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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-13 · Heft 381 (13.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 381 (13.2.1920)
Date
1920-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i?reis SO Krllrr PrLnnmerattonspreise: Wlent Am» «»tole» m de« Expedition» 2. Bezirk, Labor. Kratze 1 blS », oder in eiurr - Berfchleißstelle (Trafik): Monatlich. . Krone» W.— DierteljLhrlich „ »fl.— Mit Postversand fftr Wien und , Oesterreich: Monatlich '*. Kronen 13.- Ttchecho-Aowakei: Monatlich .. Kronen S.— Pierteliiinrlich .. 1^.- in ischrcho-slowakischerDährung Ungarn: Monatlich . . Krone» 1S- Bierteliährltch .» 80.— in ungarischer WSHruog Augoslawir«: Monatlich .. Kronen 9.« Vivrtelsährltch „ *7.- in jugoslawischer Währung Nr. 381 rciur K. ,r. *5 Esnrrseprmpiavr' Urek» SO Helletz Pränumeratioup» preise für Pole«: Monatlich .. Krön«« 19U» Bterreijliiirlich .. 89«*« in poluischrr WährNNH Deutschland: ., „ Monatlich . . . Marl Frankreich: Monatlich . . Frank- Italien: Monatlich . ... Lire Schweiz: Monatlich . . . Franks &-• Redaktion n:Sldml«iftratkow Wieu>S.Brz..TaborstÄl-L Telephone: Tldministratto» 44«» '". Redaktion 4»»»0. ab 0 Uhr abends Nr. 10301 lpostsvarkassenkonto 150.698 jmumrstmrMMtmi Wien, Freitag, den 13. Februar 193« 2. Jahrgang Die Rettung des Friedens. —y. Lir > e n. 13. ftet'nnr Aus den Cntentestaaten kommen Meldungen, welche eine Stimmüngsänderung in bezug auf die Friedensvertrage signalisieren. Lloyd George hat in mehreren Reden die Notlage der Welt besprochen und sehr sorgenvolle Worte über die sich verbreitende Anarchie gesunden. Im englischen Unterhaus hat ein Arbeiterführer aner« kaimt, daß einige Bedingungen des Friedensvertrages von Versailles unausführbar sind und hat die Revision der Verträge mit Oesterreich, Bulgarien. ber$Xtrfet und Ungarn vorgeschlagen. Lord Cnrzon hat im englischen Oberhaus' dasselbe Thema berührt und nachdrücklichst die Alliierten ermahnt, Deutschland zu helfen und ihm die Verpflichtungen des Vertrages, zu erleichtern. Ihm schloß sich Herr Asquith an, der in einer Wählerversamur-- lung in Paisley, wo er sich um das Mandat für das Unterhaus bewirbt, erklärt hat, daß die in. Zentraluns in Osteuropa geschaffenen Grenzen als provisorisch an- Zusehen seien, und daß ihre endgültige Festlegung durch den Völkerbund geniäß dem Nationalitätenrrinzip erfolgen werde. Asquith drückte die Ansicht aus, daß Deutschland seine übernommenen Verpflichtungen nicht werde erfüllen können. Weiter müßten die neuen Sukzessionsstaaten des alten Oesterreich'Ungarn vom fiskalischen und kommerziellen Standpunkt els eine Wirtschaftseinheit betrachtet werden. > Diese Symptome der Selbstbesinnung sind natürlich nicht als Ausfluß der Freundschaft zu den besiegten Staaten auszufassen: sie entspringen vielmehr der schon sehr stark gefährdeten Wirtschaftslage der alliierten und assoziierten Määzte. Mö Sukzessionsstaaten<d^^^ „ Boden Oesterreich-Ungarns' evistanden sinb. zen,eN die 1 Tendenz, sich von der Vormundschaft der Enrente, di» ihnen keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen kann zu befreien und in-irgendeiner Form den Weg zu Hnauder Zn finden, um in gemeinsamer Arbeit die Sorgen zu bannen, die ihre. Zukunft beschatten. Ti? Entente macht gute'Miene zürn bösen Spiel; sie kann die Emanzipationsbestrebungen ihrer Schützlinge nicht hindern und sie benützt die Hilfegesuche