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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-21 · Heft 418 (21.3.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 418 (21.3.1920)
Date
1920-03-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die leidenschaftliche Wut, mit der seit jeher Par- ^teienkämpfe in Deutschland geführt wurden, hat den Trümmerhaufen zwischen Elbe und Rhein von neuem tn Brand gesteckt. Ueber Berlin und die Provinz Brandenburg mußte der verschärfte Belagerungszustand derhangt werden, außerordentliche Kriegsgerichte und Standgerichte werden gebildet. Der Bürgerkrieg ist in ier vollsten Entfaltung! Durch das Massenaufgebot des Veneralstreiks und durch die Bewaffnung der Arbeiter- Haft sind Geister gerufen worden, die sich nicht mehr so leicht bannen lassen. Die Regierung Ebert-Bauer chpelliert wieder an ihren bewährten Noske, der seinerschtS in Ermangelung jedweder politischen Einsicht und Versöhnlichkeit wieder die Luppen marschieren läßt,- die ihn eben jetzt so schmählich im Stich gelassen haften. Man hat die Gewalt zu Hilfe gerufen und bewegt sich fortwährend in diesem Fehlerkreis, der immer neue furchtbare Opfer fordert. 'Eine Woche ist seit dem Einmarsch der Döberitzer Wahnsinnigen in Berlin vergangen. Diese eine Woche fett genügt, einerseits die AussichtslosigkeH jedweder ke-ttionären Restauration zu erweisen, andererseits aber tzre schon ängebahnte Einigung der sozialistischen Parteien iur Unterstützung des Parlamentarismus in die Luft I« fprengem Deutschland' gleitet endgültig aus dem Syttel, in den e^Wn Bismarck gesetzt worden war, und »ie Leute, die das Reich in den Staub gestreckt Wen.' ßnd immer Anhänger Bismarcks gewesen. Bon rechts ist der Stoß gekommen und er hat ein durch wirtschaftliche Kot und durch den Partikularismus der Länder in seiner Widerstandskraft geschwächtes Gebiet getroffen. Wenn diese Sonderbestrebungen jetzt durch die Vorgänge in verlin neue Nahrung erhalten, dann ist die Auflösung des einheitlichen Wirtschaftsgebietes nicht mehr aufzuhalten. Die Siedehitze des Parteifanatismus versengt alles ruhige Ueberlegen und liefert Deutschland feinen schwersten Feinden aus, seinen Parteiungen, die die Zerflerschung des deutschen Volkes besser besorgen, als dies jemals die äußeren Feinde getroffen hätten. Das russische Vorbild wiederholt sich aber mit dem deutschen, durch die Temperatur eines fieberkranken Volkes entflammten Temperaments. Die Entente sieht zu. Sie steht diesem Unglück mit verschränkten Armen gegenüber und weidet sich an dem in seiner Tragik erschütternden Bild. Sie weiß noch nicht, daß der Zerfall Deutschlands für Europa eine noch größere Katastrophe bedeutet wie die Sprengung der österreichischen Monarchie, daß die Balkanisiernng Europas, die Zwergstaaterei mit ihren gefährlichen Eigenbrödeleien bis an den Rhein vorgeschoben wird. Ein Dutzend neuer Staaten tut sich auf mit neuen Grenzen, neuen Paßsperrlinien, neuen Vertrags- und Liefernngsstroitigkeiten, neuen Notquellen. Deutschlands Atomisierung — das bedeutet die neuerliche Ausscheidung eines großen Wirtschaftssystems aus dem hungrigen Körper Europas, die Bildung neuer Hungerländer durch die Sonderung zwischen agrarischen und industriellen Gebieten. Die Schlagbaumpolitik des Mittelalters lebt wieder aus mit ihrer traurigen Witzblattromantik, der ganze Prozeß der Bildung der deutschen Einheit, einer der Grundlagen der europäischen Kultur, muß von neuem Lurchgemacht werden. Was haben doch die alldeutschen Janitscharen angeftistetl > Es geht auch dich an, wenn des Nachbars Haus brennt. Wir in Oesterreich stehen unter dem ungeschwächten Eindruck der