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Wiener Morgenzeitung · 1920-01-27 · Heft 365 (27.1.1920) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
2 (1920)
Issue
Heft 365 (27.1.1920)
Date
1920-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Den srotzten Schwierigkeiten ist vor allem das zu einer Großmacht emporgekommene Rumänien ausgesetzt, das nicht Mein mit empfindlichen außenpolitischen, sondern auch vst tiefgehenden innerpolitischen Strömungen Zu kämpfen hat. D)em Kabinett Dr. Vajda-Vojvodas sagt man besondere Schwächen nach, ja man erklärt in einflußreichen Politikerkreisen in Bukarest, daß die Regierung mit pückßcht auf das Drängen der Militärpartei von. rechts ßnd der Sozialisten von links ’ die Stellung des. Kabinetts nicht mehr länger zu halten in der Lage pltt wird. In diesem Zusammenhang muß auf die in wü letzten Tagen erfolgte Demission des Ministers, des' Innern, Lupu, hingewiesen werden, der, als unabhän- Mr Sozialist seiner Partei die nötige Aktionsfreiheit. Meder verschaffen wollte und deshalb das Kabinett Dr. Pajdas im Stiche gelassen hat.. Auch die Durch- Nhrung der Agrarreform stößt allenthalben auf große Schwierigkeiten. Deutliche Anzeichen sprechen dafür, daß pan diese, die sehnlichsten Wünsche der rumänischen' Lauern verwirklichende Reformaktion eigentlich nur , in den neuen hinzugekommenen Gebieten, der Bukowina hnd Siebenbürgen, durchzuführen gedenkt.. In Siebenttirgen steht man übrigens vor einer großen wirtschastßchey Krise, die sich daraus.ergibt, daß, der größte Teil der landwirtschaftlichen Bevölkerung sich öe^.Viehzucht,zugewendet hat, so immer wieder neues Weideland sucht und stur ein Fünftel des Ackerbodens tatsächlich bebaut. Durch' ßie Aenderung der wirtschaftspoMschen Verhältnisse, die K der Einverleibung Siebenbürgens in das rumänische' WKtsireich. vor sich, gegcmgem- N-redoch-^die cEnt-' McklrMMSgÜDÄt^desMeheMwt^ irächtigt worden, da ja das alte Rumänien selbst eine große Viehzucht betreibt. Mit Rücksicht darauf, daß so Mße Flächen des rumänischen. Ackerbodens. brach, liegen, befürchten die ernstesten Ernährungspolitiker des Landes nuen überaus empfindlichen Mangel an Getreide für. M nächste Jahr und befürworten die in der letzten Zeit stuch von der Negierung eingeleiteken immensen Getreide- Ankäufe. von welcher Seite immer. .Me schlecht es in Rroßrnmänien mit' den Bekleidpngsartikeln besteU ist, beweist schon die eine Angabe, daß ein mittelguter Anzug $00 Lei kostet. Die wirtschaftlichen Mißstänöe' Ru- Väniens werden nicht zuletzt durch die von der Armeeleitung heraufbeschworene Verkehrsanarchie wesentlich verschärft. -Es klingt fast unglaublich, .und doch'wird ks dürch einwandfreie Dokumente erhärtet, daß, die aus der früheren Besetzungszone in. Ungarn verschleppten Maschinen und ganzen Fabrikseinrichtungen noch immer stuf' offener Strecke lagern, so den Wetterunbilden ungeschützt ausgesetzt sind und größtenteils bereits den Verrostung anheimgefallen sein sollen. Diese Verkehrsmisere wird am deutlichsten durch die Tatsache gekennzeichnet,. daß. Orfova, der wichtigste Verkehrsausgängs-' hunkt, ganz verstopft ist. Auf einer einzigen kurzen Linie stehen nicht mehr und nicht weniger als 1200 Waggons, die vollbeladen sind mit requiriertem Material, das hier ungeachtet des ungeheuren Wertest gänzlich zugrunde geht. Rumänien hält noch immer das Gebiet östlich der, Theiy, entgegen den ausdrücklichen'Befehlen