Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 368 (30.1.1920)
- Date
- 1920-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Seine Freunde bemühen sich seither, Licht in diese dunkle Mordaffäre zu bringen und hofften dabei, auch die Politik'Tiszas »us dem Chaos, das in Ungarn herrscht, in die Nationalversammlung hinüberzuretten, von der sich die Ungarn so viel versprechen. Nach keiner Richtung hin hatten die Anhänger Tiszas Erfolg. Die Untersuchung ln der Mordaffäre wird immer verworrener und was die Politik betrifft, so hat an zwei Wahltagen das ungarische Volk an der Wahlurne seine Stimme für einen Vertretungskörper abgegeben^, in welchem die Politik Tiszas, die alte sowohl wie die von Deinen wenigen Anhängern adaptierte, keinen einzigen Fürsprecher haben wird. Aber in einer Richtung wird der Geist Tiszas hie ungarische Nationalversammlung beherrschen. Das ungarische Parlament ist bis auf den letzten Mann eoyalistisch, denn nicht nur die Mittelparter, wie die Freunde Tiszas sich nennen, ist durchwegs ohne Mandat geblieben, auch die Achtundvierziger Unabhängigkeitspartei, in der es eine Anzahl alter, überzeugter Republikaner gibt, hat keinen Einlaß gestlnden in die Nationalversammlung. zu deren. schwerwiegendsten Aufgaben die Festlegung auf eine monarchistische Staatsform und die Wahl des Königs zählen. Und Tisza war die Verkörperung des Monarchismus in Ungarn» Gerade diese Tatsache ist es, die die vernichtende Niederlage der Mittelparter unerklärlich erscheinen läßt, wenn rnan sie bringen und barm nicht das Bemühen erblicken will, im ungarischen Parlament keinen Rächer dieses Mordes zu Worte kommen zu lassen. * Einer der treuesten Anhänger des Grafen Tisza, Koloman Hajos, begründet in einem offenen Schreiben an feine Wähler feine Weigerung, eine Kandidatur anzunehmen, unter anderem mit den Worten: „Parteilichkeit auf der ganzen Linie! Jeder will .Minister, Staatssekretär, Regierungskommissär werden» ohne Rücksicht darauf, ob et Herzu die Eignung besitzt oder nicht. Jeder verfolgt nur seine eigenen egoistischen Zwecke. Um das Schicksal des Landes kümmert sich niemand. Das ' Land wird immer kleiner, unsere Schulden werden immer . größer. Ich könnte, und zwar in nicht geringer Zahl, .' Namen anführen aus dem Kreise " jener älteren Polittker, die;• Karolyi innerhalb und außerhalb' des Parlaments in allenseinen Bestrebungen unterstützten, die zum großen Teile, mitschuldig sind an unserem nationalen Unglück. Und heute setzen sie sich auf den christlichen Kurs, und beglücken weiter das Land, bis sie es in ein neues'Unglück . getrieben haben werdend;• r.- Wie immer dem auch sein möge, es ' unterliegt keinem ' Zweifel: das ungarische Parlament wird einen König zu wählen haben. Aber nicht sicher kann es vorcmsgesagt werden, daß diese Wahl auch wirklich von--.' statten gehen und nicht zu neuen Erschütterungen innerhalb des im Monarchismus, aber nicht in der Person des Mnstigen Monarchen geeinigten Mehrheitsblocks Wren wird. T : . - .. Die Gegensätze, die bei der Wahl des Königs hart aneinander prallen dürften, liegen wohl tiefer, als yran annehmen möchte, und werden von Personen vertreten, die .bisher bewiesen haben, daß sie im Kampfe für ibre Machtstellung bereit sind, bis zum äußersten zu gehen. Als/ausgeschlossen darf es angesehen werden, daß der kiinftige Träger, der Stephanskrone ein anderer