Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 371 (3.2.1920)
- Date
- 1920-02-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Me Liste der Personen, deren Auslieferung die Untente von Deutschland verlangt, wird täglich länger trnd umfaßt heute so ziemlich alle Männer, die während des Krieges in Deutschland in den leitenden militärischen und bürgerlichen Stellen gestanden sind. Hindenbürg, Ludendorff, Tirpitz, Capelle, Mackensen, Brilon», tzber auch Bethmänn-Hollweg, Helfferich und selbstverständlich eine Menge Prinzen sollen der Entente überzeben werden, um vor einem, noch zu bestinrmenden Verichtßhof über irgend etwas abgeurteilt zu werden, vasihnerr von irgend jemandes zur Last gelegt wird und Pas die Oeffentlichkeit bis heute, nicht kennt. Das Verhalten der Critdnte zu dieser Frage ist von einer gerechten Würdigung der Vorgänge im Krieg soweit entsernt, wie ihre Firedensverträge von Einsicht und Billigkeit. Die Enteme gibt nicht bekannt, weshalb sie fctex kluslieferung der 850 Deutschen verlangt. Sie umschreibt den Zweck ihrer Forderung höchst nebulös und sage mit der Angabe, daß sich diese Personen gegen das Völkerrecht vergangen und Grausamkeiten angestellt hätterr, deren Sühne das Rechtsempfinden der Welt Verzüge. Nun muß man daran erinnern, daß Grausamkeiten eben zum Kriege gehören, daß der Krieg selbstrine elende Bestie ist und Laß seine Anbeter durchaus aicht'auf deutscher Seite allein zu suchen sind. Es hat such in England, in Frankreich und in Italien Leute genug, gegeben, die lange Jahre vor der Weltkotaftrophe 3 dem Feuer. gespielt und den Gedanken des be° neten Zusammenstoßes.populansiert haben.. Es^ hat > hört - tzewissenWMlMMe' O^ eine Witisch-friedliche -Lösung her' inkenratiönalen /Streit-< fragen int Interesse ' und im Auftrag ruhmsüchtiger öeneralstäbler und Rüstüngsinduftrieller verhinderten »nd die Lunte so lange vor dem Pulverfaß schwenkten^ bis das Unglück' fertig war. Es hat englische Admträte gegeben, die mitten im Frieden von einem Ueberfall auf die deutsche Flotte und von der , Landung englischer Truppen auf deutschem Boden träumten und auch, öffentlich davon redeten. Daß die Zündeleien dieser Leute gefahrlos. blieben, hat man nur den Regierungen zu danken, die das Unglück des Krieges in seiner Große rechtzeitig erkannt hatten und denen alles daran lag, die Hetzereien,, deren Schauplatz die Zentralstaaten waren, in den nötigen Grenzen zu. halten. Daß' die Ententeregierungen in der entscheidenden Stunde nicht die Kraft besaßen, öffentlich und rückhaltlos den Krieg als politisches Mittel abzulehnen, ist ihre schwere Schuld, die, nur relativ genommen, hinter der Schuld', der Berliner, Petersburger und, Wiener Brandstifter) znrückhleibt. Diese Schuld der Ententestaatsn ist durch die über den Waffenstillstand hinaus um fast ein volles Jahr verlängerte, Blockade gegen Mitteleuropa bis zu einem solches . Grad gestiegen, daß man sich nicht wundern dürfte, wenn heute die öffentliche Meinung in Deutschland und Oesterreich das Verlangen nach Auslieferung der deutschen Generäle und Staatsmänner mit der Forderung nach Auslieferung der Blockadeverlangerer beantworten würde, denen das Hin siechen und Sterben so vieler unschuldiger Kinder in Mitteleuropa zur Last fällt. Die Schuld der von der Entente verlangten Männer liegt zunächst darin, daß sie einem Befehl gehorcht haben. Ihre Haltung zum Problem des Krieges war durch ihre ganze Weltanschauung bedingt, die sie von Kindheit an in sich ausgenommen hatien und die sie mit dem imperialistischen Bürgertum Deutschlands teilten, daß nämlich der Monarch als Stellvertreter Gottes auf Erden der Lenker des Staates sei und die Entscheidung über Krieg und Frieden in seinen Händen haltet Der König — so hat die deutsche Terminologie immer und immer wieder betont — ist unverantwortlich und bat für sein Tun und Lassen nur dem eigenen Metoisscn Rechenschaft zu geben. Es ist aber sicher wabr, daß die Krieqfiibrung der deutschen Heeresleitung unerhört grausam war, daß sie unnötigerweise große weite Landstriche verwüstet und zerstampft hat; es ist wahr, daß sie Arbeiter und Arbeiterinnen aus Belgien nach Deutschland zu Sklavendiensten abgeschöben hat; es ist wahr, daß auf Befehl der deutschen Generäle in Polen und Rumänien, > in Serbien und Oberitalien Maschinen abmontiert und nach Deutschland geschafft wurden, daß man der Bevölkerung in den besetzten Gebieten die Wäsche vom Leib genommen hat, um sie in daL Hinterland zu transportieren. Die Männer, aus Die finanzielle Lage Europas. Paris, 2.Febxuar.