Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 360 (22.1.1920)
- Date
- 1920-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Krers SSO Heiler PrLiiurneratious» preise: Wir«: Zum Ablioleu i« der Vrprditi»:«, L vezirk, Tabor» teftfce 1 bis S, oder in einer ' Berschleißsttlle (Lraflh: lvionatlich.. Krouea LS^- -Vierteljährlich ... 30.- Mit Poslversaud für Wien und ■ Oesterreich: Monatlich . . Kroueu 13.« ' - Tlihecho-Slowakeir . Monatlich .. Kronen 9.- «vierteljährlich .. «87.- lu tschecho-slowanscherWährung ■ Bolrn «tO Ungarn: Monatlich . . Krone» 18.— «entsprechender Währung deS betreffeudm Landes Nr. 300 Wiener Wir«, Donnerstag, den 22. Jänner 1930 Ureis SSO Helle« Pranumeratt»»»» preise sü» Deutschland: , wlonaüich . . . Mark S~* M onatli^.^^rauk» 8*~* Monatlich^!"??'. Lire 8*« Mottatlich^^ranr» %h Redattion u.Admluistratio« Wten.«.Bez..Laborstra.-S Telephon«: Administration 440:?*, Redaktion 43310. ab 6 Uhr abend» Kt*10801 Vostsparkasseukouto 150.6» 2. Jahrgang Ungarns autzenpoMsche Orientierung. Von unserem Dudapester. Berichterstatter. . Wenn auch der Friedensvertrag von Neuilly noch nicht'völlig abgeschlossen ist, so läßt sich Swch schon nach: den vorhandenen. Anzeichen ein Ueberblick! über -dies künftige''außenpolitische Orientierung! des durcy die; Friedenskonferenz;verstümmelten ungarischen Staates. gewinnend. Besonderer Sympathien, die.nicht zuletztin' . wirtschaftlichen Motiven: wurzeln, erfreut sich. England, das gerade . in . der letzten - Zeit immer von neuem, fei' es 'diplomatische/ sei es industrielle Vertreter nach Büda-. Pest .entsendethgt,. um. hier das Terrain - zu '.sondieren und ,dey>'voitt bisherigen Leiter. .der . interalliierten. Dönaukommission, Admiral Troitbridge, vorbereiteten' Aunäherungsinöglichkeiten. eine - feste. Grundlage.. zu. geben. _ England'ist der einzige Ententestaat, der sich, sogar in einflußreichen.Offizierskreisen, ein .gewisses Interesse zu. schaffen - gewußt' hat. - Besonders - innig' ist das Verhältnis zwischen den englischen Funktionären, die hier dauernd öder vorübergehend weilen und der Aristokratie sowie: den einflußreichen Mitgliedern der Militärpartei. - Es ist: in ' diplomatischen Kreisew kein Geheimnis,- daß der eifrige gesellschaftliche Verkehr zwischen denpBudapesteroberen Zehntausend und denenglischen Offizieren- und -Politikern nicht eines gewissen -Beigeschmackesin diplomatischer Hinsicht ent» behxt.'?M:rsvW.Budapest-. aus - als genauer Kenner der Vorgänge' hinter den internationalen Kulissen Gelegenheit/ hat, die.englische'Politik.am Balkan zu studieren, kann-sich des. Urteilest nicht enthalten, daß die offiziellen und inoffiziellen-Sachwalter. Albions von Ungarn ausgehend. eine Ostpolitik betreiben wollen, die sich ihrem wesentlichen -Inhalt, nach gegen > das im Westen vorherrschenüe.-Sinverständnis. mit' den Franzosen richtet. - i"-?r-Mm7anÄlaßt chies'.mnch:bw ILa'LLarstaäten füUen^ ^svivtzit:.öiesL"'Budapest« gegenüber eine" wicht freundschaftlich gesinnte Politik führen wollen. Es 'ist gewiß \ -keine im Hirn; der! Ungarn entstandene Einbildung, daß: die vor einiger Zeit erfolgte Entsendung des- Magyarophilen englischen Diplomaten Sir George' Clerk als. Gesandten nach Pragebenfalls von diesem Gesichtspunkte, aus. zu beurteilen ist. Es ist hier auch Kein Geheimnis, daß die Engländer bei den gegenwärtigdurchgeführten.Friedensverbandlungen in Neuilly sich für Ungarn stark-ins Mittel legen und die gegenteiligen - Bemühungen der Tschechen, Rumänen und Jugoslawen zch -paralysieren suchen. Besonders charnlteristisch aber für die Absichten Englands