Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 389 (21.2.1920)
- Date
- 1920-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I0»0L Postspartassentonto 180.889 Nr. 389 Wien, Samstag» den 21. Februar 1929 2. Jahrgang Die Politik des Mordes. ' kr. W i e u. 21. Feb'liar. Namen OfottcS" tjnt Minist"srLsident HuZzar He erste Sitzung der ungarischen Nationalversammlung -röfsnet und die Abgeordneten eingeladen, ihre Arbeit zum Wöhle des Landes zu beginnen. Noch niemals -vurde. in ernsterer Stünde eine abstoßendere Blasphemie gegangen, als die Anrüfung Gottes in einem Parlamente, dessen Mitglieder mit dem Losungsworte des Hasses gewählt wurden, unter Aufreizung zur Unterdrückungzum Raub und Mord gegen alle, die politisch, religiös und moralisch andersgläubig sind, als diejenigen^ die durch Kerker und Galgen hie christliche Deltanschannng'in Ungarn zu'festigen bemüht sind, ^wei Tage später wurde die Leiche des Chefredakteurs ^es sozialdemokratischen Organes. Drl Bela Somogyi. ans der Donau gezogen, und es kömmt die Meldung, f»aß 'auch ein zweiter Redakteur desselben Blattes 'imnens Bacso verschöllen ist und es gilt als - sichen daß auch er das Schicksal seines Kollegen Somogyi geteilt hat und. nicht, mehr..unter den Lebenden Werft, verschärft wird/ die durch diese Morde geschaffene Lage dadurch, daß. so viel bereits festgestellt werden konnte auf.dem Auto, in welcheyr Somogyi entführt und ermordet wurde, neben dem. Chauffeur ein Mann in ^sfiMersunifyrjn saß, wodurch es zur Gewißheit toirbl daß der. Nord eirr.politischer'Mord war. Der Umstänhl Aß an- 'deyr/ Er-iyöt.detön cknch-Mnb verübt wurde/ weist ölotzauf die bereits bekannte 'magyarische ' Marke hin! Me politischen Mzesse, die scht dem/ Einzug.der Hörttjyflftmee M,Mgyrü Verübt'. WördHsind. ,.tz^meinfachen Mchrus-WM.M'zu Zey... progranimartigeü^ Mzziem PMchschMng'ech^..imdr Plnfachett" MpLdett/ tvärÄk'"bWe?' ö'rÄch He Bcgleiterscheinilng des RauW gekennzeichnet? Widerlicher , aber - noch als - hie Mordtat, selbst ist die Entrüstung der- Regierung.über den Mißgriff, den .dir; Mörder begangen , haben, sind - die .Krokodilstränen, die sie jetzt über die Uytat vergießt.' Die. ungarische -^gierung hat' kein. Recht/ entrüstet zu sein l Sie hat die Massenmorde " rtzer.'Segenrchölutionäre im ganzen Lande nicht nur .nicht gehindert,-sondern durch ihre Worte und ihre;Taten, die VpMmassen' zum Plündern nsld. Horden aufge.muntert und in .dem leichtgläubigen, sö vielfach enttäuschten Volke .pßn .Glauben, erweckt und Mvährt, daß es ein gottgefälliges und dem Lande heilsames Werk fei, nicht, eher zu ruhen, als bis der.letzte Lude, und der letzte Anhänger, der Sozialdemokratie aus dem Lände gejagt oder'gar aus der Welt geschafft ist. Alles, was sich nicht als . christlich, und chauvinistisch national bekannte? würde diffamiert. Ecrasez Nnfame! war die Parole)' die die Regierung ausgegeben und dann selbst in die Tat mmgesetzt hat, 'indem sie das Hassenhangen ' als Volksbelustigung einführte und Tausende von politisch Unliebsamen in die verseuchten Herker warf, wo sie den Mißhandlungen entmenschter Buttel oder den Seuchen erliegen. Die gelehrigen Massen baden diese politischen Methoden sich rasch zu eigen gemächt und üben bis Am heutigen Tage Lynchjustiz „inr Namen Gottes und des Oberbefehlshabers Horthy". Das gemeine Volk versteht eben nichts