Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 391 (23.2.1920)
- Date
- 1920-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion 4»01O. ab « Uhr abend» Sir. lOSQf Postspark,ssenkont» uassi 2. Jahrgang Tschecho-slowakische NattS""'- Versammlungswahlen. — k. Wien. 23 Februar Zum ersten Male seit dem Bestände des tschecho- /kotvakischen Staates. treten demnächst seine Völker an die Wahlurne, um einerseits durch den Stimmzettel ihre Anschauungen über ihre Zufriedenheit, beziehungsweise Unzufriedenheit über die politische sowie wirtschaftliche Lage ihrer Heimat zudokumentieren und um audererseits den Weg vorzuzeichnen, den in Zukunft die äußere und innere Politik Tschecho-Slowakiens wandeln soll. Die bisherige Nationalversammlung, die ja nicht aus Volkswahlen hervorgegangen war und deren provisorische Wirksamkeit ein viel längeres Dasefn besaß, als ihr ursprünglich zugedacht wurde, hat nach vielen Seiten hin in der tschechoslowakischen Wählerschaft Opposition gefunden, sowohl in nationalen und religiösen, wie in sozialen Fragen. Die neugewählte Nationalversammlung, in der nebst tschechischen und slowakischen auch deutsche, jüdische, polnische, ukrainische und magyarische Deputierte sitzen werden, wird eine in wesentlichen Punkten von der bisherigen Zusammensetzung des jetzigentschecho-slowakischen Parlamentes verschiedenes Bild darbieten, welches in mancher Beziehung dem des seligen österreichischen Abgeordnetenhauses gleichen wird. Klar und deutlich wird auch dem fanatischesten tschechischen Chauvinisten ' beim Zusammentritte der neuen tschechoslowakischen Nationalversammlung die Erkenntnis aufdämmern, daß Tschecho-Slowakien ein N a ti 0 n a li t ä ten st a a t ist und nur als" solcher auf die Dauer regiert werden kann oder zugrunde gehen muß. Wie weit diese Erkenntnis sich in ^Ä»teii:ürGrMnA der jetzigen Wahlen zeigen. Soweit man sich derzeit aus den äußerst mangelhaften Berichten der Zeitungen ein Urteil bilden kann, werden als Hauptparteien sich in den einzelnen Wahlbezirken Nationaldemokraten, Nationalsozialisten, Sozialdemokraten, Agrarier und Klerikale verschiedener Nuancierungen gegenüber stehen. Vorwiegend zwischen diesen Gruppen und Fraktionen wird um die Seele und, was für die meisten Parlamentskandidaten wichtiger ist, um die — Mandate des tschechischen Volkes gerungen werden. Auf der einen Seite werden die großen Verdienste des Dr. Kramarj'ch, des, Märtyrers der tschechischen Nation, um die Befreiung das tschechischen Volkes vom „Joche Wiens" den tschechischen Wählern vor Augen geführt, qus der anderen Seite Über hört besonders die ländliche Wählerschaft, daß das ^jetzige Prager Regime zur — Entchristlichung der Gesellschaft führe und daß weiters die Fortsetzung dieser Politik einen Teil der Schuld der separatistischen Bestrebungen in der „gutchristlichen Slowakei" habe. Parallel damit vernimmt man von den agrarischen Parlämentskandidäten die Klage über die traurige Lag« der tschecho-slowakischen Landwirtschaft und das weithin schallende Geschichten vom Apter. Von Chajim Blocht) Die Seele Wenn der Apter am Versöhnungstage die Aboda, die Abschnitte,- die den Dienst des Hohepriesters im Tempel zu Jerusalem wiedergibt, vortrüg und an die Stelle kam, wo eS heißt: «Und also sprach er", »ähnlich der Hohepriester, sagte er nicht die Worte, sondern: „Und also sprach ich". Denn noch war in seiner Erinnerung die Zeit, da seine Seele als Hohepriester ihren Dienst in Jerusalem verrichtete. Einmal sprach er: „Zehnmal war ich auf dieser Welt: als Hohepriester, als Fürst, als König, als Cxilhaupt und sofort hatte ich zehn Würden inne. Aber keinmal wurde mir die Erleuchtung der wahren Menschenliebe zuteil. Darunr wandelte ich wieder in der Gestalt eines Zadik, um auch den Dienst der Liebe zu.erfüllen Dann aber habe ich auf dieser Welt nichts mehr zu tun: es ist meine letzte Wandlung." Hochmut und Demut. „Nun, Israel, was fordert der Herr, -dein Gott, von dir? — Nur, daß du den Herrn, deinen Gott, fürchtest, daß du in allen seinen Pfaden wandelst und ihn liebst, dienst, dem Herrn, deinen Gott, von ganzen Herzen und von ganzer Seele."'»