Meldungen aus dem Reich. Der helle Jubel, mit dem die österreichischen Krawallpolitiker am letzten Samstag die Zeitungen lasen, hat sich rasch verflüchtigt. Die Parteien, die den Anschluß an Deutschland äußerlich recht lebhaft betrieben hatten, find ruhig geworden und verlegen sich wieder auf &te radauantisemitische Propaganda. Die Christlichsozialen hat die unklare Haltung des deutschen Zentrums stutzig gemacht und die Sozialdemokraten schwanken, ihrer Vergangenheit entsprechend, zwischen linkem und rechtem Sozialismus. Cs ist traurig, daß die Anschtnßidee, die vielleicht in ruhigeren Tagen eine gute politisch-befruchtende Wirkung hätte äußern können, in einem Meer von Blut und Jammer zugrimdegehen mußte, ehe man in Wien ihre innere Unmöglichkeit erkannt bat. Die flleuorientierung in Mcblanl Weitgehende Bedingungen der Gewerkschaften angenommen. — Morgen asbet der Generalstreik. ' Berlin, 20. März. Oie Politisch-Parlamentarische» Nachrichten melden: Die Generalkommission der Gewerkschaften hat heute vormittags beschlossen» den General st reik mit sofortiger Wirkung a n f z « e b e n. Diesem Beschluß wird sich auch die Berliner A«abhängige Gsrvsrk?chaftskommission unzweifelha t anschließen. Die Grundlage dieses Beschüsses bilden Ernignn sv?rhandlunien» dis zwischen den Vertretern der drei Mehrheitsparteien und den Bzrtretsrr, der Streikleitung geführt wurden und heute ihr Ende erreichten. Die Brreinb.nungen lauten: Die hier anwesenden Vertreter der Regierungspartenn werde» bei chrcn Fraktionen dafür ein- Ketcn, daß 1. der der bevorstehenden Neub ldung der Negierung im Reich und in P. cuhen die P e r s o n e u i r a g e von den Parteien nach Verständigung mit den am Generalstreik brterligten gewerkschaftlichen Organisattonen der Arbeiter, Ang stellten und Beamten gelöst und daß.hMn OrganiraltBtLU ein entscheidender EinfÜtß aiff d^ u e M Ä i r Os ch a f t S* und s o z l a l p o l i t i s ch e n Gesetzgebung unter Wahrung der Rechte der Vollsvertr.tung «ingeräumt wird. 2. Sofortige E n r w a s s n u ng und Bestrafung aller am Putsch Schuldige«. 3. Gründliche R e r u i g u n g der gesammten öffentlichen Verwaltungen von gegenrevykutionären PersönlichkeKnü 4. Schnellste Durchführung der Brr» alt, » g -2 r e f o r m auf dcmoklaiücher Grundlage. \ 6. Co^vrtlgcr Ausbau der bestehenden und Schaffung «e» fr? Sozialqesetze. * , 6. Sofortige Inangriffnahme der Sozial? s i e r u n g aller dafür reifen Wirtschaftszweigs unter Zugrundelegung der Beschlüsse de SozialifterungsKommission, zu der BerufsverbLnfe zuzuziehen sind. Die Einberufung der Sozialifiervntz» Kommission erfolgt sofort. Uebernahme bei Kohlensyndikate und des Kali syn di Kats durch das Reich. 7. Wirksame Erfassung, gegebenenfalls Enteignung oll« verfügbaren Äbensnuitel und schärfste Bekämpfung deö Wuchyol und Cchiebettums in Land und Stadt. ' ' . ».Auflösung aller der Verfassung »icht trengtz l'liebenen konterrevolutionäre» «ikit L r b schen Formationen und ihre Ersetzung durch Foruvx nonen aus den Kreisen der zuverlafsigen republikamscheu Bv völkerung. A 5. Im übrigen wird mitgeteilt, baß die Minister N o - IM mn d H e i n e i h r A bs -iodHlsesnch b r r aNH e in per eich t Hab tu. v ES ist n cht daran zu zweifeln, daß auf Gruud dieser Beü cinbar ungen d>e allgemeine W t e d e r a u s « a h « « de« Arbeit spätestens am Mo «tag «orgeuS m weitrsten Umfauge ersolgt. ' RoLtruppen in Berlin. Eirr Vorstoß bewaffneter Arbeiter befürchtet. Berlin» 20. März. Der heutige Tag ist bis in die A b e n d st u n d e n. von kleinen Schießereien abgesehen, im geoßen und ganzen ruhig verlaufen. Auch heute nachts werden so wie in den letzten Nächten die Grenzen der äußeren Bezirke Berlins militärisch besetzt. Schon diese Sicherungen beweisen, daß die maßgebenden Stellen die Klärung der Lage noch nicht für endgültig 'halten, um so mehr, als T e i l e d e r Arbeiterschaft bisher unter den Waffen geblieben sind. Es bleibt abzuwarten. ob von- Seiten dieser Arbeitertruppen heute Nacht doch noch einmal der Versuch gemacht werden wird, gegen das Stadtinnere vorz u st o ß e n. Entscheidungskampf in Leipzig. Stuttgart, 20. März. (Tel.