als ein Habsburger sein könnte. .Die durch kurze Zeit gehegten Hoffnungen, .etwa einen englischen. Prinzen auf den Ungarischen Thron zu setzen, sind bald zunichte geworden, Heute, wird der Wettstreit der Parteien nur mehr von Seiten: der Legitimisten für Karl Habsburg und von «istem anderen Teile für den „magyarischen König" Erzherzog Josef geführt. ' : Schon aus den Vorfragen der Wahl, einesprovisori- Men 'Staatsoberhauptes ergeben sich heftige Gegensätze und Intrigen hinter den Kulissen. Auch, hierwie in Men die Ungarn bewegenden Fragen stehen die Fried- und Pie Hriszar - Gruppe . einander, .'gegenüber, fahrend/aber Huszar und seine Anhänger sich strenge an den Pakt hielten und während der ganzen^ Wahlkmnpügne in der Personenfrage sich die größte Zurückhaltung auferlegten, hatdas /Enfant terrible des chrssttzchen Blocks, Kriegsluinister Friedrich, sich über alle Abmachungen hinweggesetzt und in allen seinen Pro». AMnnrreden' nrit großer Emphase weithin hörbar verl Die russische Sowretregierung an Pole«. SBormsns ttov einem FeldztAa geoen Rußland. Moskau, 29. Jänner. (Funkspruch.) Die russische Sowietregierung hat an die polnische Regierung nachstehende Erklärung, gerichtet: Der Rat der Volkskommissare der ■ sozialistischen Bundessowietrepublik Rußland an die polnische 'Regierung und an das polnische Volk! Polen muß sich für . einen Entschluß entscheiden, dessen Ablehnung für das L e b e n der beiden Völker auf Jahre hinaus von den verderblichsten Folgen sein kann. Alle Anzeichen weisen darauf hin, daß . die Imperialisten der E n t e n t e, die Bannerträger und Agenten C h u r ch i U S und Clemenceans, Polen in einen ungerechten und verbrecherischen Krieg gegen Sowie 1 rußland treiben wollen. In Kenntnis seiner Verantwortlichkeit gegenüber dem Schicksal der arbeitenden Massen Rußlands und vom aufrichtigsten Wunsch erMt, unzählbare Opfer und Verwüstungen zu vermeiden, die die beiden Völker bedrohen, erklärt der Rat der Volkskommissäre: 1. Die Politik SowietrußlandS gegen Polen hängt'nicht von vorübergehenden diplomatischen oder militärischen Kombinationen ab, sondern wird einzig nach dem unerschütterlichen Grundsatz des Rechtes erstes jeden Volkes, über sein eigenes Schicksal zu. bestimmen,. geführt. Sowietrußland'hat die Unabhängigkeit und Souverärtttat der polnischen Republik anerkannt und. wird sie immetz anerkennen, und auf Nese. Anerkennung, die . am ersten Tag.des Daseins eines unabhängigen Polens erfolgt ist, 'gründen sich alle Beziehungen zu Polen. , ■ ■ . ' . 2. Betreffs des letzten 'Friedensanbotes, welches her Rat der Volkskommissare am 22. Dezember an Polen gerichtet hat, erklärt die Regierung.Sowieirußlands, daß sie keinerlei WnWWWttkMMchMEHWMKG^siEE wärttge Fröntlinid in Weißrußland überschreiten werde«, die ungefähr durch die Orte Drissa, Polock, Borhssow, Parhczi, Pthcz und Bielokerowoczi verläuft. Der Rat der Volkskommissare erklärt ferner in seinem Namen und im Namen der vorläufigen ukrainischen Regierung, daß die Svwiettruppen keine militärischen' Unternehmungen westlich der Lime vornehmen werden, die sie jetzt halten und die bet Grudowo, Piliawa und Berazina verläuft. 