegen die sie unter de« Schlachtruf: „Mordet die Juden und die Kommunisten!" loS» gingen. Die Zahl der Pogromopfer wird mit 80.000 angegeben von bitten 15.000 den regulären Truppen allein zur Last fallen. Am blutigsten ging es in den Monaten Mai- Juni und Juli zu. 872 Ortschaften^ zählt der Bericht auf, in denen die Juden durch die Pogrome gelitten haben, als deren , indirekte Opfer auch jene zu gelten haben, die auf der Flucht erschlagen» auS den Eisenbahnzügen geschleudert wurden oder auf dem Wege buchstäblich verhungerten. Hierdurch erhöht sich» die Zahl der Pogromopfer auf 70.000. Haarsträubend sind die Einzelheiten deS Berichtes. Boguslaw hat in einer Woche fünfmal den Besitzer gewechselt und jeder Wechsel hatte einen Judenpogrom zur Folge. In Belomitza (Wolhynien) wurde« alle jüdischen Familienväter ermordet. In Dubowo wurde« den Juden die Schädel gespalten und die Schwerverwundet«« oder Toten in einen Keller geworfen. In Tschernobyl wurde« die Opfer, in den Strom geworfen, wo sie ertranken, wollte sich einer durch Schwimmen retten, wurde er angeschossen ust». Die Kosten der Hilfsaktion beliefen sich auf «wufe zwanzig Millionen Rubel.

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