Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 361 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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» Gkryeie*rmplarr Preis SO fettes PrL«umeratto«spreis»: Blens Bitn Abhole» t» de» Expedition, L vezirk, Labor» »ratze 1 bi» S. oder in eine» »erschleitzstette «Trafik): Monatlich .. Kronen 12*-» «vierteiiührttch .. 30.- VUi Postversand für Wien und _ Oesterreich: Monatlich ,. Kronen 13.-» Tichrcho-Llowalet: Monatlich .. Kronen S*— Vierteljährlich .. 27.- ttt tschecho^lowarischerDSHruntt Polen ttnd Ungar«: Monatlich . . Kronen 13.— M entsvrechender Währung bebet reffenden Lande» 4- Nr. 361 Wien, Freitag, den 23. ISnner 1920 — .- ——. . -- --- - -——— Preis SO feile«; Prü»«merati»«fB inrcifc j8t «-»atlsch^^Marr «4 Monatlt«?^"8«rl» t+i Mali«» E Monatlich . . . Li« »-« Monatlich?^'^«»» «s^t Redaktion u.Admkniftratl-N Wien.'r.Ber.,raborstrU.-^ LV8-WWN d> < Btt (tt«M Stt. l#sä£ Vostsvarlaisttäonta I50JV 2. Jahrgang Mißvergnügte Spekulanten. r-t. W > e n. 23 Jänner , Sonst empfand es die Wiener Presse, stch ob des kleinsten Zeichens des Mitempfindens im Auslande kindisch und toll zu freuen und versäumte nie, den Dank des armen unglücklichen Oesterreich in Überschwang» lichen Schmockiaden aller Welt zu Füßen zu legen. Fünfzig gespendete Schachteln Biskuits waren Grund Aenug, um den Ruhm eines Wiesbadner Damenvereines für alle Zeiten zu sichern; eine Schweizerin,, welche sechs Kisten Kakao nach Wien brachte, wurde mit zwölf Interviews bedankt und vier Dosen Lebertran aus Schweden kamen in den Leitartikel, welcher in der herrlichen Perspektive endete, daß nach Meldungen aus Grönland auch die Lappländer durch die Lektüre der Wiener Zeitungen sehr erschüttert seien und ernstlich erwägen, sechs geräucherte Walfische.für die mustergültig geleitete Mion ..Bause für rhachitische Kinder" der Frau Kommerzienrat. L. nach Wien zu senden. Nun haben uns die. Amerikaner siebzig Millionen Dollar, einundzwanzig Milliarden 5Lronen, zur Verfügung gestellt, eine Summe' höchstwertigen Geldes, welche uns aus den Händen ausländischer Fleisch- und Fettwucherer befreit und die Wiederbelebung großer Industrien ermöglicht. Sie haben .durch diese großzügige, Handlung von Oesterreich den Fluch der Ausschaltung aus dem Weltverkehr genommen und — die Wiener Presse, die. sonst so hündisch dankbare, sie raunzt. Ja, sie stottert einige Zeilen süßsauer? lichen Dankes und weist, dann.spaltenlang nach, daß. diese Hilfe, nichts, weniger als nichts, und unter Umständen schädlich ist. . - - Gewiß wird diese Hilfe schaden, ungeheuer, schaden. Indem sie eine gesündere Wirtschaft anbahnt, Oesterreich kreditwürdig macht, seinem' Gelds einen wenn auch nicht allzu hohen, so doch stabileren Kurs sichern wird, muß sie alles,, was da schiebt und spekuliert, aufs schwerste . schädigDä^.kgnn sdem.Großteil. der. Wiener..Presse ' welcher' ^iMWM^urrT^^krüPestv?/' MffE" braucht wird, nicht passen. Sie darf nicht zulasten, daß dem' Publikuni die Äugen geöffnet werden,' daß die ,Leute wieder ruhiger werden, den Wert des Geldes wieder zu schätzen beginnen und e§ sich überlegen, jedes Börsenpapier, jeden von BaNkagenten poussierten Papierfetzen mit Brillanten aufzuwiegen. Noch' wollen die leiteiröew Institute und Finanziers verdienen und sie wollen Zeit gewinnenwenn auch nur einige Tage, um ihre Papiere und aufgestapelten Spekulativnswareu dem Publikum zu. den Wahnsinnspreisen der letzten Wochen anzuhängen. Sie kümmern sich nicht darum, daß