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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-07 · Heft 404 (7.3.1920) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 404 (7.3.1920)
Date
1920-03-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Skr. 4V4' Men, «onnkast Wiener Mtorgenzereung' ,% <mm tsM Dkorgen sehe ich den kleinen, mageren Blinden langsam den Weg entlang tappen. Natürlich^ kennt er ihn ganz -genau. -Aber er hat seine» kleinen Tric. Wenn er in die Nähe des Gartenzaunes kommt, dann „verliert er die Richtung" und bittet irgendeine vorübergehende Frau, ihn bis zur Ecke zu führen. Das wird ihm Men nur abgeschlagen. Wandert man dann mit dem rrmen Teufel weiter, sy dauert es nur eine halbe Minute, bis er einem allerhand Waren zum Kauf rubietet — Bürsten, Pinsel und Aehnliches. Dazwischen rrzählt der »blinde Mann seine Geschichte, eine einfache, schlichte Geschichte. Er stammt aus Galizien. Mit 12 Jahren ist er erblindet.- DaS Trachom, die furchtbare Geisel Polens, hat ihm daS Augenlicht geraubt. Als alles schon' vorbei war, brachte ihn der Vater nach Wien auf die Klinik. Heilen konnte man lhn ja nicht, aber man ließ ihn wenigstens etwas lernen. Als die Eltern starben, war er doch so weit/ sich vor Hunger schützen zu können. Der einzige Bruder, der ihm mitunter etwas zukommen ließ,. ist in russu» scher Gefangenschaft gestorben. Jetzt ist der Blinde ganz allein in seiner lichtlosen Nacht. Dom Ertrag seiner Arbeit kann er nicht leben, er versucht also rin wenig Handel zu treiben. Die Manschen,' die seinen Lniff durchschauen, schelten hinter ihm drein. „Natürlich, der Jud' muß schachern" heißt es. Aber niemand fragt, ob ,Her Jud'" nicht Hungers sterben müßte, venn er von dem leben sollte, was das Bürsteubindsn rinträgt. Denn es gibt merkwürdigerweise auch heute «och sehr viele Menschen, die noch nicht wissen, daß Hunger weh tut.! Dj« große Krage. ,J0, in Wien", sagte mein englischer Freund, „in Wien, fragen alle Leute nur eines. Sie wollen nicht wissen, ob einer ein Künstler oder ein Stümper, ein Gaunrr «der ein ehrlicher Mensch, ein Nachbeter oder rin Eigenbrödler ist. Das alles interessiert Euch nicht. Ihr fragt immer nur dasselbe, Äe Großen und die Kleinen, die,' Christen und die Juden, die Politiker and die Künstler wollen nur eines von einem Menschen »iffcn; ist er ein Jud?" Ich wollte aufmucken. Aber Ich erinnerte mich, daß ich mich erst einen Tag vorher trof dem Gedanken ertappt hatte, welcher Rasse der Sprecher angehörte. Jetzt unterdrückt« ich die Frag« weislich. Sie war auch unnötig, Wer so beobachtet, her ist ein Jude. __Klara Mautner. Die StreMeWeMng «nter Yen städtischen Angestellten. , 1 Gestern vormittags fanden in sämtlichen Bezirken Wrns Versammlungen der städtischen Angestellten , statt« Die Streikbewegung dehnt sich auch auf die auf dem Approvisionierungsgebiete in den Markthallen, Kriegsküchen und Brotkommissionen beschäftigten Angestellten ans. Das gesamte, Erwerbsleben erscheint, durch den Streik bedroht, denn von/ den städtischen Unternehmungen hängen die Wasserversorgung, der Sanitätsdienst', die Leichenbestattung, der Straßenverkehr. di? Licht- und Krastabgabe, die Straßen- und HauSbekeuchtung ab. :' Die Dorberejtmitzen > für den Streik sind -von den einzelnen Komitees bis ins Detail dürchberaten- Die Organisation richtet sich gegen eine etwa geplant«' Heranziehung von betriebsfremden Organen oder gegen sonstige Arbeitsmaßnahmen. Bei Anwendung derartiger Mittel wurde — wie seitens der Zentralleitung besonders hervorgehvbsn wird der Ausstand auwmatisch in