Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 401 (4.3.1920)
- Date
- 1920-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vkyslevempla*» Preis 80 Mn Lschecho-SlowaLei: Einzeln 44 Heller i. tfch.W. Pränvmerationspreise r vte»r Au» Abkivle« t« der Arpedltion. L Bezirk» Tabor. Katze 1 btt 8, oder i« einet BerschleißsteN« <Trafik>: Monatlich. . Kronau 20.— tzterteljÄrttch 60 — 19)0 Poftvrrsan» fflr Ofen und ■ Oesterreich: Monatlich .. Kronen SO.— Tichecho.Slo»ak«l: Monatlich .. Kronen 7.— pierteljstvrlich „ 2t.— «tschechoslowakischer »Shrnng Ungarn: Monatlich .. Krone« 20 — vierteljährlich 00^- i» uugarischer Wäl,««- lener Angoslawir»: _ RmmHMi .. Kronen LS.— vierteljährlich .. »o.- 1» j«s«slawischer WShrun, Gimelesempkavr Urels SO Heller Lfchrchr» Slowakei: Einzeln 44 Heller i.tfch.W« Pränumerationspreif«^ Bolen: j Monatlich .. Krone» *0»J lvierreljälirlich (Mir* in polnischer »ShrnnD Deutschland: Monatlich . . . Mart ff«* ssraukreich: v Monatlich . . Frank- 8»J Italien: Monatlich .... Lire 6 Lchweiz: Monatlich . . . Frank- S—l 4 sTI edaktion «. Administrativ» Wien.2. Bez.,Taborstr.t -I Telephone: Administrativ» 440 ’ S Redaktion 4181». ad 0 Uhr avend» Nr. 1080] vostsparkassenkonto 150.63! 9ir. 401 Wien, Donnerstag, den 4. März 1920 2. Jahrgang ü» Die Lostage Europas, : —7. Wien. 4. März.! - Tritt der Kontinent, der seit den Tagen der Dernnigung der hellenischen Stämme die Welthegemonie besessen hatte, wirklich in das letzte Stadium, in die Woche sejner Hörigkeit ein? Geht die Führung der Dell an Amerika über? Fast scheint es so. Wie Rohr im Wind, so schwanken die festländischen Staaten unter her Wucht des Weltensturmes, und das Geschehen eines einzigen TageS ist so groß und schicksalsgewaltig, daß die Sorge um das eigene Ich fast in das Nichts zurücktritt. Die Angleichung an die Wcltparität, dieses spielerisch hsngeworfene Wort, wird wahr in einem furchtbaren Sinn, die Parität des Elends wird erreicht Not, Sorge, und Krankheit, die mit dürrem Finger an die Türe des altgewordenen Faust pochen, sprengen alle Negxiffe, ' lösen, die in Jahrhunderten erwachsene Whicksalsgxmeinschaft. eines ganzen Erdteils in ihre Bestandteile auf. I Aber doch ist die' Sorge um das eigene Ich die Basis für die Arbeit, die die Welt zusammenhält. Aus duner | Siorge fließen die tausend Quellen, die die menschliche Solidarität speisen, ihr die Antriebe für da§ heilende ' und lindernde Streben bringen, das zum Mitfühlen und jüm ■ Mitdenken führt. Langsam, zu langsam für die vom Sehnen beflügelte Hoffnung ringt sich der Grundgedanke der Weltkültur ans Licht, daß, so gemeinsam wie das Leid, so. gemeinsam wie die Schuld, anch die Mühe gemeinsam werden muß, der Welt wieder den Frieden des,Gemütes zu bringen, und seines auch um den Preis der Aufopferung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit lM" Amerika^ das sich in seiner robustem Gesundheit von der europäischen Grippe der sozialen Verarmung freihalten kpnnte. Aus den vielen Einzelpersonen schließt sich die Gemeinschaft gleichen Blutes, gleicher Sprache zusammen, ballt, sich zur Nationaus den Nationen entsteht der Dille zur Gemeinschaft gleichen kulturellen St.ebens. j Und wenn auch die Ueberzeugung, daß die Wunden am 1 Körper der Menschheit nur in einträchtiger Arbeit geheilt werden können, noch nicht zur Zielbewußtheit aller geworden ist — in den Köpfen der Führer hat sich diese Idee doch durchgesetzt und ringt