des'Obersten Rates, besetzt.' Die Beziehungen des Staates zu den Jugoslawen sind nach wie vor schlecht und nun hat sich.in den letzten Tagen auch noch von der bolschewikischen Seite her eine Gefahr eingestellt^ die nicht zu. unterschätzen ist. Die Bolschewiken sind an. drei Stellen in Beßarabien eingebrochen. Ihr Führer Rafowski, selbst ein Rumäne, der von fanatischem Haß gegen sein Heimatland erfüllt ist, kennt , die schwache Seite der beßarabischen Bauernschaft, und so kann man sich leicht eine Vorstellung davon machen, welche Folgen für Großrumänien weitere Fortschritte der Bolschewiken im Zusammenhänge mit der Wühlarbeit Rakowskis in ienen Gebieten zeitigen dürften. ' Bulgarien, dessen außenpolitische Situation allmählich sich zu klären beginnt, dürfte auch innerlich nicht mehr lange auf seine Konsolidierung warten lassen. Die vielfach behauptetet! starken bolschewikischen Strömungen waren eigentlich im großen, und ganzen Ueber« tteibungen. Man ist der inneren Wirren längst müde geworden und strebt in allen Seichten der Bevölkerung jeordneten Verhältnissen zu. Walnend dir Kegierung notgedrungen meb den E-llararice beiondsrer RevorveratteNLaL auf Srzberger. Berlin, 26. Jänner. (Korr.-Bur.) 2lls Minister Erz borg 11 tyzsste; «nchmittags gegen halb Z Ahr das Ge richtsgeh Lude in Msahit veriietz und sei« Automobil besteigen wollte, feuerte ein. junger Mann zwei NevoLverschüsse auf ihn ab. Der Minister wurde durch emeu Schrilters ch u tz l e ich t u e t l e tz t. Die zweite Kugel, die ihn in die Bauchgegend traf, prallte an einem harten Gegenstand in der Tasche ab. Der Attentäter wurde verhaftet. Eine zweite Meldung über das Attentat, besagt folgendes: Der Minister verließ -in Begleitung des Rechtsanwaltes Dr. FriedländM das - Krimmalgericht Ln Moabit und begab sich mit ihm zu. seinem Automobil.- Bevor Erzberger einstieg, unterhielt er sich? noch ' mit dem Rechtsanwalt. Plötzlich trat ein' junger,, gut gekleideter Mann an die beiden heran und f e u e r t e. e in e n S'ch u ß' a b. Dr. Friedländer drehte sich um undsprang auf dtzn 'Attentäters.In demselben Augenblick feuerte 'dieser einen zweiten Schuß auf Erzberger ab. Erzberger fiel haraüf, wie Zeugen, gesehen haben,', in iseinen Kraftwagen , hinein und der Chauffeur fuhr davon. i'Der Täter wurde Von Sicherheitsbeamten .fest« genommen und auf der, Wache?- als der im Jahre 1899 zu Berlin geböxne frühere Fähnrich'und jetzige. Schüler OLtwig von Hirsch selb,, der in Stegsttz bei Berlitz" bei seinen Eltern wohnt, fesigestellt. Sein', Pater, ist Bankbeamter. ,'.WLo d^s AttsEalt'- veEbt wurde- ' - ' Berlin, 26. Jänner^ (Korr.°Bür.) Amtlich'wird mitgeteilt: Ms heute nachmittags ' gegen halb 3 Uhr" Reichs« Minister , Er z b e r g e x das;> Hriminakgerlchtsgebaudss in iSKöäüt . drängte flch^WMWE^Mensch an den Wägen heran, 'fragte. Ler Reichsflagtze und den bulgarischen Farben, im HafeU von Varna landete. Von Bord des Dampfers ertönte nach dem Schumi Maritza" die deutsche Nationalhymne „Deutschland, Deutschland über alles"- im Hafen herrschtegroßer Jubel und nur die Vertreter der Ententemission, die die bulgarische Seebehörde zu einer Verhinderung: der Landung bestimmen wollten, mußten mißmutig der. bald darauf erfolgenden Löschung der aus Deutschland eingelangten Frachtgüter zusehen. , . ob -der Minister Erzberger :im Wagen fei. und gab ,auf die? bejahende Antwort Mehrere Schüsse auf den! Minister, ab. Ein Geschoß.?prallte