Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 409 (12.3.1920)
- Date
- 1920-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mryslevempsarr ,„7’ ■ Nrrls ® W , Lschecho-Slowakei: Einzeln 44 Heller i. tsch. LY Pranumerationspreise r iv.ieu: Zu« «tchitten in »er? Erpedttton, 2. ©c^rf, Taborpratze l '6W3, oder in einet 1 BerichleitzstrUt tTrafiki: WönnHitf». . Stronen 30,- lyterteljdhrlich 60.— MN Poftverland fftt Wien und Oesterreich: » t Monatlich . . Kronen *0.^ , . Tjchrcho-Slvwaiei: ' Monatlich .. Kronen - Vierteljänrttck» „ ©1.— in tlchrchv-llvwakischerWLHrrmz Uttdant:! Monatlich .. Kronen SO.— iVirrteljäyrlich „ N».- . vjt» ungarischer DShnmg Angopawirnr Monatlich . . Kronen 12.— »lerteliaJjrlirfj .. »«.- tn jugoslawischer Währung Wn?eleeempr<wr Kreis SRV Heller Lfchecho Tlowakeir Einzel« 44 Heller i. tsch. M, Pränumerationspeelsei ■ ' t . ■ Polen: . Monatlich .. lirone« Sy—> Vierteljährlich „ 00--» in polnischer Währung ajian»: * . . Wart 8*4 Deutschland: Monatlich ssrankreich: Monatlich . .. grants Jtallm: Monatlich ....Lire». Schweiz: Monatlich. . . JrankS > M edaktion ». Administratloü Wten.L.Bez.,T«borstr.t-S Telephone; Äldministratto» 440 L.'ednttlnn 4»»»tz ad 6 Uhr avend» Sir. lOSOf Postspartassenionto 150.093 Hlü ■ im 'V wwwii i,>,«>»,»» ffwrynuMwme nwn mK-i twv'tnMiM'mßKimn Nr. 409 » Wien, Freitag, den 12. März 1920 2. Jahrgang Eine neue Friedensdebatte. - ' —y. W r t n, 12. Marz. ■ ■ Das Friedenswerk schreitet langsam vorwärts^ Der Werste Rai hat in seinem wirtschaftlichen Manifest zwar die Gründe für dieheutige» Verelendung. Europa-, jtt* fainmengefaßt und damit selbst schon die Mittel zur Sattietüng angegeben. Aber ehe die widerstreitenden Strömungen, die sich besonders stark in Frankreich zeigen und ihr? Nahrung aus dem Treiben der. reaktionären Hetzer in'Deutschland ziehen, überwunden werden können, muß wieder viele kostbare Zeit geopfert, werden. Man hatja leidet seit dem Moment des Waffenstillstandes' oft. genug die Lässigkeit und' Saumseligkeit' beobachten können, mit welcher die Arbeiten der Friedenskonferenz betrieben wurden. Man hat aber auch 'konstatieren können, daß die Friedenskonferenz die Materie der Friedensverträge nicht im Hinblick auf die Schaffung eines dauerhaften Friedens, sondern mit Äugen durchgesehen hat; die auf die Vergangenheit gerichtet waren; «an wällte eine Strafe festsetzen und ein Urteil fällen. daS Deutschland Und seine aewest'-"!' Verbündeten treffen unh sie vernichten' sollte. Dies ist zwar gelungen, aber, es zeigt' sich,' daß auch die Sieger nicht frei ..von den psychischen Wirkungen g'-^lieben sind, die aus der Elereatmosphäre der Mittelstaaten au' strahlen. Nun ' siu^- zwar die Vplker der Weststaaten viel widerstandsfähiger als die Unterlegenen vnd dieser Umstand mag ihre Regierungen Nock» immer über die Größe des kommenden Unglücks hinwegtär/chen. Inzwischen aber verMechtert sich.die S'trmtion immer weiter und die Arbeitsm?tlwde her in den Kr^'^en der Entente bisher Mrqndm^PoMke^ hat^Pch. HeMgend ^koMprylr'^rt^ Es ist nur nach der Seite hin. Beruhigung geschahen Worden, daß die Friedhöfe, in Mitteleuropa vergößert wurden, daß ganze Generationen von Kindern durch Arrslandsbilfen zu Almosenempfängern ausgebildet wurden und für-ihr ganzes Leben den Stempel sittlicher Verkrüppelung ausgeprägt erhaben. Daß die Dinge so weit gediehen sind, mag auch \rin seinen Grund haben, daß die Friedensverhandlungen, die nach