Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 359 (21.1.1920)
- Date
- 1920-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(ßfttfflmtttffiitet Urrls 50 Heller Pranumerattouspreise: Wie«» Aum NLholn, in Le« «Spedition, L Bezirk, Laborftrasie 1 biS 8, oder in einer Berschleißstrüe (Trafik): Monatlich . . Kronen 1.8«— «ierteljÄrttch „ 30.- Mit Postversand für Wim und _ Oesterreich r Monatlich .. Krone« 13«— _ Ljchecho-Slowakei: Monatlich .. Kronen »«— Vierteljährlich SV.- in tschecho-slowarischrrWahrung Pole» «nd Ungarn: Monatlich .. Kronen IS.— m entsprechender Wükining des »etrestenden Lande» renrr « »«k« so gelte Pranumeratto«H» preis« fftt MonaMchE^Mmer 9U* Monatit§^^A!nlW Atallent Monatlich . . . -Lire Schweiz; Monatlich. . % ' tl!| Wten,8.Bez.,Tabo itftraflo rftr.l- S Telephone: Administrativ» 4403«. Redaktion 4331».' ad 0 Uhr adendd Rr. 10301 Postsdarkassenkonto 150.699« Nr. 359 Wien, Mittwoch, den 21. Jänner 1920 2. Jahrgang Bor der zweiten Friedenskonferenz. —V. W l e u, 21 Jänner. , In trostloser Eintönigkeit wickelt sich der Gang der. Ereignisse ab. Vor genau einem Jahr ist die Friedenskonserenz zum erstenmal zusammengetreten. Jetzt tagt sie wieder.. Was zwischen diesen beiden Fristen geschehen ist,, scheint' reich .an. Begebenheiten. Ist es aber nicht. Es läßt sich.alles mit einem Wort', sagen: Der Krieg wird fortgeführt. Die zwei Ariedensverträge, die uns beschert ^wurden,- unterscheiden sich, nur durch die feierliche Fornr ihrer Uebergabe von den Zeitungsartikeln, in denen' die Mächte hüben und drüben ihr Kriegsziel darstellen. Niederzwingung Englands! Abrechnung mit Frankreich! Züchtigung Italiens! Vernichtung Serbiens! So scholl es aus dem einen Lager. Ebenso lungenkräftig kam aus . dem anderen die Antzvort: Zerstückelung Oesterreich-Ungarns! Auflösung Deutschlands! Und während die eine Partei, um den Krieg den eigenen Gebildeten schmackhaft zu machen, von der Freiheit der Meere sprach, wollte die andere das gleiche mit einer Parole erreichen, die vom Recht der kleineil Völker,-von der Rettung der Kultur sang. Die Lieder von Recht und Freiheit sind verstummt, vom Rachegeschreimbertönt worden.. Und die Sieger haben ihr Ziel so erreicht, wie sie es ursprünglich gezeichnet hgtten. Deutschlands staatliche Organisation, die früher vor- . bildlich war, weil sie das Ideal aller Anbeter der starken Zand einer Regierung und der ewigen Bemutterung her' Untertanen bedeutete, hat sich onfgelöff, Oesterreich- Ungarn ist' zertrümmert worden, Bulgariens Militärmacht zerstampft und die Türkei inneren Aufständen preisgegeben. Rußland ist airs einem Bundesgenossen , der Enteilte zum Gegenstand ihres Hasses geworden. , Wohin man sieht, zeigt sich das gleiche Bild des Nieder- ■V... dasselbe traurige Lre^^UnoeswÄrern Ende nehmen:''' '"" Die Friedenskonferenz hätte ein großes Werk leisten können, wenn sie ihre Aufgabe erfaßt hätte. Sie sollte nicht den Krieg durch Dokumente beenden, die für die Überlebenden der besiegten Staaten wie Todesurteile klingen, sie sollte den Frieden herbeiführen, einen Zustand schaffen helfen, der es allen Beteiligten ermöglichen sollte, den Weg zueinander zu finden. Sie hat diesen Weg mit schweren Blöcken verrammelt, hinter denen eine Welt sich zum Sterben fertig macht. Sie hat die kleinen Völker ermuntert, ihre Freiheit dahin zu verstehen, daß sie andere zu unterdrücken berechtigt sind. Die Friedenskonferenz ist keine Sekunde lang von ihrer Ideologie des angewandten irnd fortgesetzteil