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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-11 · Heft 379 (11.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 379 (11.2.1920)
Date
1920-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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I Urei« KeUee PrLnumerattons» preise: Wie«: gum «»hole« hi »er Expedition. L Sezirl, Tabor- Sraße 1 bIS 8, oder in einer Berschletßstelle lTrafik): Monatlich . . Kronen LS — IvierteltiihrNch »»- Bült Postversand für Wien und Oesterreich: Monatlich .. Kronen LS.-' Tichecho-Slowakeir Monatlich .. Krone» ff.— viertelsährtich „ 1*.- iu tschrcho-slowakischrrWährnng; Ungarn: Monatlich. . Kronen 13.- Vierteljährlich „ 30.— in ungarischer Währung Jugoslawien: Monatlich .. Kronen 9 — Vierteljährlich .. 27.— tn jngoslawischer Währung rener EipfelevtMpichUr vreis SO Helle» Pränumeratto«»« preise für Pol«« ■„ Mematlich .. j^ronea lS^w Bitrtelsährlich „ 89^ in polnischer Währung Deutschland: MontatUch . . . Mark &**& Frankreich: Monatlich . . Frank- 8M Jtälim: , Monatlich .... Sit« 3»--* Schweiz: Monatlich . . . Frank- S<-^ Redaktion n.Administratio» ' rstr^- Wten.S.Bez., Tabors S LelePhone: Administratio» 440 '". Redaktion 4331», ab « Uhr abend» Nr. 10301 Postsparkassenkonto 150408 Nr. 379 Wien. Mittwoch, den 11. Februar 1929 2. Jahrgang Die Streikepidemie. - v. 9« i mi, 1» g-e'n:": Die Arbeiter einer Wiener Brotfabrik sind in den?lu§stand . getreten, um die Entfernung eines nichtc»rgän!sierten Arbeiters durchzusetzen. Dadurch ist die Brytversorgung für ungefähr eine Million Menschen bedroht. Ohne untersuchen zu wollen, ob die Motive zu diesem Streik berechtigt sind oder nicht, mag doch einmal die Frage gestattet sein, ob der Streik überhaupt in einem Staat ein zulässiges.Kampfmittel ist, der von Not und Elend erschüttert ist, der die Wohltätigkeit reiner gewesenen Feinde cmrufen mutz und, dessen Kinder darauf angewiesen sind. Almosen ans der ganzen Welt zu empfangen, damit sie nicht gänzlich verkümmern. Das Staatsschisf ist in Seenot und die Mannschaft will aus einem unter anderen Umständen vollberechtigten Grund die Erfüllung von Forderungen erzwingen. Die Anwendung des Streiks als Mittel iw sozialen Kampf ist immer eine Frage der Taktik, und es ist, scheint uns. eine sehr unglückliche Taktik, die unter den jetzigen Verhältnissen wegen eines „Ungerechten" eine Million „Gerechter" leiden läßt. Der soziale Nebereifer der vielen, die vor dem Zusammenbruch Feinde der Organisationsidee und des GewerLjchastsgedankens gewesen sind, und nun mit einem Male mit dem Feuer des Renegaten Fanatiker des Klassenkampfes und seiner schärfsten Mitte! geworden sind, beschert uns eine Streikkrise nach der anderen. Esist rtwas Alltägliches geworden, datz die Angestellten jeder Ärt. ihrchl Forderungen keinen anderen Nachdruck zu qspseihen wissen, als derr"8er Streikdrohung. Nun hat der Streik früher dinnial in. der gewerkichaftlichen Bewegung eine ^größe Rolle gesielt, die sich -us: den Verhältnissen jener" Zeit, erklärt. Die sozial- Politische Gesetzgebung stand noch auf einem ziemlich niedrigen Niveau und die primitivsten sozialen und Hygienischen Matznahmen konnten von der Arbeiterschaft auf keinem anderen Weg erreicht werden, als durch den Streik, der solcher Art zu einem berechtigten Kampfmittel wurde. Die arbeitenden Massen standen in