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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-14 · Heft 382 (14.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 382 (14.2.1920)
Date
1920-02-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WWfflfFfnipiflT' Kreis SO Kr«r» PrLnumeratio»»- preise: Wien: Anm Mkwl«n fa der <Stt»rtWo«, L Lertrk. Takior. ffaroße 1 II« 8, »der in einer . SersidleitzftrNr dtrafif): Monatlich. . Kronen I*.- Wlerteljiihrttch »»- Mit Pest»erfand fll» Wien und . Oesterreich: Monatlich .. Kronen RS.- richecho-Slowekei: Monatlich .. Kronen" VierteliStirttch „ 1».- in tschrcho^lewaNscherwShrnng llnaam: Monatlich . Krone» 13.— BierlrliÄrtich .. 39.- te nngariicher «ichrnng Ang»sl»«ienr Monatlkch .. Kronen 9.— »ttrteljShr«ch .. 27.- i» jngesliNoischrr Währung - Ginfrlerempl^r r SS-*“ Nr. 382 '■seif §tkn PrLn«meratio«»o preise für _ Polen: Monatlich .. Kro«e» 1».-« «irrte,jn„rUch S9»-j in polnischer WSHrnnG Dnttschland: , Monatlich . . . Mar» «W _ Frankreich: \ Monatlich . . Frank» 9A ... . Italien: Monatlich . . . . Lire S^» 8chn>eij: Monatlich. . . Frank» 9*4 RedirMottn. Administrativ» Wien.S. Bez..raborstr.k-» Keledvoner Administrattoi» 449^', Nedakrion 4^319 ab 0 Utjr abend» Nr. 1G30J Postsparkassenkonto 150.691 Wien, Samstag» den 14. Februar 192V 2. Jahrgang Politik der Hysterie. —y. W«e n. 14. Februar. Die Führer der englischen Politik haben die llnehrlrchkeit des Friedens erkannt, der das moralische Prinzip der. Selbstbestimmung zertritt und durch die Härte seiner wirtschaftlichen Bestimmungen die Besiegten zur Verkrüppelung verurteilt. Fast alles, was im Bereiche der englischfümerikanischen Kultur Gewicht und Ansehen hat, - ist Mm tiefer Besorgnis über die Folgen des Friedensvertrages ergriffen und ruft nach Abhilfe. Dieser Stimmungswechsel ist bedeutungsvoll, da er sich knapp vyr den Besprechungen, die zwischen den Leitern der englischen Negierungsgeschäfte und dem französischen Premier Millerand stattgefunden haben, zeigt. England schickt sich-an, den Bundesgenossen von der Schwäche seiner Position zu überzeugen und ihm ein Einlenken gegenüber Deutschland nahezulegen. Millerand, dessen politische Fähigkeiten einstmals das Lob des Kaisers Wilhtzlm hervorgerufen haben, hat sich in seinen jüngsten Kammerreden ganz zur Politik Clemenceckud bekannt. Er hat vor der von einer nationalistischen Mehrheit beherrschten Volksvertretung die moralische Entwaffnung Deutschlands als sein Programm verbindet und schreitet schon an die Ausführung des Versprechens, indem er an Deutschland in einer scharfen Note die Forderung nach genauester Einhaltung der Kohlenlieferungen erhebt und zugleich die Repressalien ankündigt, die seiner Note die Durchführung verbürgen sollen. Die für fünfzehn Fahre vorgesehene Besetzung des Nheingebietes soll verlängert werden, indem der Zeitpunkt für ihren staatSreMichen Beginn hinansgeschoben wird. Auch wirtschaftliche uttd sinaNzidlle Maßregeln werben' in AiM sicht gestellt. Es liegt klar zutage, daß diese Note, die der Auslieferungsforderung unmittelbar auf dem Fuße folgt, in Deutschland neue Verwirrung und Erregung Hervorrufen wird und es dürften sich, wie wir es schon chehreremals erlebten, wieder Vorfälle ereignen, die nicht ohne Wirkung auf die allgemeine europäische Lage bleiben werden. Aber gerade die kühle Haltung, die England in der Auslieferungßanqelegenheit gezeigt hat, läßt erwarten, daß auch diese neueste Trübung der Atmosphäre unter englischem Einfluß sich verflüchtigen, wird. Englands Oeffentlichkeit ist heute schon zu einem großen Teil pon der Meinung beherrscht, daß der Frieden der Vergeltung und der