Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 404 (7.3.1920)
- Date
- 1920-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Urei« HeAer Tschecho-Tlowakei: Einzel» 44 Heller t. tsch. W. Pränumerationspreise: wie«; Zum Slbliolen in der ttz-rditton» 8. Bezirk, Taborftratze 1 bis 8, over in einer verschleißstelle,Trafik,: Monatlich . . Kronen 20,-' vterteljiihrltch „ 60.- Mit Postversand für Wien und Oesterreich; Monatlich .. Kronen 20.— Tichccho-Slowakeir Monatlich .. Kronen V.— Biertelsüürlich 24.- i« tschecho-slowakischer Währung Ungarn: Monatlich .. Kronen 80.— Biertelsähxlkch „ 60.— in ungarischer Währung Jugoslawien: Monatlich .. Kronen 13.— Vierteljährlich „ «<f.— in jugoslawischer Währung ^Kn?er»»emplav? Mris S« Heller Lfchecho Slowakei: Einzeln 44 Heller i.tfch. Ws Prännmerattonspreisel Dolen: \ Monatlich .. Kronen 20J Vierteljährlich „ 60«4 in polnischer Währung Deutschland: > Monatlich . . . Mark Af Frankreich: \ Monatlich . . syranlS Ftalien: \ Monatlich .... Lire 3*4 Schweiz: . Monatlich . . . Franks 2*4 Redaktion«. Administrativ! Wien.S.Bez.,Tavorstr.1—3 Telephone: Administration 440’.'«, Redaktion 48810 aü 6 Uhr abends Rr. 1680» Postsparkassenkonto l50.SR Nr. 404 Wien, Sonntag» den 7. März 1920 2. Jahrgang T. G. Masaryk. —v. W , e n. 7. Marz. Ein Bekenner und Verfechter der Wahrheit als Grundelement des menschlichen Gesellschaftslebens, ein Vorkämpfer des Humanitätsideals im Sinne Kants und der großen englischen Wahrheitsncher ist Masaryk durch ein an Arbeit, Mühen und Verleumdungen reiches Leben gegangen, bis es ihm gelungen ist, den großen Traum einer'Nation von Unabhängigkeit und freier Entwicklung in die Wirklichkeit zu führen. Der Sohn armer Bauern, dem die Wissenschaft vom sozialen Denken ein mit religiöser Inbrunst angebetetes Ideal war, sieht selbst die Saat reifen, die er gesät, und steht inmitten einer Generation, deren Lehrer, Führer und Vorbildner er gewesen, an der Spitze eines Staatswesens, das alle Ansätze zu einer großen und schönen Zukunft' zeigt und diese Zukunft auch erreichen würde, wenn es viele solche Männer wie Masaryk zahlen würde. Auf dem Gebiete der sozialen Philosophie ist Masaryk kein Schöpfer gewesen, sondern nur Kritiker, allerdings positiver, bejahender Kritiker. Voraussetzungslos, vorurteilsfrei tritt,er an Hume und Spencer heran. Aber er begnügt sich nicht mit dieser Tätigkeit » und schafft sich in der politischen Philosophie, in der Anwendung scharf erfaßter Erkenntnis auf das staatliche und soziale Leben ein ergiebiges Arbeitsfeld. Wo immer er auftrat, geschah es im Kampfe gegen die Lüge. Seine kritische Kraft äußerte sich zunächst nur literarisch, als er mit Gebauer die Legende der Hankaschen Königinhofer Handschrift zerpflückte. Dann finden wir ihn aus dem juristisch-kriminellen Gebiet' er zerreißt das Lügengewebe des Nitualmordwahnsinns von Polna. Anfechtungen der niedrigsten und frechsten Art können ihn nicht beirren^ Die verhetzte tschechische Studentenschaft stört seine Vorlesimaen und ragt seine Tochter mt§ dem Lesesaal. Masaryk bleibt fest und saßt das.Ergebnis seiner Untersuch'"'^"" in einer Broschüre zusammen, die eine furchtbare, leider nutzlose Abrechnung mit der Niedertracht der cmtisümftftctzen Straßendemagogie d erstellt. Die Gründe fr'" sein Auftreten hat Masaryk selbst zusamm ^".faßt: „Ich habe mich Hilsners angenommen, weil e§ sich um einen unschuldigen Menschen handelte,, außerdem, weil c? um die Ehre des tschechischen