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Wiener Morgenzeitung · 1920-04-02 · Heft 430 (2.4.1920) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 430 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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(gttte y " ~ Wien, Freitag Wiener Morgenzeitnng" Kapp in Danzig.? Berlin, 1. April. lTel.-Komp.) Kapp befindet sich rnr'ch Brisen, die bei seinen Angehörigen eingegangen» find» im Freistaat Danzig. Er hält sich in Dan^'g, das unter englischer Oberhoheit steht, vor.der Auslieferung wegen Hochverrates sicher. . Aus dem Bericht Sir Stttrrrt Samuels über seine Studienreise in Polen.? Aus.einem am 15. März in London abgehrltenen Meeting der Anglo Jewish Association erstattete Sir Stuart Samuel Bericht über'seine. Studienreise in Polen, wohin er von dsr Englischen Regierung entsendet worden war, um über die Lage der jüdischen.. Bevölkerung Erhebungen zu pflegen. Sir Samuel sagte, daß er seinen Gericht vor kurzem fertiggestellt und der Regierung übermittelt habe. Da sie ihn jedoch noch nicht veröffentlicht habe, werde er. sich vor der Versammlung auf die Darstellung der wirtschaftlichen Lage der Juden in P>.len beschränken . und den Teil des Gerichtes, welcher pie Erhebungen über die Pogrome enthält, vorläufig nicht zu Gehör bringen. Die Gezi.'Hungen zwischen Juden und'Polen wären nach Sir Samuels Meinung nicht so schlecht wie sie in Wirklichkeit sind, wenn nicht die polnische Bauern« schaff, welche 80 Prozent' Analphabeten hat und dem wirtschaftlich und'kulturell für sie notwendigen Juden im Grunde.nicht feindlich gegenübersteht, von der polnischen Presse verhetzt würde. Die polnische Pr.sse vergiftet die Seele des Bauern. Vor dam KrieLe waren ■SO Prozent des Handels in jüdisch:n Händen. Die" Polen sind kein Handelsvolk und die Regsamkeit der Juden auf diesem Gebiete nr bei ihnen die Feindschaft des unterlegenen Konkürren h'rv-or. ' - I Der Boykott gegen den hat noch'vor dem Kriege aus politischen G > eingesetzt infolge der Dumawahl in Warschau, i .it Juden einem polnischen Antisemiten nicht ihre Stimme geben wollten. Damals war es der bekannte Dmowski, welcher die öffentliche Meinung in Polen vergiftete und die Gohkottparole jausgab. s Heute ist die wirtschHtliche L-age der Juden geradezu gefährlich, die Armut unbeschreiblich. Die bisher aus Amerika und London gekommene Hilfe für die Juden Polens hat nicht ausgere'.cht. die Armut und Not zu lindern, welche das Resultat der traurigen Wirtschaftslage sind. Allerdings wäre ohne diese Hilfe bereits die Hälfte der Juden Polens an Hunger,,. Typhus und Entkräftung gestorben. Insbesondere; die Leidott der jüdischen Kinder find herzzerreißend. - . Es ist charakteristisch — führte Sir Samuel weiters saus — daß die polnische Presse gegen die Juden schreiben darf, was sie will, daß es aber der.jüdischen. Presse nicht erlaubt ist, über die polnischen Uebcvgriffe gegen die Juden zu schreiben. Die kleinste Uebertretüng dieser ungeschriebenen Vorschrift wirr» mit Konfiskation Gefängnis gestraft. Schon daraus ist klar, daß die Regierung einen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden macht. Gei der Verteilung von Rohstoffen kann man hingegen die polnische Negierung keiner Parteilichkeit beschuldigen. Allerdings, wäre ihr .eine solche beim besten Willen unmöglich, da fast der ganze Handel und die Industrie in jüdischen Händen sich beßindet und daher durch Verweigerung der Rohstoffe ^n die Juden lahmgelegt würde.; Die Polen beschuldigen die Juden auch, daß sie sich vom Militärdienst drücken. .Die Beschuldigung ist