Strafe zu einem Frieden des Schreckens wird, wenn seine Bestimmungen^ durchgeführt werden. Die innere Politik der Negierung muß sich dieser Strömung anpassen und zugleich ihre rußer^n Beziehungen ihr ungleichen. Im Unterhaus, dem in den nächsten Tagen ein Antrag der Liberalen auf Revision des Versailler Vertrages vorgelegt werden wird, hat der Schatzkanzler die Bewilligung eines neuerlichen Hnfekredits für Mitteleuropa ausgesprochen, der die Gütererzengung und den Güteraustausch zwischen den europäischen Staaten beleben soll. Ist es da anzunehmen, daß England die Erdrosselnngtzlust der französischen Rationalisten unterstützen wird? Jedes Land, dasin llnrnhe erhalten wird, bedeutet eine schwere Gefahr für Europa, und ganz besonders gilt dies von lünein *o großen Wirtschaftsgebiet wie Deutschland, dessen ipnerliche Erholung heute ein ebenso wichtiges Lebensgebot : für Europa ist, wie der Frieden mit Rußland, der immer wieder von Len französischen Annexionisten hinter-- trieben wird, die willenlos die Geschäfte der Rüstnngs-. indüstrie besorgen. Eine Fortdaueri dieser hysterischen , Politik würde. das. französische Wirtschaftsleben selbst in Frage stellen, das vollständig in der Suggestion versinkt, daß Deutschland alles bezahlen werde. Eine solche. Hoffnung ist de- Tod jedweder PradiiktionSenergie, die nur aus der eigenen Kraft eines Volkes und Staates erwachsen kann. Deutschland Hat bisher die riesige Summe von 86 Milliarden Mark in Gold an die Allisorten in Form von Bargeld. Waren, Eisenbähnmateria! .und Schiffen abgeführt. Mehr seiner Leistungsfähigkeit Mmmiten. wäre die Herbeiführung des endgültigen, rettungslosen Zusammenbruches, aber auch die. Isolierung Frankreichs selbst, das seine Bundesgenossen in stets nene Verlegenheiten letzt. Die triste Entwicklung der Währnngtzlage, die allgemeine Kohlen- und Warennot erfordert ein Zusamnionwirken aller Staaten, an deren Existenz die internationale Valntaverschwö'-'wg nagt, die ihr Polypendasein in dem Sumpf der Verbetzung und Krisen trefflich fristet. Frankreich verlangt anch die Austteferuna deutscher Politiker. Berlin, 13. Februar. Der „Abend" meldet ans Zürich: „Corriers della Sera" meldet» daß in Paris weitere Auslreferungsfordexun ,en an Deutschland feriiggestellt worden seien. Ma \ bea sichtige, auch deutsche Politiker anzufordern, die die deutsche Regierung zur Annexion, zur Deportation und zur Beschlagna" me von Privatbanken anfgefordert hätten. , Corriere della Sera" deutet an, das; anch Erzberger und Scheidemann auf die zweite Lifte kommen werden. Keine deutsche Intervention gegen SowietrußlanÄ. ' SB et litt, 13. Februar. Zn der Meldung eines Wiener Blattes, in der davon ae proch-n wird, datz Dent^chland mit EinwiArgung des Verbandes ein H:er von 599.999 Mann aufstellen wrde, das in Verbindung mit dem polnischen Heer Sowietrußland niederkämpfen solle, bemerkt die „Deutsche Allgemeine Zeitung", es brauche nicht besonders betont zu werden, datz diese M ldnng nicht ernst zu nehmen sei rrnd dgtz hie veutsche. Neaieruna eige solche „PoliN" nicht' »WAachM MtÄe. Die Krise Les italienischen SszialiSMas. Der letzte Parteitag der italienischen' sozialistischen Partei >P a r ti t o Socialista Jtaliano, zum Unterschied von der jüngeren und gemäßigteren Fraktion des italienischen Sozialismus: Union e Socia'ista Jtastana), der, wie bekannt, im Herbst vorigen Jahres in Bologna stattgefunden hat, hat eine Reihe von maximalistischen Resolutionen votiert. Es wurde feierlich beschlossenaus der zweiten Internationale auszutreten, um sich der dritten Internationale anzuschNeßen. Die Beteiligung 7an den.politischen Wahlen, die auf eine