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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-25 · Heft 393 (25.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 393 (25.2.1920)
Date
1920-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein in Wien in Hast befindlicher ungarischer Lockspitze! namens Kitz Hai das Geständnis abgelegt, er habe mit einem gleichgearteten Herrn namens Bleich den nach Wien geflüchteten Kommunisten Schön nach Ungarn verschleppt und ihn dort den ungarischen Organen übergeben. Schön ist ermordet worden. Die Meldung über die Ausführung des Auftrages ist an den ungarischen Gesandtem Wien, Herrn Gratz, den Sektionschef Matyäszovsky und an die zukünftige Majestät Horthy erstattet worden. Der Gesandte Gratz hat' den Schutz der Gerichte gegen die „verleumderischen Angriffe" gefordert, die im Zusammenhang mit-dieser Affäre gegen ihn gerichtet wurden. - Ohne erst der gerichtlichen Klarstellung der Angelegenheit vorzugreifen, kann man schon jetzt als sicher annehmen, daß Gesandter Gratz den Befehl zu diesem scheußlichen Verbrechen nicht erteilt hat. Er hatte dies auch nicht notwendig, denn nach einer von der Wiener Polizei veröffentlichten Darstellung war der Auftrag von einem in ungarischen Dienst getretenen österreichischen Offizier namens Ranzenberger erteilt worden. Ausreden Fall aber wäre ein Einschreiten der österreichischen Behörden notwendig, einerseits, um diesen Skandal ganz aüfzüklären, andererseits aber dem frechen Treiben der magyarischen Büttel und Spitzel in Wien ein Ende zu setzen. Es dürfte nicht schwer sein, mit den Fanghunden Horthys fertig zu werden. Vorausgesetzt natürlich, daß ans Seite unserer Negierung der nötige Wille vorhanden ist. Daran aber scheint es zu fehlen. ' Dar Treihen der ungarischen Polizerorgane/ der Wgenrevolutionäre, der 'weißdn'Offiziere hier in Wien hat schon des öfteren die ärgerliche Aufmerksamkeitder Oeffentlichkeit auf sich gezogen. Aber) die Negierung ist durch das Koalitionsverhältnis' zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen in ihrer freien - Bewegung außerordentlich gehemmt. Zeigt sich dies schon in der Frage.des Asylrechtes für die.mach Oesterreich geflüchteten Mitglieder der Räteregierung, sü ist' es noch deutlicher aus der verschämten Art zu erkennen, mit der die Regierung die Budapester Henker, behandelt, die sich Wien . znm Schauvlatz. ihrer schuftigm Tätigkeit ausersehen, haben. Oesterreich hat seinen guten Namen zu verteidigen irs darf das ")?n politische Freiheit, das noch als Rest der Revolution übrig geblieben ist, keinen' Augenblick lang in Gefahr -bringen lassen. Wobei'es «ne sehr ernste Notwendigkeit -wäre, den Gesandten Ungarns über die Grenzen zu *eK en, die ihm der politische Takt zieht. Herr Gratz hat sich vor einigen- Tagen heränsgenommen, öffentlich gegen die öfterreichische ’ in Ang^egenheit M"stungarns auizntreten und hat sogar mit strenger Grenzsperre gegen die abzutretenden Gebiete gedroht. Herr Gratz -redet' etwas zuviel und vergißt, daß er nicht mehr dem gemein-' samen Ai .rärtigen "rmt angehört, des ' * jedes Budapefter Stirnrunzeln hin u.nserer Oeffentlichkeit Zensuren erteilte. Er hat sich'übrigens sehr rasch an das neue, System Ungarns gewöhnt, das die Presse mit dem von den Rumänen geerbten Rotstift sekkiert und in der neuen Nationalversammlung fc^r laut nach. einem Maulkorbgesetz fiir die Presse ruft. Er hat allerdings sehr viele Freunde in Oesterreich, die sich :ach einem R»"'me Horthys fthnen, das mit starker Hand auftritt und durch seine uniformierten Banditen offen vor aller ^Zelt rauben und morden läßt. Wie sehr würden sich die vielen, die ahnungsfrendig nach Budapest pilgern und dort im trauten Kreise' der christlichnationalen Staatsretter Kuß und Rede tauschen, freuen, wenn es auch in Wien düzukommen könnte, daß man unangenehme Elemente ans der Straße erschlagen und ins Wasser werfen könnte! Das österreichische Volk ist gutmütig und besitzt einen ansehnlichen Schatz an guter politischer Kultur, ist zudem noch immeran die Atmosphäre der Weltstadt gewöhnt. Aber di? fortschreitende Not kann doch möglicherweise das Milieu schaffen, in dem solche Sumpfpflanzen rot-weiß-grüner Provenienz trefflich gedeihen. .Wir haben in