ungeregelter. Vielleicht wilder Form einsetzen und die Folgen noch bedenklicher, als sie an sich infolge der Arbeitseinstellung ohnehin schon unvermeid- W sind'. Der ZwSlfmiMonen-Koffer. . yetrogene Betrüge*. . Das Wimu SicherbeitSburwu besaßt sich seit ewigen Tagen mit einer sensationellen Diebögeschichte. in welcher Funk« tienär-e der j u g 2 s l a w i s ch t n B e r t r e t u n y in Krakaudie Täter sind. ES handelt sich um die Entführung eines Koffers, brr österreichische Banknoten im Betrage von nicht weniger als zwplf Millionen Kronen enthielt. Ein Konsortium Krakauer Kausleute wollte einen hohen Betrag van vstrrrtzuüsschen Kronrnnoten über' die österreichischpolnische Grenze nach Polen bringen. Ein Mitglied deS Konsortiums, ein gewisser Einhorn, wurde mit der Durchführung de- Schmuggels betrqut. Er gewann den jugoslawischen Kurie y r a n ei c gegen das Versprecht», einer hohen Belohnung bin Plan und dieser zog noch dry jugoslawischen Feldwebel Viktor O b l a k in das Geheimnis. Francic übernahm in Wien dm Lederkosser, der zwölf Millionen Kronen enthielt, von Einhorn. Francic brachte den Koffer als freies Gepäck nach Krakau, bei dessen Oeffnung aber der Kosser nickt die z.w 8 lf M i ll i v n en K r a n e n enth i el t, sondern MakulaturenundKlosettvavier. Francic und Oblak wurden verhaftet. Der Tatbestand ist noch ungeklärt. Fest steht, daß der Koffer vertauscht worden ist. Dre StcherheilSbehörde setzt die Nachforschungen fort. Versuchte Entführung Bela Kuno? Die „Korrespondenz Wlhelm" meidet: In der Nacht vvnt ö. zum 6. Mürz schlichen sich mehrere Männer, angeblich Ungarn, an das städtische Krankenhaus in Stockercyt» in welchem Bela Kun untei"";- oracht ist. heran. - Sie versuchten, einen Nachtwächter, der ihnen entgsgentiat. durch ein Geldgeschenk zu he, MwichjMn. Vieler ging scheinbar auf ihr Ware* * r rniiirt«TH-i»uwr/rirtwTrnariT7Ti« ehtf eiste dann aber zur Sicherheitswache und zur Gendarmerie. Inzwischen waren die Männer über die Einfriedung . des Krankenhausgartens geklettert und n die Nähe. des von Kün bewohnten Pavillons gewmmen. Als der Gendarm vor dem Eingänge des-' elben ihrer ansichtig wurde, brachte er sein Gewehr n Anschlag, worauf die Männer die Flucht ergriffen. Die StaaisMrgerschaftserhlürvng schützt nicht < von Ausweisung. Am 85. Dezember v. I wurde in der Wohnung des Karl Kudlik ein« Gesellschaft von neunzehn Personen ausgehoben, die Baccarat gespielt hatten- Gegen Kudlik wurde die Anklage wegen Duldung des Hasardspieles, gegen die in der Wohnung betretenen neunzehn Personen die Anklage wegen Hasardspieles erhaben. In dep gestern über diese Anklage vor dem Bezirksgericht« Jaftsstabt, Landesgerichtsrat Dr. Benesch durch geführten Verhandlung mußte bas Zerfahren gegen mehrere Angeklagte, deren Vorladung nicht aus gewiesen erschien, ausg,schieden werben- Von den erschienenen angeklagten Spielern gab Eugen Than zu, Baccarat gespielt zu haben, erklärte jedoch, seine Partner nicht angeben zu können. Thau, der nach Galizien zuständig ist, gab an, baß er seit 18 Jahren in Wien wohne und bereitst vor einem Jahre die Erklärung der deutschösterreichischen Staatsbürgerschaft abgegeben habe. Richter: Die Erklärung besagt noch nicht, daß Sie deutschösterreichischer Staatsbürger sind- Der Angeklagte Max Buria n, der nach Preßburg zuständig ist, wies gleichfalls seine StaatsbürgerschastZerÄärnng vor. Nach durchgeführiem Weweisverfahren wurden nachstehende Angeklagte verurteilt,. und zwar der Agent Ernst Kaiser zu einer Geldstrafe von 3600 Kronen,.' Max Bnrian zu 2400 Kronen, die Angeklagten Franz Blumenfeld, Julius