3. Der Rat der Volkskommisiäre erklärt, daß er weder mit- Deutschland, noch mit irgendeiner anderen Macht irgendeinen Vertrag geschlossen hat, der sich mittelbar oder unmittelbar gegen P o l e n t i ch t c t, und erklärt ferner, daß die Grundsätze und. der Geist der internationalen Polittk der Sowiets selbst die Möglichkeit eines solchen Verttages ausschließen, genau so wie dadurch der geringste Wunsch nach einem Gewinn aus einem möglichen Zusammenstoß Polens mit Deutschland oder irgendeinem anderen Staat ausgeschlossen ist, der sich gegen die Unabhängigkeit Polens oder die Unverletzlichkeit seines Gebietes richten könnte. 4. Der Rat der Volkskommissare erklärt, daß es keine , einzige wirtfchaftliche oder Gebietsfrage gibt, die nicht auf dem. friedlichen Wege der Verhandlungen durch gegenseitige Zugeständnisse und Einvernehmen geregelt werden könnte, wie dies gegenwärtig bei den Verhandlungen mtt Estland der Fall ist. Das, Volkskommissariat für auswärttge Angelegenherten - gewährleistet, daß die nächste Sitzung . des' ausführenden allrussischen Rates im Februar die hier vom Volkskommissariat gegenüber Polen angegebenen Grundsätze feierlich, anerkennen wird.- Der Rat.der Volkskommissäre betrachtet-seinerseits .durch diese vorstehende kategorische Erklärung seine Pflicht in Angelegenheit der F r i e d e n sinteressen. des russischen und polnischen Volkes als erfüllt und gibt.sich.der festen Hoffnung hin, alle strittigen Fragen in freundschaftlicher Vereinbarung zwischen Rußland und. Polen gelost zu . sehen. kündet: „Mein Kandidat ist seine Hoheit Erzherzog Josef!" Mit^ diesem. neuen Putsch hat Friedrich zunächst erreicht! daß Erzherzog Joses schon als provisorisches Staatsoberhaupt öffentlich kandidiert wurde, was insbesondere den Grafen Apponyi, der' als Kandidat für' das Palatinat ' große Chancen hatte, in die unangenehmste Situation bringt. Vorläufig beschäftigen die ungarische Oeffentlichkeit noch immer die Wähl und die während derselben zutage getretenen Erscheinungen. Viel beachtet wurde in politischen Kreisen der Besuch, den Graf Apponyi dem Dr. Vazsonyi in dessen Wohnung abstattete. Die christlichnatiouälen Blätter sind wohl eifrig bemüht, diesen Besuch als einen Höflichkeitsakt hinzustellen. Bei der Stellung aber, die Graf Apponyi dermalen im ungari» schen öffentlichen Leben einnrmmt und ber d«j HiöSenl Stellung, die ihm noch zugedacht ist, entheW-sselbst ein Höflichkeitsbesuch nicht der politischen Bedeutung. Dr. Vazsonyi, ist > heute der unaugezweifekte WlfttW Führer der Budapester Juden, soweit sie sich nicht zum jüdischnationalen Gedanken bekennen. Dies hatt . sich! auch bei den Wahlen gezeigt. Die Juden haben in jenen Bezirken, wo. ihre Stimme ausschlaggebend war^ zunß allergrößten Teile für die Demokraten gestimmt,.von denen auch tatsächlich vier Abgeordnete gewählt.wurden. Dottoe Vazsonyi, Paul . Sandor und Petö sind JuSsn. Diö Leopoldstadt, dieser alte Tauiwinkel der jüdische« Geldaristokratie Budapests, hat sich auch diesmal mjcht anderst benommen als fönst. Gerade in jenem .Teile 'dep Leopoldlladt,' wo die.Grotzjuden sttmmberechtmt sind,. konlmk infolge ihres Festhaltens an dem getauften. der Antisemit. in die Stichwahl. Man muß', um. dieses Ergebnis zu begreifen, gar nicht erst, annehmen,, tz.atz .eryj Teil'der'Juden antisemitisch.gestimmt hat, Dtzr/SreK des Antisemiten in diesenr Wahlkreis erklärt /sich zuri Genüge dadurch, daß die' christlichen Wähler. Änenss jüdischen Kandidaten wohl ihre Stimme gegeben hätten-' während sie einem Getauften, der heute in ÜNtzarn.stark im Kurse gesunken ist, / ihre' ftuterstüMng. persagtsn^ Paul Sändor, Vazsonyi - und 'Veto,' diese' drei ^Men HÄ denlokratischen Partei, konnten nur gewählt werden, wenr^ ihnen auch viele Hunderte christliche Wähler ihre Stimmen gaben. Aber die getauften Wähler vermochten für einen? getauften Kandidaten keine Begeisterung aufzubringen. Diese Lehre ist sicherlich sehr wertvoll,, wenn wir auchj * über den Wahlsieg der drei jüdischen Abgeordneten, . Budapest.