gegenüber Ungarn ist die Tatsache, daß man es iw London für notwendig gehalten hat. .schon jetzt, also noch vor dem Eintreten des effektiven FriedenSzustandes Zwischen den Alliierten und ftugarn, einen Gesandten nach Budapest zu'entsenden. Sicherlich spielt im politischen Gedankenkreis der Engländer, soweit sich dieser mit Ungarn befaßt, auch die allenthalben - gemachte Wahrnehmung eine Nolle, daß gerade in-den letzten Monaten die Sympathien für" Deutschland in ganz Ungarn wieder - rege geworden sind. Der innerpolitische Kurs in ganz Ungarn gebt bekanntlich noch immer mehr nach rechts und vielleicht verdient in diesent Zusammenhang das in den letzten Tagen vielfach kolportierte Wort eines hervorragenden ungarischen Staatsmannes erwähnt zu werden: „Je reaktionärer Ungarn wird, desto deutschfreundlicher wird es zugleich." Man muß allerdings feststellen, daß die Deutschen ans diesewieder wachwerdenden Sympathien keinen wie immer gearteten Einfluß genommen haben. Die diplomatischen Beziehungen zwischen'Budapest und Berlin werden so wenig als möglich gepflegt. -! Nach England ist es in erster Linie Polen, das besonders. freundschaftliche Beziehungen mit Ungarn unterhält. Man macht hier kein Hehl daraus, daß die durch den Naubzug der Rumänen völlig zugrundegerichtete technische Industrie Ungarns nicht zuletzt mir Hilfe Polens wieder auf die Beine gestellt werden dürste. Polen will für gewisse Industriezweige da- Rohmaterial zur Verfügung stellen, damit dieses dann in Ungarn vorarbeitet werde, während die fertigen Erzeugnisse zun: größten Teil nach Polen zurückbefördert werden.,zum geringeren Teile in Ungarn verbleiben sollen. Die Beziehungen Ungarns zu Serbien, die sich beim Sturz der Kommune infolge der AnnäherungZversnche der Szeaebittcr Negierung inniger Zu gestalten schienen, lasst.« ist der letzten Zeit wieder zu ivünschen übrig. Die Serben haben ihre Truppen ebensowenig auf die Demarkationslinie zurückgezogen, wie die Rumänen, denen aegennb?'' die ungarischen Beziehungen noch schlechter zu sein Ei« 70 - Millionen - Dollar- Kredit. für Oesterreich. Zn der gLftrigen Sitzung der National- VersaMmlurrZ LsMe Staatssekretär Gr. Neisch eine, Depesche. des Leiters des amerikanischen Harrdelsamtesl Mit, wonach dem Kongreß eine Vörtaae ans BswMgyng eines Kredites von 70 MiMonsn ^Dollar für Oesterreich zrrgegangen fei. StäätssekreLär Gr. R e i s ch konferierte noch am gestrigen Ähend mit dem sranzöstfchen Gesandten A l lD z 6 über dis aktuellen FinanzfrügenD- - - . . - ‘ ••>; Die MitLeilünß- 'des S^chtssekretärs für die Finanzen ist zunächst von der> rnoralisDn Seite zu werten. Denn die Einbringung' der amerikanischen Kreditvorlage bedeutet das endgültige Her.aüstxeten derIamerikanischen Negierung aus' der Reserve' undbetf* Äufgebön des Standpunktes, daß nur privates Kapital denftnotleidenden Europa zur Hilfe kommen soll. Da Frankreich und England ihre Haltung zu der österreichischen Frage von der Beteiligung Amerikas an'der Kredit- Versorgung abhängig-gemacht Haben, ist durch'den Schritt des amerikanischen Schatzsekretärs auch nach dieser Richtung hin eine rasche Entscheidung zu erwarten. . Meldungen über den amerikanischen Antrag liegen bis . zur Stunde noch.nicht vor, weshalb abzuwarten ist, ob es, sich um einen Lebensmittel-- ober Rohstosfkredit handelt. f 70 MMonen Dollar entsprechen bei dem gegenwärtigen Stand der Krone etwa 16 Milliarden Kronen. Natürlich spielt von dem Augenblick an, da die finanzielle Blockade durchbrochen ist, die Züricher Notierung überhaupt keine Nolle mehr, wie sie ja bisher schon über Gebühr eingeschätzt wurde. Eine wahrheitsgemäße Bewertung unserer Valuta wird erst möglich sein, wenn die Londoner und Pariser Finanzwelt, die Oesterreich etwas-'ger-ckrrsr - heUx^M^MKstEM'-räÄ-die.