*) * * Aus dem soeben im B. Harz-Verlag, Berlin, erschienenen Buch „Die Gemeinde der Chassidim, ihr Werden und ihre Lehre,. ihr Leben und ihr Treiben" von Chajirn Bloch. Wir werden über das Buch demnächst berichten. (Die Red.) , J;_*»\ k Mtz»? iZ Die Verhandlungen kn London. Pkr 1 s, 23. Februar. (Fuirkspruch.) Ministerpräsident M i 11 e v a n i> ist heute fr ch zu den internationalen Verhandln:: en in London abgereift. Gleichzeitig tut; chm find der rumänische Mlnisterprafide t V o i b a) der italienische Minister des Aentzern Selaloja und dev cr'echifche Gesandte in Paris Roma n 0 s abgereist. Ein geheimes deutsches ArtiÄeriedepot , auf der Insel Sylt. Daris, 23. Februar Die Agenee Havas meldet aus Kopenhagen: Nach einem Telegramm der „Verlingske Tidende" aus Flensburg soll die interalliierte Seekommission auf der Insel Sylt 42 sehr gut erhaltene Revqloerkanonen entdeckt haben. Deutsche Offiziere in Z iv i lk l e i d e rn sollen diese Kanonen überwacht und Maßnahmen getroffen haben, um die Entdeckung durch die interalliierte Polizei zu verhindern. Eine Abteilung britischer Truppen wird jetzt die Insel besetzen. Wilson soll abgesetzt Werden? Washington, 23. Februar. Dis Bewegung rc cii den PräfidentenWilfor» nimmt stetig zu. Die Fra^s, wie der Pr'ifident zum Verlassen feines Postens zn bewegen wäre, wird immer dringlicher erörtert. Dem Ministcrrat ist ein Grütze,ifwurf znaegangen/ falls er innerhalb sechs Wochen sein Amt nicht aus üben könne. * Diese von der Deuts en Telegraphen-Jnformation verbreitete Meldung hat wenig Wahrscheinlichkeit iür sich. : Die Red. Echo aus dem sozialdemokratischen Lager über die bourgeoise agrarische Ausbeutung des arbeitenden Volkes durch die kapitalistische Wirtschaftspolitik und über die sich mehrenden Anzeichen der politischen Reaktion in Tschecho-Slowakien. Besonders von seiten der sozialdemokratischen Linken wird gegen die Fortdauer des Koalitionsregimes energisch Stellung genommen und eine Kooperation aller radikalen sozialistischen Elemente sämtlicher dem tschecho-slowakischen Staate angehörigen Nationalitäten gegenüber der kapitalistischen Bourgeoisie gefordert. - * Bis zur Realisierung dieser Forderung dürste ja doch noch ein gewisser Zeitraum verstreichen; -denn der nationale Diesen Satz deutete der Apter also: „Die Gottesfurcht erfordert Demut und der Mensch muß sich, bevor er zur wahren Gottesfurcht gelangt, die Demut -^ncignen, weil doch der Hochmut keine Unterordnung kennt. Man hüte sich aber, einer Ueberdemut zu verfallen und sich zu denken: WaS bedeuten meine guten oder -bösen Taten bei Gott? Eine solche Demut ist Selbstverleugnung. Im Gegenteil: Der Mensch soll sich immer denken: das Gute, das ich tue, ist Gott sehr angenehm, ich bereite ihm damit Vergnügen und umgekehrt. Darum heißt es: Du sollst den Herrn, deinen Gott fürchten, doch darfst du in allen seinen Pfaden wandeln, ohne Scheu, ohne Zurücksetzung des eigenen Ich und die Hauptsache ist, daß du ihn liebst. Der vollkommene Mensch muß es ver. stehen, in seiner Demut den Hochmut und in seinen Hochmut die Demut einzukleiden." Der Hochmütige und der Demütige. - Der Apter kam einmal nach Lemberg und es wetteiferten zwei seiner Anhänger, daß der Rabbi ihr Gast sein soll. Beide waren reich und ihre Lebensführung eine fürstliche. Nun gehörte der eine zu der Sorte „schöner Juden" und er war sehr ehrgeizig und hochmütig, der andere hingegen war ein zuvorkominender Mann, bescheiden und demütig, nur hatte er einmal eine Sünde begangen. Die Chassidim beschlossen, dem Rabbi die Wahl zwischen den beiden Quartieren zu überlassen. Und wie wunderten sich die Chassidim, als der Apter das Haus des zweiten Chassid als sein Quartier wählte. Als sie ihren Meister um die Ursache fragten, gab er ihnen folgende Antwort: «Pom Hochmütigen — heißt eS nach einem Wort der Weisen — sagt Gott: «Ich und er können nicht zusammen wohnen in der Welt." Wenn Gegensatz tn Tschecho-Slowakien, speziell zwischen Tscheche« und Deutschen, ist heute tn Tschecho-Slowakien zumindest. so groß, wie der sich allerdings immer mehr vertiefendet soziale Gegensatz zwischen den einzelnen Volksschichten und' besonders auch der zwischen der städtischen und ländlichen Bevölkerung. Was bas- Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen betrifft, so sind bic* stürmischen Szenen, die sich bei der letzten Wählerversammlung Dr. LodgmanS in