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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-28 · Heft 396 (28.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 396 (28.2.1920)
Date
1920-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lange hat es gedauert, bis sich die politische Losung von der östlichen Orientierung, von der anfangs nur einzelne unabhängig denkende Politiker zu sprechen wagten, so weit durchgerungen hat, daß man heute ^uch schon in den „besiegten" Staaten sich ernstlich mir der Orientierung nach dem Osten beschäftigen kann, ohne dafür von den Siegern mit militärischen Maßnahmen »der mit der Entziehung der Zulagen von Aushilfen bedroht zu werden. Vor nicht allzu langer Zeit war ' s8 allerdings noch anders. Jeder Versuch, einen gangbaren Weg der Annäherung an Rußland zu suchen, um ' sich zunächst wirtschaftlich von dem Westen weniger ab" hängig zu machen, wurde 'ls Bolschewismus an fick, derschrien und es hat genügt, dag irgendwo m Mitteleuropa rine Menschenansammlung stattfand, in welcher radikalere Töne angeschlagen wurden, u - den Doyen der Entente-, Missionen zu einem Gang in das Staatsamt des Aeichepn zu.bewegen und dort wissen zu lassen, daß dieses Liebäugeln mit rriMHen. Manieren das Mißfallen - der Alliierten genau' so erregt, wie zum Beispiel der Tn- Müßgedanke,' und daß solche Vorkommnisse durchaus »icht geeignet seien, die Hilfsgeneigtl'cit der Westmächte * Mr Mitteleuropa im besonderen Maße zu steigern. La- «als allerdings glaubte man rech Amerika als Weggenossen bei der dornenvollen Liquidierung des Krieges, bei der' Nutzbar mchung der Friedensverträge und, «üs deren bittere Folge, auch bei der interalliierten Hilfstätigkeit für die zu Tode verstümmelten Mittelstaalen zu erhalten. .Die , Mitarbeit Amerikas war aber auch für ' die Haltung der Alliierten Sowretrußland gegenul ty imsschlaggebend.' Denn, wenn Mierrj!ä i 'eder an erntzr - mMärjschen Niederwerfung Rotrußlands und dadurch in einer zwangsweisen Eröffnung 1 des weiten/ an -Nah-': Produkten reichen russischen dl Nietes für den Welthandel mittun will> noch aber den Willen- Mundet,- die^m Hungertuch nagende BevWerung der. .zur .Ohnmacht verurteilten besiegten.Staaten' gemeinsam . .mit den europäischen Westmächten drmch radikale Hilfsmittel vor' dem Aeußersten zu bewahren, so droht den .Siegern f *e merkwü^iqe Situation, daß die Besiegten ihnen nicht nur nichts von alledem werden beza".'n können, wcs man sich -n den Ententcländern als vie.'jahrige Verzinsung des Sieges, an?^^^ hat, sc .dern im Gegenteil: die Besiegten, ohne Rohstoffe, ohne Kredit, ri-ne Ausreichende S:ll 7Traduktion, würden sich allmälst'ch darauf einrichten müssen, die dauernden Kostkinder der Westmächte zu bleiben. Diese Armeleutekost ist ' aber rinevseits t. kräftig gen: g um die damit Bedack/en Auf die ^-ine zu bringen, und bildet andererseits jür hie mehr oder weniger edlen Kostgeber eine mit der Zeit allzu fühlbare unerträglich werdende Belastung des eigenen HauZha"'.s. Aus diesen psychologischen Gründen heraus ent. stand hei den europäischen Ententemächten ^.selend^die Auffassung, daß eine Aenderung in der Politik g aenll^er Rußland her einzige, Weg sei. auf dem in Europa zur Endgültigen Liquidierung des Krieg:s seschrrtten werdru konnte. Eft ^'Auffassung.' der w'- seit jeher 'das Wort geredet haben und die heute auch in den Er.ten<estoaten so Mächtige Wortführer gefunden h-^, daß .fy* selbst wo i den unermüdlichsten und rücksichtslosesten Tontaboutisten Mer Zungen nicht mehr' überschnen werden kann. 7 \ Deutschland hat diese Wendung der Din.