nach Form und Gestaltung. Aus dbr Arbeiterschaft ist der Gedanke gekommen und trotz aller Irrwege, auf die sie je nach Volksicher oder beruflicher Gliederung gedrängt wird, hält sie qn der Forderung der solidarisch anzustrebenden/Besserung der Verhältnisse fest. Die. Internationales der Arbeiterschaft hat die furchtbare Prüfung des Krieges nicht überdauert, und der Beschluß der Straßburger Sozialisten, sich vom Marxismus loSzusagen, aber den Anschluß an die militaristische Ausdrucksform des russischen Sozialismus abzulehnen, zeigt die Schwierigkeiten, in die die Geistex geraten sind. Aber der in einer langjährigen Erziehung gestählte politische Wille der werktätigen Massen, der jenen des Mittelstandes an Intensität weitaus üboitrifft, hat es doch zuwege gebracht, daß das Volk, Englands von dem Friedenskrieg nichts mehr wissen will. Hier treffen zweiUmstände glücklich zusannnen: die Stimmung der Arbeiterschaft aller Staaten und die angelsächsische Mentalität, die seit der Cromwellschen Umwälzung den revolutionären Entwicklungsprozeß der Gewaltsamkeit voranstellt. Die englische Politik, die immer von den großen Gesichtspunkten einer die Bedürfnisse eines Weltreiches berücksichtigenden Staarsleitnng ausgehen mußte, hat anch einen starken Rückhalt an der Arbeiterschaft, die an dem wirtschaftlichen Gedeihen aller Gebiete interessiert ist, über denen die Unionsflagge wehr. Und deshalb ist es zum Beispiel erklärlich, weshalb Herr Asquith mit seiner Versöhnlichkeitspolitik gerade die Wähler der schottischen Industriestadt Paisley erobern konnte und weshalb ihn in London die studierende Jugend mit Jubel empfing. (In Berlin hätte sie ihn als Juden erklärt und angepobelt.) Verstärkt wird diese Arbeit am Frieden durch Amerika, das ja schon der ersten Friedenskonferenz den Gedanken der Völkersolidarität als Rettung anbot. Für kurze Zeit konnte die Kurzsichtigkeit der französischen Kriegsdiplomatie diesen Weg verkennen und aus dem scheinbaren Triumph ihrer Macht und Mechanik die Berechtignng ihrer eiscnfresserischen Methoden erweilc«. Aber da- Werk, dar sie gezwungen hat. will nicht gedeihen und ruft jetzt die Hilfe des Gedankens herbei, der noch vor kurzen: spöttisch verschmäht wurde. Auch die Straße des Elends iüürt »um Licht und die Verelendung Die türkische und russische Frage, Paris. 8. März. (Korr.-Bur.) Aeder den Verlauf der Londoner Verhandlungen berichtet „Petit Journal", -atz sich der Oberste Rat fortgesetzt mit dem türkischen Vertrage beschäftige. Es sei beschlossen worden, datz die türkische Flotte aufgelöst werde und die Türken nur einige wenige Schiffs zur Aufrechterenltung deä Zslldienftes behalten. Heute werde sich der Oberste Rat mit dem vom Anteransschutz für Finanzen ausgearbeite^en Berichte über die Aufteilung der türkischen Staatsschuld befassen. Die Vorkrie^sschulden - sollen ans alle Gebiete des früheren türkischen Reiches aufgeteilt werden, während die Krie sschulden von dem neuen, durch den Vertrag zu schaffenden türkischen Staate unter strenger Finanzkontrolle zu zahlen sei« werden. ■ . » Schließlich meldet der Korrespondent des »Pettt Journal"- datz sich unter dem Einflüsse der Hrotzkaufleute die englische Regierung In der russischen Frage auf den kaufmännischen Standpunkt stelle und die wirtschaftliche Genesung Europas davon erwarte, datz sobald als möglich aus Rutzland alles, was das Land an Rohstoffen zu liefern * imstande fei, . bezogen werde, während Deutschland als eine einzige werde, in der diese ^Rohstoffe zu Fertigfabrikaten zur Verarbeitung gelangen. In den Kreisen der französischen Kolonie sei man der Ansicht, datz das erschöpfte Rutzland keine bedeutenden Rohstoffvorrats besitze oder infolge der Mangelhaftigkeit der Transportmittel nicht liefern könne. Aebri^ens halte sich die französische Regierung in dieser Frage an die Erklärungen Millerands. Die Entente gibt Handel und Transport nicht frei. ' London, 3. März. <Tel.