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Wiener Morgenzeitung · 1920-02-08 · Heft 376 (8.2.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 376 (8.2.1920)
Date
1920-02-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Gkyel-esnchlMrr Irris Pranumerationspreise: Vien: Anm Mholen in der <W»editto». L Bezirk» Tabor» ftraßr 1 bis », oder in einer . Berfchleißstelle Grafik): Monatlich . . Kronen l*.- lvlertekjiihrttch ». »»- Mit Postoersand ^ür Wim und Oesterreich: Monatlich .. Kronen 13.— Ttchrcho-Slowakei: Monatlich .. Kronen «.- PiertelMrlich „ Js.— «tschecho-slowakischerWLHmng Ungarn: Monatlich . . Kronen 1».— Vierteljährlich »» 39.— in nagarischer Währung Ingoslawim: Monatlich . . Krone« 9.— vierteljährlich ». SV.— t» jugoslawischer Währung fss* 91t. 376 rener Vreks SO grllr» PrLnumerattops« preise für Polm: Monatlich .. kkronen 13^ Vierteljährlich .. 89rs in polnischer Währung __ Dmtschla»»: _ » Monatlich . . . Mark S.-j Frankreich; s Monatlich . . FrankS S«^ Jlalim: < Monatlich ... .Lire 3.4 Schweiz: Monatlich. . .FrankS Redaktion n.JldmlnIstratio» Wten.«.Bez.»TaborstrUi-H Telephone: Admintstratlog 44<» Redaktion 43319 ab « Nhr abend» Nr. 1630* Postsparkassenkonto 150.691 Wien» Sonntag, den 8. Februar 1920 2. Jahrgang Vm Die Nutznießer der Bolschewikenfnrcht. Wr W l e n. 7. "0,7. Die Angst vor dem Bolschewismus ist ein gangbarer Artikel geworden, den die neugeschaffenen oder durch die Friedensverträge vergrößerten Staaten dazu benützen möchten, um ihren Kriegsgewinn zu steigern oder zumindest für lange Zeit zu sichern. Was unzulängliche, kurzsichtige Ententepolitik nach fünfjährigem völkermörderischem Kriege mühsam zusammengestückelt hat, droht schon auseinänderzufallen, noch ehe die einzelnen Mücke Zeit hatten, sich in einander festzufügen und die Unkenntnis der wahren Gebietsverhältnisse auf schwankem Fundament aufgeführten nencn Staatenßöbäude wanken,« ehe der Mörtel, der sie Zusammenhalten soll, trocknen konnte. Eine. Angst befällt alle diese Maaten und' ihre Regierungen, 'eine Angst ‘ vor dem VÄHewismus, eine Höllenangst,-,die ihrer Meinung nach amdurch neue Kriege beruhigt werden könnte. Glaubt Mn diesen kleinen Regierungen,'dieeine so großes Angst M Schau tragen, wirklich, daß es sich ihnen nur um ^e'-Verteidigung ihrer eigenen Existenz handelt, wenn fteden Ministerratssäl'en der europäischen Groß- Nächtö' den röten Teufel an die Wand malen und sich -über von der Londoner und Pariser Kriegshetzerpresse seki'mdierenlassen? ' - - - Man vergegenwärtige^ sich doch -einmal, wie die Ntuätion heute'tätsächlich liegt. Söwietrußland hat erst - IkiuiNäniert^dann' Polen den Frieden angeboten und steht überdies Mit den^DtirertÄi M ihres Gesstmtheit-m-an- > gebÜch ünösflziellen KrieLett§verhündlüügöll.'Däs. wird ja Son den Beteiligten ohneweiters zugegeben. Ebenso, daß / Mwietrußland bereit ist, Garantien zu bieten für die HrÜstellüng jeder bölschewikischen Propaganda außerhalb' Rußlands. Daneben steht die Tatsache, daß die Vü!en1e zur Ueberzeugung gelangt ist, daß eine wirtft5)chtliche Gesundung Europas' völlig' 'ausgeschlossen Mbt, solange Rußland, dieses unerschöpfliche Reservoir in- Rohprodukten, außerhalb des Friedenskonzerns der europäischen Völker steht,-und hat in Erkenntnis dessen blo 'Blockade über' Rußland, sagen wir, aufgehoben imb die i Anknüpfung von Handelsbeziehungen ‘ zu diesem Lichde frei'gegeben. Wird aber all das zugegeben, so muß dem gesunden Menschenverstand unbegreiflich sein, Deshalb eigentlich jetzt abermals mit der Kriegsfackel herumgefuchtelt wird? Unter den eben bezeichn eten Voraussetzungen hatten die geängstitzten Regierungen^ einfach zu prüfen, ob die angebotenen Garantien Sowietrüstlands. hinreichen ' und der Einladung : der Sowietce.