an der Uhrkette des Ministers ah. Durch einen zweiten, von außenher gegen die Wagettscheibe abgegebenen Schuh würde der Minister an her- Schulter verletzt. Den sofort zugreifenden Polizeibeamien gelang es, den Ättentäter festzünehmen. Der 20jährige junge Mann, der den Eindruck eines Sechzehnjährigen' macht, ist der ftühere Fähnrich und jetzige Schüler,Oltwig pon.Hirschftzld aus Berlin. Er gibt an, er sei zur Ueherzeugung gekommen, daß Erzberger ein Schädling .sei und beseitigt werden müsse. Diese Ueberzeugung habe sich durch das Anhören der heutigen Gerichtsverhandlung in ihm gestärkt , und er sei deshalb zur Ausführung der Tat geschritten. Er stellt ausdrücklich in Abrede, den Plan de- Attentates auf Crzberger mit irgendjemand.besprochen oder unter der Einwirkung anderer gehandelt. zu haben. Der Minister hat sich nach dem Attentat sofort zu einem Arzt begeben, der eine genaue Untersuchung der Wunde und eine Durchleuchtung mit Röntgenstrahlen vornahm, die ergab, daß die-Kugel in der rechten Schulter steckt. Die Verletzung gibt zu irgendwelchen Besorgnissen keinen Anlaß: .-; V-.' .? - D?e Berlin, 26. Jänner. (Korr.-Bur.) Wie das Wolffsche Bureau hört, hat die ärztliche Untersuchung deS: Ministers Crzberger ergeben, daß die Kugel, die den Arm d!urchböh'rt hat, weiter in die Brüst eingedrungen ist. Näheres mutz die Röntgenuntersuchung ergeben. Dev ÄLtentäker erklärt» als Patriot gehandelt . zn ^abe". " Berlin, 26. Jänner. (Korr.-Bur.)', Wie das »8 Uhr- Abendblatt" zu dem Attentat auf Erzberger meldet, eNtnssen ujlch dem Attentat die.sofort hinzugesprüngenen Augenzeugen dem Attentäter den Revolver und prügelten ihn. Sie schlugen ihn mit. den Fäusten und stießen mit den Füßen nach ihm. Hierauf brqchten ihn Beamte des Kriminalgerichtes naÄ der Sicherheits.wache im Gerichtsgebäude. ' Wie das Blatt Wester erfährt, bezeichnetiHirschfeld bei seiner Einvernahme sein Attentat.als eine p a t r i o t i s ch e Tat. Me er aüssägt, wollte er durch seine Tat erreichen, daß Erzberger'endgültig aus der Regierung äüSscheide. Annäherung'an die Alliierten zeigen, macht sich,.in den breitesten Schichten der Bevölkerung wieder eine Stimmung geltend, die die wiedererwachenden Svmpatbien firr die ehemaligen Verbündeten, vor allem für Deutsch« Kmi'i, deutlich wad,-,-r.et,'lnen läßt. Dies zeigte-' sich auch, dir! vor einiger Zeit das erste deutsche Handelsschiff mtt . Ungarns Hoffnungen. / Bo« unserem Budapestee Korresponveute«. .Die Trauerkundgebungen wegen der schlechten Friedeua werden zwar noch programmgemäß abgehalten, doch die Letz^ nähme der Bevölkerung hat merklrch nachgelassen. DaS rige«^ arttge Naturell der Magyaren; mag eS mit sich bringen^ daß die Trauer von gestern heute bereits kühnen Hoffnung«« Platz machen mutz. Allenthalben werden die unwahrfchein^ lichsten Gerüchte kolporttert, die von einer zweifellosen ftatqj besserung des Friedens, sei es in dieser oder in jener Hinstch^ sprechen. Diesen Hoffnungen wird jedoch nicht allein in den., des. tatsächlichen Ernstes entbchrenden politischen KlubS vo^ Budapest dar Wort gesprochen; sonderbarerweise neigt auch in den Kreisen der bisher von Pessimismus erfü! Diplomatte zu' gewissen Erwartungen, die sich auf ein« liche Verbesserung des Friedens beziehen. SS ist chara ristifch für die Sttmmung des magyarischen Volkes, daß f, Berufsdiplomaten davon sprechen, welch gewaltigen Einfluß die Erscheinung und die Redekunst Apponhi» in