--Mchweizer + Geschäftswelt, in die Diskussion eingrelfen werden. CleMeneeaus Abschied vsm Oberstem >. Rat. Paris, 2l. Jänner.. (Havas.) Im Lause dir Sitzung des Obetffcn Rates'sprach L l o'y d G e o r g e -im Namen der Häupter der die Alliierten vertretenden Regierungen C l r m e nteau unter Ausdruck des liefen Bedauerns über seinen Abgang den Dan? für die Art und Weise aus, wie er in der Konferenz, den Borsitz geführt hat, und beantragte, daß in das Protokoll der Dank der Konferenz und die besten Wünsche für Clemenceau aufgcnommeu werden. W a l l ä c e, M a t s u r und N i t t i. brachten die gleichen Gefühle zum Ausdrucke. M i l l e r a u d dankte für die Clemenceau Irargebr achte Huldigung. Sodann sprach . C l ein e n c e a u selbst den Delegierten fernen Dank aus und gab der Hosfnnng Ausdruck, daß die Alliiertert au§ dem un Lause der Bei Handlungen geschaffenen hetzl!chen Einvernehmen Nutzen ziehen werden. Hierbei, betonte er, M sich unter Len Freunden, die von dem Wunsche beseelt' waren, den Frieden hcrzustelleu, niemals Schwierigkeiten ergeben hätten. Ständige Einigkeit der Alliierten fei die beste Sicherung des Weltfriedens. Clemenceau dankte nochmals den Kollegen, worauf er sich verabschiedete. ' scheinen, als gegenüber den Tschechen. Nicht außer achb, zu lasses ist die Tal jache, daß das zwischen den Ungarn und Serben gegen die Numänen beabsichtigte Waffenbündnis. nicht zustande gekommen ist. Wenngleich die irredenliftische Strönumg nach dem harten Friedensdiktat von Neüilly wieder starr anschwellen dürfte, so ist doch zu gewärtigen, daß die praktischen Politiker Ungarns mit Rücksicht ans die völlige wirtschaftliche Erschöpfung des Landes wenigstens .für die. erste Zeit unter allen Umständen eme witUchastliche 'Annäherung an die Nachbarstaaten, anstreben werden. Interessant und nicht gerade reibungslos dürste sich das Verhältnis zwischen Ungarn und Oesterreich entwickeln. Oesterreich erhielt bekanntlich durch den Frieden "von Saült-Ge^main die drei westungarismen Komitate, die von Deutschen beivohnt sind, zugesprochen, Ungarn empfiffdet es als einen herben Schmerz, auf diesen Teilseines TerritoriiunS verzichten zu müssen Mag man auch den aus militärischen Kreisen stammenden Gerüchten, von einem Widerstande bis aufs äußerste in der niestuttgarlschen Frage keinen Glauben schenken, so läßt sich doch schon heute Voraussagen, daß ohne einen ene: gischen Druck der Alliierten Westnngarn nicht so leicht in d:>- Verwaltuna der OesZerreicher übergehen dürste- Eine Nordau-Feier im London. Wie das Londoner Jüdische Korrespvndenzburean meldet, fand am 11. Jänner eine-Kestversnmmümg zu Ehren Max Nord aus statt, welche die englische zionistische Föderation v-eransialtete und der ein großes Publikum beiwohnte. Den Dorsch führte Professor! Weizmann, der die Versammlung mit einer. Rede, , eröfsnete, in welcher er Max - Nordaus Persönlichkeit'! würdigte, ihn als zionistischen Führer und Schöpfe^ des Baseler Pro g ram m s feierte und mit Ge^ - nugtuung hervorhob, daß Nordau nach fünf Jahren, unfreiwilliger Trennung wieder an der Arbeit teil--, nehmen könne. „Es ist möglich, daß wir in gewisse^ Fragen nicht alle übereinstimmen werden, aber ich d^nke,^ baß wir sicher einen Weg zu'harmonischer Zusammen^ arbeit finden werden." Weizmann schloß mit der Hoffnung, daß die Mische Entwicklung in Palästina Nordaus Arbeit belohnen werde. „Erez Israel ist bereit,- Nordau