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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-13 · Heft 410 (13.3.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 410 (13.3.1920)
Date
1920-03-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Helfferich wuchs zu einer Geldstrafe von 300 Marl bspmteilt und erhielt auf der . Straße Blumenspenden. Erzberger ist moralisch vernichtet. Das Gericht, hat'sich dex Anschauung -des Staatsanwaltes angeschlossen und erkannt, daß Erzberger seine politisch-parlamentarische Tätigkeit mit Geschäften verquickt hat, daß er ein un-> wahrhafter Mensch von unanständiger Gesinnung ist. Das ist. etwas viel für einmal und der Gerichtshof hat dies eingesehen, indem er ihn ass einen hochbegabten Manu erklärt, der das Beste des Vaterlandes im Auge Hatte: ES. ist nun bekannt,, daß Erzberger eine brettdicke Haut , hat und. sich ans seiner moralischen Kaltstellung nicht viel machen wird. Aus der Seitung des WichsfinaNjMltes ist er schon während des Prozesses ausgetreten, aber; aus der parlamentarisch-politischen LätiMir wird er kaum scheiden. Es ist aber, nötige sich , seine Gegner etwas näher Mbr sehen. Herrn Helfferich war es geglückt, für einige Woche« im Lichte der Oefstntlichkeit als Kämpfer für politische Reinlichkeit, zu stehen. In Wirklichkeit aber hat es sich darum gehandelt, einen Mann zu beseitigen, derals Stütze des republikanischen Systems galt und durch, seine derbe Rücksichtslosigkeit sich viele Feinde gemacht hatte. Der Prozeß, in dessen Verlauf das ganze Höben.Erzbergers, bis in die letzte Falte geprüft wurde, ist!! nichts -.anderes, als eben ein Glied in der Kette,. dfe die Frinde der Republik schmieden. Den Nachweis der Beste^lichksit Erzhergers hatten sie monatelang iy. ihrer Ausüütznng aber warteten sie, > dis die politische'Konjunktur günstig erschau. Helfferich, dchr Ähgott aller Durchhälter, hat als Minister die ^chWüMcheM der Äriegsregierungen gedeckt, er stand tmimr im Vordergrund, wenn man den Frieden sabv- , ticrte. er war an der Vertuschung und Verpfuschung des Wilsonschen Angebotes hervorragend beteiligt und gibt sich auch jetzt gerne als ein Verkannter, der den Sieg in der Äsche hatte und nur durch die Aushöhlung des Hinterlandes mit Heer und Kaiser fallen mußte. So oft im Reichstag vom Frieden geredet wurde, immer war Helfferich parat, auf Gebot Ludendorffs losz,lehren und seine Verachtung für die „Friedens- Winsler" auf die deutlichste Art zu zeigen. Daß er persönlich reine Hände hatte, ist unbestritten, zumal er aus seiner Stellung als Direktor der Deutschen Bank ein Gehalt von 800.000 Mark bezog und ans reichem Haus stammte. Er konnte also moralischen Anfechtungen leichter widerstehen als der arme. Lehrer aus Buttenhausen. Im politischen Kampf, in dem Widerstreit der Meinungen konnte Erzberger nicht beseitigt werden. Also versuchte man es mit dem persönlichen Kampf, «Nd in diesem hatte Erzberger tatsächlich die faule Ecke zu verteidigen. Er ist als Mitglied des Aussichtsrates der Firma Thyssen für die Annexion der Kohlenbezirke von Briey und Longwy eingetreten und er hat in einem Streit zwischen zwei Firmen das Amt eines Schiehslichter? angenommen, nachdem ihm von einem der Stnitpartner eine gut bezahlte Aussichtsratsstelle zugefichert worden war. Er ist überhaupt, wie die Verhandlung, die zwei Monate lang gedauert hat, sestsk'llte, in se'.nem ganzen öffentlichen Wirken von ziemlicher -Zweideutigkeit gewesen und die Linie seines Eharakters verläuft im Zickzack. Als Reichs finanz-- minifter hat er eine ziemlich unglückliche Hand gehabt. Aber das alle) von.einer Prozeßpartei aufgewirbelt zu sehen, die in den unterschiedlichen Affären der Kaiser zeit ihre sittliche Entrüstung im geheimen Kämmerchen aus tobte, die bei der Mirbach-Geschichte des Konto K-, bei der Kieler Provisionsaffäre in allen Tonarten - geschwiegen hat, das ist -doch ein wenig unappetitlich. Mora pro esse sind üb .i ens in Deutschland schon viele geführt worden und haben das Ausland zu allen Zeiten lebhaft beschäftigt» das sie zu Mer ungerechten Wertung des öffentlichen Lebens DtUtschlanbs verleiteten. . wird man wohl in aller" Welt die Angelegenheit richtiger beurteilen. Nicht um Erzberger geht es, sondern um die Revolution; nicht