Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 413 (16.3.1920)
- Date
- 1920-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nd»tuiftratt-» Wten.».Bez..rat»rft».L-r Telephone: «»«lntfteatlo» 440*», «edaNlo» 4«ttN ab 0 Uhr «keiM Kr lOWT VostfvarlaNrnIoe»« lfflu» Nr. 413 Wien, Dienstag, den 16. Mürz 1920 2. Jahrgang Revolutionärer Bluff. —y. W r e n. 16. März. Der Putsch der Kapp Md Genossen, der auf dem tzetblüffungsmtzment aufgebaut war, hat namenloses Nend über Deutschland gebracht und den Einmarsch der llllnerten in drohende Nähe gerückt. DaS Ziel, die Verlichtung -des republikanischen Systems, ist nicht erreicht worden. Die Berliner Regierung läßt zwar durch das Wölfische Bureau in langen Telephonaten dem Ausland künden, daß ihr alles zuströmt. Tatsächlich aber ist sie in dem unglücklichen Berlin abgeriegelt. Die Generalstreikparole wird überall befolgt und es ist leider, wie immer bei solchen Massenbewegungen, zu blutigen Unruhen gekommen. In ganz Deutschland ruht die Arbeit. Die Beamtenschaft Berlins erklärt, nur liquidierend zu arbeiten, und bis auf ein paar begeisterte Nationalisten steht die Bevölkerung der Hauptstadt den Usurpatoren Mit äußerster Kühlegegenüber.. Der geistige Führer der auf die Niederwerfung der Republik abzielenden Bewegung war Ludendorff, der schon wenige Stunden nach der Besetzung Berlins im Reichskanzleramt erschien und dort mit den neuen Ministern von Bajonetten Gnaden konferierte. Seine mUitärische Voraussicht zeigte sich auch in diesem Falle ganz seiner im Krieg entfalteten Tätigkeit entsprechend.. Das Gelingen des Planes hätte eine außerordentlich' starke, energisch ■ geleitete militärische Aktion zur Voraussetzung haben müssen, die mit d.er Besetzung der den Weg nach Berlin; beherrschenden Eisenbahnknotenpunkte beginnen mußte, um gewisiermaßen das Reich in die Hand -zu bekommen ündewem^rers curä' Bert in zu schließen, der im -konzentrischen Vormarsch verringert worden wäre. Aber die geniale „höhere Führung"-hat auch hier mft der Wirkung, der „brüsken Aktion" gerechnet, die schon im Jahre 1914 den Krieg durch, einen handstreichartigen Ueberfall auf Frankreich durch Belgien hindurch in seinem Beginn entscheiden sollte und, da der Gegner sehr bald hinter die Mangelhaftigkeit des Kongepts kam, versagt hat. Die Besetzung Berlins hätte aber, äp sich betrachtet^ ebenfalls große militär-politische Auswirkungen haben können, wenn ansehnliche strategische Reserven zur Verfügung gestanden wären, das in die Front geschlagene Loch zu erweitern und rasch über Berlin hinauszukommen. Aber die Zielunsicherheit und Uferlosigkeit des Ludendorffschen Denkens hat eben auch hier wie im Krieg,nicht mit' dem Gegner gerechnet. Dieser Gegner ist das deutsche Volk, das sich entschlossen zur Wehr setzt.. Ebenso schlecht wie militärisch war der Streich politisch vorbereitet. Me Skandale des Erzberger- ProzesseS, mit deren Wirkung die Putschisten so sicher gerechnet hätten, ließen das Volk kalt. Der Prozeß hatte durch seine Dauer von zwei Monaten alles ermüdet, und auch, die sensationell aufgemachte Urteilsbegründüng verpuffte. Unh die Oeffentlichkeit kannte auch den mutigen Sittlichkeitsretter Helfferich zu gut, um ihm und seinem Klüngel ans den Leim zu gehen. Davon abgesehen aber ist auch hier die für die Reaktionären und ihre Zukunstsaussichten sehr peinliche Tatsache zutage gekommen, daß hinter ihnen keine nennenswerte Organisation steht, daß sich insbesondere das Bürgertum, auf dessen schwungvolle Mitarbeit sie gezählt hatten, sich auf die Seite der bedrohten Republik stellte. Es ist eben trotz aller alldeutschen Vergiftung und Verhetzung im letzten Jahr genügend politische Anfklärungsärbeit geleistet worden und nicht in letzter Linie