schon, Angesichts des allgemeinen Dicnstzwanges falsch. Wenn übrigens die Juden mit dem Militärdienst unzufrieden sind, so haben sie allen Grund dazu, da die jüdischen Soldaten furchtbare Leiden auszustehen haben. Jüdische Offiziere gibt es fast keine. Jüdische Militärärzte dienen in der polnischen Armee, da fast alle Aerzte in Polen Auden sind. Sir Samuel besprach dann die Frage der Minderheitsrechte der Juden in Polen und wies darauf hin, daß. selbst wenn die Regierung gewillt sein sollte, die Beschlüsse der Friedenskonferenz einzuhalten. die niedrigeren Beamten, deren auf Unbildung und Kulturlosigkeit beruhender Judenhaß groß ist, die Durchführung vereiteln würden. Die höheren Beamten, dagegen sind die Sklaven der durch die Zeitungshetze vergifteten öffentlichen ' Meinung.. So sind die Auss» sichten für die Juden in Polen nicht Optimistisch zu beurteilen. STbst wenn das Volk zur Gesinnung kommt, daß ein Land nicht aufgebaut werden kann, wenn ein Teil der Bevölkerung verfolgt wii^ und wenn die wünschenswerte Harmonie zwischen. Juden und Polen angebahnt wird, so ist das doch noch die Frage langer Zeit und bis bah n ist die Lage der Juden inmitten einer durch gewissenlose Hetze vergifteten öffentlichen Meinung schlecht. ■ Als Beispiel für diese gewissenlose Hetze führte Sir Samuel die während seiner Anwesenheit in Warschau vorgekomme.ren Ri ualmordvorträge eines ehemaligen Tanzlehrers an. (Ueber diese haben wir seinerzeit berichtet. D, Red.) Diese mit Lichtbildern verbundenen Vorträge wurden erst nach energischem Protest Sir Samuels von der Negierung verboten. Die össentliche Meinung Polens hatte kein Wort des Widerspruches gefunden. Am Schlüsse seiner Rede forderte Sir Samuel zu energischer ökonoinischcr Hilfeleistung für die jüdische Bevölkerung Polens auf. Die jüdische Einwanderung stach Palästina. Erleichterung der Einreise. Das englische Militärkommando für Palästina erläßt die folgende Kundmachung r 1. Alle Jude», die v o r d e m K r i e g e in Palästina gervo* »e haben und zurückkehren wollen, müsse» ein entsprechendes Zeugnis der zionistischen Ko m- Mission in Palästina erbringen, welches in jedem einzelnen Falle das Sreael des Militarbsvollmächtigten in Palästina tragen muß. * 2. Zur Erlangung der Einreisebewilligung für Personen, die vor d§m Kriege nicht in Palästina gewohnt haben, muß man sich an die oberste Militärbehörde in Aegypten wenden, welche das Einvernehmen m't der palästinensischen Militärbehörde pflegen wird. ' Zu dieser Kundmachung teilt die Zentrale per z i o nistisch e « Org anisation in London mit: Da die Einreichung der E.nzelgesuche an die Militärbehörde in Palästina eine zn große Verzögerung zur Folge hat> müssen alle Zionisten, die nach Palästina einreisen wollen» ihr Gesuch an d en Pal ästinarat in Jerusalem oder an die z i o n Wische ' Lokal« b ehördeihres Aufenth altsort es (Palästinaamt «. dergl.) richten. Vor der Entscheidung über das Gesuch soll ke ine Liq uidierung des Eigentums erfolgen und keine Verbindlichkeit übernommen werden. . , Friede zwischen Sorvjetrutzlarrd und Estland. Moskau, 1. April. (Funkspruch.) Am 30. März wurde der Fritz d eusvertrag zwischen S yw j et <W tz (and « « d E st l and durch Austausch der Arkunden in Moskau ratifiziert. * PoLitische^undschau. Dr. Straucher — Kandidat für den rumänische« Senat. ■ '0 . Di? jüdisch nationale Partei in der Bukowina hat beschlossen, sich. an. der durch. den Tod des jüdischen ' Senators Hecht nvLtreüdig getvv'chenen Ergänzuugswahl für den Senat zu beteiligen. Ueber einstimmigen B. schluß der Partei wird der gewesene österreichische