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Wiener Morgenzeitung · 1920-03-01 · Heft 398 (1.3.1920) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 398 (1.3.1920)
Date
1920-03-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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«r. 398 men, mcemf / WMrkMSGWMM«' mfwamr Telegramme. Die Kommunistische Welle in Italien. Arbeiter enteignen die Unternehmer. Berlin, 29. Februar. Der „Lokalaiizeiger* meldet tu- Lugano: In Turin besetzten die Streikenden zwei Textilfabriken, hißten die rote Fahne und organisierten sie Arbeit auf eigene Rechnung. Der italienische Kon- Ämentenverband erklärte sich bereit, die Unternehmung m finanzieren. In Mailand beschlossen zweitausend Arbeiter, gltichfalls die Automobilfabrik Bianchi und eine »weite Fabrik zu besetzen. In allen Hauptorten der Textilindustrie fanden gestern Massenversammlungen statt, um >ie Bewegung für die Besitzergreifung der Fabrilen auf zarrz Italien auszudehnen. In der Provinz Ferrara sind 69.600 Landarbeiter in den Streik getreten. Es kam zu großen Ausschreitungen. Vor dem Generalstreik in Belgien? Berlin» 29. Februar. Die „Agence HavaS* meldet ms Brüssel, daß die Proklamation des Generalstreiks der »elgischen Arbeiterschaft bevor stebe. ßn den belgischen Kohlengruben feiern bereits zwei Drittel der Arbeiter, .der Aussiand richtet sich gegen die fortwährende Beteuerung des Brotes und aller Übrigen Nahrungsmittel. Der Stratzburger Sozialistrufougretz gegen den G2waltfrieden. Berlin» 29. Februar. Das ^Berliner Tageblatt* «Get aus Straß bürg: Der sozialistische Kongreß hat. >ine Entschließung gegen den Gewaltfriedtzn an* zenommen, der als dis Saat , zu einem neuen Weltkrieg rnd zur Verewigung des Höstes bezeichnet wurde. Die Mehrzahl der französischen Delegierten stimmte für die sofortige Annullierung der FriedenSverträge von Versailles und Saint-Germain und für die Einberufung der Völkerinternationale. Wttfon hilflos. London, 1. März. (Tr! -Komp.) Die meldet aus Wash ngion, daß Wtffon immer noch nicht gehen könne, sondern sich in erner Art von Fahrstuhl sorlbrwegen müsse. Sozialdemokraten §egen die Abfindung der Hohenzover«. B e r l i n, 1. Marz. (Tel.-Komp.) Die Frage der Abfindung der Hohenzollern führt immer mehr zu einer gespannten Lage in der preußischen Regierung. Auf dem Verbandstage der sozialdemokratischen Bezirksorganisation Berlin wurde aufs schärfste gegen die Vorlage in der preußischen Landesversammlung p r o t e st i e r t. In einer Entschließung wird gesagt, daß das Ausscheiden der Sozialdemokraten aus der preußischen Regierung die selbstverständliche Konsequenz wäre, wenn gegen.die Stimmen der Sozialdemokraten von den bürgerlichen Parteien die Annahme der Vorlage beschlossen würde. Freigabe feindlichen Eigentums in Italien» Berlin» 1. März. Die »Vosfische .äcitnttfl” meldet auö Rom: Der »Tempo" erfährt, die italienische Regkrung beabsichtige. die Verordnung über Enteignung des feindlichen Eigentums zu ändern. Kleiner« Vermögen der längere 3ctt ttt Italien verbliebenen feindlichen Untertanen s»l l e n ganz freigegeben werden, damit diese Untertanen. die größtenteils zurückgrlehrt feien, UnierhalrSmittel gewännen. Der Generalstreik der fravzSfischen Eisenbahner. Paris» 29. Februar, (tzavas.) Trotz dem allgemeinen Ausstand ist der Verkehr nicht vollständig unterbrochen. Auf dem Lyoner Eisenbahnnetz ist der Dienst aus daS äußerste eingeschränkt. Die Hanptzüge verkehren. Auf den nördlichen Linien ist der AuSstand wirkungslos geblieben. Auf sämtlichen Eisenbahnnetzen mit Ausnahme des Nordenist der LokalzugSverkeht gestört. Die Regierung, von der öffentlichen Meinung eimruttig unterstützt, hat Maßnahmen getroffen, die Lebensmittelverslirglmg zu sichern s-wie