von den alldeutschen Schreiern selbst, deren ekelhaste Flegeleien, antisemitischen Lügen und Monokelmanieren jeden reinlich dankenden Menschen abstoßen mußten. .Sie haben nichts, sie sind nichts und sie können nichts — diese unangenehme Lehre hat ihr plumpes Pronunziamcnto gebracht lind diese Lehre wird für alle Zukunft weiter wirken. Eine.Partei oder eine politische Strömung muß doch ganz anders fuydiert sein als durch Militär, das eben feiner ganzen Zweckbestimmung entsprechend nur schießen und vernichten, aber nicht aufbauen kann. Die Sansculotten Napoleons, die. den Konvent auseinanderjagten, waren von der kraftvollen Idee" der Revolution beseelt und waren außerdem Sieger., Die Truppen des Generals Lüttwitz und der Brigade Erhardt sind aber nichts anderes als arme Landsknechte, die aus einem verlorenen Krieg kommen Md von jeder positivfaßbaren Idee frei sind, es fei denn die. die in der Vorwoche eine» deutsche» .Studenten tu Baden-Vcrden, der aus einer Letwerlammlüna kam. antrieb. einen jüdischen Studlengenossen ohne weiteren Anlaß niederzuschioßcn. Diese nendeutsche Bewegung ist bettelarm an' idealem Inhalt, ihr Ziel ist nichts, gar nichts anderes als die Wiedereinsetzung eines verkrachten und kompromittierten Systems, als die Zurückdrängung des bißchen. Freiheit, das die Revolution gebracht hat, als die Wieder? aüfrichtung des Obrigkeitsstaates, in deck jede geistigpolitische Regung von Autorität und Polizei bewacht und erstickt wird. Das Denken soll wieder kaserniert und unter die Aufsicht der Korporale? und Vizefeldwebel in Wissenschaft und öffentlichem Leben gestellt werden. „Die janze Richtung paßt uns nicht!" — das ist das Leitmotiv dieftr Donnerwetter-Strategen. Das ist das Wesen, an dem die Welt genesen soll, gegen das sich vor nun sechs Jahren die Welt, aufgelehnt hat, das nun daS deutsche Volk mit Niederlegung der Arbeit ablehnt und däS von niemandem mehr bekannt wird, als -von neupreutzischen Allerweltssoldaten, von den ostelbischen Junkern und von radauantisemitischem Maulhe!?ntum. Die Betrüger sind betrogen. - . Der siampk um die üeullche . ‘. Die Lüge irr Berlin Kutzerst kritisch. — Die Reichswehr unsicher. — Bor blutigen Zusammenstötzett zwischen der Arbeiterschaft unk dem Militär. Berlin, 16.'März, 1 Uhr nachts. (Privat.) Die Situation hat stch im Laufe des Abends sehr verschärft. Der Generalstreik der Arbeiterschaft ist allgemein und die Stimmung der breiten Mafien gegen das Treiben der Putschisten sehr erbittert. Man befürchtet, daß es in den,nächsten Stunden zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Streikenden und der Reichswehr kommen wird, da bereits in den Vororten an vielen, Stellen kleine Schießereien statt* fanden. Die Berliner amtlichen Meldungen werden durchwegs als Lügen ^bezeichnet, die Kapp verbreiten läßt, um das Ausland irrezuführen. Ei« AltiMatum der Entente ' / an Kapp? ' ....,- D r e s d e n, 15. März. Äach e^nev hier um Ahr nachmittags erngelangten Nachricht soll die Entente vor zwei Stunden, ein mit s echs Stund en b e f r i ft e t e s Ultimatum an die R e g i e r « n g Kapp gerichtet haben. Der allgemeine A u s'st a n. d in Berlin -sei esfettiv. Allem Anschein nach zahle das L e b e n d e r P n t s ch r e g i e rwng nur noch nach Stunden. Die Reichswehr laffe jede innere Ges ch lo ssenh e i t vermissen. Man spreche davon, daß sie die Absicht habe, die Waffen wegzuwerfen, eine Möglichkeit, der deren Eintreten blutige Ausschreitungen befürchtet werden. Die Reichsregiernng verhandelt nicht mrt Kapp. Stuttgart, 15. März. (Tel.