Abgeordnete Dr? Straucher für Len Sepat kandidiert. Dr. Straucher ist, vor einigen Tagen nach Czrrnowitz.zuMgekehrt. ' ' Der Pole Diamand und der Pole DymowsLi. Aus Warschau wird uns geschrieben: In der Landtagssitzung vom 2t. März, in welcher die Frage der Verstaatlichung aller Lottrnen behandelt wurde, gab cs einen interessanten Zwischenfall. Referent über diesen Punkt der Tagesordnung war der heldenhafte Leu« btt armjüdischen Boykottuntcrmhurung „Rvzwoj", Abgeordneter D ym o w sky, der dank in Amerika eine sehr fragwürdige Rolle gespielt batte, nachdem rS ihm gelungen war, die Regierung Moraczewki dmch ein plamveS Hinkertrepprnmanöver zü stürzen. Von dtn^,.,, Sozialdemoklaten durch Zw scheniufe gereizt, zog D h m . wSki eine» P r i v a t b r i e f des soz'aldrmoktati'chen Abgeordneten Dokior Diamond an seine (Diamands. Frau hervor und «klärte, der -Brief enthalte komvrom.ttürendcs Material gegen Diamand. Gezwungen, den Blies zu verlesen, brachte DymowSkl daraus tolgkndcs vor.: Diamond schrieb stiner Frau in ein gen ironische« Worten über se>nen und seines Parteigenossen Löwenstein Besuch bei Senator M o r g e n t h a u und «zählte seiner Fra«. Morgenihrm habe ihm einen Plan vorgelegt, 25.000 Dollar als Pre Sausschreiben für eine Arbeit über die Lage d« Juden in Polen aus'.uwcrscn. Em solches Werk werde nach Morgenthaus Meinung sicher I00.L0) Dollar bringch, bac es ln ganz Amerika gelesen werden würde. Ew„gutes Geschäft" ironisierte Diamand im Bnef. /Es ergab sich natürlich, daß der Brief nichts Kam, promitlrerendes tnthlcktc,' und er wurde auch über.Antrag, DaSzynsks zur ewigen Schande für den Rozwoi-Dyknow-kr im Archiv des-Landtages hinterlegt.-Aber. Herr Diamand fühlte das Bedürfnis, eine Erklärung abzugcben, die ihn polnisch glorisi irren sollte. si!rd sie lautete: „Das Ministerium des Aeußern hat sich' an mich mit dem Ei suchen gewendet, daß ich zu M 6 r g e n 1 h a u gehr und gegen dpt Einfluß arbeite, welchen dlk Z r o nisten aus ihn aNsüben. Ich habe das nicht gern getan, weil ich zu Herrn Mv'genthau kein Bert tauen hatte. Da ich aber wußte, daß niemand anderer eS luv.würde, bin ich zu Mdrgcnthaü gegangen? Diannnd fügte noch huzu, daß er die Ehre habe, miolge seiner „bekannten" Stellung zur Judenüaae von den Ratioualiuden belamvit ru werden. t gpri! 1020 M. 4Ä DaS Polentum Diamandsteht groß da. Ünd feine pee» sonliche und politische Ehre glaubt er gerettet, gesichert für ewige Zeiten. Aber cS steht^frst. daß Herr D-aMand pokNlfch um niHtS besser ist als der RozwopDymowSk«; denn er hat sich dazu hergegeben. gegen die - jüdischen Jpterestrn auszotreten brr einem Manne, der nicht etwa von b& Juden, sondern 1 von Herr» Paderski gemfen worden war, um z» sehm, wie die Interessen der Jude« gewahrt würden. Herr Diamand aber hat sich zum Berdreher hergegebt»; ist er also mehr, als der Rorwoj- Dhmowstl? _^ Zenker Über Nationalismus. Prag, t. April. (Privat.)> In einer in Gablo n z sta tgefitn'.enen Wählerve fa'nmliln^ sprach Ernst Viktor Zenker, der aus Wien nach, .Deutschböhinen üocrfi'delt ist. über ,Na'.iona ismus und Demokratie". Er wandte sich scharf gegen die Deutsch nationalen, die ätte Welt zu Fcinden des Deutschtums machen. Es h"ißt nicht, sagte der Redner, fein Volk lieben, wenn man andere haßt. Sein Vblk lieben heißt, ihm aE Möglichkeiten bieten, sich kulturell;» geistig, aber auch l ibkicb zu entwickeln zu einem idealen hohen Grade, liZ zu einem n?uen. schönen, «»vergleich.'ich n Menschen-' tum. In diese: Form wollen wir uns den Gedanken, der alle.n Na.ionen inne ist, den Gedanken, das auserwählte Volk zu seit;, nicht rauben, sondern helfen, ihn au "richten. Nur darf man sich nicht deswegen in Mißachtung und G:ri rgschätzung geg:n andere Völker unh Rass:n ergeben. Man ist noch im,mer kein guter Deutscher, wenn man ,^epp, Hepp!