dem ganzen verstaubten System der Geheim-- diplomatie geführt wurden, nicht allein die Zentralstaaten, sondern auch die eigenen Völker ausgeschlossen haben. ES wurden während der ganzen Zeit dieser für das «^Schicksal der Welt so'wichtigen Konferenzen nur nichtssägende Communigues veröffentlicht und schließlich wurden die ^.Verträge ans den Tisch geworfen. Die Völker, auch die der Siegerstaaten, hatten innerlich keinen Anteil andem Friedenswerk nehmen ko.ynen,. weil sie von den Besprechungen nichts, wußten und um ihre Anschauungen nicht gefragt worden wären. Der Rat der Fünf hatte seine Aufgabe, wie man jetzt aus einer verlegenen Erklärung der englischen Regierung erfahren hat, in der Weise betrieben, daß er nicht einmal ein Protokoll geführt hat, aus dem man sich über die innerlichen Wandlungen des Weltengerichtes hätte unterrichten können. : Es wurde aber eben kein Wert auf das Arteil der>ZeiL und auf die Stimmung der Völker gelegt. Des«, halb wirkt heute der Widerstand gegen die Verträge sfl langsam.und deshalb sieht.man her Weiterentwicklung der Dinge-, nur mit größter Skepsis entgegen. Unter diesen Umständen wirkt' eS erfrischend, daß sich jetzt die Fühi'er der -sozialistischen Parteien MitteleüMaI'Meliftgt haben/ mit der russischen Regierung in Mrtische' und wirtschaftliche Besprechungen ernzutreten. WeM'Man auch die innere Zerklüftung beisden soziälistt-- schen-Parteien,^ die als Folge-der durch den» Krieg beivMM Sprengirng -der zweiten Internationale als retardierendes Moment beachten muß, so liegt doch in der Tatsache,'! daß der während des Krieges mißglückte Stockholmer Versuch wiederholt wird, ein Keim zu einer guten Ernte. Wenn damals die Sozialisten Frankreichs und Englands fernbliebendie einen durch die Greuel .an-der französischen Front, die -anderen - durch die Bombenwürfe auf London erbittert, so wäre heute für eine derartige Abstinenz kein Grnnd mehr vorhanden. Eine neuerliche Einladung an diese Parteien würde kaum mehr auf Ablehnung stoßen. Aber selbst wenn sie wegblieben, .so würde doch durch die Aussprache zwischen den Vertretern der Tschecho-Slowakei, Oesterreicht', Italiens und Rußlands ein Weg gezeigt werden, der zur Erzielung gesunder Grundlagen für den Aufbau Europas iüüren könnte. Denn üinter dielen Delegierten stünden die breiten werktätigen Massen-fast ganz Europas, und von Moskau bis Nom Erde in öffentlicher Aussprache eine Ausgleichung der Meinungen ungebahnt werden. Nicht-die Diplomaten und Generäle, denen das eigene Volk fremd ist und nur als Material für militaristische Forderungen gilt, wütest reden, sondern die Völker selbst. Ware das im ImW 1916 möglich gewesen, dann hätte weder Wilsons. Anbot scheitern können, noch wäre der Iammerfriede von Brest geschlossen worden, dem dann, das Versailler Diktat folgen mußte. Daß es heute geschieht, ist zwar spät, aber doch noch nicht zu spät. Viel^ leicht wird, dann auch die Diplomatie der Sieger etwas mehr Verständnis für eine Situation lernen,, die letzten Endes doch nur sie selbst bedroht. - /. Das Wlrtfchaflsrnanifest der Entente. ' Dle gesamte Schuldenlast der Welt 40 Milliarden Pfund 33 Billionen 400 Milliarden österreichische Krone«. 