-Komp.) Der Oberste Rat hat sich tinflimitiifl mit den Anregungen und Bemc:kungen der Unter» komnufsion über die wirtschaftliche Lage in Europa und de europäische Nalnungsmittelversorgung ein» verstanden erklärt. Alle Hoffnungen, daß die Regierungskontrolle für Handel und Transport in absehbarer Zeit anfgchoben werden können, müsse aufgegeben werden, den eine iniernationale Organisation für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und außerdem nationale Organisationen für die Verteilung in den einzelnen Ländern müsien unbedingt sortbesieheu. DieS alles müsse, soweit möglich, ohne amerikanische finanzielle Hrlfe stattfinden. Eine Verbesserung der europäischen Devise in New-Aork sei nur durch eine Erhöhung der Ausfuhr möglich. Reaktionäre Krawalle in Bayern. München» 8. März. In Straubing stürmte eine verhetzte Menge das LandeSgerlchtSgefängniS und befreite zw ei ver» hafteteSchwarzschlachter. Nach^den Beamten der Landwucherabwchrstrlle. die die Verhaftung vorgenommen hatten, wurde vergeblich geülcht. Bnrgrrivehr und Reichswehrtruppen wurden ausgcboten. Es kam zu Kämpfe n, weder eS auf S-iie der Demonstranten zwei Tote und mehrere Vorletzte gab. Unter den T o t e n befindet sich rin Redakteur der neugcgrürxdeten sozialdemokralischen »Neuen Tagespost". In P a s s a u wurde eine Theatervorstellung für die freien Gewerkschaften, in welcher das Drama »Kurt Eisnrr* aufgestthrt wurde, durch Reichswehr soldaten und Studenten gesprengt. ES kam zu Schlägereien vor dem Gebäude, wobei einige Personen verletzt wurden. Dre Garnrson wurde alarmiert und säuberte den Plitz. Europas bindet Sieger und Besiegte unauflöslich aneinander. Europa ist eine wirtschaftliche Einheit. daS Problem der Produktion ist ein internationales Interesse. W^re die Friedenskonferenz im Vorjahre zu dieser Höhe der Auffassung gelangt, so hätte sie Europa die Lostage erspart, die jetzt gekommen sind und die Entscheidung üpex Glück oder Unglück der Zukunft bringen. ... »»M . Gegen Standrecht und Ausnahms» zustand in Deutschland. Berlin, 3. März. (Korr.»Bur.) In der Nation al- Versammlung standen heute die von den Unabhängige«. Sozialdemokraten eingebrachten Anträge auf Autzerkraft«, sehung der Verordnungen des Reichspräsidenten auf der Tage»«, ordnung, die für Teile de» rheinisch-westfälischen Industriegebietes den Ausn hniSzustand durch Einsetzung von Standgerichten und Zulassung von Todesurteilen bei gewissen Verbrechen zulassen. Abgeordneter Dr. Cohn (Unabhängiger Sozialdemo-j krat) begründet die Anträge. Die Verordnungen streu a.f die Hetze gegen die Unabhängigen im Anschluß an dic.Dor-j gänge im Reichstag zurückzuführen. Die Maßnahmen de».' militärischen Befehlshabers arbeiteten mit den alten Mitteln, wie Zeitungsverbot, Aufhebung des Versamm»> lungsrechtes usw. Die Vorbereitungszeit für die Den; triebsratswahlen werde benützt, um unbequeme Personen der;. Opposition festzusetzen. Bei der Beratung der LerfossunEr