jeden revolutionären Akt zu verh-ndern. CS wurde eine Anzahl von Haftbefehlen erlassen gegen die Agitatoren, die die mobilisierten Eisenbahner aufreizen. Paris, 29. Februar. (Havas.) Aus he» Berichten geht hervor,, daß der Ausstand keineswegs allgemein, der Verkehr im ganzen nicht gefährdet und die Leben-mittelzusuhr gesichert ist. Außer den bereits gemeldeten Einschränkung* n wurde zum Zwecke der Kohleriersparnis die Schließung der Kaffeehäuser und öffentlichen' Lokale um 10 Nhr, der Theater und Lichtspielhäuser uM^II Uhr, der Verkehrs' chluß auf der Stadtbahn um 2 Uhr und schließlich die Einführung der im Kriege in Geltung gestandenen Verfügungen betreffend den Kohlenverbrauch in Aussicht genommen. Blutige Krawalle 1« Amsterdam. AmsterdaMtz 29. Februar. (Privat.) Zwischen der Polizei und einer Volksmenge, in der sich strpike ndv Hafenarbeiter befanden, kam es gestern zu schweren Straßenkämpfen, wobei die Polizei von der Waffe Gebrauch machen mußte. Auch audev Menge wmde geschossen. Es gab zahlrei che Ber-. v-nndLle auk.beide» Seite». Die Angehörigen jüdischer Emigranten werden nach Amerika transportiert. Marsch«», 27. Februar. (Privat.) Wie dem „Hajnt" aus Amerika grmellret wird, hat die „Jütische EmiMntenhilfsgesellschast", zu deren Gründern der bekannte jüdische Philanthrop Jakob Schiff gehört, vor kurzem in Rew-Fork ihre letzte Jahresversammlung ab gehalten, an der als Vertreter der amerikanischen Nogicrung der Arbeitsvizeminister Fast und Senator King teilnahmcn. Beide haben, sich gegen Cinwanderun^sbeschränkungen erklärt. Jakob Schiss gab die Erklärung ab, die Auswanderungsbeschränkungen würden, wenn sie doch durchgeführt werden sollten, auf jüdische Einwanderer keine Anwendung finden. (Mas Schiff zu dieser Annahnre berechtigt, geht aus unserem Bericht leider nicht hervor. Die Redaktion.) Gmigrations-Exposituren in ganz Europ». Don besonderem Interesse waren die Berichte, welche Jakob Massel Über die Bemühungen der Gesellschaft. die Frauen und Kinder von in Amerika lebenden Emigranten aus Polen und Rußland hinüberzuschaffen, erstattete. Er schätzt die Zahl der in Amerika lebknden Juden, welche Frauen und Kinder in Rußland und Polen haben, aus etwa 100000. Davon wurden bcr.its mehr als 80.000 durch die Ernigrationshilssgrsellfchaft registriert; zumeist leben die Angehörigen der Registrierten in Polen- Die Gesellschaft ist mit dem meisten europäischen Schiffahrtsgesellschaften in Verhandlungen getreten und bereits in der Lage, die Transporte der Familien zu beginnen. Sie beabsichtigt, Expositucen in den wichtigsten Orten Europas zu eröffnen und dort Heime für Tausende von Emigranten zu errichten. Ein europäisches Hauptbureau der Gesellschaft soll die ganze Arbeit organisieren und kontrollteren. lieber die VermögenSverhältnisse der 30.000 Juden, welche bisher den Transport ihrer Angehörigen bei dcr Gesellschaft angemeldet haben, wurden genaue Erhebungen gepflogen, die interessantes Datenmaterial zutage brachten. Es wurde feftgestellt, daß alle, die den Transport ihrer Angehörigen angemeldet haben, in der Lage sind, für die Angehörigen, welche sie hinüberschafsen lassen wollen, zu sorgen. Alle zusammen besitzen ein Vermögen von etwa 73 Millionen Dollar, bas sind 2796 Dollar pro Kopf; davon sind Wertpapi?re oder Spareinlagen 11 Millionen Dollar oder 356 Dollar pro Kopf. 12.000 der Angemeldeten sind selbständige Handelsleute, 7330 Hausbesitzer. Der durchschnittliche Wocherrverdienst der Angemeldeten betrügt 63 Dollar. Mit dev BorsrbeiLen bereits begonnen. Bei dieser ihrer Tätigkeit wird die Emigranienhtlfsgcsellschaft von der amerikanischen Regierung und vom Joint Distribution Committee unterstützt. Am 30. Jänner ist im Aufträge der Hilfsgesellschaft eine Kommission, bestehend aus Jakob Mas sie l. Leon Kamij ka (Redakteur des „Jüdischen Tagblatt") und LouiS B u S k e r (Herausgeber des „Jüdischen.Farmer") aus New-Rork nach Europa gereist, um die Vorarbeiten für den Transport in Angriff zu nehmen. Sie wird sich auf ihrem Wege in London und Paris aufhalten. Erzvergev erledigt. Berli«, 1. März. lTrl.