^ierung, sich von den tatsächlichen Verhältnissen in Rußland zu überzeugen und festzustellen, ob Lenin, und Trotzki jene Macht in Rußland verkörpern, die sie vertrogsfähig macht. So lange dieser einfache und kürzeste Weg nicht eingeschlagen wird, kann man die Empfindung Et loswerden, daß oie politischen Verhältnisse nicht jo. i ehr in Rußland, als vielmehr in dem neuen'Europa, finii ganz besonders in den Staaten der Großmächte M Klarheit alles zu wünschen übrig lassen. ' Diese Unsicherheit der Verhältnisse in den Ententestaaten ist es, die sie mit Angst erfüllt nicht nur vor öen Bolschewiken, sondern vor dem Bolschewismus. Die Nntente und alle ihre Altsgehaltenen glauben, vor de;n Bolschewismus im eigenen Lande nur dann sicher sein jn können, wenn sie den Bolschewiken in Rußland den ' Frieden verweigern, hie Sowiets stürzen und Rußland vorn Kommunismus befreien. Da aber ihre eigene Be- Mkerung für neue Vlutopfer höchstens noch gegen das ihnen verhaßte Deutschland, aber nicht gegen Rußland iju haben wäre, so soll ein etwaiger Krieg gegen Rußland mit den Menschen der Nachbarstaaten Rußlands, vornehmlich Polens und . Rumäniens, ausgefochten werden.; Und nun zeigt sich die ganze Brüchigkeit der Nriedensverträge von Versailles und Saint-Germain. Polen sowohl wie Rumänien spekulieren auf diese Angst bcr Entente und wollen sie selbst cmf Kosten der ( Friedensverträge fruktifizieren. Vor wenigen Tagen hnst hat „Kurjer Poranny" in einem den Ungarn ge» widmeten Artikel die Wünsche und Beschwerden der Paten ganz klar und deutlich allseinandergesetzt. Dar- »roch fordere Polen eine gemeinsame Grenze mit Ungarn, um im Süden gesichert zu sein, denn die Lage, die durch hie Tschechen geschaffen wurde, zwinge Polen, die Südgrenze stets unter starker Bewachung zu halter^ MÄerarrd verspricht Oesterreich Hilfe. Durchführung eines rrmfarrgreichen Wirtschafts- Paris, 7. Februar. Der Präsident der Botschafter- . konferenz, M i l l e r a n d, empfing im Beisein des ehemaligen volitischcn Seltionschcss im Ministerium des Aeußern, B e r-. thelot, der gegenwärtig m Abwesenheit Dutastgs die; Funktionen eines Generalsekretärs ' der Botschafterkonferenz versieht, beute mittags die Staatssekretäre Dr. Loewenfeld - N n.ß und Dr, N e.r s ch, begleitet vom Bevollmächtigten Eichhoff, zu einer längeren Konferenz. Beide - Staats-; sekretaredankten zunächst Millerand für ° den Empfang und setzten die Gründe ihrer Anwesenheit in Paris und die außerordentlich schwienge Lage Oesterreichs vom finanziellen und ernührungspvlitischen.Gesichtspunkt auseinander. Hierbei betonte Staatssekretär für Finanzen Dr.' Reisch, daß die Negierung und das Volk Oesterreichs nicht.ständig als Bettler ’ cmftrcten wollen, sondern vielmehr eine gründliche Aendernng der Lage durch die Ausführung des finanziellen und wirtschaftlichen Programmes anstreben und hierbei auf die Hilfe der französischen Negierung rechnen. Präsident M i l l e r a n d, der die Schilderung der Verhält,risse in Oesterreich mit dem größten Interesse entgegennahm, erklärte, daß die. französische Regierung Oesterreich mit teilnehmender Sympathie gegen übersiehe. Die Staatssekretäre könnten versichert sein, daß alles, was möglich sei, geschehen werde, um die Verhältnisse in Oesterreich, nicht nur für den Augenblick, sondern auf die Dauet zu bessern. Millerand bemerkte, daß es notwendig sein werde, ein auf den wirtschaftlichen Wiederaufbau berechnetes, über die Tagesnot Dnausreicheudös' ProD'Mun zu