-e sofort erfaßt und ist bereits Saran, aus ihr die für das D uttche Reich günstigsten Schlüsse zu ziehen. Die deuttche Negierung benützt die, > wenn auch vorläuttg noch - beschränkte Ellbogenfreiheit gegenüber Rußland, ün bei den mit Rußland anzuknüpfenden Handelsbeziehungen rechtzeitig auf dem Platze zu sein. Auch andere Staaten' treffen Anstalten, um von der östlichen Orientierung den Nutzen zu ziehen, der ihnen ftir den Wlederaiiilrau ihres Landes notwendig dünkt. Nur Oesterreich, dieses Jammerbild äußerer und irmerel? LebeusunZähigkeit, Vermag sich in seiner trostlosen Nnbeholfenheit nicht emmal dazu anfznraffen, um zu dieser für. die Weltpolitik so Hochwichtigen Neuorientierung sn irgendeiner Form Stellung zu nehmen. Gewiß, Oesterreich grenzt nicht mehr an Rußland und der Handelsweg mit Rußland führt: ostwärts über Staaten, die ihre: ehemalige-Zugehörigkeit zum -österreichischen Kauerreiche : mit Ab-, sperrungen und sonstigen Unfreundlichkeiten gegen die verkümmerten Reste des alten Oesterreich vergelten. Kitz östliche Orientierung hat aber eben den Sinn, -aß Wilson gegen die LSndergker der Entente. Drohung mit einem Sonderfrieden. B e v i l n,27. Februar. Dem vLokalanzeiger" zufolge erfährt der Washingtoner Berichterstatter des „Echo de Paris" über die Korrespondenz Wilsons in der Adriafrags interessante Einzelheiten. W i l s o n kritisiert in den Dokumenten, deren Veröffentlichung nahe evorstehe, den Imp e r i a l i s m u s und die Land er gier der Alliierten in Ansdrüchen, die in der.ganzen Welt Aufsehen erregen ivürden und die bestimmt seien, die Akiierten feierlich auf die Gefahren neuer Kriegsmöglichkeiten binzuiveisen. Wilson erklärt weit'rs, wenn er mit feinen Vorschlägen nicht durchdr-.n^en werde, werde er den Friedens v 'e r t rag z u r ü Ä z i e h e n und mit D e u t s ch l ä n d üb ^r einen Sonderfrieden v e r h a n d e l n. Wilson sei darüber unterrichtet, daß die Ententestaatsm'anner der Hoffnung sind, daß er inolge der Opposition im Parlament und rnfoige einer Krankheit derzeit ohnmächtig sei; er sei ab?r gesonnen, sie vom Gegenteil zu über- Zengen. Man vei sichert, daß die Note von größter Bedeutung f!?ln werde. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Korrespondenz über die Adrialrage werde ein neuer Appell HooverS zur Gewährung van:(0ß eiH MWslian tttid m e ii Tte ll etscheineE^'' - jene Veziehungen angeknüpft werden, die uns 'u- :chst wirtschaftlich chem rganz.'n Osten nät,erbringen., mit ihm verbinden und einen friedlich"» Wech'elvi.rkehr u'»t chm Herstellen können. Aber ger.we dieses Ziel fdicint in Oesterreich entweder verkannt oder nlit Abiicht als nicht erstrebenswert hingestl'llt zu töel den Auch hier zeigt eS sich, daß die Koalition, von der Oesterreich, wenn man so sagen darf, gegenwärtig noch regiert wird, nicht die Kraft aufbringt, eine dos g mze La"d benihreude Frage vom Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit für das Land und nicht für die eine oder die andere Partei aus zu erwägen und zu entscheiden. Während die Koalitionsregierung' ihren ' bittenden Bützeihlick nnverw-ändt noch dein Westen richtet, machen ditz einzelnen