Volkes ging. Ich werde Vol^verräler genannt, weil ich die Schande, meines Volkes nicht ertrug. Was müßte die Welt von der Kultur eines Vc^es balten, mit dem die Juden seit Jahrhur werten (tT? Menschenfresser, als die sie von den Anhängern des Nitualmordglaubens hi: gestellt werden, gemeinsam wohnen. Die Jud"" Böhmens bilden aber'el^e El^e der Juden, im Reiche. Ich tz-'-fte allerdings früher eine bessere Meinung über sie. Es schadet^ ibn?n in meinen Augen, daß v'"le unter ihnen . nach der Beseitigung der Affäre verlangen, nur um Ruhe ’ zu haben. Es r-~«Vt sich aber in dieser Frage-nicht allein um das Ansehen und um die Ruhe der Juden, sondern um die Rehabilitierung eines unschuldigen Menschen. 25*'"*-’ ^ingr auch ün Taugenichts ist. so ist er doch ein Mensch." Auch im politischen Leben der österreichischen. Monarchie hat Mnsarvk^nin' die Rolle des Kritikers spielen können. Werte zu schaffen, machte ihm ebenso wie vielen anderen die Zersetzungtzatmosphäre unmöglich, die die letzten Lebensjahre des Staates vergiftete. Seine großen Reden für die Freiheit der Wissenschaften und der Hochschulen, in denen er gegen die Luegerei und die mit dem Nomen des Innsbrucker Professors Wahrmund verknüpften Treibereien Protest" einlegte, mußten in Oesterreich wirkungslos bleiben, weil sie als ernste Er- * örterungen über das Verhältnis der Wissenschaft zur v Sittlichkeit und Religion in diesem Milieu von Unsachlichkeit und „Beziehungen" versandeten. Ungleich stärker . wirkte sein.Wahrheitsfanatismus in der skandalösen; Affäre der Agramer Hochverratsprozesse, in denen die österreichische Diplomatie mit gefälschten Dokumenten die Jämmerlichkeit des ganzen Regimes vor der europäischen Welt erwies. Masaryk sah die drohende Katastrophe. „Ich bin entschieden für den Frieden, ich be- ' fürchte eine europäische Konflagration. Wir wollen Gleichheit, Gleichberechtigung und Freiheit. Ein freieres Ausland wird immer anziehend wirken." Diese Worte haben sich bewahrheitet/ und daß Masaryk damals den Nus des Einsamen in der Wüste erhob, mqcht seiner Voraussicht alle Ehre und beschämt alle diejenigen, die jede Warnung als Aeußerung gißgl bestochenen Staatsjemdeii verleumdeten, < Das Manifest des Obersten Rates Wie man Deutschland helfe« will. Paris, 6. März. Das vom Obersten Rat beschlossene Manifest ist gestern abends in London veröffentlicht worden und liegt Heute bereits der französischen Regierung zur Durchberatung und Genehmigung vor. Nach den Berichten der Pariser Abendblätter-wurde die Stelle über Rußland und die Notwendigk e i t, mit den Sowjets zu verhandeln, die besondere Vorbehalte Frankreichs verursacht hatte, in dem veröffentlichten Memorandum vollständig weggelassen. Abgesehen von dem bereits bekannten Inhalt , des Manifestes betonen die Abendblätter, daß von den zerstörten Gebieten Frankreichs an zwei Stellen die Rede - sei. Das Manifest erkläre ausdrücklich, daß der Oberste Rat die Wiederherstellung der verwüsteten. Gebiete,- besonders derjenigen Frankreichs, als eine der Grundbedingungen der europäischen Wiederaufrichtung bezeichne. Da die Wiederherstellungsarbeiten große Summen erfordern, die man aus den laufenden Einnahmen nicht decken könne, andererseits aber diese Arbeiten keinen Aufschub bis zur Zahlung der Entschädigungssummen durch Deutschland dulden, anerkenne der Oberste Rat, daß die notwendigen Kapitalien im Wege einer Anleihe beschafft werden mWen, die durch die Entschädigungssummen, welche Deutschland nach dem Friedensvertrag zu zahlen habe, garantiert würde. ...