den Parlamentes den Vertretern des Großgrundbesitzes und des engstirnigen Großbürgertums gegenüber und hatten das Heer, die Polizei und noch mehr die Gerichte gegen sich. Die Arbeiterschaft mußte also das radikalste Mittel anwenden, den Streik, der eigentlich auf die Zeit der Zünfte zurückreicht und nun in der Hand des Proletariats zu einer furchtbaren Waffe werden mußte. Was aber in dieser Zeit im Kampfe gegen den KlassenegojsmuS des sozial rückschrittlichen Unternehmertums berechtigt war, dessen Exponenten Negierung und Parlament waren, d^s wird heute, wo das organisierte Proletariat den größten Teil der politischen Macht an sich genommen hat, zu einer großen Gefahr. Auch im gewerkschaftliche^ Leben muß der Sah gelten, daß der höchste Effekt mrt dem Aufwand möglichst geringer Anstrengungen anzustreben ist. Die Streiks von heute haben dieses ökonomische Prinzip fallen lassen und sind deshalb widersinnig geworden. Auch in der Zeit vor dem Krieg war die Stilllegung einer Brotfabrik von schweren Stockungen in der Versorgung der breiten Massen gefolgt, die man allerdings durch Heranziehung von Hilfe aus anderen Gebieten und aus dem Ausland ausgleichen konnte. Heute über ist ein'solcher Streik eine Gefahr für die Gesamtheit. Im schärfsten politischen Kampf hat die Führung der organisierten Arbeiterschaft bei der Anwendung des Massenstreiks immer darauf Bedacht genommen, den allgemeinen Verkehr und die Lebensmittelversorgung nicht zu stören. Heute einen solchen Streik zu beginnen, bedeutet nicht, dem Unternehmertum den Brotkorb höher hängen, sondern verhängt eine unverdiente Strafe über ein ganzes Volk für eine Angelegenheit, der die Bevölkerung unter den gegebenen Verhältnissen kein Verständnis entgegenbringen kann. Bei aller Anerkennung des Grundsatzes der Solidarität und bei allem Verständnis für Organisationsbestrebungen muß man doch feststellen, daß heute das Primäre die Arbeit ist, nicht bloß als Pflicht gegen die gequälte und gepeinigte Gesamtheit, sondern auch gegen die eigene Klasse, derep Schwierig, koiten durch die Stillegung eines für die Öffentlichkeit unentbehrlichen und unersetzlichen Arbeitsgebietes ins Unabsehbare steigen.! Die Massenstreiks, die unserer Zeit des Gepräge geben, sind, wie so viele andere Gewaltäußernngen. Kuder des Krieges» der .den Kultus, -er Gewalt zur Abschluß des Bürgerkrieges Die neue Losung Sowietrutzlunds: Brot und Lokomotiven. M o s k a «, 10. Februar. (Funkspr.) , Die Russische Telegraphen-Ägeritur teilt zum schlntz der Beratungen des Zentr^xMerv- Komitees mit, daß d'efer den! W e n d enn n k t des Bürgerkrieges und den A b s ch l u tz d e s Ham p s e s g e ge «die Invasion b'lde. Nun müsse der neue friedliche Kampf aRer Kräfte für den wirtschaftlichen Aufbau <b?ginir?rr. Die Losung lautö: Kohle, Brot, Lokomotiven; die Z'ele t°vn: Nahrung- Verkehr, Erzeugung. Der Friede mit Estland sei der erste wirkliche Vierstandic ungssriede; die Sowietrepubttk habe gezeigt, daß sie auch mit bür -erlichen Negierun en in c.ut nachbarlichem Einvernehmen leben könne. Nun erfordere der Kampf gegen die wirtschaftliche Desorganisation die strengste Disziplin, Wobei die Diktatur des Proletariats in ihrer ganzen Kraft al^ Q u eile des neuen produktiven Gesamt- Lebens erscheine. höchsten Gottheit erhebt. Der'Krieg ist aber auf Zerstörung gerichtet. In der Zeit aber, die wir durchleben, ^Handeld-.M.