Teile der Koalition zu Hause östliche Politik auf eigene Faust. Richtiger gesprochen ist es bloß die christlichsoziale Partei, die ein 'bestimmtes ostpolitisches Programm hat nnd es mit allen^ offenen und geheiuren Dritteln vertritt. Nach ihrer Lesart Heißt die östliche Orieutierilng — das christliche^ Ungarn mit seinen wbißgordistischen Mördern und. Räubern als Schutzwall gegen die ebenfalls blutbefleckten rötgardistischen Mörder und Räuber. Sie wollen mit Rußland, so lange, der rote Terror sich nicht in einen weißen Terror häutet, nicht die geringste Gemeinschaft haben, selbst wenn , eine solche Verbindung Oesterreich noch so viel Nutzen' brächtet und geben ihre Liebe für den.ungarischen weißen Terror nicht auf. selbst wenn er,,'' wie..Abgeordneter^ Mylaja sich ausdrückte, Oesterreich ' feindselig erweisen , sollte. Denn nicht der Terror ist es, der sie von Mißltzud abstößt,, sondern die Farbe. Der sozialdemoktatische^eil. den-Koolition hingegen ist in einer viel unbeqiremerdn Wage«, als seine ihm auf. gezwungenen Bettgenossen. Die sozialdenwkratische Partei hat die Hände gebiindett und den Mund geschlossen.' Sie kann nicht Farbe ' bekennen. Seitdem Dr.- Bauer dem Westen geopfert werden rmßte. und Oesterreichs. Staatskanzler intter beit vielen Friedensverdikten. auch gezwungen war, um das Land picht der. Verhungerung preiszugeben,. die westliche Orn-lttierung anzunehmen-und^ zu vertreten, ist: die sozialdemokratische Partei iweder im Innern des Landes noch in bezug auf die Außenpolitik Herrin ihres eigenen' Willens. An'! diesem Widerstreit der' unechten oder, zu . dick unfgetragenen Farben, an dem Zwiespalt innechalb der Koalition und innerhalb ihrer Parteien selbst geht, diesem ohnehinkaum lebensfähigen Zerrbilde eines Staates die letzte Lebenskraft' zugrunde. : - „Von der 'Gestaltung der Zirkunft ist es abhängig." sagte, wie wir vorgestern berichteten, der bevollmächtigte Sowietvertreter in Berlin, „ob. Oesterreich überhaupk' seinen Wiederaufbau, die Herstellung^ der Produktion--^ Möglichkeiten wird zu einem gedeihlichen Ende führen^ können,, um für Nirßland. als wirtschaftlicher Faktor in' Betracht zu kommen." Oesterreich, wie es heute ist und wie es heute regiert wird, hat weder die Macht noch den einheitlichen Willen, der etwa die materielle Machk' ersetzen konnte, die Gestaltung seiner eigenen ZukunU' in einer bestimmten Richtung zu beeinflussen. Die Zustande in Pole«. ' Die »Frankfurter Zeitung" veröffentlicht in ihrem srfteN' Morgenblatt, dom 21. Februar einen ausführlichen Leitartikel über die Zusiände in Polen, der, wie die einleitende Bemerkung der Redaktion, sagt, von einem »guten Beobachter der Dinge" herrührt. Der Aufsatz, der nicht übermäßig viel Neues enthält,, behandelt auch die Juden frage, . konstatiert, daß sie mit der äußeren wie mit der.Wirtschaftspolitik des Landes enge verknüpft ist und daß ihr die Entente eivk Bedeutung zum itzt, welche aus den Missionen MorgenthastF und Samuels hervorgeht. Der Verfasser konstatiert, daß bitz Judenfcage bte innere Politik Polens vor eine sehr schwere Aufgabe stelle, weck sie die ganze Erbschaft an Haß und», Verhetzung, die Rußland hinterlassen hat, übernehmen müss^ Dann erzählt der »gute Beobachter", die russische Politik habe bekanntlich darm bestanden, durch Massenansiedekung russisches Juden den Polen ein f e i n d I i ch e § Element