Oesterreichs, u.n diesem am schwersten getroffenen Land die Unterstützung seiner Nachbarn zu sichern. Die Bestrebungen der Nationalstaaten auf Errichtung eines großen Wirtschaftsgevietes finden in der Entente Sympathie, weil die Entente sie nicht hindern kann und weil sie in ihrer Verwirklichung hie Möglichkeit sieht, sich einer scknoeren Last zu ent« ledigen. Die Hilfsbereitschaft der Ententestaaten für Oesterreich drückt sich , in" einer Menge von Beschlüssen und Protokollen des Obersten Rates und lei.'es Nachfolgers, der Botschafterkonferenz, aus. Aber ein» wirkliche und ’ energische Stützung Oesterreichs ist der Entente selbst nicht * möglich, deren Währung sich infolge der Treibereien der internationalen Valutaverschwörer und Börsenhyänen in her absteigenden Linie bewegt und die durch den Sturm der französischen militärischen und bürgerlichen B.N'eaut'raiie gegen Deutschland immer wieder beunruhigt wird. D'ch die Angst vor dem politischen RaValismns beemflicht die Haltung der Sieger, die allerdings etwas spät erkannt haben, daß ihr Vorgehen gegen Sowietrußland der fast schon erlöschenden Macht des Moskauer R-"te° syüems neues Leben verliehen?)at. Lloyd George kleidet diese Erkenntnis in die klaren Worte, Europa könne nicht Wiedererstehen, wenn eS der Hilfsmi^-l. die Rußlanb zü bieten habe, beraubt bleibe. Es sei einleuchtend, daß man Rußland nicht mit Waffengewalt besiegen könne, selbst wenn die Randstaaten sich an dem Dormarlch beteiligen wollten. Weder Frankreich noch die Vereinigten Staaten noch auch England können die Kosten tragen. Es bleibe also die Alternative des FriedensschlusieS mit Sowietrußland. # Der britische Ministerpräsident hat sich also zu der Anschauung durchgerungen, die sich in einem großen Teil der englischen Bevölkerung schon seit geraumer Zeit gezeigt hat, und die die Basis bildet für die> versöhnlichen Worte, die Herr Asquith an die Adresse der ganzen Belt gerichtet hat. Asquith hat als Kandidat gesprochen. Ein Wahlbewerber Pflegt gewöhnlich die Stimmung der Wählerschaft so präzis und so prägnant zu erfassen, daß er ihr nicht widerspricht. Das englische Volk denkt heute in den meisten außerpolrtischen Fingen ganz anders als die Wortführer der großbürgerlichen Parteien in Frankreich, und die Aeußernngen, die sich in der englischen Presse und im englischen Unterhaus ans Licht gewagt haben, werden schwerlich ihre Wirkung auf die öf {entein englischer Antrag auf Revision des Frledensvertrages. A m ft e v t> a m, 12. Februar. Laut „Allgemeen Handelsblad" har der Führer der Liberalen im englischen Anterhans Sir David M a e l e a n angekündigt, daß er eiuen Ab- R derungsantrag betreffend die N e v i si o n des F r i e d e n s v e r,t r a g e s einbringsn werde. Maelean sagte auch, daß der franZösisch-englisch-amerikanische Vertrag werden müsse. ' Bolschervikische TrWp.n in Betzarabien. M o S U*a «, 12. Februar. (Funkspruch.) Unsere Dortrnppen haben im Gebiet non Odessa bei MajaN den Dnsestr überschritten und stehen ans. b e st ar ab i s ch e m Boden. Eine starke feindliche K o I onne wurde z e t» sp ren g t, viele Gefangene und Maschingewehre nebst sonstiger KrregsAcmLe eingebracht. Die Kübankofaken fetzen die Regierung Denlkins ab. Wien, 12. Februar. Der Akrainische Pressedienst meldet aus Bukarest r Die Kubankosaken haben unter Führung des PrLfidentendkrKuhansRi^Malrorenlro. die von Denikin emgefstzte Negierung g e st ü r