aufzunehmen, und ich denke, daß Nordau aus den Weg gerüstet ist." . Herr HoroWitz verlas sodann eine von bei« Leitern -sämtlicher zionistischer Vereine in England' mnterfertigte Adresse an Mar Nordau. Dr. Nvrd-andankte für die Ehrungen und sagte unter anderem: D-a^ jüdische Volk durchlebt-jetzt die wichtigsten Tage in seiner dreitausendjährigen Geschichte. Der Weltkrieg, der noch!, nicht völlig beendet ist, war hauptsächlich ein Kriegs gegen das jüdische Volk. Das klingt vielleicht paradox/ ist.jedoch absolute Wahrheit. Wir haben neunhundert-., tausend Soldaten beigestellt in den verschiedenen Staaten, welche sich an- -dem- Kriege beteiligt haben, das heißt sieben Prozent der Bolkszahl der Juden. Wir haben achtzigtausend Menschen im.Kriege gelassen und fast' zweihunderttausend Opfer. Während andere^ Böller genau wußten, wofür sie kämpfen und konkrete-Interessen zu verteidigen hatten, . und. andere in den Krieg' eiytraten aus Lust am. Herrschen {vmb am Besitz, .andere Mieder ihr gesährbeie^äMd^vevteidtgteu> .wofür wir Juden gekämpft?^'Zunächst für' unsere verschieb denen GeburAländer aus Pflicht- und Loyalitätsgefühft Wir haben uns ^am Krieg mit Begeisterung beteiligt in jenen Ländern, wo'wir'Freiheit und Recht findet« und wie die übrigen Landeskinder behandelt werden.' Aber selbst dort, wo man sie auszeichnete, haben die jüdischen Soldaten ihre Pflicht ohne Freude erfüllt^ sondern wie Swiker mit ganzem Herzen. Und sie .haben ihr Blut vergossen für jene Länder, welche sie erniedrigt und versklavt haben. Haben aber diese heldenhaften ^Soldaten, die ihr Leben in die Schanze schlugen, die Genugtuung, .zu wissen, daß ihr Opfer anerkannt wird? Sogar-in den vorgeschrittenen und hochkultiviertenWest^ ländern bemerken wir eine, antisemitische. Flut,, welche anwächst und die Atmosphäre vergiftet. Und in den Ostlündern drückt sich die verbrecherische Leidenschaft der Massen in blutigen. Gewalttaten aus. Aber in dem finsteren Bild der Barbarei findet sich doch ein heller Fleck, und das ist die- Deklaration Englands, die ein nationales jüdisches Heim in Palä^ stina verspricht. Der Redner rühmte die Verdienst« von Weizmann und Sokolow,'deren Wirken die Bal< foursche Erklärung zu danken sei. Niemand habe zu jener Zeit mehr tun können, als'die beiden "Männer«' Es war eine glückliche Fügung, baß Weizmann und Sokolow im Namen des ganzen jüdischen Volkes auft treten konnten. Wir müssen Zutrauen zu der englischen Regierung haben und fest an ihr Versprechen glauben- Jetzt, müssen wir alle unsere Kräfte und Energie dem .einen Ziel widmen: wir wollen ein Volk gleich allen anderen Völkern werden. Wir wollen aus Palästina eine kleine, aber starke Republik machen, einen Staat, der ein Element des Fortschrittes und der Zivilisation in der Welt sein soll. Wenn wir uns kleinlich. und schwachmütig zeigen, dann wird unser nationales Heim bloß das Heim für eine kleine Zahl Kolonisten werden. Zu einer Zeit, in welcher Millionen unserer unglücklichen Brüder um Hilfe rufen, öffnet-ihnen England die Tür ihres Landes. All diese Millionen habe» nur den einen Gedanken, möglichst schnell hinüber zu wandern. Massenemigration ist eine Geldfrage uns unsere Brüder in Osteuropa sind völlig ruiniert! Wenn die gesunde Hälfte des Judentums die schwachen Teile stützen wird, wird das jetzige Geschlecht die Renaissance des jüdischen Volkes und die Verwirklichung unseres alten Traumes sehen. In seinem Schlußwort gab Dr. Weizmann Ausq klärungen über die Lage in Palästina und betont«, daß sich durch die Abreise von Herbert Samuel ins Heilige Land eine neue Perspektive