(Korr.-Bur.) Nach einem Nadwtelegrarrrm ans W a s h! tt g t o n vom 31. Jänner fand im amerrkanischen S?naL eine ^rotze Deb atte siber die sin anzielle Lage in Euro p a statt. Die Besprechung würde vom Senatotz Smith eingolektet. der die einzelnen Finanzberichte fremder Legierungen kritisierte uyd feststem e, daß die verschiedenen Negierungen augenblicklich Amerika 325 Millionen D o llar Zinsen für belvillifite Anleihen schulden. Senator Smo o t erklärte, die Vereinigten Staaten könnten augenblicklich nicht die Znrückkzühlung ihrer Forderungen verlangen, wohl aber die Zahlung der Zinsen. Senator W a l s h dr''ckte sein Erstaunen -Mer die^Lan'mut der Bereinigten Staaten gegenüber ihren Schuldnern aus. Er erklärte r Man sagt uns, daG mehrere dieser Lander Hunderte von M i l l Ionen arrsaebsn, um eine mächtig0 Luftklotte zu besitzen. Dadurch Erklärt sich die Tatsache, daß so verarmte Nationen nicht einmal die Zinsen für das Geld bezahlen können, das wir ihnen geliehen haben. Außerdem stellen sie weitgehend? militärisch e Programitte auf die sie mit dem von uns erhaltenen Gelds ausfü ren wollen. Senator K i n ü sagte, daß l a n g f r i st i q e A-.p:.e.chMe n h K-iMAf ifßinicht nur um hir ^tztadten Mätzen die Sicherheit von Europa zu gewährleisten. Senator S m ijth drückte die Meinung ans, datz, wenn E rgland, das gegenwärtig 144 Millionen Dollar schulde, diese Summe bezahlen wüxpe, die Vereinigten Staaten sie dazu verwenden könnten, u ttt P o l e n und O e st e r p e i ch z u helfe n, die tatsächlich Hungers sterben. Verlangen der Entente ist nur darnach angetan, Rt Männer, die das deutsche Volk schon gerichtet hat, indem es sie aus dem öffentlichen Leben jagte, mit einer Gloriole des Märtyrertums zu schmücken und ihnen neue Anhänger in Deutschland Zuzufiihren, die ebenso vom Rausch der Revanche benebelt sind und Deutschland nW zur Ruhe kommen lassen. Die Partei der Kriegshetzer,' die heute durch das Hin- und Herschwanken der deutschen Regierung fortwährend Zuzug erhält und schon offen den Bürgerk^jeg mit dem Ziele der Rückberufung der Hohenzollern ankündigt, würde den Kampf mit neuen Schlagworten führen können, die um so gefährlicher sind, als sie "den Schein des Rechtes für sich haben. Es kann nicht im Zuge der Politik der Entente liegen, einen neuen Kireg herbeizusühren, aber sie würde dies erreichen, wenn sie das Verlangen derer erfüllt, denen noch zu wenig Blut geflossen ist und denen die Verwilderung noch nicht weit genug gediehen zu sehlt; ' scheint. Wie die Erwischten schreien. _ > Der Dr. KärpeleS, dem der Staatskanzler Renner in offener Pärlamentssitzung einen brennheißen Peitschenhieb' über das ganze Gesicht gezogen hat (einen gekauften Rentt gaten hat er ihn geheißen), begnügt sich nicht damit, auf der?! Sensationsjagd nach kommunistischen Putschen Kanälgitter. auszuheben. Cr ist in den wahrscheinlich gut bezahlten Dienst! des Bankhauses Kola, getreten und hat die Pflicht auf sich' genommen, die Verteidigung der vom Abgeordneten Stricken scharf angefaßten*^Schieberpresse; zu besorgen. Er tut daß, indem er im. „Neuen Tag" vom 1. Februar folgendes schreibt^ deren Esihl diese Gemeinheiten,und Brutalitäten ge-; schehen sind, gehören vor ein Gericht, und es wäre viel i verständlicher, wenn die Entente öffentlich die Anklage j erheben und die Aburteilung der Verantwortlichen vor! den deutschen^ Gerichten fordern würde. Die öffentliche Meinung würde eine solche Anklage wie einen reim- ,, genden Akt etnpfinden und ihre Macht wäre eine so große, daß sie sogar die Noskeschen Gerichte dazu zwingen würde,. denr beleidigten Rechtsempfinden Genugtuung zu schaffen.