-nichtin DerMckuW geraten. : r, fIiidtsche Politik äl der SlawMei »M \; . '• Me Orthodoxie^ Die jüdische Minderheit in der Slowakei.hat-.sich «ach der Aenderung der politischen Verhältnisse national zu.: organisieren begonnen und die Arbeit zur Durchsetzung ihrer: polittschen Forderungen ausgenommen. --.Der. „Volks-, verband der-Juden für die Slowakei" entwickelt: sich, dank feiner zrelbewußten und unermüdlichen Auf-- klärungsärbeit täglich mehr zum Repräsentanten des skowaki«, schen Judtenums und schickt sich an,-bei^ den bevorstehende« . Wahlen. - in. die tschecho-slowakische Nationälversänrmlungj eigene Kandidaten aufzustellen. - •/; 1 Es gibt, wie nicht anders zu erwarten,-in'der jkowaki^ schen Judenheit Kreise, denen die Entwicklung - zw - einem modernen Judentum ein Dorn rm Auge ist.. Es ist bedauerlich, daß diese Kreise gerade in einem Zeitpunkte, -da. mit den - Vorbereitungen für die Beteiligung an den Wahlen he« , gönnen wird und Einigkeit nöttger ist, denn je, eine Tätigkeit entfalten, welche geeignet ist, die jüdische Position zw schwächen und die jüdischen Interessen zu schädigen. Diese destruktive Tätigkeit geht namentlich von orthodoxes. Seite aus und die Zentralkanzlei der orthoq boxen Gemeinden in der Slowakei sucht - seit ihre«- Gründung die alte Methode, deren verderbliche Folgen sich gegenwärtig an den Juden Ungarns erweisen, zur Geltung zu bringen und damit die einzig mögliche, den jüdischen. Interessen und der moralischen Würde des Judentums entsprechende Polittk des Jüdischen Bolksverbandes zu durch», kreuzen. Hierzu kommt, daß einzelne Rabbiner hie-Kanzel ' mißbrauchen, um Hetzreden gegen den Zionismus zu halteM So hat neulich ein würdiger Genosse der kserikalen geistlichen in Neutra von der Kanzel, herab erklärt, , ern Mensch mit Ehrgefühl könne der zionistischen Organifatio,«.- nicht angehören, die Zionisten wollen aus den ^Tempel« Tanz säle machen, um dort ihre Orgien zu feiern. -Ineinzelnen orthodoxen Gemeinden scheut man nicht, davor zurück, zionistische Wähler zu terrorisieren und teilweise.auch» auszuschließen. Um diese Takttk' weiter Verfölgen, zukönne«, sucht sich die Leitung derselben Orthodoxie, die . früher mtt: Haut und Haaren dem Magyarentum verschrieben, war^ die Gunst der neuen Regierung durch eine Liebedienerei: zuerwerben,, die mit einer, natürlichen Loyalität, an welcher der- Volksverband festhält nichts zu tun hat.. Manche Umstande erwecken den Anschein, als werde im Geheimen mit nichtjüdischen Parteien verhandelt, um die Kandidatur der „Ver». einigten jüdischen Parteien" zu stören und eine« Teil der jüdischen Wählerschaft zu verwirren und so die Entsendung jüdischer Vertreter in die Nationalversammlung' unmöglich zu machen. Man kann dieses. Vorgehen der slowakischjüdischen Orthodoxen nicht scharf genug zurückweise«. Diese Kreise mißbrauchen die Religion, weil sie ihren Einfluß auf die Menge zu verlieren fürchten und treiben eine 1