sei es niemandem eingefallen, mit dem Artikel 48 dem Reichs-' Präsidenten oder gar dem RcichSwehrminister daS ein«, zuräumen, in einem Bezirk des Reiches, wie in Dü l iS rf^ besondere Gerichte einzusetzen, die nur auf Todesstrafe »r«, kennen dürften. Das sei.eine Verhöhnung alles Nechtsbewußt^ feinsdas sei die Lex Marloh. Die ,2zialdemo7ratische Partei unterstütze diese Sie untergrabe damit die Macht d>'r Arbeitnehmer, die Grünt« läge einesozialistischen ForsiqritteS. Die Lerghrrre», hätten denn auch bei den letzten Verhandlungen im Rcrgrevi'» ganz den Herren ton der alten Zeit angeschlagen. De«: Achtstundentag' solle beseitigt werden. Die heutige RegrervnH gebrauche ihre Machtmittel genau so wie die alte. T Rerchsminister Schiffer erklärt, die Ausführung« des Vorredners widersprächen dem Geiste deS Artikels 48. Dü Ensetzung außerordentlicher KregSgerichte auf Gr"nd dieses Artikels sei bei der. Beratung der Verfassung ausdrücklich von den verschiedenen Parteien, auch vom Ab«; geordneten Dr. Cohn, äsS im Sinne dieses Artikels li^grntz anerkannt worden. Es bestehe kein Gegensatz zwischen Parlament und Negierung. Die demokratische Regierung müsse stark sein und dürfe unter Verantwortung vor dews Parlament alle Mittel anwenden, um die Ordnung zul wahren. i Neichswehrminister NoSke führt aus: Die wilde» Eisenbahnerstreiks und die Vorgänge vor dem Reichstag« gebäude haben die Negierung zu energischen Maßnahmen ge^ zwungen. Der Präsident deS Reiches hat mir einen großes Teil der vollziehenden Gewalt übertragen. Drohungen sintj mir vielfach zugegangen, es sollten schlimme Dinge passiereyj wenn nicht gewisse Gefangene in Berlin fteigelassen würdertz Der Generalstreik der Eisenbahner ’und bei Bergleute mußte verhindert werden. ES w»vv den daher Verhaftungen vorgenommen und * die Attacke auf den NeichStag wurde verhindert. Es wäre verbrecherischgewesen, deej^ hetzerischen Treiben tatenlos zuzusehen. Die Verordnung richtet sich gegen bewaffnete Banden, nicht gegen lohnstreikendtz Bergleute; Die Todesstrafe ist von der Bestätigung durH den Reichspräsidenten abhängig. Bedroht wird lediglich de» jenige, der an einem Aufruhr teilnimmt. ES ist nur Verhetzung her Bergleute, wenn behauptet wird, Streikende seien wegei ihres Streiks vor diese Gerichte gebracht worden. Ein Tode« urteil ist nicht gefällt worden. Denen jenseits deS Rheinl konnte nichts Besseres passieren, als datz sie diese Kohlenrevier«, unter dem Vorwände von Aufruhr noch besehen könnten. MI die Unabhängigen im Kohlengebiet die Herrschaft hatten, wm eS schlimmer als unter dem Belagerungszustand. (Lärm bei den Unabhängigen, Zustimmung bei den anderen Parteien^ Damals herrschte die S ch a n d w i r t s ch a f t, daß arbeit« willige Bergleute mit Pistolen und Handgranaten am Einfahren verhindert wurden. Daher auch unser« schlechte Valuta. Wenn die Kohlcnerzeugung nicht g» steigert wird, müssen alle Arbeiter zugrunde gehen. Vernunft nicht Zwang hat die Arbeiter veranlaß:, Ueberstunden zu machen. Der Belagerungszustand im Jndüstri-bczirk MeiW bestehen, solange dort Gewalt und Terror einer Minderheit abgcwchrt werden 'inüsscn. Der furchtbare Ernst der Lag« unseres Landes gestaltet nicht, auf schnelle Anwendung ernster Mittel zu verzichten. Alle, die über Gewalt schreie« mögen selbst auf Gewalt verzichten. (Lebhafter Beifall.» Die von den unabhängigen Sozialdemokraten titta» brachten Anträge wurden hierauf abgeiehnt. si