1 Paris, r 17 Marz. (Kor^i-Vur.) Das Wirtschaftsmanifest, dessen Grundzüge in vielfach irrigen Auszügen bekanntgeworden sind, beginnt mit Mem Expose üher die Wirtschaftslage in elf Artikeln, während der letzte, zwölfte, Artikel Schlußfolgerungen "enthält, dio wieder in acht Punkten zusammengefaßt sind. ‘4 Der erste Artikel' gibt - eine allgemeine Uebersicht des Problems/ Der Krieg, heißt", es,' hat eine vollständige Des-- organisation der Weltwirtschäftslage zur Folge gehabt. Tie Geschichte beweist, daß eine ah n t i ch e P r e r s st e i g e r tt tt q allen Kriegen folgte und die "gegenwärtige Lage als durchaus nicht ungewöhnlich anzusehen ist. Zur Zeit der napoleonischen - Kriege stiegen die Preise in England um 75 Prozent und brauchten acht Jahre zum Ausgleich. Während des amerikanischen Bürgerkrieges Mgen die Preise in Amerika um 100 Prozent, und brauchteL-12 Jahre zum Ausgleich. Der ,gegfWärtig^- Wseg,. der 'seM^ü^chen nicht ip.'der Geseichte hat, brachte im Vergleich.mitdem/Jahre 1613 folgende Preissteigerungen: In den Vereinigten Staaten 720, in Grstzbritannien 170, in Frankreich 300 und Italien 800 Prozent. Während fünf Jahren-sind alle menschlichen Energien von der Erzeugung nquer Güter abgewendet und der Zerstörung zugeführt worden. Um die Völker, die in den Kampf verstrickt waren, zu ernähren und zu bekleiden. Haben die Negierungen Zukunftsgüter in Form von Krediten und durch die AuSgal e von Papiergeld verpfänden müssen. DaS Mißverhältnis eines solchen UeberfluffeS an scheinbaren Neichtümern zu dem-wirklichen gegenwärtigen Besitze tritt durch die Preissteigerüngsn in Erscheinung. Noch immer MMorren Menschsn rrnter -- -j r Waffen. Der zweite Artikel weist darauf hin, tzatz der Friede noöh keineswegs hergestellt ist. Rußland unterhalte noch immer ein Heer von mindestens eineinhalb Millionen. In Polen, in Rumänien und in den Sukzessionsstaaten der österreichisch-ungärischin Monarchie sind noch immer eine Million Soldaten unter den Waffen und, obgleich der bewaffnete' Kampf im allgemeinen aufgehort hat, trennen Rivalität und gegenseitige Abneigung noch immer sehr viele Volker. Künstliche Wirtschaftsschranken sind - aufgerichtet und verhindern den gemeinsamen Wohlstand: . Demobilisierung in allen Ländern, Zurückführung aller kräftigen Menschen zur Arbeit und Wiederaufnahme des normalen Warenaustausches sind schleunigst geboten. r Ger Medergang der ProdnkLwn. Der dritte Artikel verweist auf den Niedergang der Produktion, verursacht durch so viele Zerstörungen und Menschcnverluste sowie den Mangel an Werkzeugen, zu denen die Transportmittel zu zählen sind, und führt den besonderen Mangel jedes einzelnen LaiideS an. In Frankreich sind weite industrielle Gebiete zerstört, und viele Jahre werden zum Wiederaufbau verwendet werden müssen. Deutschland fehlt > eS an Kap i t a l und Kredit. Seine Niederlage hat eine Desorganisation hervorgerufen. Was Oesterreich betrifft, haben die Umstände den v oll st ä n d i g e n Z usammenbruch seines Wirtschaftslebens verursacht. Rußland befindet , sich noch immer im Zustand .der Verwirrung und, Anarchie. Einst die Kornkammer Europas, hat cs entweder nichts Hervoxgebracht oder wenigstens mit den Nachbarstaaten seine Erzeugnisse nicht auStauschen können. Rumänien, daS vor dem Kriege sechs Millionen QuarterS Getreide ausgeführt hat, kann jetzt gerade nur seine eigene Bevölkerung ernähren. Am 1. Dczeinber waren auc 630.000 Hektar angcbaut, statt wie vor dem Kriege im Durchschnitt 1,000.000 Hektar. Andere Golncte, wie die Frankreichs t und Deutschlands, die vor dem Kriege sich selbst genügte»!, 1 ' stehen als Konkurrenten auf dem Weltmarkt einander gegenüber und bringen die Preise weiter zum