Rothbart, Rudolf Graft, Johann Stellt, Emilie Henriei, Richard Stern und Leopold Omestan zu einer Geldstrafe von je 1000 Krynnk und der AngeNagte Engen Thau zu 800 Kronen, der Angeklagte Karl KiudlU würde ftetgesprocherr- Bezügliche der Verurteilten Burian, Thau und der nach Darm-, stadt zuständiM Henrici wurde die Ausweisung aus dem Gebiete der österreichischen Republik ausgesprochen, wobei her Richter her Ansicht war, daß die seinerzeitige Abgabe der Staatsbürgerschaftserklärung als Deutsch- Österreicher, über welche Erklärung bisher noch nicht entschieden ist, noch nicht die deutschöster-- reichische Staatsbürgerschaft begründe. Die Verurteilten meldeten gegen das Urteil die Berufung an. Ein MiMo nenbstrttasvsvsuch an der itattsrnschon RegiernW. Graz, 6. März,- (Privat.) Eine sensationelle Betrugsaffäre, durch die der italienische Staat um viele Millionen geschädigt worden wäre, ist heute aüfgedeckt worden. Der Grazer Stadtbaumeister und Architekt Wolfgang A l k i e r, der'Generaldirektor der erst vor wenigen Tagen neugegründeten Bauunterneehmungs-Aktiengesellschaft gleichen Namens, unterhielt seit längerer Zeit mit' der 24jährigen Kontoristin Frieda A l d r i q n ein Liebesverhältnis. Vor einiger Zeit trat er an sie mit dem Ansinnen heran, ihrsi bei einem Ge- Eingesendet. Fanny Ronis Herman Baituch empfehlen sich als Verlobte. Wien, im März 1920, .?m UM o. Innen- \ flekoratioß i» grösster Auswahl. Nur gculegons 691 . Erzeugnisse. J.SPIM WI*B.Bll..‘ ‘ -111.2 ' (ßcks J^arl Schweighofergasse.) Brillanten, Platin. Muren. Perlen .Uhren, falsche Zähne, alle SUbergegenstände verkaufen Sie am besten direkt dem Juwelier und 'Goldarbeiter ß. Holzapfel Wien. 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Die Aldrian solle ihm einen solchen Bankkontoauszug verschaffen. Der ehemalige Leiter der Lebensmittelüberwachungsstelle in Graz, Hauptmann Nedelkobic, erklärte sich, durch die Aldrian^ dazu bewogen, bereit, den Kontoauszug zu beschaffen. Er trat cm einen bekannten Grazer großdeutschen Politiker, der angeblich Abgeordneter ist, heran, der sich zwar anfänglich nicht abgeneigt zeigte,, bei der Schiebung mitzutun, später jedoch sich zurückzog. Schließlich lieferte ein gewisser Mayer zwei gefälschte Kontoauszüge, der steirischen Eskomptebanf, lautend auf die Namen zweier italienischer Staatsangehöriger in Corrnona und Trient, im Gesamtbeträge von 3F Millionen Kronen. Im Besitze dieser Kontoauszüge unternahmen die drei mehrere Reisen nach Italien, doch scheiterte vorerst die Abwicklung sin dem Umstande, daß auf den Kontoauszügen die Unterschrift des Chefs der Militärmission Italiens in Graz fehlte.. Alkter versprach nunmehr der Aldrian und dem Nedelkovic je zwei Millionen Kronen, wenn sie ihm diese Unterschrift verschafften. Nedelkovic wendete sich nun an den Bankdirektor Werder, dem gleichfalls, zwei Millionen Kronen ' Honorar zugesagt wurden, falls er von dem Chef der italienischen Militärmission in Graz, Major Conte Carrara, die Unterschrift erhalte. Werder begab sich tatsächlich zu Major Carrara, teilte ihm mit, daß die Auszüge gefälscht seren und bot ihm zwei Millionen Kronen für die Unterschrift. Conte Carrara erstaftete bei der Staatsanwaltschaft die Anzeige. Daraufhin wurden heute Altier, Frieda Aldrian und Hauptmann Nedelkovic verhaftet. Wäre der Betrug geglückt, so hätte der italienische Staat einen Schaden von 40 Millionen^ Kronen erlitten. . ' ’ Das Dorlarpaket Nr. i. Rufteilyng des von Mr. Herbert Hoover gespendeten , SOvo-DoSar-PaketeS. , . ©öS erste Ar Oesterreich bestimmte Dollarpaket wurde t'' Amerika