Kriegsrechtes abgewichen uiid konnte bei solcher geistigen Ausrüstung nichts anderes schaffen, als eine Kodifizierung des Unrechtes xtnb der Gewalt. Sie ist nichts anderes gewesen, als ein Organ der alten politischen Verfassung der eirropäischen Gesellschaft, die sich in Jahrhunderten eines äußerlichen technischen und materiellen Aufstieges eilte clownartige Gewandtheit erworben hatte, Unrecht im Nachbarhause zu übersehen. Sie tolerierten einander in schöner Gegenseitigkeit. Die Kolonialmächte vollzogen mit Kanonen, Alkohol und Lustseuche die Ausschließung des schwarzen. Erdteiles. Sie pazifiziertelr Marokko und Tunis, trennten im Frieden Aegypten v>'n der Türkei und betrieben überhaupt'eine „friedliche Durchdringung", wobei sie jederzeit korrekt bui'ck Verträge einander verständigten, hillter denen die Eifersucht und Mißgunst lauerte, von diplomatischer Zeremonie verhüllt. Und so wie außerhalb Europas sahen sie auch innerhalb dieses Weltteiles einander durch die Finger. Wenn der Zar in Riißland durch seine Schergen lind alkoholisierten Mordbanden die Inden erschlagen ließ, wenn in Rumänien frecher Wortbrnch alles Jüdische außerhalb des Gesetzes stellte, dann gab es . bei den Großmächten kühles - Bedauern. Allerdings war. man der Türkei gegenüber nicht so uninteressiert. Man sprengte ihren staatlichen Organismus von illnen heraus durch Kapitulationen und Konzessionen, nahm ihr die Kontrolle über ihr Geldwesen und ihre Eisenhahnen, zahlte bulgarische öder mazedonische oder albanesische Verschwörer und je toller es auf dem Mkcm zuging, je Lieber war es den Großmächten, die ja nichts anderes wollten, als eben nur die Befreiung »er christlichen Nationen. Zu diesem Ende führte Oesterreich als erster Staat den ersten Schlag gegen die pr einem neuen Staatssystem sich entschließende Türkei, - »ls es 1908, mitten im Frieden, die Annexion Bosniens »ussprach, während gleichzeitig Bulgarien die Angliede. kung RumelienS vornahm, Dann'kam rasch Italien Amerikanische Multimillionäre für Oesterreich. Ein Kredit von 100 MiMsnen DoNar. Berli n, 20. Jänner. Die „Post" veröffentlicht eine Pariser Meldung der ^Baseler Natronalzertrmg", ans Zuverlässiger amerikanischer Quelle verlaute, daß gegenwärtig in Paris Anterhandlunaen statLfinden, wonach hundert amerikanische M rr l t i- Millionäre fe eine Million Dollar der ofterreichischen Regieru n g gegen umsaffeude Sicherstellung zur Berfügung stellen sollen» um die Ernährung Oesterreichs und W iens z u s i ch e rn. Persien, Afghanistan, und Indien von den Bolschewiken bedroht. '. P arrs» 20. Jänner. Aeber die gestrige Sitzung des OSsrstsn Rates wird noch folgendes Mkanntr ..Außer hem englischen Kriegsminifter rrr ch illunÄ dem Chef des' englischen Gsueralftabes, W i l f o n, nahmen an der Sitzung auch der Erste Lord der Admiralität, L o n g, und der Minister für Indien, Montagu, teil. Gegenstand der Verhandlungen waren insbesondere die Nachrichten aus Sudrußland, , wonach die Bolschewiken sich schon der kleinen k aukasisch en N ep rr b liken b em ä ch t i g t haben und über Persien und Afghani st an s e l b st I ndr e n bedrohen. Am der Gefahn zu begegnen, - -Londons',.ZUnZsteL,. 