^Hchtzjrw-W.WichexhersLeWng^-- i# ArbeitsmöglichkeiL, um »die Arbeit uls bewegendes und'' erhaltendes Prinzip; W'eltanschauungsfragen . oder Parteikonflikte können heute noch weniger als früher durch Gewalt gelöst werden. Der Krieg hat Millionen von Männer ihrem Beruf entrissen, der Arbeit entwöhnt und sie moralisch entwürdigt. Nun ist. die Zeit gekommen, in der die Menschheit erkennt, datz der Krieg kein Mittel ist, um irgendeine Frage zu klären.-Sie will sich zur Arbeit zurückfinden. Und deshalb sind die unsinnigen und unverständlichen Streiks ein Rückfall in die Barbarei des Krieges. Budapest vor neuen isLürmen? Von «"serem Bu^'iestev Berichterstatter. Wenn die ungarische Friedensdelegation am 12 d.M. wieder in Neuilly eintrifft, dürfte sich Graf Apponyi kaum mit besonderem Stolze auf die fönsolidierten Verhältnisse in der Heimat berufen können. Es ist in Budapest ein offenes Geheimnis, daß sich hier hinter den Kulissen gerade in diesen Tagen die schwersten Kämpfe äbspielen. Die Frage, welche Staatssorm Ungarn endgültig erhalten soll, ist zwar durch die vorgesehene Form des Plebiszits noch nicht zu Klärung - gelangt, und doch beginnt schon mit Rücksicht aus das höchst verdächtige Wahlergebnis der Streit um die Person des künftigen Königs. Man hat zwar eine andere Frage hier in den Vordergrund geschoben, um der Botschafterkönferenz in Paris Sand in die Augen zu streuen. Tatsache ist jedoch, daß es nicht die Frage des provisorischen Staatsoberhauptes allein ist die jetzt die Wogen des Kampfes so hoch anschwellen läßt, daß Budapest beinahe den Eindruck einer vor einem neuen Umsturz stehenden Stadt macht. Seit Tagen sind aus den Donaubrücken Maschinengewehre ausgestellt, Patrouillen in Stahlhelmen durchziehen die Straßen, in den Kasernen wird strenger Bereitschafts dien st gehalten. Erzherzog Josef mußte sür einioe Tage Budapest verlassen, da die im. Umlauf befindlichen Putschgerüchte sich auch mit seiner Person befaßtem Er ist zwar früher, als seine Gegner angenommen hatten,-von Alcsut zurückgekehrt, um hier mit dem letzten moralischen Rüstzeug, das ihm zur Verfügung'steht, sich am Kampfe um den Thron zu beteiligen, tatsächlich-ist er jedoch ein erledigterMann. Doch nicht nur von ihm wird dies in den jetzt, ganz unter dem Einfluß des Obenommandanten Horthy stehenden politisck^n Kreisen behanpt'et. sondern auch von dem bisher stärksten und gefürchtetstcn Mann in Ungarn, dem Kriegsminister Stephan Friedrich, der sich sowohl mit dem Oberkommandanten, als auch mit dem größten Teil der Regierung in offener Fehde befindet und vor dessen Putschavsichten Budapest schon seit einiger Zeit zitterte. Der Diktator Friedrich ist dem Diktator Horthy, dem in Budapest allein 30.000 Bajonette zu Diensten stehen, unterlegen. Friedrichs Pläne, wieder an die Spitze der Regierung zu gelangen, sind gescheitert, ja er ist überhaupt unsichtbar geworden, so daß sich das bisher unbestätigte Ge», rücht hartnäckig aufrecht erhält, er sei über Befehl des Oberkommandanten verhaftet worden. So viel, steht fest, daß Horthy jetzt alles daransetzt, um der öffentlichen Meinung seinen Willen aufzuzwingen und sich von der Nationalversammlung die Würde detz provisorischen Staatsoberhauptes verleihen zu lassen.; Es steht bereits außer Zweifel, daß Horthy'-! falls nicht sein Unterfangen von Paris ams verhindert wird, der Gouverneur von Ungarn wird und