z t und durch eins eigens NsgierunF ersetzt. Gegenwärtig bildet das Kubangebiet einen selbständigen Staat. Die Knbankosaken haben sich an die Ukrainer mit der Einladung gewendet, die staatliche organisatorische Arbeit im Kubangebiet zu übernehmen. Eine nnxt DrohnoLe Fremkreichs. Berlin, 12. Februar. (Wolff.) Der französische Mmistcrpräsident hat der' deutschen Mission in Paris eine dom 8. d. M. datierte Note zugehen lassen, in welcher ausgesührl wird, daß Deutschland im Laufe deS letzten Dezember 10,450.000 Tonnen Kehle produziert hat und also an die alliierten Mächte 2,600.000 Tonnen hätte liefern müssen, während es nur 600.008 Tonnen geliefert hat. Die Gründe hierfür können nicht als ftichhaüig betrachtet werden. Die französische Negierung verlangt, baß Deutschland. die übernommenen Verpflichtungen ausführe, und ist entschlossen, die Rechte der französischen Nation schützen zu wollen, die durch den Friedensvertrag sanktioniert sind. Unter Bezugnahme auf Artikel 429 deS FriedenSverträges eröffnet die französische Regierung hiermit der deutschen Regierung, daß, da^Deutschland die Bestimmungen dieses Vertrages nicht getreulich erfüllt hat, die F r i st für die Räumung der besetzten Gebiete noch nicht zu laufen begonnen hat. Ferner, wenn bis zum 1. März 1020 Deutschland in weiterer absichtlicher Nichterfüllung dieser Verpflichtungen an Frankreich nicht die rückständigen, bereits fälligen Lieferungen sowie daS volle Februarquantum geliefert hat, wird sich die Regierung der Republik gezwungen sehen, zu wirtschaftlichen nnd finanziellen Vergeltungsmaßretteln und allgemein zü solchen Maßnahmen zu greifen, die sie als durch die Umstände geboten erachtet finden wird, für solche Fälle, die der Vertrag vorsieht. Die französische Regierung gibt sich der Hoffnung hin, daß sie nicht gezwungen sein werde, andere Maßregeln gegen Deutschland zu ergreifen, wie. sie das Protokoll vom 10. Jänner 1920 und daS Schreiben vom 25. Dezember 1919 als Bedingung für daS Inkrafttreten des Vertrages vorgesehen haben. liche Meinung Frankreichs verfehlen. In Ainerika, in dessen Oeffentlichkcit die Forderung nach Revision der Friedensverträge eine sehr viel besprochene Frage bildet, weil man dort vor den Folgen der wirtschaftlichen und politischen Verwüstung Europas zittert, mahnt man ununterbrochen die Enfente znm Einlenken, und Präsident Wilson hat öffentlich gegen die Auslieferung Ler 900 deutschen Schuldigen Stellung aenominen. Uebex kurz oder lang wird die Tagesordnung bee Botschafterkonferenz die Ueberprüfung der Friedensverträge als neuen Punkt enthalten müssen, weil sie von den Völkern gefordert wird und weil sie das einzige Mittel ist, Europa wieder zu beruhigen. Diese Revision würde aber wirkungslos bleiben, wenn sich nicht gleichzeitig eine Aenderirng in der Behandlung des Völker» bundes geltend macht. Der Völkerbund ist so, wie egeschaffen wurde, ein Ding der Unmöglichkeit. Sein« Zusammensetzung widerspricht dem Geist des Frieden- und seine Tätigkeit ist die eines Kontrollorgans der, Siegerstaaten. Der Völkerbund wird erst dann fein« Wirksamkeit in dem Sinne entfalten können, wie chq Wilson sich gedacht hat, ein Forum zu bilden, daS den Frieden sichert, die Feindschaft aus der Welt entfernt und den auf dem Boden liegenden Völkern wieder faSj Wort von der Versöhnung bringt. Der Völkerbund mug auch die Vertreter der Zentralstaaten als gleichberechtigij und gleichwertig mit den