'Me A n a bh ä n' g i g k e r t .Ge o r g.i e ns» A f e rbeidfchans und Armen re n s an z rrerkennen. Den Völkern dieser Länder, die nm Bar vier e g e g e n d e n B o l s ch ew i s w u s bilden soNen, gedenkt England die Hilfe zu leihen» die es bisher dem General D e n i H tt gewährt hat. Schließlich bildete der Beginn der Sa n de lsbe Ziehungen zu 'S o w i e t r u ß l a n d den Gegenstand der VeraLungsn. » mit dem Ueberfall auf Tripolis und Libyen. Immer größer wurde der Wellenschlag dieser Gewaltpolitik, bis schließlich die 'Balkankriege die große Liquidation Europas einleiteten, die zu dem großen. Kladderadatsch führte. Europa,, dessen Geschichte..eine fortlaufende Kette gebrochener Verträge, ein ganzes wohlausgebautes System der Unterjochung fremder - Sittel fremden Glaubens ist, dessen Religion immer nur dem Gott der Schlachten galt, hat Treue,.Geistigkeit, und Sittlichkeit nie anders geschätzt denn als Mittel einer perversen politischen Moral, die die Wissenschaft, die technische Forschung und die Kunst in gleicher Weise in,den Dienst des'Kriegsmolochs gezwungen und sie und sich geschändet hat. Der Schluß mutzte der Untergang'sein und auf den Schlachtfeldern von Amiens und Montello, wo die letzten Schläge des Krieges fielen, wurde über mehr entschieden als über die Zentralstaaten. Dort siegte Amerika, das verbrecherisch,. sinnlos und töricht herausgefordert worden war, über Europa. Nun wird dieses Europa seiner Tochter hörig. .Alles bettelt um die Gunst und das Geld dieses jugendkräftigen Reichen, der aber die Weisheit des Wartens übt. Es stirbt jetzt nur Mittöl-, Ost- und Südosteuropa. Bald wird die Reihe auch an den Westen komme::. Und dann wird die Kolonisierung Europas beginnen können, das in Sünde und Lüge zugrunde geht, weil seine geistigen Führer die große Kulturprobe des Krieges provoziert und . nicht bestanden haben. Amerika ist mit der Idee des Völkerbundes in das Beratungszimmer der Friedenskonferenz getreten. Europas Politiker haben sich als unfähig erwiesen, diesen Gedanken, der ihnen allein das Weiterexistieren ermöglichen konnte, in seiner einfachen Größe zu erfassen. Aber die Völker bestehen aus Menschen. Und die Meilschen verstehen, was Woodrow Wilson ihnen vor Angen führt. Daß über alle Bestialität einer verfeinerten Ranbtiermentalität doch die Menschlichkeit siegen muß, die Voraussetzung jeder Gemeinschaft, die sich auf Recht stützt. Wilson ist krank und einsam. Aber sein Gedanke bleibt und die aus Amerika immer dichter kommende^ Forderungen der Revision des Friedensvertrages lassen der Hoffnung Raum, daß. die, Versöhnung der Menschen kommen und! die Mitte!' und Mittelchen fremder Rachegeister zerschlagen wird. Mag auch Europa verarmt sein. Es wird' sich in einem friedfertigen, zur Arbeit entschlossenen Europa doch besser leben als in dem vormaligen reichen/ auf seine Kriegskrlltur pochenden. Ungarn vov den Wahlen. Von dem Budapester Berichterstatter der „Wieirer Morgen««! zeitung". Am 26. Jänner werden die Wahlen zur ungarische^' Nationälversamurlung stattsinden. Kaum eine Woche trennt! uns von dem Dage, an welchem die ungarische gesetzgebende! Körperschaft geboren werden soll, welcher Obliegenheiten zu-' fallen, die an politischer Tragweite alles überflügeln, wa^ — die Gesetzgebung der Jahre 1848 und 1867 mittnbegriffew — Ungarn seit Jahrhunderten betraf und dessen Verfassung^ mäßige Gesetzgeber beschäftigte. Nebst der Ratifizierung deH Friedensvertrages, welcher nach dem inzwischen bekannt gr-> wordenen Entwürfe die Lebensbedingungen des hartgeprüfterl ungarischen .Staates ebenso-erschweren wirb, wie der dech österreichischen Staate aufgezwungene Frieden dessen Lebens«! bedingungen erschwert, wird die Nationalversammlung Vv^ der schwierigen Ausgabe stehen- Ungarn eine den geänbertQH politischen Verhältnissen