von. diplomatischer Kunst und von Rücksichten auf das Allsland, r/yl just die Redakteure des sozialdemokratischen ParteiorganS, das ihnen ununterbrochen als die gottverfluchte Hexenküche hingestellt wird, nicht zu ermorden und gerode 'jetzt, weil der Friedensvertrag mit Ungarn vor dcul Abschluß steht, mit dem Morden auszusetzen. Man hat seinerzeit die Offiziere für,die nationale Armee für ../hie- Durchführung, eines bestimmten „ReinigungsprogrammeS" geworben, man hat der Bevölkerung ein Paradies vorgespiegelt, in das Ungarn umgewandelt werden würde, wenn die „christenfeindlichen Schädlinge" einmal ausgerottet sein werden. Ter Weißgardist und der einfache Mann aus dem Volke sind-betörte, aber ehrliche'Menschen, sie erfüllen die ihnen äuferlegten Pflichten. Verwerflich sind bloß jene, die diese Stimmung bervorgernfen haben, /verabschemmgswürdig sind jene Träger mcigvarischer Kultur, die wie der Dichter Franz Herccg, nachdem sie durch jüdisches Geld, jüdische Derjener und jüdische Journalisten zu Namen und Vergnügen gelangten, heute für eine fette Re'gierungspfrulide im Büßerhemd einherwandcln und nicht nur nicht den Mnt anfbringen, gegen diese Haß- und Mord- Politik ein weithin hörbares Veto einzulcgen. sondern als Panegyricus diaboli für den Nl,uierits clausus gegen Ln Hetzer» in Schule und Journalistik ouftretciu Amerika für eine neue Friedenskonferenz. Revision der wirLMaftttchen Bedingungen. Paris, 20.. Februar. D »v M ashingtoner Korrespondent des „Eiho de Paris" meldet, in amerlstanifchen vvMifchen .5^rsffen halte man eine neue FrieÄ enskönferenz für notwendig um die A d vU -Frage owie die anderen ft r it t i g e n F r a g e n zu regeln und jene Tflls des Frisdsnsvertrages mit DruLkclMnd, die sich auf rv i r tf ch a f"t l i ch 2l n a e L e g e n h eiten d eziehe«, einer R e v i f i - u Zu untcrziche«. , NtttzlauÄ/wN^FxiedeN.^ ,Kcin«? A ölen. ' Moskau. 20. Februar,' (Fünksprüch.) Warschauer Funksprüche melden täglich, daß,die Bowieftegrerung eine FrühjahrS o f f e ü s i v e gegen. Polen plane.? Zum Beweis für die Wahrheit dieser Behauptungen wird gemeldet, daß Trotzli zum Berkchrsminister, der. frühere.kaiserliche Minister Pö l iivanow zum Kriegsmimster.//und der zaristische General Pr u s s i l o w zum Oberkommandanten. ernannt werden sollen.. In .derselben Absicht sollen, auch die Arbeiter- und ^oldatenräte. . aufgehoben , unb|' der Zwölfstundentag ein* geführt worden fern. Alle diese Behauptungen sind völlig unwahr. Trotzki ist nicht BeckehrSriiiirisier,' sondern bleibt Volkskommiffär , .für . Heerw^en. Weder Poliwanow, noch ^vussilow. bekleiden. irgsndemew.. öffentlichen .Posten in der ^o^vsetzrepuVM/?Äie -'BehaupAing- 'Sütz'-/-d^k;ietMß!anV' eine Offensive., in dem Augenblick plane, wo. die Armeen der Nerbe nach in A r bei t s a r m e ert umgewandelt werden, ist abgeschmackt. Niemals hat die Sowietregierung die Auflösung 'der^Arbeiter-,.;und Coldctetzräte auch nur in. Erwägung gezogen und dep Zwölfftundenarbeitstag ist niemals in SowieLrußland anbcfohlen worden. Die Regierung der Sowict» rcpublik sucht keineswegs die kriegerische, Lösung der schwebenden Fragen, sondern friedliches Einvernehmen. Die christlichnatiortale Vereinigung hat jüngst einen Aufruf an alle Nationen der Welt erlassen, in welchem diese eingeladcn werden, nach Brrdapest zu kommen un'd sich persönlich zu überzeugen, daß