die öffentliche Reinheit sollte hergestellt werden, sondern hie''Restauration. Er-.b rger .hat s'ch . n:n den Frieden .bemüht und eine emiiae Geschäftigkeit entwickelt. die Bor einem monarchistischen Putsch in Berlin? Alarmbereitschaft der NeschSmehr. Berlin, 12. März. (Wolfs.) Die Sicherheitswehr und die Reichswehr in Berlin-sind heute in Alarmbereitschaft. Don zuständiger Stelle wird dazu mitgeteilt, daß in Berlin seit einiger Zeit das Treiben einer rechtsradikalen Clique eingesetzt habe, deren Bestrebungen auf einen Umsturz hinauslaufen. Es werde aber festgestellt, daß die Rechtsparteien der Nationalversammlung und der preußischen Landesversammlung der Sache fernstehen. Versin, 12. März. (Wolfs.) Gegen den Landschaftsdirektor v. Kapp, den Hauptmann a. D. Pabst sowie die Schriftsteller R a d b o w s k r und Schnitzler ist Schutzhaft verhängt worden; die beiden Erstgenannten waren bisher nicht aufzusinden. Berlin, 12 Marz. Das „Berliner Tageblatt" erfährt von unterrichteter Seite: Die Bewegung, deren putschistischer Charakter schon seit einigen Wochen deutlich erkennbar war, machte sich zuerst, besonders bei den Heeresabwicklungsstellen der alten Armeekorps bemerkbar. Die in Döberitz liegenden, noch nicht entlassenen Teile der Balitikumtruppen sind bereits seit einiger Zeit in dauernder Alarmbereitschaft. Der Putsch war angeblich bereits für den vergangenen Samstag geplant. Es sollte eine Ueberrumpelung der Berliner Regierung stattfinden. an die sich eine Erhebung der organisierten Truppen, die im Lande verteilt sind, anschließen sollte. Als Führer der Bewegung werden in parlamentarischen Kreisen besonders zNM ans der Berliner RevolutionL-- bewegung bekannte Generale genannt: Einer der beiden soll, wie wenigstens behauptet wird, bereits entlassen fein. Pa eine Einigung über den Termin des Putsches unter den Führern der Bewegung nicht erzielt werden konnte, nahm man an unterrichteter Stelle-an, daß der beabsichtigte Staatsstreich in etwa acht bis zehn Tagen erfolgen sollte. Durch das Eingreifen der Negierung ist die Weiterentwicklung der Bewegung verhindert worden. Berlin, 12. März. Auf eine Anfrage beim Reichswehrministerium wegen des Gerüchtes einer Dienstenthebung des Generals v. Lüttwitz durch das Reichswehrunnisterium erhält der „Lokalanzeiger" die Antwort, daß Aenderungen im Personalstande bei den Kou'.mandostetten vorläufig nicht getroffen seien. Nach riner dem „Vorwärts" zugegangenen, noch unkontrollierbaren Nachricht soll das Komplott zum Zweck gehabt haben, die Garnisonen von Berlin und Döberitz zu einen« Putsch zu verleiten, um die Einsetzung der Rechtsparteien in die Regierungsgewalt zu erzwingen. Berlin, 12. Marz. (Wolfs.) Der Führer des Reichswehr-Truppenkommandos l, G. d. I. Freiherr v. Lütt-- witz, hat einen Urlaub an getreten. Während dieser Beurlaubung übernimmt der rangälteste Offizier der Garnison Berlin, Generalleutnant v. Oven, welcher zugleich die Führung des Wehrkreiskommandos III (Berlin) beibehält, seine Vertretung. Berlin, 12. März. Wie dem „Abend" gemeldet wird, dürfte es sich bei der ganzen Putschangelegenheit um die Treibereien einer kleinen Gruppe handeln, welche keine geschlossene Menge und keine Partei hinter sich hat. Die Reichswehr steht fest zur Regierung und dürfte kaum geneigt sein, sich zu Unbesonnenen Schritten verleiten zu lafsen. ’ Berlin, 12. März. (Wolfs.) Der Schriftsteller Schnitzler, über welchen die. Schutzhaft verhängt worden ist, gehörte der Pressestelle des Korps Lüttwitz an. Fritz Grabowski war der Pressechef bei der Gardekavallerie. Schützendivision. Er ist nicht mit tem Herausgebe: der Zeitschrift „Neues Deutschland", Adolf GrabLwekl, zu verwechseln. ihn bald mit französischen und italienischen Pazifisten, bald mit den Parmas zusammenführte. Er ist gegen den Krieg aufgetreten, als die Regierenden in Deutschland bereits den Untergang sahen und dennoch an' der Lüge des Sie.ch-.i' festhieiten. Er hat sich gegen die Di'ia ur der O< it H?r e'iu.'g aufvfe'.ut uns hat gesagt, wenn er nur eine Bierde.stuude lang mit Lloyd George sprechen könnte, würde er den Friede« erzielen. Dafür mußte er gestraft werden und deshaltz^. nicht aber wegen seiner Geschäftemachevei ist er jetzt gezwungen, diffamiert in den Hintergrund zu