Repräsentanten der anderen; Staaten zu seinen Bettungen zulassen, er muß aui^ die Völker umfassen, die heute noch kein eigenes staat» lich abgegrenztes Territorium besitzen und national il^ Knechtschaft leben, und er muß die Hilfe für daS zu« gründe gehende Europa rasch und kräftig organisieren^ Der Völkerbund mutz das Gewissen der Menschheit ^rden. ' Der Kampf um den «ngKrt^chen Von unserem Guvn-pe^er Korrespondenten. \ Der Zusammenbruch deS christlichen Blocks, de-' schon in greifbare Nähe, gerückt zu sein schien, ist füt: ettte.;S2^ctle * n Der tiefe Ritz, bei* N'e" M" NAionälWne" ünermüMch wühlende f e ü d a'H k l e r i k a l e R e a k t i o n dem künstlichen Vau der chrisv lich-nationalen Vereinigung zugefügt hatte, konnte nup mühsam verkleistert werden. Die Autorität der Regierung, und was noch mehr zu unterstreichen ist, di«l des Oberkommandos, ist aus diesen, nur allzusehr disi persönliche Ehre der einzelnen Politiker in den Kot zer« renden Kämpfen keineswegs unversehrt hervorgegangen^ Jedenfalls läßt sich die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß im ungarischen Staat der Armeeober« kommandant ein erklärter Todfeind des Kriegsministers, ist, der andererseits einem Kabinett angehört, mit desseft Chef er in bitterer Feindschaft lebt. Hort Hy, di« Feudal-Klerikalen und im Hintergründe schüchtern auch! der Ministerpräsident Karl H u s z a r sind mit denj schwersten Geschützen gegen Stephan Friedrich auf-, gefahren, haben ihn vor aller Oeffentlichkeit der Mitschul da n der Ermordung des Grafen TiKz« und anderer gemeiner Verbrechen bezichtigen lassen, mn! vor ihm schließlich, der sich unter den Schutz der süp. Abenteuer schwärmenden Straße gestellt hat, in der. beschämendsten Weise zu kapitulieren. Der Kriegsminister Friedrich kann sogar auf einen großen moralb» schen Erfolg Hinweisen, denn der Ministerpräsident hat im Namen des Ministerrat.es, dem auch der Obevkommandant Horthy beiwohnte, für die Oeffentlichkeit Erklärungen abgegeben, in denen Friedrich als ein bislang unantastbarer Ehrenmann hingestellt wird. In den Reihen jener - Bevölkerungsschichten, die man durch den Kampf hinter den Kulissen von Friedrich loSzulösen versuchte, hat man ihm nur noch größere Sympathien zugeschanzt. , Man darf eigentlich nicht vergessen, daß den Ausgangspunkt in diesem Kampf gegen Friedrich nur der Streit zwischen den Anhängern Erzherzog Josefs und den noch spärlicheren Habsburger-Freunden der S ch w e i z e r R i ch L u n g gebildet hat. Man wollte den Erzherzog Josef dadurch unschädlich machen, daß man Friedrich als seinen Sachwalter zu Boden zu strecken versuchte. Indes hat man in beiden Lagern die Rechnung ohne die Botschafterkonserenz "in Paris gemacht. Die Demarche, die der englische Vertreter in Budapest beim ungarischen Ministerpräsidenten unternahm, hat - die Hitze des Gefechtes recht kräftig abgekühlt. Man sah nun, daß die Nationalstaaten in ihrem Kampfe gegen die Habsburger in Paris gesiegt haben, und entschloß sich endlich, die Debatte über die Königsfrage ganz in den ' Hintergnrnd zu stellen.. Es ist bezeichnend für die Depression, die die habsbnrgfeindliche Demarche in den Gemütern der leitenden ungarischen Kreise wachgerufen . hat, daß man sich bereits mit dem Gedanken trägt, ein! Interregnum von ein bis zwei Jahren zu sckiaffen^ " mn erst dann unüekindert von äußeren Eüülütten jtf

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