verstrPkri, von Mr. Herbert Hoover in hochherzigem Wesse um den Preis von. byüll Dollar erstanden und dem Präsidenten S'e itz gewidmet. Der Präsident hat Herrn Hoover^ dem dre Republik Oesterreich schon so viel zu danken hat, tele-' araphssm und dann.m einem' ausführlichen Schreiben den Dank! mr diesen neuerlichen Beweis seines Willens, uns zu helfen, zu» Kenntms gebracht. Da das Amerikanische Hilfswerk in erstev Lrme Kmdern zugedqcht ist, wird auch die Spende Hoovers vov allem bedürftigen Kindern zukommen. Bor Berteilnnfl des Paketes bat der Präsident ein kleines Komitee befragt. Äuf Grund dev Beschlüsse des Komitees wird, die Hoover-Spende, bestehend am 100 Paketen von Mehl und Kondensmilch im Werte non je' 50 Dollgr, an kranke Kinder verkeilt werden. Verhaftung eine« Oberstlentnants. Wegen Verschleppung von Kunftaegenstiinden beim Zusammenbruch der Armee. | Auf Grund einer Anzeige der bestandenen militärische», Waffenstillstandskommissson, daß bei der Besetzung italienischen Gebietes durch die Truppen der vormaligen Armee wertvolles Kunstgegenstände und anderer Wertbesitz ins Hinterland verschlepp« worden se>. wurde seitens der Behörden nach solchen verschleppte^ Knnstoyjektm eingehend geforscht. So kam der Sicherheitsbehordv zur Kenntnis, daß dev ebemalige Oberstleutnant Rudolf Luk« aus der der Baronin Manfrrdi gehörigen Billa in Bittonö Wertgegenstände in der Hobe von e: n e r M i l l i d n L i r e, aÄ die Armee znsammenbrach, s o r t g e s ch a f f t habe. Dev größte Teil der verschlepvten Gegenstände wurde in Bad Gasteiu und ni Innsbruck vorgeiunden. Obrrstlentnant Luke; welcher zu vorübcrgehendcm Aufenthalte aus Mähren nach Wien kam «nd hier in einem Hptel wobnte, wurde verhaftet und dem Landes* aerichte. eingeliefeft. Er stellt jebc aktiye Beteiligung in Abrede. * Boyrdkgungeu am heutigen Tage. Alter F,r i e d h v f:, .V,1v Uhr, Dr. Gustav -Fried »u*« n, VII., SopkiienspM; xo Uhr, Sophie Pollak, Xll., Wieder hoferaasse lS;, lO UHr. Bernhard Stern, IV., Schwindgasse 1A; 11 Ilyr vormutags, Sidonie O e ü e r r e i ch c r,!XlI[.r Parksqnarorium: '/zl2 Uhr, Hermine R o s e n s e l d, IX.. Liechtensteinstraßc 20: '/»U Ubr. Dr. Hermann W o l f. l.. Költnerhofggsie 6. — Neuer F r i. e.d h o f; 9 Uhr W Min., F e d er Wilhelmme. X., Erlachgaffe 80; 1,0 Uhr 20 Min^ Friedrich Samuelh. H., Krurumbanmaasse 2; 10 ,Uhr' 40 Mm., Rosa Ta u s s s g. M., Untere Wcißgerberstraße 6; lt Uhr, Josessne Wetnber g e r, XlX.,Sleveringeistraiu 18; 11 Uhr 80 Min., Fanny W e i n t r a u b, lX„ Fango-Anstalt * Asvis Hiechtsttsteiu epkvankt. In dem Befinden dcS^ schwer erkrankten früheren Land'marschalls von 9tiederösterresch Alois 8 i e ch t e n st e i n ist insoserne eine Verschlimmernng 'kingetrelcn, alS sich rechtsseitige Lähnmngserscheinnngen eingestellt haben. * Jiddische Hochschukkurs'.' ln Litauen. J,r K o io n o fand eine zahlreich büsilchte Konferenz verschiedener jüdischer Gruppen statt, auf welcher darüber verhandelt ivurde, wie der: jstdtschen Studenten die Möglichkeit gegeben werben könnte, Hochschulbildung in ihrer eigenen Sprache zu erhalten, um so mehr als die jüdischen Studenten, welche au russischen Universitäten studiert haben, die litauische Sprache nicht beherrschen. Es wurde beschlossen, eine Gesellschaft zu gründen, welche die Angabe hat, in Kowno Hochsch u lkurse in jiddilcher Sprache für die jüdischen Studentcu Litauensl zu eräs;nen. Rechtsanwalt R o s e n b a u m ivurde bev.ullmächtigt, die nötigen BerlkMdlungen mit der litauischen Ne-. Muno zu mm* ". ‘ ‘ 948

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