-Komp.) Diealte Re ierung hat eine Kabinettssitzung abgehalteu, au d:r auch der Präsident der Nativnalversgmmrung» Feh renb ach, und der württembergischs Ministerpräsident teitgenommeu haben. Einmütig wurde beschlofien, alle Verhandlungen mit der Berliner Regierung abzulehnen. Die einzige Bedingung, welche die Regierung stellen könne, sei der sofortige Rücktritt Kapps und die unrnittelb areN2umuug BerliuS. Die Berliner Putschisten -in Verbindung mit den rusft^chen Reaktionären. Berlin, 16. März.^ (Korr.°Vur.) Sicherem Vernehmen nach stehen die an der Berliner Umftnrzbewcgung beteiligten hohen Offiziere seit einiger Zeit mit reaktivnären russischen Kreisen in Verbindung, um ein gemeinsames Vorgehen in monarchistischem Sinne anzubahnen. Gtzneru! M^'ßrer an Eherk. ' - Dresden, 18. März. (Wolfs.) General Merker hat gestern mittags folgendes Schreiben an den Reichspräsidenten Ebert gerrchtet: >. „Herr Reichspräsident! Ich fahre heute abends nach Berlin. Nach eingehender Rücksprache mit den Führern des Neichswehrgruppenkommandos 2 in Kassel werde ich den Versuch machen, die neue Negierung zu veranlassen, den'verfassungsmäßigen Zustand wieder herzustellen. Ich bin davon i überzeugt, daß die Erfüllung von drei Forderungen durch die alte Regierung eine unbedingte Voraussetzung dafür ist, nämlich: 1. .Die Bildung einer Koalitionsregierung auf möglichst breiter Grundlage, wenn irgcndmöglich unter r Beteiligung von'Mitgliedern der jetzigen Berliner Negierung.! 2. Frühzeitiges .Ansetzen der Wahlen. 3. Wahl des Reichs- Präsidenten durch -daS Volk und nicht durch de« Reichs-, tag. - Gez. Merker." . Nachschrift: „ES wird im Wehrkreis 4 fortan nichts geschehen, was gegen die Verfassung des Reiches verstößt." - i Ebert in StuÄgasL. . , Stuttgart, 15, März. (Tel.-Komp.) Reichspräsident Ebert und die übrigen Mitglieder der Neichsregieruvtz sind heute um 1 Uhr nachmittags im' Sonderzuge hier eingetroffen. Morgen Zusammentritt der Rational» > Versammlung. Dresden, 16. März. (Filiale des Wölfischen BureauS.f/ Die Nationalversammlung ist in Abänderung des Ursprünge lichen Beschlusses auf Mittwoch, 4 Uhr nachmittags, ein^' berufen. Der österreichische Gesandte nach Stuttgart abgereist. . Bsrll«, 15. März. Der österreichische Gesandie, Professor Dr. Hart m a n n, ist von Berlin abgereist und hat sich über Dresden nach Stuttgart an den Sitz der rechtmäßigen Regierung begeben. Die Rrichsratsmitglieder nud die Anterstaatssekretäre für die Neichsregiernng. . Berlin» -15. März. (Trl.-Komp.) Dcr wibttembrrgischs Gesandte H i l d e b r and leite heute der Regiuung m Berlin telcphonsich m t, daß: heute inorgenS in einer Sitzung der Reichs» ratSmitglieder mit den Unterstaatssckretären deS Reiches und Preußen.sämtliche UnterllaatSsekreläre die alte Regiemvg als v&: recht bestehend anerkannten. Die Stimmung gegen Kapp. Berlin) 16. März. Die Durchführung deS Gene r a l st r e i k s ist diesmal eine vollkommene. Sämtliche Geschäfte sind geschlossen. Die Gast- und! Kaffeehäuser haben schon gestern abends infolge de? , Kellnerstreiks ihre Betriebe einstellen müssen. In döu . T.hecitern wr«rd'e nicht 'gespielt. Der Verkehrsst r e i k ist allgemein. Auch die Postangestellten Habens sich dem Streik angeschlossen. Die Lebens mitte lg schäfte haben heute 7 früh geöffnet. Die elektrische Beleuchtung, welche gestern abends wieder funktionierte, wurde heute früh wieder abgesperrt. Wegen Strommangels . mußten auch verschiedene Fernsprechzentralen ihrm Betrieb einstellen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist allen Anzeichen nach eine Kapp nicht günstige. Allgemein herrscht der Eindruck, daß hinter ihm nur die alldeutschen und die militärischen Kreise stehen, wahrend alle übrigen Kreise der Bevölkerung zum größten Teile eine ab l e h n e n d tz H a l t u n g einnehtnen. Trotz der erhaltenen Erlaubnis konnten di« Zeitungen infolge des Streiks der Arbeiter. uiM 3954