trete». Die Gesellschaft aber, die sich jetzt die Hände reibt, findet wieder einen aus dem Weg geräumt, der seine persönliche Existenz an das Wohl und Wehe der R«t« publik gebunden hatte. Sie rüstet zum Schlag. Sie hat Erzberger aus dem Amt getrieben und steht jetzt der Negierung gegenüber, die ja den besten Willen zeigt, in Deutschland Ordnung zu schaffen» eHer- «N der Brutalität der Dinge verzweifeln mutz. Die Regierung ist schutzlos und wehrlos Ihre, Armee verspottet sie, die Arbeiter wenden sich Von ihrab, weil sie keinen klaren Kurs halten kann und ihr Dasein in Zweideutigkeiten und Subtilitäten verbringe^- muß. Alle Augenblicke droht irgendein unsinniger, von. unkenntlichen Agitatoren angezettelter Streik'ödch: <titj Putsch, bald von rechts, bald von links orgillnisiert.? Genau so wie in Oesterreich ist die Regierung Mep Beamtenschaft ausgeliefert, die die Republik haßt und! sich nach den schönen Zeiten zurücksehnt, da sie. «n* kontrolliert' Obrigkeit spielen konnte. Der Geist Ist gv>j blieben, die Form hat sich geändert. Die RepqbE wird ball» um ihre Existenz ringen müssen, da ihkL Feinde jetzt schon die Moral retten gehen, um hi» Bahn für Hindenburg freizumachen, Ludendvrffs Puppet die der Platzhalter für den Monarchen sein soll. An allem ist der Jude schuld. - ALg. Dr. Seipel über die antisemitische Bemeznng.. In einer Versammlung deS christlichsozialen Vereines Reistän -spracht MgeordiWprr' 'De.' Delpdl' WA.,. „Das Lebenswer! Luegers im Lichte unserer Zeit" mchj führte unter anderem aus: " H j ,Menn wir vom LebenSwerke LuegerS reden, dürfti» wir nicht nur auf unsere Partei Hinschauen. Er hat überj den Nahmen unserer Parte: , hinaus gewirkt und. sehr dies, wenn nicht zur Gesundung unseres kranken Staatsmm Gcs)llschaftswesens, so doch wenigstens dazu beigetragen, dag in dieses Volk und in diesen Staat wiederum Hoffnung einziehen' konnte, daß eS, doch eine Gesundung geben. könnte^ wenn man nur das richtige Rezept gegen diefL ftsanS*» heit anwendete. Er hat eine Bewegung entfacht und durH lange Zeit hindurch geführt und populär gemacht, von den wahrhaft eine Gesundung zu erwarten gewesen wäre, wen»! sie durchgreifend genug durchgeführt worden wäre, und dech rst die antijemitische Bewegung. Lueger, der Antisemit', das gehört notwenRgttweW hinein in das Lebensbild unseres Lueger. Lueger war durchs auS Antisemit, er hat sich dabei nicht beschwert mit irgendwelcher Theorie; es war ihm gleich^ ob man ihn begründete als RassenantisemitismuS »der altz wirtschaftlichen oder als kulturellen, wenn man nur praktisch Ernst macht mit dem Antisemitismus. Gerade dort, w« eS am heißesten zugtng und am gefährlichsten war, als Antisemit aufzutreten, wo daS Judentum in der Gestalt des übermächtrgen GroßkaPitaliSmuS austrat, dort hat Lueger den Kampf ausgenommen. Cr hat wahrhaftig de» Stier bei den Hörnern gepackt, als er unsere Stadt Wie» zu befreien versucht hat und daran gegangen ist, wichtige wirtschafrliche Unternehmungen den Juden zu entreißen uad in - das Eigentum der Bevölkerung selbst überzuführen nnd dadurch der Bevölkerung selbst viele Vorteile zuzuwend«. Wenn diese antisemitische Bewegung, «in der Lueger so Großes geleistet hat, nicht so weit durchgeführt worde» ist, daß nicht nur unsere Stadt, sondern auch unser Staal und schließlich die Welt von den Treibereien des ewi^ auf den Erwerb bedachten jüdischen Kapitalismus befreit werden konnte, war eS nicht die Schuld LuegerS, sondern die Schuld derjenigen, die auf hie Stimme diesrS Mannes und derjenigen, die ihm am nächsten gm standen sind und immer wieder in seinem Sinne. gewarnt und gemahnt haben, nicht gehört haben. Man hört sa oft: Wenn Lneger nicht gestorben wäre, wäre alles anderß gekommen. Wir wissen es nicht, weil wir nicht sagen können, ob Lueger, wenn er noch ein paar Jahre gelebt hätten der Kampf gegen den Mammonismus, gegen daS De.lt^ j ud e n tu m, mit noch größerem Erfolg gelungen wäre!- Das aber wage ich zu behaupten, wenn man nicht nnß die Stadt, sondern den Staat und die internationalen Bo» ziehnngen nach den Plänen dieses ManneS und inSbefond«» auch nach seinen an^ife.nilischen Gedailken eingerichtet dann hätte es den Weltkrieg nicht gegeben. (Zebhaftj

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