gewisse Opposition der extremen Linken stieß, wurde dennoch beschlossen, mit der Beschränkung aber, daß jedes Zusammenarbeiten mit bürgerlichen Parteien und somit auch jede positive parlamentarische Tätigkeit von vornherein ausgeschlossen wäre; die^Jdee der Diktator des,Proletariats wurde von neuem bestätigt, wie auch die Notwendigkeitsich i für die bevorstehende soziale Revolution zu rüsten; alles das ans Enthusiasmus für die russische Sowietrepublik. Auch auf diesem Parteitage gab es schon eine bestimmte starke Minderheit, die behauptete, daß man noch sehr weit von der sozialen Revolution stünde, daß die Erfahrungen über Söwiet-- rntzland noch gar nicht abgeschlossen seien, daß der MaximaliömuS keine soziale Doktrin bilde, sondern als Resultat einer gewissen psychischen Stimmung zu betrachten lei — Umsturzstimmung, auf dem Böden der Niederlage und ökonomischen Zerrüttung gewachsen. Diese gemäßigte Strömung, die geschätzte und angesehene Sozalisten die »alte Garde" — Turati, Treves, Lazzari, Prampo'ini. Mrffr — vereinigte/ hat eine Niederlage erlitten nnd in die Parlamentswahlcn ist die Parier mit maximalistischen Schlagworten gegangen. 1 Die Wahlen ^fanden am 111 November statt und krachten der Partei einen Sieg, den sie wohl selbst nicht erwartet hatte:. anstatt der früheren vierzig Abgeordneten zählt die parlamentarische Gruppe jetzt 160 Delegierte Und hier ist eine neue Erscheinung in den Vordergrund getreten: eine gewisse Unsicherheit und Nevisiönslüst auch bei der äußeren Linken der Partei. Die sichtlich-. Unmöglichkeit, die Wahlversprechen zu erfüllen: die Verantwortung dem Lände und speziell.dem Proletariat gegenüber — die Verantwortung, die desto größer ist, je stärker ti*» Partei wird und je mehr Vertreter sie im Parlamente hat; die absolute ökonomische Abhängigkeit Italiens von England nnd Amerika; die augenscheinliche Sterilität-er konsequent-negativen parlamentarischen Politik; und — hauptsächlich — der schrr-ende Kontrast zwischen der Zahl der Partcinntg.ieder und den Wahlrcsnltaten — alle diese Umstände haben eine kühlere und sachgencäßere Prüfung der Lage durch die verantwortlichen Führer veranlaßt. Zu derselben Zeit sind auch zwei höchst symptomatische Briese Lenins an das Zentral!imitee hex Partei aerichtet worden, in denen der Führer der Sowietrepublik die italienischen Genossen vor MevolutronS» abenteuern tvarnte. Die Frontänderung zeigte sich auch schon in der geänderten Tonart des Zcntralorgans «Avanti" und auf dem Kongreß der Vertreter der lokalen sozialistischen Organisationen vom 12. bis 14. Jänner, in Florenz. Dm» sprach niemand »nchr von der nahen Revolution; der Ren dakteur des Zentralorganes und Mitglied deS Zentralkomitees, Serrati, einer der maximalistischen Führer erklärte, datz der Unterschied zwischen Maximalsten und Minimalisten eigentlich gar nicht so groß sei, und bei ein bißchen gutem Willen auch ganz zu beseitigen wäre. Abgeordneter M o d i g l i a n i, eines der angesehensten Parteimitglieder, ver» langte mit großer Energie die Einberufung des neuen Parteitages zur Revision der bolognestschen Entscheidungen. Dev Antrag' auf sofortige Einrichtung von SowietS wurde von der Versammlung fast einstimmig abgelehnt und unter denjenigen, die zur äußersten Vorsicht in dieser Frage mahnten» war auch d'A r a g o n a, der Führer der «Arbeitskonfedera» tion", der stärksten ökonomischen Arbeiterorganisation,, die hinter sich mehr als eine Million Mitglieder hat. . , Die Versammlung in Florenz bildet aber nicht tag einzige Zeichen bet Wendung in der sozialistischen Partei. Die Minderheit von Bologna hält keinesfalls den Kampf für verloren und rüstet sich im Gegenteil zu neuem Angriff, den sie diesmal besser organisieren will. Die Abgeordneten Turati und Treves führten schon fett mehr als einem Jahre ln.