entwerfen, und ' förderteSttr ^RepaEköM^ kommission Vorschläge bekanntzugeben. Staatssekretär Dr. Loewenfeld-Nuß wies darauf bin, daß die österreichische Negierung alles daransetze, um ein aus die Dauer berechnetes wirtschaftliches Programm - durchzusühren, daß aber die gegenwärtige Not einer unmittelbaren Abhilfe bedürfe, die' soforfige Maßnahmen notwendig mache. Paris, 7. Februar. Die Staatssekretäre Dr. Reisch und i Dr. L o e w e n f e l.d - N u tz statteten dem Chef der wirtschaftlichen- Sektion / des Ministeriums'-. des Aeußern, - Seydo.ux, einen Besuch ab, in dessen Verlauf die finanzielle .und die Ernährungslage Oesterreichs eingehend besprochen wrrrde. Sehdoux ließ sich über die Verhältnisse aufs genaueste unterrichten und anerkannte den von den beiden. Staatssekretären vertretenen Standpunkt, daß zur Sanierung der österreichischen Finanz- und Ernährungssituation ein - umfangreiches wirtschaftliches Programm durchgefükrt werden müssen und erörterte 'die Grundzüge, die für ein solches Programm in Betracht kämen. Der tschechische Korridor bilde für Polen eine ständige Bem.ruhignng. Solange die'Tschechen sich auf slowakischem Boden befinden, sei der Besitz Schlesiens für Polen unsicher, da es von den Tschechen von Westen , und Süden her auf einmal angegriffen werden kann. Aber auch Ostgalizien sei ein Schmerzenskind Polens, dessen voller Besitz ihm nur infolge der diplomatischen Arbeit der Tschechen entrissen worden sei. Selbst das Blatt Klofac', das „Ceske Slovo", das als polenfreundlich galt, habe sich gegen die Ueberlassung Ostgaliziens an Polen gewendet. Der tschechisch-rnssische Korridor sperre schließlich Polen von Rilmänien, beziehungsweise von der > wichtigen Verkehrslinie zum Schwarzen Meer ab. Der Artikel schließt mit der Feststellung, daß alle Polen darin einig seien, „daß der tschechische Korridor, der gewaltsam an Tschechien angeschlossen wurde, aufhöre, und daß das slowakische . Gebiet den gewalttätigen Händen der tschechischen Imperialisten entrissen werde, um die sonst sicheren Revolutionen in Mitteleuropa zu verhüten." Das ist ein Teil des Wunschzettels, den Polen jetzt bei Fruktifizierung der Bolschewikenfürcht honoriert sehen will. Noch klarer steht die Sache mit Rumänien. Der Bukarester Berichterstatter des „Temps" teilte dem Blatte Ende Jänner das Ergebnis seiner Unterredung mit, die er mit den maßgebendsten rumänischen Politikern hatte, und schreibt: »In diesem Augenblicke, nach den Erfolgen der Noten russischen Armeen, ist die rumänische öffentliche Meinung völlig nnoricntiert über die Stellung der Alliierten zu den Moskauer Bolscheroiken. Aus meinen Gesprächen mit den führenden Politikern der Regierungs und -er oppositionellen Parteien geht hervor, -atz Ölwuäiuen durchaus nicht disponiert ist, eine Offensive gegen die Armeen Trotzlis und Lenins zu unternehmen, und eS ist auch nicht in der Lage, dies zu tun. Hingegen könnte die runmnische Armee. gemeinsam mit der polnischen mit . wirkungsvoller Defensive den bölschewikischen Vormarsch gegen Westen aufhalten. Dieses Unternehmen würde aber durch zwei Vorausetzungen erleichtert werden. Erstens . wäre es sehr erwünscht, daß die rumänische öffentliche Meinung bezüglich Beßarabiens Zusicherungen erhalte (sic!). Zweitens könnte Rumänien diesen Wachtdienst^ nur dann übernehmen, wenn es für! seine Armee unverzüglich . materielle Hilfe in Lebensmitteln, und Munition und über» > dies ausgrevige finanzielle Hilfe erhielte." V, Soll' Noch darauf hingewiesen werden, daß selbst! die Türkei sich der Entente als Schutzmacht gegen die Bolschewikenfürcht anbietet, wenn ihr — Konstantinopel