ihr Treiben darnach angetan ist, die amerikanischen . und andere Helfer abzu stoßen, daß jeder Tag des Tiefstandes unserer Valuta für Millionen , arbeitender Menschen Wochen und . Monate des Hungers und der Kälte, bedeutet, sie wollen einfach auch jetzt noch am Umschwung verdienen. Ihr Profit muß unter allen' Umstünden vorangeheu. Dann, wenn er eingeheimst ist, kann man dem Publikum die Augen öffnen. Wenn alles Geld in den Bankkassen liegt, wird man die Wahrheit auf. den Markt werfen und dem genarrten Pöbel die teueren Aktien für billiges Geld abnehmen. Die Wahrheit darf^erst auf den Markt, wenn inan an ihr börsenmäßig verdienen kann. Deshalb raunzt die Wiener Presse und läßt die berüchtigten . hochstehenden „Fachmänner,, welche den ein- .geweihterr Kreisen ' angehören", dem Publikum durch 'verlogene Berechnungen das amerikanische Geschenk mies machen. Der dümmste Schwindel ist gerade'gut genug. Irr mehreren Zeitungen/ orakelt dieser Fachmann, daß der Betrag gerade ausreicht, Lebensmittel für sechs Monate zu beschaffen, dann ist der Kredit aufgefressen und. die Schuld bleibt. Er verschweigt, daß . ja diese LebensmitM' nicht umsonst an die Bevölkerung abgegtzbel^ WMen,' daß dafür Milliarden Kronen dein öffentlichen Verkehr entzogen werden und in die Staats-, kaffen fließen, daß "auf dem entlasteten Markte dann die Krone steigen mutz. Er verschweigt, daß der Kredit fast das siebenfache'dessen beträgt, was die Negierung bisher für Lebensmittel im Jahre überzahlt, das dreifache des im Budgxt prälittiinierten Jahresdefizits! Aber für die Spekulanten ist das gar nichts. Grund.für die Wiener Presse, um herzzerbrechend zu raunzen 'und grämlich zu kritteln. ' Aber auch den politischen Spekulanten ist die amerikanische Hilfe ein häßlicher dicker Strich durch die saubere Rechnung. Die verkrachten „Bürgerlichen" haben, ja alles getan, um die österreichische „Bolschewikenwirtschaft" im Ausland zu denunzieren. Sie haben das Ausland, förmlich gebeten, diesem verbleydeten Potte, Die Pest in Ostschlesien. P r a q, 22. Jänner. Die „Narodni Dolitika" meldet zum Stands der Peftqekahr in Sstfchlssien: Drs allgemeine Lage hat sich verschlechtert. Bas Präsidium des polnischen Rationalrates in Tefchen ist durch Erkrankungen dezimiert. Die Abgeordneten Londzin, Reger und Brzuska sind ertrankt. Das Sterreramt wurde geschloffen. Die Leute fallen auf der Straff e zusammen. Die Sterblichkeit steigt. Wie das „Prager Tagblatt" erfährt» feien im Kaschau-Oderbergsr Gebiet bereits 2S D e ste r k r a n k u » g e n, davon fünf mit tödlichem Ausgange, zu verzeichnen. Die Reife dorthin sei nur in dringenden FMeu nach ärztlicher Antersuchrmg gestattet^ ZwangsmaßnahMM betreffend die Auslieferung Wilhelms. Be r l i n, 22. Jänner. Die „Tägliche Rrmdschau" meldet aus Basel r Die „Times" meldet aus Baris, daß die aMerten Vertreter in der Montagssihung sich über die Zwangsmaßnahmen für eine A u s l i e f e r u n g Wilhelms II. f ch l ü f s r g geworden find. Kaiser Wilhelm proLestierL gegen seine AüsliefernNg. Berlin, 22. Jänner. Das „8 Ahr-Abendblatt" meldet r Die „Daily Mail" meldet ausr dem Haag r Der IustismWster rveitte fünf: Tage in ÄmerongLu. Der ehemalige Kaiser Wilhelm hat gegen seine Auslieferung einen schriftlichen Pr o t est beim Justiz- ..deyarteMent,einrerche^.!lMen.'