-. Der Weg, den die Entente einschlägt. Hann dieses Ziel me erreichen, weil sich jeder Mensch dagegen auflehnen mutz,, daß irgendein Angeklagter seinem gesetzlichen Richter entzogen, wird. So begrüßenswert es ist, daß ein internationaler Gerichtshof geschaffen wird, um die „Verbrecher am Geiste", zur. Verantwortung zu ziehen und den. ewigen Giftmischereien der Geheim- Diplomatie und gloirelüsternen Sabelhelden ein Ende zu mackM, so ist es doch klar, daß eine 'solche Institution nur mit Zustimmungaller Staaten und Volker errichtet werden kann, weil nur dann das nötige Vertrauen in die Unparteilichkeit und Rechtlichkeit' dieses Forums erreicht. wird. Ein Gerichtshof aber, den die Entente damit betraut, die deutschen Offiziere und Politiker abzustrafen, wäre kein Gericht, sondern höchstens eine mit Exekutivgewalt ansgestattete Versammlung von Staatsanwälten, und ihr Spruch wäre eine Karikatur des richterlichen Verfahrens. Was. könnte die Entente erwidern, wenn zum Beispiel Hindenburg zu seiner Verteidigung die Tätigkeit der Brussilowschen Kosaken in Ostgalizien und in der Bukowina oder die Leiden der deuttchen Zivilgefangenen in Afrika zitieren würde? Man hat schon bei der Kritik der Friedensverträge von Versailles- und Saint-Germvin darauf hingewiesen, daß es sich dort vielfach um Einflüsse.der Revanchegenemle gehandelt hat, die mit Deutschland und Oesterreich keinen Frieden wünschen, sondern einen bis ins letzte Detail durchgearbeiteten Vernichtungskrieg atrstreben, der alles Leben in Mitteleuropa auslöschen will. Derselbe Nachegeist spricht aus dem Verlangen nach Atrsliefernng der „am Kriege Schnldtragenden", vielfach aber auch der Haß der vielen von den Generälen der Mittelstaaten geschlagenen Heerführer der Entente. Das i ist, allein unter" deuWiener Morgenblattern die Tradition) nationasiftifchen' Stumpfsinns pflegt) griff gestern in uit«' erhört rüden Ausdrücken den Redakteur' unseres. Volks«' wirtschaftlichen Teiles, Dr. Schwoner, an. — weil ihr eine Karikatur nicht , gefallen hatte, in dex unser Carl Joses die Valuta-Anleihe nach seiner Art behandelt hatte. ' Der „Angriff" ist so lächerlich, daß wir uns nicht weiter mit ihm befassen möchten. Nur eines wäre dazu-Z«j bemerken' Die „Wiener Morgenzeitung" bringt keine Karikaturen. ,Das ist sehr schade, denn sie besitzt einen unnachahmlich drolligen Karikaturisten. Leider darf er nicht! zeichnen, .sondern muß politische Artikel schreiben. B»i uns - ist das nichtso. Bei uns sind die polittschen Artikel ernst und die Karikaturen lustig." Es will der Spitz aus unserem Stall — laut bellendi uns begleiten, — doch seines Vellens lauter Schall — beweist nur, daß wir reiten^ ) Auf derselben Seite des „Reuen Tag" meldet sich dev volkswirtschaftliche Redakteur Dr. Alfred Schwoner M Worte. Er hat am 25. Jänner gegen die Rede deS Abgeord-r neten Stricker eine » Polemik geschrieben, -die im wesentlichen in den Worten „infame Verdächtigungen und Gemeinheiten*, bestand. Wir haben ihn deshalb am 27. Jänner zurecht« gewiesen und am 31. Jänner einen Brief veröffenüicht, in welchem Nachgewiesen wurde, daß der Karikaturist des „Neuen Tag" die amerikanische Kreditvorlage verhöhnt hatte^ Die Schwonersche Polemik war im Anschluß daran mit folgenden Worten charakterisiert: „Wir haben es hier mit dem Vertreter der Sorte Journalisten zu tun, welche darauf, spekulieren, daß das Publikum am Sonntag bereits vergessenhat, was es am Freitag gelesen hat. Und Männern, vor; solcher Lauterkeit ist das Publikum ausgeliefert!" : Herr Schwoner hat nun den Aufttag erhalten, entrüstet zu sein. Da aber gegen den sachlichen Jnbalt unserer Fest«' stellung Nichts zu sagen ist, schreibt er folgende Schwonerei? Ein paar Worte in eigener Sache. Die judischnattonale «Morgenzeitung" bezweifelt iü Fortsetzung der Polemik über die bekannte Entgleisung des - Abgeordneten Stricker schlußfolgerungsweise mein« „Lauterkeit". Die Argumentation, durch die sie zu dieser» Schluß kommt, ist von so zwerchfellerschütternder Dummheit daß sich jede meritorische Entgegnung von HouS aus verbietet. Das Verhalten der „Morgenzeitung" in dieser ganzen Angelegenheit liefert nur den Beweis, den sie Jüdischnationalen bisher noch schuldig geblieben waren; daß jeder übertriebene Nationalismus nicht nur depl Charakter, sondern auch die Intelligenz ruiniert. ] Dr. Alfred Schwoner. 1 Dr. Schwoner, dem „sich jede meritorische Entgegnung von Haus aus verbietet", scheint also seiner Intelligenz mchk ganz, zu , trauen. Wir auch nicht. Denn wie er die Polemik führt, ist wirklich zwerchfellerschütternd. Sachlich kann et; nichts einwenden, also nimmt er den in der „MorgenzeituUg" abgedruckten Brief her und dreht :md wendet ihn so lange, biß -er sich an der ..Lauterkeit" fängt und von Charakter und- Intelligenz reden kann« Er gehört mit beidem zu