-Komp.) Jn Leipzig haben gestern die Entscheidungs- Kämpfe begonnen. Die Reichswehr ist in günstigem Vorgehen begriffen. Die Arbeiter haben fast überall die Barrikaden aeraumt. Zm Westen und Süden sind noch Schießereien im Gange. Das Volkshaus und zwei Dillen wurden niedergebrannt. Neichstruppen nach bem Ruhrgebret abgegangen. Stuttgart, 80. Marz. (Tel.-Komp.) Die Entente hat der Rcichsreüierung die Ermächtigung e:teils, dieReichSwehr* truppen zur Niedcrhaltnng der Unruhen im Industrie, gebiete iunerhakb des besetzten Gebietes aulmarschieren zu lasse». Die Nationalversammlung tagt Mittwoch. Berlin, 20. Marz. (Wolff.) Der Präsident der deutschen Nationalversammlung hat an die Mitglieder derselben ein Telegramm gerichtet, in welchem er sie bittet, sich am M o n t a g den 22. d. M. in Berlin einzufinden, damit am folgenden Tage die Fraktionen zu Beratungen zusammentreten können. Die nächste Plenarsitzung der Nationalversammlung gedenke er vorläufig aus M i t t w o ch den 24. nachmütaas anruberaumen. - Reichskanzler Dauer in Berlin eingetroffe«- Berlin, 20. Marz. Reichskanzler Bauer ist heute in Begleitung des Ministers des Aeußern, des Poftminifters und des Ministers für Wiederaufbau sowie dreier Vertreter der Mehrheitsparteien aus Stütb» gart in Berlin angekommen. Der Reichsj Kanzler nahm nach seiner Ankunft an einer Beratung des Reichsrates teil. Nachmittags fand eine Kabine t t s f i tz u n g statt. Ein Welfenpnlfch? Stuttgart, 8». Mär:. (Wolff.) Infolge telegraphischrr Berichte, die von einem angeblich^ Welfen p «tsch «elda^ hat der Reichsminister des Innern drahtlich folgende 9ta Weisung nach Hannover gegeben: »Die Welfensührer ans Schutzs hast oder Pol-zeihast M entlassen. Wenn wirklich Berdacht des Hochverrates begründet, ordentliches Verfahre» einleiten «n!g nötigenfalls richterlichen Haftbefehl erwirken.^ Die Meffebefucher kn Leipzig. Leipzig 20. März. fWolff.) Die hier noch am« wesenden ausländischen Meffebefucher desinden sich wohl und sind g e s ch ü tz t. Kein Vormarsch der Ententelrnppeu. , Paris, 20. März. Die Londoner Blätter melde« zu den jüngsten Beschlüffen des Votschafterrates « Bezug auf die Haltung der Großmächte gegenüber der Lage in Deutschland» daß infolge der Mitteilung des deutsche« Geschäftsträgers Mayer, das Kabinett Ebett sch wieder Herr der Lage und werde gewiffenhaft die Bestimmungen des Frledensoertrages beobachten, bsschloffen wurde, die Besetzung des deutsche« Gebietes nicht auszudehne« und jede Einmischung in deutsche Angelegenhetten zn vermeiden. Baltikumtruppen wieder zurückgekehrt. Berlin, 30. März. Die B al tik«m trupp r«l die gestern auS Berlin hinausgeführt worden sind, sind v i e d eu zurückge kehrt und haben die Pionier- »ud die Franz« faicntc bezogen. Die Ptonierkasrrne wurde heute vormittag vo« bewaifneten Arbeitern umzingelt, welche die Baltikumtruppen durch Parlamentäre ausiorderte«, sich ch ergeben, widrigenfalls die Ar beiter die Kasnne stürmen »Srd^ Die Verhandlungen kührlen zu dem Ergebnis, daß die Balhkum« btc Waffen ablreferten und sodann abzogeu. Dä Franzcrkasnur ik vo« ibne» biSber nicht

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