^/ -^^ tz a a g, 22. Jänner. Das HoLäubsch Rieuwsbnreau meldet: Wie äus zuverlafftger Quelle verlautet, wird dis AntWortkote Hollands auf das Gesuch der Entente uw Auslieferung des ehemaligen deutschen Kaisers morgen Freitag um 12 Ahr mittags in Paris überreicht werden. > Der „Globe" berichtet» daß es wenigstens vier Monate d a rr e r n werde, bevor die Alliierten die Auslieferuna des Kaisers durch setz en kbn«Leu. Es sei auch möglich, daß die Unterhandlungen zu Keinem Ergebnis führen würden, denn Lloyd George fei der einzige, der den Prozeß tatsächlich wünsche. welches sie hei den Wahlen fallen ließ, keine Hilfe zu leisten.' Ihr Sinnen und Trachten war dahin/ gAichtet, die Hilfe erst dann kommen zu lassen, wenn wieder sie das Ruder in der Hand haben werden. Sie haben, ebenfalls durch „eingeweihte Diplomaten", im Wege der gefügigen, vom Volke ganz losgelösten Wiener Grotzpresse, der Oeffentlichkeit tausendmal vorlügen lassen, daß das/ Ausland erst dann helfen'wird, wenn dieBürgerdemokraten, die gemäßigten Fortschrittsfreunde und.wie sich die durchgefallenen Wahlkomitees noch heißen mögen, zur Negierung gelangt' sein werden. Sinn kommt die', Hilfe trotz alledem und wird "für sie zur. politischen Katastrophe. Gerne hätten sie das Volk noch Jahre hungern lassen, um inzwischen im Auslände Intrigen weiter- ' zuspinnen nnd vielleicht doch in die Höhe zu kommen. Gerne hätten auch die alldeutschen Reaktionäre, welche Oesterreich mit Gewalt unters preußische Joch zu bringen trachteten und die Reihen der Hohenzollernleute i durch österreichischen Zuschub zu dichten bestrebt waren, gerne hätten auch sie unser Volk verelenden lassen, damit erwiesen scheine, daß nur Deutschland ihm helfen kann. Auch für sie bedeutet die Wiederaüfrichtung Oesterreichs den Ruin der eigenen Politik. Und die gemischte. Trauergesellschaft weist noch weiteren Zulauf auf. Er kommt von ganz, aber ganz entgegengesetzter Seite. Die Apostel der Rätediktatur, die bolschewikischen Spekulanten, sehen gleichfalls Erwartungen. die sich auf die weitere Verelendung Oesterreichs gründeten, schwinden.' Die Hilfe, welche' amerikanisches Kapital bringt; legt sich wie Rauhreff auf ihre Hoffnungsblüten. Auch sie werden an der'Bedeutung des Rettungswerkes mäkeln, auch sie werden raunzen im holden Verein mit der Börse und der alldeutschen Reaktion. So sind alle, die aus Oesterreichs Not wirtschaftlichen oder politischen Profit gezogen haben und Mck ziehen wolljen., bitter enttäuscht Md. eifrig befixM die reine Freude derer, denen die Not eines guten utt$ arbeitsamen Volkes das Herz abdrückte, zu trüben. Die eingerissene Zerrüttmig des öffentlichen Lebens, der traurige Zustand unserer Presse und. die im Elend so groß gewordene politische Interesselosigkeit der breiten Massen werden ihnen noch eine Zeitlang die Fortführung ihres - schändlichen Gewerbes ermöglichen, aber dann wird der häßliche Spuk verfliegen. * Der amerikanische Millionenkredit für Oesterreich. Bis zur Stunde liegen noch keine näheren Meldungen über den amerikanischen Millionenkredit für Oesterreich vor. Die Kabelverbindungen zwischen Europa und Amerika waren in den letzten zehn Tagen infolge von Unwetter und. Stürmen gestört und auch jetzt noch treffen amerikanische Telegramme nur kurzen Inhalts und verspätet hier ein. DaS Telegramm, welches die Mitteilung über den österreichischen^ Kredit enthielt, besagt wörtlich: > ' ..Der Schatzsekretär der Vereinigten Staaten hat den Kongreß um eine Amleihe von siebzig Milklonen Dollar für Oesterreich ersucht. Wenn österreichische kommerzielle- Papiere - den , üblichen Anforderungen des „Federal Reserve Board" entsprechen, werden dieselben' eskomptiert werden. Besondere Vorschriften