-Komp.) Der Vorstand der" ZmtrumSpaeln und -er Ausschuß der Mehrheitsparteien bkschloffen in ihre» gestrige« Sitzungen, zum Fall Erzberger endgültig «st nach Fällung des Grnchi-urteilrS Mellung zu | nehmen. Berli«, SS. Februar. (Privat.) DaS Ausscheiden Erzbergers auS dem Kabinette kann vor Beendigung des Prozesses als vollendete Tatsache gelten. Trotz. mannigfacher Dementis wird angenommen» daß in einigen Tagen weitere Veränderungen in der Reichsregierung voraüSznschen sind. Nach Meinung der Sozialdemokraten ist mit dem Rücktritt des Finanzministers Südekum zu rechnen, da der Ausgleich mit der Krone zugunsten der Hohenzollem erfolgt ist. ES kan« als sicher betrachtet werden, daß Eifenbahnminister Oefer und der Zentrumspräsident Bell gleichzeitig mit Erzberger aus der Regierung ausscheidm. Die tschechs - slowakischen VsrfassrmgsgrseHe angenommen. Prag» 29. Februar. (Tschecho-slowakiscbeS Preß» burean). In der gestrigen Sitzung der Nationalversammlung wurde die VersassungSurkunde berate« imd in später Nachtstunde zur Abstimmung geschritten. Der Hanptkampf wurde um die Bezeichnung der tschecho-slomalischen Sprache als Staatssprache geführt, wobei die tschechischen Sozialisten folgenden Kowprom'.ßantrag stellten; „Die tschecho-slowatische Sprache ist die staats offizielle Sprache der Republck." Die Agrarier, die Nationatdemolraten und die Kl rikalen schloffen sich diesem Anträge an. der bei der Abstimmung angenommen wurde. Die Bersaffimg-- gesehe wurden angenommen. Zudenttsch verhaftet. HelstngforSr SS. Februar. (Privat.) Die russischen Generale Jvdsnltsch. Glasenapp und Wladimirow sind ans der Reise nachDcrlm iuRiga aus Veranlassung der dort befindlichen englischen Kom- Mwn verhaftet.worden. Eingesendet. VrMunien. Platin» Münzen, Pefleti.Uhren, falsche Zähne, alle Silbergegenatände verkaufen Sie am besten direkt dem Juwelier und Goldarbeiter 8. Holzapfel Wien, VI-, Mariahilferstrasse 79 oder Werkstätte: L, Wolfcelle 17/13. «•* i Zablthtiohat« Preis«,d» fttr eiR»a» VtrarbftltmBf Tagesbericht. DaS KSstchen. Parabel nach Kuschith Haolom, 19S9, Nr. IS, von E. Torezyner. Es war einmal ein Knabe, der ein Kästchen alS Geschenk bekam, ein winziges, zierliches Kästchen, auS Holz verfertigt^ daS auch mit Schloß und Schlüssel versehen war. Es barg ein^ Spielzeug, dem Alter des Kindes entsprechend, das der! - Knabe aber entfernte. Das Kästchen dünkte ihm nämlich viel zw schön, um einem Spielzeug als Behälter zu dirnen. Als man ih« fragte, was denn an Stelle des Spielzeuges in das Kästchen> kohrmen sollte, antwortete er kurz: „Ichweiß noch nicht."; Er schloß eS vorsichtig und stellte eS in eine verschwiegen». Ecke, die er dafür aussuchte. Die Nacht verbrachte er schlaflos,» sinuend wegen des Kästchens: „Was verwahre ich darin? Ich! besitze ja nichts, was würdig wäre, in diesem lieben Kästchens aufgehoben zu werden. Wenn ich hätte . . . Wenn veispieks*; weise mir gehörte . . So schwebten ihm allerlei kleine,! köstliche Dinge vor, wie sie in ben Augen phantasrereichevl Kinder Gefallen finden. In Wirklichkeit aber besaß er nichtvon all dem. So blieb denn das Kästchen leer. Der Knabe suchte aber unablässig nach dem Kleinod, das er darin vev^ wahren könnte. Eines Tages entsann er sich eine- Bilbetk seiner Mutter, das er aus einer Heilanstalt, wo sie GenesunK suchte, unmittelbar vor ihrem Ableben geschickt bekam, ,Dieses mein Teuerstes," frohlockte er, „will ich in mein Kästchen