^ ruft. Bor allem aber ist dre wirtschaftliche Existenz des eigenen Volke) der Grundgedanke jedcr wirklichen nationalen Gesundung. WaZ nützt der gan'.e Nationalismus, trr.in man das Volk umbringt dabei, was haben Sie daran, wenn das deutsche Volk zu eiaem Skelett Herabsinkt und verhungert und man dieses Skelett mit der schtrarz-rot-goldenkn Tri'olore drapiert. Erst muß ein 'Volk leben. Der Na ionalismus„führt, wie der Berliner Putsch zeigt, zum Unglück. Schließlich verwahrte sicb R'dner gegen den tsch chischen Chauvinismus, de? dir Millionen Deulschen mit Gewalt unterjochen will. Inland. Die Auswelsnngtzn. Halvoffiziös wird ein beruhigender Kommentar zu der vorgestrige» Ausweisungsverfügung verbreitet. Es wird darin gesagt, daß sich der Erlaß hauptsächlich gegen diejenigen Fremden richtet, die in irgendmwem Konflikt mit den Behörden gekommen sind, also hauptsächlich geeen Spieler, Schieber und Schleich'Lüdler. Bei diesen genügt die Betretung auf frischer Tat als Grundlage für die Ausweisung. Wir möchten dazu bemerken, daß wir iu der Anwendung des Wortes „h a u p t s ä ch l i ch" eine gewisse Gefahr erblicken,^ daß auch Personen, die sich solcher Delikte nicht schuldig machen, von der Regierüngsweisheit erfaßt werdend Es wird zwar versichert, daß Arbeiter, Geschästsleute, Bankbeamte, Industrielle, die in Wien einem ordentlichen Erwerb nächgehen, verschont bleiben sollen.'Aber wir möchten um eine weniger kautschukartig gefaßte Verordnung bitten, die so wenig 5bommentar als nur wöglich erfordert. Die von der Ausweisung betroffenen Personen sollen längstcns bis zum Spätsommer Oesterreich ve-lassen. Studeuten, Hochschüler und Mittelschüler sollen bei regelrechter Jmmatrikulierung verbl.iben, bei Bolksschülern wird eine angemesseneFristerst.eckung gewahrt werden. Das heißt also, die Republik Oesterreich weist gegebenenfalls DolksschüLer ausk Kein Empfang der Tiroler Abordnung bei den Ententemissionen. Die in Wien weilende Abordnung der Tiroler Landesregierung hat sich im 'Laufe des gestrigen Tages bei ten verschiedenen Entente Missionen abschlägige Bescheide in der Frage eines Empfanges geholt. Derschiebnug der Linzer Länderkonferenz. Wir die Korrespondenz Herzog erfährt, wurde der Drginn her für den 3. April iu Aussicht genommenen Länderkopfe mz in Linz aus politischen Gründen aük den 20. d. M. verschöbest. Die Verpachtung des Tabakmonopvls. Die VerhandluUgen wegen Verpachtung d e S österreichischen Tabak Monopols werden sowohl in der Pariser RcharationSkommissto« als auch im Wrmer Subkomuee derselbe» rifrigst forlgeführt und die östttrachlsche Regierung hofft »och im Lause dcS Monats April auf. deren günstigen Abschluß. Dr. Nenner in Steiermark. Staatslanzler Dr. Renner hat sich zn kurze« Avsent« halte nach Stetermark begeben. Veränderungen bei der^S. tz. S.-Gssandtschast in Wien. Der bisherige GefchLstZträge deS S. H. S.-SkaateS Mih al j eic ist von seinem hiesigen Posten abgegaugen und nach Paris delegiert worden. An seme Stelle trat LcgalionSrat I a n k o v i c» der feutctt, Posten bereits oußttreten hat. .* ’ j > Ein «euer serbischer Gsneralkonsul fAa Wie«. Der Komwtffär für.die Angrlegenheiten B'oZnims uvd der Herzegowina, Dr. Bogtdar C e r v v t c, winde zum Gentralkonsül sür W r en besümmr und bat sem Amt dcrtuS äugetreten. äs«» H—irasaBgm^-

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