dann nebst der höchsten militärischen auch di^ höchste politische Macht im Staate in die Hand bekommk- Was dies zu bedeuten hätte, darüber muß sich woW jedermann im klaren sein. Gestützt auf ein unter dem! weißen Terror zustande gekommenes Scheinparlament! würde Horthy einfach eine verschleierte Militärdiktatur! anfrichten,. die dann jene Verhältnisse auf die Spitzes itreiben würde, unter denen die Bevölkerung schon bis»! Her furchtbar zu leiden hatte. f Es ist interessant, datz bei allen diesen Vorgänge»! Graf Apponyi, der Präsident der ungarische»! Friedensdelegation, der selbst nach der Stelle des Goa»! verneurs. . strebt, gleichfalls an die Wand gedrängt! würde. Mim wies seinen Einwand Zurück, daß die Frage! der Ernennung eines provisorischen Staatsoberhauptes! erst nach seiner Rückkehr aus Neuilly aus die' Tagesord-! nung der Nationalversammlung gestellt werden foCLj Apponyi hofft nämlich, in Paris wenigstens moralisch so gut abzuschneiden, daß er bei seiner Rückkehr nodji! Budapest dann um so leichter Horthy aus dem Sattel heben könnte. Darauf läßt sich Horthy natürlich nicht ein und bietet alles auf, um seine schon am ersten Tag^ der Nationalversammlung zu gewärtigende Wahl zum Staatsoberhaupt zu' sichern. Er will dann allmählich die Würde eines Regenten erlangen, während der SohG -es EL-Königs Karl, der kleine Kronprinz Otto, zum König von Ungarn s gekrönt werden soll. Horthy läßt sich durch den Hinweis auf ein eventuelles Einschreiten der Entente in seine» Plänen nicht behindern, denn er glaubt, durch die Angst' vor den Bolschewiken die Botschasterkönferenz in Paris in Schach halten zu können. Er lätzt bereits jetzt Vor< bereitungen für die Einberufung aller wehr< fähigen Männer bis zum 32. Lebensjahr/ treffen. Ueberdies arbeitet sein Generalstab an einem angeblich Ende März zu verwirklichenden Aufmarsch»! plan der ungarischen Truppen in den Karpathen,- um von vornherein ein Bollwerk gegen die Bolschewiken zu schassen. Es bleibt nur abzuwarten, wie sich alle diese Pläne Hörthys unter dem. Einflüsse der weiteren Ereignisse in Neuilly endgültiK gestalten werden. Für den Wiederaufbau Oesterreichs.^ London, 10. Februar. (Korr.-Bur.) Anläßlich des Besuches österreichischer Knusleute und Fabrik inte« in London ist die Gründung einer aus Bankiers, Kaufleuten und Fabrikanten bestehenden Vereinigung ins Auge gefaßt worden, um den Wiederaufbau Oesterreichzu erleichtern. Die Verhandlungen haben die Ueber» zeugung ergeben, daß einzelne, auf sich selbst angewiesene! Firmen, nicht in der Lage seien, die von den neu entstandenen Nationalstaaten aufgerichteten wirtschaftlichen Schranken zu befestigen. Diese Schwierigkeiten könnten jedoch bei Mitwirkung ftemdländisch.er, freundlich gesinnter - privater Geschäftsleute leicht beseitigt werden. Unmittelbare Rcgierungsunternehmungen erschienen nicht zweckmäßig, da dies zu politischen Ber^ Wicklungen führen könnte. Man rechnet damit, daß die , private Unternehmcrvereinignng viel dazu beitrage» werde, die Industrie in den notleidenden Staaten i* Gang zu bringen, nnd hofft, daß aus der Wiederbelebung der Industrie der Austausch der landwirtschaftlichen Er. zcugnisse, der durch den finanziellen und politische« Niederbrnch der Staaten gänzlich ins Stockm.^rrair» ist, bald wieder rege emjetzeu werde» Ä € ' --'Ä : K ft";üf '<•. 4:

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