— Das Manifest richtet weiters an alle europäischen Staaten Ratschläge allgemeinen Charakters, so auf Herabsetzung der Heere auf den Friedensstand, Vermeidung und Abschaffung übertriebener Ausgaben, Einschränkung der notwendigen Ausgaben auf das unerläßliche Minimum und Maßnahmen zur Verminderung des Papiergeldumlaufes. ' Am wichtigsten seien aber die Stellen des Muin,estes, die sich auf Deutschland beziehen. Um Deutschland in die Lage zu versetzen, so rasch als möglich seine Wirtschaftslage wieder herzustellen, sowie Lebensmittel und Rohstoffe, deren es unbedingt bedürfe, zu erwerben, habe des; Oberste Rat bestimmt: » 1, Die Deutschland borget sch rieben en Zahlungsfristen werden erstreckt. j 2. Die Gesamtsumme der von Deutsch» land zu leistenden Entschadigunaszahlungeu sott so bald als möglich festgesetzt werden, wobei die Zahlungsfähigkeit Deutschlands als Grundlage dienen sott. - 3. Deutschland wird von der Reparasi tionslrommission ermächtigt werden, einH Anleihe im Anslande aufzunehmen. Der Weltkrieg, bör dem er HeWÄV'HaM/W-'' rM'' zuerst auf der Seite der offenen Pazifisten. Erst als er in Wien und Berlin die Erkenntnis gewonnen hatte, daß der Kriegswille der Zentralstaaten stärker als die Logik ihrer Situation war, ging er in das Lager de/ Entente und entfaltete hier jene Tätigkeit, die ihm einerseits die hohe Achtung der Ententestaatsmänner, andererseits Beschimpfungen durch die deutschnationale Presse und die Verfolgung durch die österreichische Staatspolizei eintrug. Er hat sein Werk vollenden können und. hat seinem Volk die Freiheit errungen. Freilich gibt es im tschechischen Volk neben Masaryk auch noch Kramarsch und..Raschin; Männer,, denen die österreichische Justiz unter dem begeisterten Beifall der Blinden und Dummen den Strick um den Hals hat legen wollen. Das Rachegefühl dieser Opfer ist stärker als ihr politischer Blick, und so ist es ihnen gelungen, Masaryks Werk zu verpfuschen und den tschechischen Staat mit schweren Krankheitskeimen zu vergiften. Der rücksichtslose Chauvinismus, der aus dem Staate wieder-das. alte Oesterreich mit seiner,. Unterdrückung fremder Nationen und seiner schillernden Verfassungsfälschung gemacht hat, ist nicht im Sinne Masaryks. - Das jüdische Volk hat ganz besonderen Anlaß, dem Denker in der Prager Hofburg heute Glück zu wünschen. Masaryk ist einer der wenigen europäischen Politiker, der die große Wahrheit und den sittlichen Inhalt der zionistischen Idee erfaßt hat. Er hat es verstanden, daß das Judentum durch seine unheilvolle Wurzellosigkeit, durch seine Zersplitterung in lausend schwache und für alle Ewigkeit hoffnungslosen Minoritäten verkümmern muß. Er hat die Regenerationsbestrebungen des jüdischen Volkes, die in der Erreichung der freien Staatlichkeit kulminieren, als Sohn eines gleichstrebenden Volkes und als wissenschaftlich und historisch geschulter Forscher mit dem Herzen und hüt dem Gehirn begrüßt und die politische Unterstützung^ die er den zionistischen Vertretern beim Präsidenten Wilson und in Paris hat angedeihen lassen, sichert ihm stets und für alle Zukunft ein warmes Andenken im jüdischen Volk, dessen Freiheitssinn es sich stets zur Ehre anrcchnen wird, von Masaryk, dem Vorkämpfer für Recht und Menschlichkeit "erkannt worden ■<. m sein. ' „ Die Lakaien der Magyaren. In den Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie bot die Mehrzahl der Wiener Blätter das