in Ungarn die herrlichste Ordnung herrsche, daß es dort niemals Pogrome ' gegeben habe, noch gibt usw. Die Nationen der Wett werden wohl im Interesse der Sicherheit des Leüenß ihrer Söhne diese Einladung dankend ablehnen. .Sie werden aber auch die Versicherungen der Negierung, daß sie diesen Mordtaten fernstehe, und daß sie sie ohne An«. sehung der Person mit aller Strenge sühnen werde, skeptisch aufnehmen, denn noch sind die zahllosen Juden« morde, die grundlosen Einkerkerungen politisch Miß^ liebiger. und noch ist selbst der Mord an Tisza un« gesühnt. Und schließlich sind die intellektuellen Urheber dieser Morde, die Verführer des Volkes, strafbarer als die verführte Volksmenge, die vielleicht in nicht allzu ferner Zeit sich gegen ihre jetzigen Heiligen, ob sie Moritz oder Stephan heißen, stellen wird. fC Das deutsche Gericht. Von unserem Berliner Korrespondenten. w. 33 e r 11 it. 17. Fchriiar«. Die überraschend« Nachgiebigkeit der Entente in des j Auslieferuirgsfrage hat Deutschland nochmals vor eine große - Probe gestellt. Die deutschen Gerichte sollen die deutsche« , Kriegsverbrecher selbst aburteilen; Gerechtigkeit ist aber immer.; nur etwas Relatives, die Rechtsbegrisfe eines Volkes find! : bedingt von feiner Weltanschauung, seiner geistigen Ver> ) sassung,. seiner kulturellen Eigenart. Die Frage, die jetzt . so ^.entscheidend sein wird, ist die, ob die Zerstörer Belgiens.! und Nordfränkreichs, die Peiniger.zahlreicher unschuldig«: , t ZivWrsoWaO die übermütigen Gewalttäter, die ihre hep! Verantwortürrg enthobene Pesehlsstellung zu Exzessen d«K / Barbarentums mißbrauchten, nach deutschem Rechtsempsindeuj : Verbrecher sind, oder nicht. Die Antwort auf diese Frager ist eigentlich schon gegeben. Denn während deS Krieges s als alle diese Untaten allerdings in patriotischer Beschönig gung und Verschleierung dem Volke bekannt wurden, hat niemand Anstoß daran genommen, und auch nach d« ' Revolution ist kein Umschwung der Geister in die Evscheinung getreten, der bewiesen hätte, daß das Volk sich Amsterdam) 20. Februar. (Koxr -Vür.) .Me dep „Telegraaf" ans London meldet, sagte Lloyd George gestern im Unterhause, die englische Negier,tilg Habe den Polen deutlich gemacht, daß sie nicht in der Lage sei, eine polnische Offensive auf russisches ^Gebiet »nit Truppen^ Geld oder Material zu unterstützen. Bon seiten der Alliierten'sei kein Druck auf Palen oder Rumänien auSgeübt worden, um militärische Unterstützungen seitens dieser Länder gegen die russische Note Negierung zu. erhalten. r;• Die Mörder des Redakteurs Svntogyi. Haben .siÄ bloß als ungeschickte Werkzeuge eines/wohldurchdachten Systems erwiesen und das. ist es, was'der Negierung h . peinlich ist. Aber diese Ungeschicklichkeiten" häufen sich jetzt in einem, für die Negierung imwer unerquicklicheren Mäße. So ereignete sich vor kurzem in Budapest der krasse Fall, daß ein angesehener Arzt und Geburtshelfer, der in der Nacht zu einer Wöchnerin gerufen wurde, aus seinem Wagen hemusgeholt.und schrecklich. zugerichtet worden., ist. Trotz seiner Verletzung setzte der Arzt ' lelne Fabrt .fort und lei stete .der. Wöchnerin Bei? stand. Ein anderer peinlicher Vorfall.