gelassen wird? Von Ungarn, das jetzt für seine Mederschlägimg des Bolschewismus im eigenen Lande so viel als möglich. heraüsschlagen' möchte, gar nicht zu reden. Man sieht, wie die Furcht vor dem Bolschewismus allmählich das ganze Frieöenswerk zu erschüttern droht! Der Bolschewismus ist ein Problem, dem man mit einer solchen reaktionären Allianz, wie sie jetzt ausge- / rüstet werden soll, nicht wird beikommen können. Man / wird sich mit ihm auseinandersetzen müssen, aber nichts indem man^ Nutznießer der Bolschewikenfürcht gegen ihn.mobilisiert. j Auf der anderen Seite wird es auch der Sowiet^ regjerirng endlich klar werden müssen,' daß ihre Bo-' hauptung, mit,Europa in Frieden leben zu wollen, nur dann Glauben finden kann, wenn sie sich so einrichtet, daß ein demokratisches Europa neben ihr fidj unbeeinflußt frei entwickeln kann. Möge dann ein ^.Kampf. der . Neen . utzd .Mcht der blutige Kampf der Waffen entscheiden, dessen' Enös niemals -abgeseheü'- werden kann. . . <4 . Rrmd «m die Vermögensabgabe.^ Bon rrNferem Parlnmentsberichteestatter. ' -i\ Der Streit um die Vermögensabgabe steh'E hart vor der Entscheidung. Der Aufmarsch der Parteiest ist vollendet. Gestern sind die unentwegten Streites gegen die Vermögensabgabe, der Bund der Jndu^ stiellen und der Nie der österreichische Gei werbeverein mit einer Kundgebung vor Mq Oeffentlichkeit getreten, in der jede Vermögensabgabe prinzipiell und das Reisch'sche Operat wie die bekannten B a u e r schen Anträge im besonderen abgelehnt werden. Den guten Gründen, die die beiden! Korporationen für ihre Haltung anführen, ließe sich' eine Reihe noch besserer anfügen, ob sie sich aber auch durchsetzen und auf den grundsätzlichen Widerpart Ernj druck zu machen vermögen, hängt nicht in letzter Linie^ von dem Anwalt ab, der sie vor dem entscheidenden! Forum — im vorliegenden Falle ist dies die National^ Versammlung — zu vertreten haben wird. Wohl gibt! es in der Nationalversammlung sowohl im christlich-! sozialen wie im grotzdentschen- Lager Gruppen, die in ihren Gedankengängen um bie Vermögensabgabe herun^ der erwähnten Auffassung sehr nahe gekommen sind^ aber ob die Opposition genug taktisches Geschick haben wird, im Laufe der'parlamentarischen Behandlung das R'bichsnotopfergesetz unter Ausnützung dieser ihr entgegenkommenden Bestrebungen zu Fall -zu bringe^ Möge dahingestellt bleiben. Ihre bisherige Taktik war ein Kampf um Zeit^, gewinn; er hat gewiß die Vorlage des Gesetzes vor die Nationalversannnlung verzögert, wenn auch, die ver^ spätete Einbringung gewiß nicht ohne den Willen des' Staatsamtes der Finanzen erfolgte, das vorerst bie? parlamentarische Verabschiedung des Deutsch e n Reichsnotöpfers abwarten wollte, um mchk einen Sprung ins Dunkle zu tun. Das Gwetz wurde dann beileibe nicht als Regierungsvorlage, sondern als Entwurf des Staatssekretärs der Finanzen, in dem ein! paar Sonderwünsche der Mehrheitsparteien Aufnahme! gefunden hatten, üuf den Tisch des Hauses gelegt. Ein^ geschickt geführte Opposition hätte alle Trü,npfe in der! Hand, das Gesetz zu verhindern. Man bedenke: Ti« Verhqndlungsgrimdlage... soll ein Operat . bilden, zrt dessen Vaterschaft sich sein Antor nur bedingt bekennen kann;^ hat es doch Staatssekretär Dr. Reisch selbst als ein Kompromiß zwischen seiner finanzwissenschaft^ lichen Ueberzeugung und den Rücksichten auf die Parteien bezeichnet, als eine mittlere Linie, auf der sich die verschiedenen Anschauungen finden könnten. DM MchrheitSparteren sind über das Prinzip der Ver»! mögensabgabe nur mjoferne emig, als M di?s lM tzßW

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