der kommunistischen Sturmzeit, gut kaiserliche .Agitatoren im Dienste. S^amuelys gesehen: wir' lernen jetzt weiße Offiziere kennen, .die ihre Erfahrungen ans jener Zeit, iy bares Geld nmsetzen. Rechter Hand, linker Hand, alles vertauscht. Es ist Zeit, daß wenigstens in Wien für Ruhe und Anständigkeit gesorgt wird. B e r k i n» 24. Februar. Das „8-Uhr-Blatt" meldet ans Zürich: Der „Ee'air" bestätigt, daß eine Revision des F iedeüsvertra es* zugunsten der Besiegten stattfinden tvrrde. Der Db erste Mat für eine MufnahMederDandelsbez!ehMgeA ■ mit Musiland. * ■ Keine Wiederaufnahme der politischen Beziehungen. . Pari s, 24. Februar. Wie die Blatter aus S o n d o n berichten» hi t dep Oberste Nat gestern zm?i wichtige Satzungen über di: russische Frace a\ Nach einer ErMar ng Mille r « n d s J7urna:istsn . gegenüber werde diese Frage heute vormittags.nochmals besprochen und .zu E »de beraten . werden, worauf neuerdings die türkische F.age -erörtert werden wird. .„V r 't P ari-sien".nchld st»datz d er Ob sxst-R rt > ine Erklärung über die Halm a .ans^arbritet habe, die die Allrirtey negr.nübyx Nikland e'mzunehrnen gedenken. Die Er?!, rrrnq führte in großen Zu en aus», das?, mit Nachsicht-auf die -,w x x t s ch a f t l i ch sLa ge. b t e den!,U« tt I vd &&>*?:-.:' 8 .4 AS1«;:* «t;i t k- "'U'ych)'. -N-otz ft"ö c f e (H l e v M, M g e- Cii e t e r t f.ch f o r d e r e, d ie H a n.d e l sb e z i e h u n g e n m i t R u tz L a n d # n sge n o m m e n werden können. Die Alliierten würden in EVah^rnng rhre r früh eren Entsch lietz.«n g en ^doch keche V e z i e h u n a e n m t t der Sowietre gL.er«n grrnt e-r-,tz a lLen». ' errn Terrorismus -unddespotischer Eh-ralrker n f»<!Zrfftem Gsg^nsah zn den Ädern stehe??, -ie dis Gr.-ndlais dcr kemvkrratischsrr Nsierrmg^n des TVrstLns bilden. D?n tev AowietrepnblikbenarWartsn S^aten^ werde reigsst ^8t, m't der Msslrauer Ne ievnng äeziehnngen auznbahnem die ihnen nützlich;r^chernen, doch seien di? Attlierten nbsre'mzelromm^n, datz sie^ wenn der eine r-der der ndere dieser Staaten, beispielsweise Polen oder N:mränlen, von den Noten Armeen an- ^egrisien würde, ihnen sofort zu Hilfe eilen würden.-. - - Nach Blütterme^dunaen Kat der Oberste Nat weiters, üeschlossen^ sich Donnerstag mit er Lel ensmittelterreruna «nabhänoig von den Beratungen der demuachst e'nzuberufenden nternotionalen Konferenz zu befassen. Freitga oder SamsFaq begibt sich Millerand nach ^Zaris. «m Deschanel^ auf der Neife nach- Bordeaux zu begleiten.: Paris, 24. Februar. St. Briee teilt d em »Journal" mst» man habe sich in London rundsätzlich über die russische Fra^e gein'gt. Keine Armee, dis ge-en d:e Sowiets Kämpfe, w?rde in Zukunft irgendeine Untsr- 'Intznng finden. Der polnischen Neg'ernng soll empfohlen werden^ jede offensive Handlung gegen den Bolschewismus zu ver neisen. Der deutsche Zionismus. Bo« unserem Berliner KörrefpondenLerL. ' V. Berl? n, 2'. Scinai. Das zionistische Leben m Berlin wurde m jüngster Zeit auf einer neuartigen' Grundlage reorganisiert, die auch in anderen zionistischen Landesverbänden Nachahmung zu finden verdiente und vielleicht den Keim einer neuen Form des inner« zionistischen. politischen Lebens in sich trägt. Die Tatsache, daß der Zionismus seiner Verwirklichung immer näher kommt, hat zur Folge gehabt, daß die Schaffung einer Heimstätte für die meisten Zionisten kein ausreichendes Programm mehr ist, daß.vielmehr die Frage, wie diese Heimstätte geschaffen werden soll und wie sie äusseren soll, von überragender Bedeutung wird. Daher bilden sich innerhalb des Zionismus muner deutlicher Gruppen mit Sonderprogramm, und diese Differenzierung kann natürlich nicht ohne Einfluß auf die zionistische Arbeit bleiben. Eine vernünftige organisatorische Leitung muß dieser Tatsache Rechnung tragen, da sonst durch den Uebergang in die einzelnen Sonderverbände das allgemein zionistische Leben innerlich verarmen müßte. Der Vorstand der Berliner zionistischen Vereinigung hat nun., den Versuch unternommen, eine Art Parlament der Berliner Zlouisten zu schaffen, in welchem die einzelnen Par' '^n ihrer. Stärke gemäß vertreten sem sollen. Das Parlqr.»;t bildet die oberste..Reprüsentativkörperschast der Berliner zMistischen. Vereinigung., Aus Grund des