schließen." Allein das Bild war weit und breit nicht zu finden, das Kästchen blieb wieder leer. Sein» Freundö lachten über ihn und sein angebeteteS Kästchm. DaN bewirkte, daß er es aus den Augen schuf und, verschwiege«, wie er war, auch weiter davon nicht sprach. In fehteaijj Herzen aber behielt eS den Platz und blieb auch fürderhütz Gegenstand seiner Gedanken. i Der Knabe war zum Jüngling geworden., Eine Jung< fron gewann sein Herz und er schrieb ihr einen Brief! voll sehnsüchttger Liebe. „Ihre Antwort," sagte er sich^ — ,jütrte ich in das Kästchen legen. Schriebe sie, waSi inrmer, ihr Brief soll mir heilig bleiben, bis an mein LebenÄ» ende." Doch es karn von ihr keine Antwort. DaS Kästchen! blieb, wie vorher, leer. Es vergingen noch einige Jahres er heiratete und nahm sich vor, die ersten Locken seineSl KindeS zum ewigen 'Andenken in das Kästchen wandern z« lassen. Aber die Ehe blieb kinderlos, das Kästchen blieb! leer. Und als er einst bedenklich erkrankte, ließ er daS- Kästchen an sein Lager bringen. Er sah den Schatz mW leuchtenden Blicken an und bat die Anverwandten, ihm' c$j mit ins Grab zu geben. „Alle Kostbarkeiten meine- LebenM sind darin verwahrt." (St starb, seine Verwandten hielte«; erst Nachschau, was in diesem kleinen leichten Kästchen ge» > borgen ist und als sie sahen, daß er leer sei» legte«! sie eS mit mitleidigem Lächeln zu dem Tote« in beu Sakg^ Toren! Keiner von ihnen empfand, keiner sah div Fülle, die Größe der Träume, die dieses Kästchen enthielt, Goldene Träume! _ ( Die Lohnbersteguns der Derstchern«gS» Angestellten. Die unter Leitung des GemeinderateS Drv ezhn ersiehendr Organisation der BcrsicherungSangestelltm - hat auf den letzten/ Vorschlag der DerstchenmgSunternehmungrn einen Gegenvorschlag! erstattet. Die Organisation befürchtet trotzdem, daß die Direktion« der DerstcherungSgesellschasten Vorsorge für den Stteiksall tteffedj «ollen. Auch fauchte daS Gerücht auf, die italienischen Bersiche^ rungSgesellschäften hatten sich an die italienische Mission anij Schutz gegen einen eventuellen Streik gewendet. Gemeinderat Brocztzner will morgen in der Angelegenheit beim italienischen Gesandten vorsprechen. Gestern fanden Besprechungm denn! Staatssekretär Eld ersch statt, der das Ersuchen stellte, daa»< 2. März avlaufende Ultimatum zu verlängern, um iW weitere Verhandlungen m ermöglichen. Die Vertreter der Änfld stelltenorganisativn erklärten, daß sie dem Ersuchen entspreche^ werbe». Die Regierung wird heute mit den Direktoren der Derstcherungsarrstalte» neuerdings in Verhandlungen treten. Direktor! Schjk von der Rrnnione Adriatiea teilt uns mit, daß ihm von einem Ersuchen nm Schutz bei der italiemschm Missiost! nicht das Geringste bekannt fei. Bei der Riunlone Adriatiea srl! vor drei Wochen eine Einigung über die GehaltSfordrrungen iq der Weife erzielt worden, daß die Bezüge der Angestellten ikv* doppelt werden. A«f der Errche «ach einem verfunkerren Kontinent. Der Professor der Zoologie und Geologie am Kollege von Haivat. William Allanson Bryan, glaubt auf Grün» seiner langjährigen geologischen Untersuchungen die B« Hauptung wagen zu dürfen, daß in vorgeschichtlicher Zeit» im Stillen Ozean ein Kontinent existiert habe, der zwischsm Südamerika und Hawai eine 6000 Meilen lange prähistorische Brücke bildete. Der amerikanische Gelehrte, der/ sich in Südamerika ausschließlich vulkanischen und geologtt scheu Studie« gewidmet hatte, ist jetzt in Valparaiso ein«! getroffen, um von dort zu einer wiederholten Forschungsreise? nach der 400 Meilen entfernten Jhsel Juan Femanbez, der( berühmte« Robtnson-Jusel, aufzubrechen, die von einer lleivr« Fischerkylonie bewohnt wird. „Zu meiner Uevexraschung,^ «ttärtk LNjÄor Lrmu iu der

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