gegenüber» zustellen. Und wenn.heute selbst, die alteingesessenen polnischen Juden in den schärfsten Gegensatz zu den Polen gerate» seren, so sei dies eine' Frucht jenes niederträchtigen Planes; Der „We ^ohachter" unternimmt es. Hier Hlso, pie zah^« Nannten „Litwaren", als PolenMnve und Porkämpfer d«« Nussentums zu denunzieren und den Gegensatz zwisch^e», Jpden und Polen auf diesen Umstand zurückzuführen. Die. Schuld hat. freilich das russische Regime; nur daß .dabei allz»« leicht der Jude das Opfer wird. Um diesen abgestandenem Kohl aufzuwärnren, hätte die '»Frankfurter Zeitung" nicht erst dieses ihr — wie sie sagt — mit starker Verspätung zugegangenen Arttkels bedürft, sie hätte ihre JnformatirNren über die wahren Verhältnisse viel besser m Frankfurt selbst erhalten können als von irgendeinem schlecht unterrichtete» oder dünkelhaften Deutschen oder deutschliberalen Judzen, den natürlich auf die Ostjuden mit freisinnigem Wohlwollen wie etwa auf Kults oder sonst ern unterdrücktes ExotenvoiT herabschaut. ES werde jahrzehntelanger geduldigster Kultur», arbeit der polnischen Regierung bedürfen, um dre Juden in Polen zu guten Staatsbürgern zu erziehen. Leute, die ein-e» Kaftan tragen, sind natürlich eine vollständig barbarische Horde. Sie kennen weder die Regeln des Kommers, noch ein blutrünstiger Durchhaltertum, und eine Politik der ÄN4 Menschlichkeit ist ihnen völlig fremd, ja, zahlreiche unter, ihnen hängen sogar mit größter Zähigkeit an der religiösen Lebe« lieferung. ES ist immer dieselbe Erscheinung. In hoffnungslosem Unverstand steht der europäische und namentlich der deutsche Bildungsphilifter — der »Deutsche jüdischen Glaubens" ge» hört natürlich mit hinzu --, dem Ostjuden gegenüber, in dem er den Typus mittelalterlicher Zurückgebliebenheit und fanatischer Abergläubigkeit sieht. Ob nun der preußische Minister H e i n e von den Ostjuden mitleidvoll geringschätzig als von »Halbbarbaren" spricht oder der »gute Beobachter" ihre Kulturlosigkeit feststellt, hier zeigt sich ein Nichtverstehem können, das zu bekehren unmöglich erscheint. Diesem Europäertypus ist die Seifen.der höchste Gradmesser füt Kultur,^ Bügelfalte, Lift und Zentralheizung ihr voll! kommenster Ausdruck. Daß ein preußischer Ulanenleu.rnant kulturell turmhoch über einem polnischen Juden steht, daran zu zweifeln wäre Gotteslästerung. Ebenso falsch sind aber auch die sonstigen Feststellungen des »guten Beobachters". Daß deseS-Volk in seiner hoffnungslosen Verzweiflung und. »seinem tiefen Kulturniveau ein willkommenes RekrutierungSmateriM für den Bolschewismus" liefert, ist ihm ausgemachte?Sache, Und welche Mittel empfiehlt er? »Nur streng durchgeführte, Schulzwüntz einerseits , und die politische und kulturelle Eim flutznahme der Westjuden auf ihre polnischen Glaubensgenosse, im Sinne, ihrer Erziehung zu guten Staatsbürgern anderem fett» lassen im Laufe von Jahrzehnten eine langsame Ent, spannung der Frage erhoffen.". Da hat man es also! Diese» unmündige Volk kann nur durch die Westjuden (NeS: deutsch, Staatsbürger jüdischen Glaubens) erlöst werden. Man muß ihnen wohl - irgendein , Deutschtum rinpauken, um sie »» „guten Staatsbürgern" zu erziehen. So spricht einer, d«, gar nicht zu wissen, scheint, daß das polnische Judentum längß politisch organisiert ist, ip Gemeinden und im Landtag jeiM

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