Paris! geübt haben sollen. Ja, man erzählt, daß Gras SpponhE^ von Nitti und von Lloyd George in vertraulich«« Privataudienzen empfangen wurde, ein Vorgang, der b« allen bisherigen Friedensdelegattonen der Besiegten als. u»^ möglich erscheinen mutzte. Beide Staatsmänner sollen ihreitz Sympathien für Ungarn besonderen Ausdruck gegeben u»M sogar dw Berechtigung auf «ine Milderung der FchedenS-! bedinguntzerk anerkannt haben, Interessant ist die AEHe« öffentlichen Kundgebungen, in denen zum FriedenSvertraK Stellung genommen wird. CS wird ein deutlicher Unters schied zwischen England und Frankreich gemacht. Der «NgU« scheu Sympathien glaubt man sicher zu sein, während maus den Franzosen nach wie vor mißtraut. Allerdings knüpft man an den Sturz Clemenceaus besondere Hoffnungen »urÄ glaubt, daß jetzt, wo^ber stärkste Mann Frankreichs nich^ mehr auf seinem Platz ist, die für Ungarn günsttge« kleri^ kalen Einflüsse vielleicht doch zur Geltung kommen verd Die ernsteren Polittker lehnen zwar die Hoffnungen auf sondere territoriale Verbesserungen als unbegründet ab, sei denn, daß der Oberste Rat zugunsten Ungarns die Klaus deS Friedensvertrages von Saint-Germain betreffend deutschsprachigen Grenzgebiete Ungarns fallen ließe? In wirtschaftlicher Hinsicht macht man sich nicht m# wesentliche Hoffnungen und erklärt eS als bestimmt, datz die im FriedenSvettrag Ungarn auferlegten Holzlieferungenf annulliert werden. Schließlich, so erklärt man in diplomatte scheu Kreisen, seien auch Anzeichen dafür vorhanden, daß selbst die militärischen Bedingungen eine Besserung erfahret werden. Beachtenswert ist die Haltung Polens bei den Friedensverhandlungen mit Ungarn. Polen, das den' Standpunkt vertritt, mit Ungarn überhaupt nie im Krieg gestanden zu fein, erklärt überdies, hinsichtlich der ruthenischen Gebiete, die früher zu Ungarn gehört haben und jetzt von den Tschecho-Slowaken besetzt sind, die Forderungen der Ungar« zu unterstützen. Die Magnaten heben mit besonderer- Genugtuung die Tatsache hervor, daß entgegen den wiederholte« Ankündigungen die Klausel im Friedensvertrag fehlt, die eine Rückkehr der Habsburger nach Ungarn ausfchließen würde. Auch die Klausel hinsichtlich der Kohlenlieferungen aus den Fünfkirchner Kohlenbergwerken soll, nach den hier geäußerten Mutmaßungen, abgeändert werden. Man. glaubt übrigens, daß der Einfluß der Tschecho-Slowaken nach dem. Sturz Clemenceaus in Paris nicht mehr so groß als bisher 'sein dürfte, so daß man zu der Annahme berechttgt sei, das Schicksal Ungarns noch nicht als besiegelt zu betrachten. Es ist nicht so sehr die längst vorausgeahnte furchtbare Verkleinerung deS Staatsgebietes, die die: dumpfe.Erbltte» riing und den Groll gegen bie strengen Sieger wachruft, vielmehr sind eS die drückenden wirtschaftlichen Bedingungen, die alle werktättgen Schichten der . Bevölkerung in . der Hoffnung beeinträchttgen, den Wiederaufbau bewerkstelligen zu können. Schon heute kann man Voraussagen, daß noch vor der Unterzeichnung des Friedensvertrages, die man nach den vorliegenden Aeußerungen aus maßgebenden diplomatischen und polltischen Kreisen als sicher ^.nnehmen darf, die düstere Stimmung, die jnh der Bevölkerung bemächttgt hat« von Elementen,-bie dem Kriegsminister Friedrich nahestehen» zu innerpolitische.n Erschütterungen mißbraucht werden dürfte- Diese Elemente werden angesichts des Harts« FriÄde«p?

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