ausgearbeiteten Statuts^.traten fünf Gruppen, in den Wahlkampf ein: Der „vorbereitende Ausschuß der Palästinafraktion" (Liste Trretsch), „Hapoel Hozair" (Liste Löwenthal), der Mrsrachi (Liste Dr. Löb), die Jugendgruppen (Liste Vlunienfeld) und die allgemeinen Zw«, nisten (Liste Roscnberg). Die allgemeine Liste erhielt 8 Mandate, Trietsch 6, Hapoel Hazairi und Jugend je 5, Misrachi 4, Außerdem sind die einzelnen Bezirksgruppen vertreten. Die. erste-Sitzung des neugewähtten Parlaments hat am 16. d. M.) stattgefunden, zum Vorsitzenden der Berliner zionistische«. Vereinigung wurde Dr.' Egorr Nosenberg mit 19 gegen l'2 Stimmen, die auf Herrn Trietsch fielen, gewählt. Der' Vorsitzende hat statutengemäß einen Hauptvorstand zusammen«' znstellen, dessen'Mitglieder nach ihrer Arbeitsfähigkeit und, nicht, nach ibrcr Parteirichtung ausgewählt werden sollen unddieses Arbeitskabinett wird dann von der Vertreterversamm-; lung gewählt, bleibt ihr verantwortlich. Durch diese Reorganisation ist die Möglichkeit geboten^ daß did .Vertretung der, Berliner Zionisten auch zum Forum' der^ politischen Auseinandersetzung in innerzionistische«' Fragen-werden wird), Daneben geht die organisatorische) Tätigkeit des' HouptvorstundeS, die sich hauptsächlich - iti. b&n] Bezirksgruppen absprelt. Zu erwähnen ist insbesondere dt« ernstliche Bemühung um eine Hebräisierung. Die von Doktoc' S moi r a vortrefflich geleitete hebräische Sprachschule bildet) in zahlreichen Kursen eine Generation von Zionisten heran, die die hebräische Sprache und. Literatur beherrschen. Je tiefer dieser NationaUfierungsprozeß Wurzel schlägt um so mehr wird der deutsche Zionismus von dem ihm noch, imnwr anhaftenden bloß formalen Charakter befreit. ES ist: das Verdienst der letzten Periode, die-unter Leitung Doktoc < Hantkes stand, daß alle früheren Diskussi>.nen über den! nationalen Charakterdes Zionismus aus der deutschen) Organisation verdrängt wurden und über den eindeutigen, nationalen Charakter der Bewegung kein Zweifel mehr be*^ stehen konnte. Durch Dr. Hantkes Abgang nach Londonist dee. deutsche Zionismus seines Führers beraubt worden und die- Wahl eines neuen Vorsitzenden wird die wichtigste - Aufgabe' des nächsten Delegiertentages sein. > ' Die sachliche Arbeit des deutschen Zionismus zeigt sichin einer Fülle von Einzelarbeiten, die von Fachmännern^ aller Art für den Aufbau Palästinas geleistet werden. Jns«i besondere die Techniker sind mit Ausarbeitung von Projekten beschäftigt. Daneben geht eine intensive Sammeltätigkeit. Im ganzen Reich werden Sammelwochen zugunsten des Palästina« aufbaufonds veranstaltet und der Jüdische Nalionalfonds hat sich eine Summe von 4 Millionen Mark zum Ziele seiner Sammeltätigkeit im Jahre 1920 gesetzt. Der Organisation-«. beitrag wird durch Besteuerung der Mitglieder (Zionistensteuer) eingehoben. Wenn auch das deutsche Geld entwertet ist, so will der deutsche Zionismus voch^-rkuch in materieller Beziehung seinen Platz behaupten. Die innerjüdischen Verhältnisse zwingen oft zu ein« scharfen Auseinandersetzung mit den assimilatorischen Parteien. Im „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdi« schen Glaubens" hat sich jüngst eine Wendung vollzogen, der bisherige Vorsitzende, Justizrat .Eugen F u ch s, ist zurück« getreten, angeblich aus Gesundheitsrücksichten, in Wahrheit aber, weil er besonders bei den Plänen der Einberufung eines jüdischen Kongresses mit den Zionisten zusammen« gearbeitet hat und darum als zionistcnfreundlich fallen gelassen wurde. In nächster Zeit sollen in Berlin die Gemeindewahlen stattfinden, deren Termin allerdings bisher nicht ausgeschrieben wurde. Die Zionisten, die schon einen große«, Erfolg durch Durchsetzung der Demokratisierung des Wahlrechtes erfochten haben, . werden als Jüdische Volksartei" in . den Wahlkampf eintreten. Es ist. nicht unwahrscheinlich^ daß auch von zionistisch-sozialistischer Seite eine Liste aufgestellt wird. Es ist zu hoffen, daß die Berliner Jüdenschaft sich auch allmählich reif erweisen wird, die Herrschaft bej kleinen Notabelnschicht in der Berliner. Gemeinde ein End§ zu machen und einer wirklichen ausgreifenden demokratisches BollSarbeit den Weg zu bereiten.

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