widrige Schauspiel der bedingungslosen Kriecherei vor den magyarischen Despoten. Mochten die Budapester Gewalthaber noch so roh und gemein schalten und walten, diese Wiener Presse fand für ihr Treiben nur Worte der Anbetung, und die Phrase vom „edlen, ritterlichen und freien Magyarenvolke" wurde dem Leser tagtäglich vorgesicht. Der Umsturz hat darin keinen Wandel geschalleiu dia Wiauer. liberale» LrttuyMchxeib« jhävm ' Ihre KnechtfÄlgleit herübergereitet. Der Henkersknecht H orthy und s ine Schergen dürfen schänden, morden und plündern, die Wiener liberale Presse bringt keinens Bericht über die Untaten, wenn sie es aber durchaus muA beeilt sie sich, die verlogenen, von „christlicher Moral"-' triefenden Berichtigungen als heilige Dokumente der lauterster^ Wahrheit groß aufzulnachen. Der Mörderkommandant Horthy darf immer und immer wieder erzählen, daß die Mordtaten^ seiner Gesellen sich darauf reduzieren, daß vom Felde heinv-i gekehrte Offiziere sich in ihrem heiligen Schmerze an bech Schändern und Mördern ihrer Frauen und Schwestern de« greifen. Die Wiener Presse plappert beständig die zynisch« Lüge nach. Die Horthyschen Offiziere reißen ausländisch« Kaufleute aus den Eifenbahnzügen, räumen ihnen die Tasche«! aus, alles in ihrem „heiligen Schmerze", und schleppe^ dann die ^wehrlosen Opfer, in Wälder und Keller, wo st sie viehisch himiPrden.. Tausende Leichen unschuldiger Jude bezeichnen den Weg der uniformierten Meuchelmörder, Räuber und Diebe, aber die entarteten jüdischen. Schreiber der Menet liberalen Presse gehen über die Pogrome devot hinweg Sie verleugnen auch die primitivsten Begriffe der Standesehre.' Nach der schändlichen Ermordung der beiden Redakteure beq Budapester sozialdemokratischen ParteiblatteS wagte -bei; Ministerpräsident Hu szar die Behauptung, baß nicht dies Horthyschen Offiziere, sondern „Bolschewiken den Mord Ve4 gangen hdben dürften". Und in der Wiener Presse toi diese freche Lüge ohne Kritik reproduziert! Ein seines Stückchen,-welches den Geist der maßt freundlichen Presse so recht charakterisiert, leistete sich kürzlich; die „Neue Freie Presse". Bekanntlich wurden die jüdisches Studenten mit Peitschenhieben von der Universität in Buda- Pest verjagt und auf deren Tor die Anschrift: „Hunden und' Juden ist der Eintritt verboten", geheftet. Nach der Heldentat beschlossen die edlen Magyarenjünglintze, von der Negierung die Aussperrung jüdischer Studenten zu verlangen. Aber die „Neue Freie Presse" weiß nur von dem Verlangen nach einem „allgemeinen" Numerus clausus zu berichten und verschweigt das Wort „jüdisch". Man weiß nicht, ob sie t% zur Schonung ihrer Heldenlieblinge oder der Nerven ihrer jüdischen Leser tat. r' ' . ] Der Gipfelpunkt der Niedertracht ist aber jetzt krochen worden. Eine Anzahl Journalisten, die zur Wahl -des Reichsverwesers von der ungarischen. Regierung eingeladen war, erschien bei Horthy und ließ dem Bandenführer und Pogromhelden durch den bekannten Taufjude» Leopold Mandl (dessen sich: seinerzeit die „Bossische Zeitung" öffentlich entledigen mußte) huldigen und ihn beglückwünschen.' Wir sind davon nicht überrascht; aber will die Organisation; der Wiener Presse durch ihr Stillschweigen diese Niedrigkeit sanktionieren, die den ganzen Beruf vor dem anständigen Europa besudelt? Werden eS die jüdischen Leser auch fernerhin über sich bringen, ihre geistige Nahrung von dies« „liberalen", im Dienste der blutige» PogrorrchM Prelle M. ' ' ' 'if .. HO VCT toittH IW