bezüglich österreichischer - Papiere be* stehen mcht." Der Antrag des Schatzsekretärs Carter Glas ist nach dem amerikanischen parlamentarischen Brauch dem Vor«! sitzenden des Kongresses übermittelt worden. Nach Mitteilung Wiener amerikanischer. Kreise ist anzunehmen, daß dem Ansuchen entsprochen werden wird. Der Kredit von 70 Millionen Dollar dürfte wohl für die Beschaffung von Lebensmitteln -bestimmt fein. Amerika trägt der Not Rechnung, in welcher sich Österreich jetzt befindet, und will' ihm über die -gegenwärtigen. Schwierigkeiten hinweghelfen«' Aber auch der zweite Teil der offiziellen Meldung^' '.welcher den Eskompte von kommerziellen - Papieren (Eominer-/ cial PäpeM ' freigrbr, 'isL^sür Oesteiwerch v0n^^'M ' Sinn ist, daß-österreichische Kaufleüte in Amerika nunmehr;- ebenso behandelt werden,- wie die Käufleute anderer Lander, daß man ihre W'e ch s e l u n ds o n st i g e n S i ch e r-'- . st e l l u n g e n a-n ne h-m e n w i rd und ihnen Waren liefern-.. kann, vorausgesetzt, daß sie den gestellten Bedingungen ent-? sprechen. Allerdings läßt sich nicht leugnen, daß die oster-. reichischen Fabrikanten und Unternehmer noch. manch«» Schwierigkeiten zu überwinden haben werden, um den an sie gestellten Bedingungen zu entsprechen. Man wirtz . zunächst zeigen muffen, daß' tatsächlich gearbeitet wird, weil nur dadurch die Zahlungsfähigkeit erreicht werden kann« Im Zusammenhang mit der amerikanischen finanziellen - Mion wird jetzt, wie wir erfahren, in Paris an der Regelung' der Kohlenfrage gearbeitet, die für ganz Europa schwierig geworden ist, für Oesterreich aber ganz besonders' aktuelles -Interessebesitzt. Die Ententestaaten wollen eiitz- - ständiges Einvernehmen zwischen Oesterreich und den Na»' tionalstaaten bezüglich .. der Kohlenlieferuugen Herstellen; gleichzeitig erwägen sie aber-auch die Möglichkeit einer Beffe- . rüng der österreichischen Valuta. ' Mnn der amerikanische Kredit nur für Lebensmittel' berHlj-et würde, , so würde er für etwa sechs Monate aür-; reichen. , Bei der Verwendung eines Teiles zur Beschaffung von Rohstoffen wäre ads Auskommen für etwa vier Monate .'gesichert. v Die große Bedeutung der amerikanischen Nachricht liegt aber in ihrem politischen Gehalt. Es ist das erste Zeichen des Gelingens der Mission des Staatskanzle'rs Dr. Renner in Paris. Der Präsident Clemenceau hat seine Zusage ein», gelöst, sein Wort für Oesterreich bei Amerika in die Wag», schale^ zu werfen. Er hat die Zusage des Obersten 'RäteSp^.. wonach Frankreich' und England ihre Hilfeleistung von hE' ' Verhalten Amerikas abhängig machen, bestätigt. Man hatte diese Erklärung zuerst im negativen Sinn aufgefaht und. eS wird. sich nun, wo Amerika seine Bereitwilligkeit^ zeigtt ep--./ geben, in welchem Umfang Frankreich und England biefet. Hilfe nuSgestalten wollen. Dr. Renners und seiner Mit» arveiter Reise nach Paris hatte eben den großen Erfolg,- den Weg der direkten Verhandlungen zu öffnen und best- Bann der Vereinsamung, der so schwer auf Oesterreich' {ag*. aufzuheben. Oesterreich wird nunmehr aber auch in die Lage versetzt, den Nachbarstaaten gegenüber alf gleich« wertiger Faktor bei Verhandlungen aufzutreten und öaS de^ müttgende Anrufen der Menschlichkeit einstellen zu können.' ES kann zur Arbeit Zurückkehren. In der nächsten Woche werden die Staatssekretäre Dr. Löwenfeld»Ruh' und Dr. Reisch, vielleicht auch der Staatskanzler Dr. Renne« nach Paris fahren. Sie treten diese Reise unter wefentli^ gcbeffersin Bedirmrmüen an als im Dezember. ~>& i