Budweis und in Pilsen abspielten, ein ebenso trauriger wie drastischer Beweis dafür, daß die Aussichten für einen baldigen deutsch-tschechischen Ausgleich noch sehr viel zu wünschen übrig lassen. Insbesondere dann, wenn man erwägt, baß bei den bevorstehenden Wahlen in die tschecho-slowakische Nationalversammlung wieder K. H. Wolf als kPahltverber auftritt und baß mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß die chauvinistischen Elemente der tschechische« Nationaldemokraten in einer ansehnlichen Anzahl ihren Einzug in das tschecho-slowakische Parlament halten werden. In welcher Stärke die einzelnen ‘ tschechischen sowie deutschen Fraktionen dort vertreten sein werben, soll hier .nicht erörtert werden. Nach der großen Enttäuschung, die speziell das deutsche Volk der Sudetenländer mit seinen bis!» herigen Führern und der von ihnen verfolgten Politik erlebte, und angesichts der wirtschaftlichen Not, welche ein Zusammenwirken der produzierenden Schichten sämtlicher Nationen erheischt, müßte man logrscherweise annehmen, daß Deutsche und Tschechen sich gleichmäßig von der Politik der chauvinistischen sowie antisemitischen Phrase abwenden werden. Allein auf die Logik kann man sich im..politischen Leben, nicht nur Oesterreichs, sondern auch Tschecho-Slowakiens und feiner Nachbarstaaten — freilich auch anderswo — nicht verlassen. .! Das müßten vor allem auch di« Juden, wenn fie Ken Wählen 1« die ^schecho-slöwäkische' Nätionälversämm- ‘ lung schreiten, sich vor Augen halten. Die Erfahrungen von Jahrzehnten und gerade die Umwälzungen der letzten Zeit müßten sie belehren, wie gefährlich es für die jüdische« Volksinteressen ist, die Heeressolgschaft einer chauvinistischen Partei mit der einer anderen chauvinistischen zu vertauschen, . da aus jedem nationalen Chauvinismus der Antisemitismus resultiert, da jede einseitige Rassenhegemonie unterdrückte Völker zeitigt und, wenn auch aus verschiedenen Gründen, sowohl im Lager der herrschenden wie der beherrschten Nativ« dem Antisemitismus den Weg ebnet. In Tschecho-Slowakien gibt es unter seinen sämtlichen Nationen Antisemiten; freilich wird überall der Antisemitismus anders begründet und kann auch überall nur durch eine moderne jüdischdemokratische und judischsoziale Politik mit Erfolg allmählich entwurzelt werden. Die Aufklärung der Juden in den Wählerversammlungen über die Ziele einer jüdischen Volkspolitik, die überall auch identisch sein muß mit einer Politik der nationalen und soziale« Gerechtigkeit gegen sämtliche Volksstämme und Klassen, wirb auch dann von großer,Bedeutung für die tschecho-slowakische« Inden srin, falls sie nur zur nationalen und sozialpolitische« daher Gott keinen Platz neben ihm findet, um wieviel wenige« könnte ich mit ihm wohnen. Der andere hingegen hat zwar eine moralische Sünde begangen. Ueber so einen Mansche«' steht in der Thora: „Der — Gott — mit ihnen in der Unreinlichkeit ruhe."*) Wenn es Gott paßt, bei ihm z« wohnen, um so mehr muß es mir passen." Eine Frcm, die den Näbbi Vezwingt. Einst war der Apter bei Rabbi Baruch von Miedziborz auf Besuch. 'Da öffnet sich plötzlich die Tür und ein Jude trat hinein, der gekommen war, um des Rabbis Rat zu holen. Dieser, bekanntlich schwermütig und jähzornig, fuhr ihn an: «Du Vösewicht, hinaus aus meinem Hause." Der Mann war. ' darüber sehr bestürzt und verließ sogleich das Gemacb des Rabbi. Als er sich entfernt hatte, nahm der Apter die Hund , des Rabbi Baruch in die seine und sprach: „Die Weisen ~ lehrten: Klammere dich an seine — Gottes — Eigenschaften, wie er ein Langmütiger ist, so sei auch du ein Langmütiger."**) Mehr sprach er nicht und sann nach. Erst nach einer hübschen Weile erzählte er folgende Begebenheit: «Zu mir kam einmal eine Frau, die ein Anliegeu an mich hatte. Kaum wurde rch ihrer ansichtig, las ich von ihrem Antlitz, wie aus einem Buche all die sündhaften Geheimnisse ihres Lebens und ich surre sie an: „Du Buhlerin, verlasse mein Zimmer!" Sie blieb zuerst fassungslos, doch sie sarnmelte sich und sprach: ..Der Herr der Welt ist den Bösen langmütig und fordert ihre Schuld nicht in Eile ein. Er offenbart ihre gebei'nev Sünden k«ncm Wesen, damit sie sich nicht schäme,», zu ihn» *) 3. Buch Moses/Kap.!6. VerS IC. *n Traktat Sabbat F. 188 b, J