Steigen,'da nur begrenzte Mengen verfügbar sind. Die Kohlenförderung ist ebenfalls in allen Ländern erschreckend zurü^'gcgangen unv>. beträgt bei Vergleich der Kohlenförderung von 19^9 mit dev^! jcnigcn von 1913 in England 234 gegen 292, in Frankreich [ 22 gegen »4, in Deutschland ' 109 gegen 173 und in den Lev». ‘ einigten Staaten 495 gegen 517 Millönen Tonnen. ■ Anwachfzsn der Vsrfchwendrmek. \ Der viert'. Artikel beschäftigt nch mit dem' Anwachsen; be§ Verbrauches, der um so gefährlicher ist, je weniger LL j mit der sinkenden Produktion im Einklang steht. Dieses An» wachsen des Verbrauches wird nicht nur in Europa beobachte^ Die Bevöl'ernng tzon Japan und' China hat siä) mehr "ndi mehr an den Fleischkonsum, an Sülle der früheren ReiSmahlO! zetcn gewöhnt. Al'gssehen von den. Lebensmitteln ist. der Vs«' ' darf an Kleidung, Schuhwerk und Fabrikserzeugniffeii alle«^ Art. bedeutend höherals por dem Kriege: Dkse allgemei'n< ' MbertreiMmg 4nd Ve'rschrVcl'.oung^t.ein Phänomen, das allei^ . großen ^kenschheitskatastrophen gefolgt ist, wohlbekannt allen,^ , die Gegenden besucht .-aben, wo kurz.vorher ein Erdbeben oder die Pest gewütet hat. Der enorme Papfergeldttmlaüf. Der fünfte Artikel weist auf die' Inflation deS Kredites-, und.Geldes hin. Durch diese Inflation wurde dem Publiku»^ eine größere ZahlungSmöglichkelt zu einer Zeit gegebew«.- in der die zu erwerbenden Vorräte vermindert waren. D'e^ Papiergeldumlauf hat sich folgendermaßen erhöht (wobei' alle Währungen in englische Pfund umgerechnet^ sind und der; Zeitraum von 1913 bis Ende 1919 berücksichtigt ist):' England von 30.000 (?) bis 450 Millionen, Frankrekchj von 230 bis 1500 Millionen, Italien von 110 bis 70Y Millionen. Im gleichen Zeiträume hat sich die Kriegs schuld in England auf 7000, in Frankreich auf 6750^ in Italien auf 2750, .in Deutschland auf 9500 und in! den Bereinigten Staaten auf 5000 Millionen englische Pfund! erhöht. Die g «samt e Sch u l d e nlast der Welt beträgt 4 0' M i l l i a r d e n englische Pfund. Aber auch die Kaufkraft deS Goldes ist zurückgegangen, weil'einzelne Länder untep der Goldinslativn leiden. So sind' die Preise in den Bepi einigten Staaten um 120 Prozent gestiegen. Rur die Ein^ schrankung des PapLergeldumlauses kann hier Abhilfe bringe«!« Die Kriegs iswrnner. D^r sechste Artikel beschäftigt sich mit den K r l e g S» gewinne rn, die aus der dauernden Pkeissteigerung ihre« Nutzen ziehen, die ,wirtschaftlichen Schwierigkeiten Europa-) auSbeuten mrd gegen die alle Negierungen Stellung nehmey sollten. Weitere Ratschfage. Der siebente Artikel weist auf die Notwendigkeit der Gin schränku ng der öf, en t l ichen A u.sga ben hi«.. Der achte Arii'el mahnt^zur äußersten Sparsamkeit iiy'. Privatleben. Nur ein einfaches, jede Verschwendung vevmeidendes Leben kann den Einzelnen wie die Gesamtheft wieder zu Wohlstand führen. I Der neunte Artikel beschäftigt -sich mit dem Zusantmem bruch des Wechselkurses. 4 Der zehnte Artikel befaßt sich mit den Schwierig» ketten des Kredits und hat den- Gegenstand eingehendster. Beratung zwischen England und Frankreich gebildet. Re» gierungskredite werden nur für äußerste Notfälle, zu» gelassm. Staatliche Hilfe lönnte. überhaupt niemals genüge«»' Nur Handelskredite seien an gezeigt. j Der' zwölfte Arti-el eck.'ärt unter anderem: Zunächst ist eS von höchster Wichtigkeit, daß die Zustände der Friedens-' zeit in der ganzen Welt so rasch als möglüh wieder gestellt werdeji, B