entsprechende Verfassung zu geben,! die Staatssorm zu bestimmen, auf fast allen Gebieten de^- umfangrerchen Staatsrechtes die nötigen Reformgesetze zw schassen, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zuf - . konsolidieren, mit einem Worte: die Grundlagen, des ungarischen Staates neuerdings aufzubauen, eine Aufgabe,-welche die besten und klügsten Köpfe einer Nation in der Konstituante vereinigen müßte. Die Wortführer des seit dem Sturze des Bolschewismus inaugurierten neuen Kurses, der sich „christlich" nennt,.scheinexh' r:u her Meinung zu sein^ M$. sich Mpfe aN ihren Reihen befinden : Es -sinddies mit amigew wenigen Ausnahmen politische Neulinge und Emporkömmlinge^ welche zu behaupten wagen, daß das Land der Mitarbeit gewiegter und bewährter Parlamentarier und Politiker ent-' behren kann, ja sogar die Verpflichtung hat, das diesen' bisher entgegengebrachte- Vertrauen zu entziehen, es sei denn/ daß sich die alten Politiker mit Haut und . Haaren denL „christlichen" Kurse verschreiben würden ... Das willkürliches egoistische Gehaben dieser Herren drückt nun dem gesamten politischen Leben seinen Stempel auf. Sie knebeln die Presse, unterdrücken die Versammlungsfreiheit und arbeiten mit dem' Hochdrücke terroristischer Mittel, um die freie Meinungs-. und! Willensäußerung Andersgesinnter unmöglich zu machen. S^ ist auch jetzt, eine Woche vor den Wahlen, von einer eigentlichen Wahlbewegung nichts zu merken, nur in der Haupt-, stadt sind die Versuche, eine Wahlbewegung einzulciten, etwaE kräftiger hervorgetreten. - ' - ' ] Das Ergebnis der Besetzung der 164 Mandate ist auch leicht vorauszusehen: es werden größtenteils die von dep Zentrale der Partei der christlich-nationalen Einheit ernannten! Abgeordneten „gewählt" werden. Auf dem flachen Lande! hätte diese neue gouvernementale Partei nur. einen politischen Gegner: die Partei der kleinen Landwirte, welche mit der wirtschaftlichen Erstarkung des auf Kosten der städtischen Bürgerschaft stark favorisierten Bauernstandes sich auch zk 'einer wichtigen politischen Partei entwickelt hat. Di» politische Leitung dieser Partei liegt jedoch seit einiger Zeit in den Händen der strammsten Anhänger der christlichnationalen Vereinigung. So ist zum Beispiel der politische Generalstabschef dieser Partei der gegenwärtige Ackerbauminister Rub inek, ein bewährter alter Exponent des agrarischen Großgrundbesitzes^ Ändere Hauptstützen sind hohe Staatsbeamte, Universitätspwsessoren usw., zumeist Herren, die erst in allerneuester Zeit ihr Herz für die kleinen Land^ wirte entdeckt haben.; Die Negierung wird demnach über eure überwiegend«! Mehrheit verfügen. Von den alten Parteien dürften einig« Mandate der nationalen Mittelpartei (dies der neue Name der unter der Führung des Grafen Stephan T i s z a gestandenes Parte: der nationalen Arbeit) zufallen. Diese Partei, zu herrschen gewöhnt, steht auf der Lauer, die Regierungsgewalt sofort zu übernehmen, wenn das gegenwärtige Regime abgewirtschaftet haben wird. Einen größeren Erfolg erhofft die 48er Unabhängigkeitspartei, welche in einigen angestammte^ Bezirken ihre Chancen nicht verloren haben dürfte, 6$ bleibt abzntvarten, ob diese Partei die Traditionen des Jahres 1848 in demokratischer Hinsicht Hochhalten und zu wahren bestrebt sein wird. In Budapest und vielleicht auch m ein! bis zwei Provinzbezirken werden auch die Demokraten einigt Mandate erhalten. Am kläglichsten dürften die Sozial« demokraten abschneiden, die sroch sein werden,, wenn außer dew