- ihrer Zeitschrift «Eritica Sociale" einen Feldzug gegen d«S primitiven Ideen der italienischen Kommunisten, gegen die anarchistische Tendenz in der Partei/ und gegen das Heber» sehen aller duiiklen Seiten der proletarischen Diktatur in Rußland. Die gemäßigte Fraktion hat zur Sammlung ihrer^ Kräfte am 19. Jäniier in Mailand eine eigene Versammlung einbcrufen, an der unter anderen Turati, TreveS, Prampolini, Dugoni und der durch seine Tätigkeit für die Wiener Kinder bekannte Bürgermeister von Mailand!»' Caldare, teilncchmen. Das Leitmotiv dieser Versammlung bestand darin, datz die Partei -re Taktik der revolutionären Predigt verlassen-und den Weg zur unmittelbaren Realisierung der sozialen Reformen, welche die Volksmassen verlangen und auf welche sie warten, betreten solle; wenn, "^dre maximalistische Mehrheit die Notwendigkeit dieses Taktik» Wechsels nicht eipsehe, bleibe nichts anderes übrig, als sich in irgendeiner Weise von dieser Mehrheit zu trennen. Abgeordneter Treves betonte von neuem, datz die soziale Revalntton sich nur international durchführen läßt und solange keine starke, lebensfähige und reelle Arbeiterinternationale besteht (die dritte Internationale hält er für ganz platomsch^- wäre an den sozialen Umsturz gar nicht zu denken. Abgeordneter Turati sprach über die Notwendigkeit der produktiven parlamentarischen Arbeit für die innere Vorbereitung des Proletariats. Ehe man zum sozialen Umsturz auffordere,^ sollte man die jetzigen ökonomischen Verhältnisse Italiens ln Betracht ziehen, denn «Sozialismus ist vor alle« .Produkt: ans Problem und die Armut läßt sich nicht sozialisieren". Die Versammlung deschloH eine straffere Organisation und eine energische Propaganda. Es zergt sich also in der Partei ein bestimmter Diffe* renzierungsprozetz, welcher schlictzlich zu einer ernsten Krise führen mutz. Die Schwierigkeiten Italiens in der äußeren Politik und die «Streikmanie", die sich auch in Italien de» Arbeiter bemächtigt hat, können diese Krise nur verschärfe« und ihre beschleunigte Losung herbeisühren. Der Post» angestelltenstreik und der Eisenbahnerstreik (die inzwischen beide beendigt wurden — Red.), die alle Kräfte des Landes lahmlegen und ohne vorherige Beratung einsehten, haben nicht nur einen starken Unwillen des Publikums, sondern auch gewisse Unzufriedenheit in sozialistischen Kreisen her« vorgerufen. Das Zentralkomitee der sozialistischen Partei lehnte die Verantwortung für diese rein ökonomischen Streiks ab; dasselbe tut aber auch die Arbeitskonfederation, die > gleichzeitig ihre Mitglieder an die Disziplin erinnert und vor unbedachten Schritten warnt. Einige gemäßigte Sozialisten hüben sich ganz entschieden gegen diese Streiks ausgesprochen' und ihr schroffes Auftreten hat auch bereits eme Reaktion in den - maximalistischen Kreisen hervorgerufcn, deren Zeitungen schon bestimmt von der Möglichkeit der AuS« 'schlietzung der Partei TuratiS sprechen, waS sicher W AuS, tritt der Mehrzahl der «alten Garde" zur Folge haben würde. Die innere Krise in der Partei ist unverkennbar. Wenn sie momentan eine Schwächung der sozialistischen Bewegung zur Folge haben wird, so wird sie am Ende doch zu eine« klareren und gesünderen, Verstä.ldniS der internationäken Lage und zu einer wirklichkeitstreueren Ausfassung de»'" sozialen Problems führen — einer Auffassung, die wcnigey revolutionäre Schlagworte. aber desto mchp revolusigNMK- und aufbauenden Getzalt haben »vrrtz.

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