- Graf Moritz Eszterhazy begab sich dieser Tage in vorgerückter Nachtstunde ans seinem Klub in seine Wohnung. Sein, Aussehen und vielleicht auch der Umstand, daß er von seinem Begleiter mit dem Vornamen Moritz angesprochen wurde» genügten, daß er von einigen vörbeigehenden Christlichnationalen in die Mitte genommen, arg verprügelt und auSgeranbt wurde. Zum Schlüsse wurde dem Grafen Moritz noch eindringlich nähegelegt, nach Palästina anszuwandern, da in Ungarn Moritze nicht mehr geduldet würden. Ein nicht minder peinlicher.Vorfall mar auch das Abenteuer, das ein Administrati'onsbeamter des „Mult es Jövö" in. Kalocsa hatte. Ter Beamte war mit einer Bewilligung der Bndapester Behörden in geschäftlichen Angelegenheiten seines Blattes nach Kalocsa gekommen, wurde als Jnde erkannt, von zwei Soldaten ins Gefängnis , gebracht, dort mißhandelt und nach 17stündiger Haft wohl entlassen und mittels Zwangs- Passes nach Budapest abgeschoben, aber gleichzeitig um seine Barschaft von 3250 Kronen beraubt, um deren Zurückerlangung er jetzt vergebens kämpft. durch die falsche Darstellung betrogen fühlt und jetzt «u$ natürlichem Rechtsempfinden die Taten der Grausamkeit verurteilt. Das System des Militarismus gibt auch' wirklich schwer die Möglichkeit,, persönliche Schuld zuzurechnen; durch das System von Subordinationen, durch die ganze . Kette mechanischer Besehlsübermittlung, ist niemals recht fest«, .zustellen, aus . wen eigentlich die Verantwortung für irgendwelche Verbrechen und Untaten fällt. Wenn der höchste Zwecks die Kriegführung, als.sittlich anerkannt ist, bann fällt « schwer, irgendwelche Mittel zu verurteilen, die scheinbar im Hinblick, auf dieses höchst«' Ziel unvermeidlich gewese« sind. Wie .schwer es- .für deutsche Richter, die noch ganx in der militaristischen Weltanschauung drin stecken, ist, Schultz und Sühne, Dolus und Culpa, festzustellen, das haben reichlich die Prozesse bewiesen, die in den letzten Monaten zur Verhandlung gekommen sind, zum Beispiel der Marloh« Prozeß und der Hiller-Prozetz, der demnächst in zweiter Instanz behandelt werden soll. In diesen Fällen, in bene« es sich um osienkundige Verbrechen einer völlig entartete», zu jeder Bestialität fähigen e^nrenschten Offizierskaft« handelte, konnten die deutschen Gerichte sich dennoch nicht entschließen, die Angeklagten.schuldig zu sprechen. Wie wird es nun vor dem Leipziger Ausnahmegerrchtshof ausschaue», wo solche Taten zur Aburteilung kommen sollen, die vori dem als höchste patriotische Leistungen glorisisiert wurden- I und noch heute im Bewußtsein-des deutschen Volkes Ruhmestaten sind! . ,; Wie müssen allerdings zügeben, daß — sofern mark überhaupt den Krieg in irgendeiner Form bejaht >- die Grenze zwischen kriegsrechtlich erlaubter Handlung und Verbrechen schwer zu ziehen ist) Zweifellos ist es unerlaubt, Heerführer für ihre militärischen Aktionen vor Gericht zu ziehen und plötzlich, an Krkegstaten den Mäßstab .ziviler Moralbegrisse zu legen. Aber dennoch gibt es extreme Fälle, in denen über den Charakter der verbrecherischen Handlung gar kein Zwoisel b-stehen kann. Solche Fälle waren Marloh und Hitler. In Leipzig wird , das ganze deutsche Volk vor | dem GerichtZlwf. stehen. Eswird vor der Welt zu zeigen haben, ob die Charatteristik deutsche,: Geistes, die noch heute in den westlichen Kulturländern gegeben wird, richtig ist, oder noch richtig ist. Die Prognose,, di« man stellen kann, ist freilich etwas trübe. Denn man hat den Eindruck, als ob mit Ausnahme einiger ganz weniger freier Steift«*, die M- .