Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- Heft 358 (20.1.1920)
- Date
- 1920-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Unmittelbar nach der Rückkehr aus London hatte Ulemenceau in der Kammer Aufschluß über seine mit Lloyd George geführten Besprechungen über die Politik' 'gegenüber Rußland gegeben. Er hatte das Sowietsystem als barbarisch bezeichnet und an gekündigt, die Entente wolle Rußland mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Inzwischen haben sich einige wichtige Vorfälle ereignet, welche die Stellung Rußlands zum iibrigen Europa von Grund aus ändern müssen. Die Armeen Trotzkis haben ihre Gegner fast bis zur Vernichtung 'geschlagen. Denikins'Heer wurde zersprengt, Koltschak nach dem Osten abgedrängt. wo er nlitsamt seinen Ministern und seinem Goldschatz den tschechischen Truppen in die Hand gefallen ist,, die die Baikalbahn« besetzt haben, um sich den Weg nach.Europa zu sichern. Sie haben auch bereits Verhandlungen über dieBtuslieferung Koltschaks an Trotzki , eingeleitet. .Die Ukraine ist fast vollständig von den Roten' Truppen besetzt, die nicht nrehr weit von der rumänischen und ostgalizischen Grenze stehen und eine ansehnliche militärische Rührigkeit zeigen, die ihnen im Frühjahr es ermöglichen soll, den Krieg aus das polnische und rumänische Gebiet zu tragen. Hand in Hand damit geht.eine erhöhte Tätigkeit der Anhänger Lenins in Deutschland, die nicht allein auf eine innerpolitische Propaganda hinausläuft) sondern ein deutsch-russisches Bündnis Herstellen will, das sich zunächst gegen Polen, in weiterer Linie aber gegen die Entente wenden soll, deren 'Friedensverträge in Stücke geschlagen werden sollen. - 11n der Entente selbst zeigt sich schon seit etwa zwei Monaten ein leichter Stimmungswechsel in den An- , schauüngen bezüglich Rußlands, der aber an einer kräfti- ' geren.. Entfaltung durch Elemenceau ■ gehindert wurde. Es konnte aber nicht hintangehalten werden) daß sich in . demftawischen Kreisen. Mitteleuropas nach 'dem' Scheitern., der. auf eine Restairration gerichteten Versuche Kramarsch- ' eine etwas.realpolitischere Auffassung ans Licht wagte, die wohl durch die sozialistische Richtung der Tusarschen Regierung'begünstigt wurde. .' Nunmehr ist nach dem Sturz Clemenceaus die Bahn für< eine vernünftigere Behandlung der russischen Frage frei' geworden.. Tie Entente sieht die vom Osten her kommende Gefahr für ihr politisches System der alten, auf Armeen und Geheimvertrüge gestützten Gleichgewichtsinteressen; sie muß aber auch die große wirtschaftliche Krise ermessen, die ihr'selbst droht, wenn. Mitteleuropa länger ohne das russische Getreide hinwelken muß, und sie hat nicht in letzter Linie mit den Strömungen in ihren eigenen Ländern zu. rechnen, die einen Ausgleich mit Rußland fordern, aber jedenfalls eine bewaffnete Intervention entschieden verneinen. In diesen Kreisen.hat man die in Kopenhagen geführten Besprechungen Zwischen O'Grady und Litwinow mit großer Freude begrüßt und auch die von den nordwestlichen Nachbarn Sowietrußlcmds eingeleiteten Dorpater Verhandlungen ermuntert Wenn diese Besprechungen auch zuerst lesültatlos verlaufen sind, so ist doch durch die j Wiederanknüpfung alter Beziehungen ein ansehnlicher \ Schritt nach vorne geschehen. Zugleich wird aber auch die Sprüche in Prag, die erst noch sordiniert geklungen hat, lauter. Das tschechische Amtsblatt „Ceskoslovenska Republika" schreibt: „Es scheinen alle Anzeichen dafür zu sprechen, daß in das Chaos des Sowietrußland Licht gelangt und es zur Festigung der inneren russischen Verhältnisse gekommen ist. Falls dieser Zustand nicht, ein vorübergehender ist unp es den Führern der Moskauer Regierung gelungen sein sollte, fiir sich auch jene Schichten zu gewinnen,' die ihnen bisher feindlich' gegenüberstanden oder sich untätig außerhalb des öffentlichen Lebens verhielten, dann ist Rußland auf dem besten Wege zur inneren Gesundung, svas wir als Menschen und Slawen vom Herzen wünschen. Dann bedeutet es für das Sowietrntzland und seine Vertreter ein großes Plus, nicht nur in der inneren Politik, sondern auch gegenüber der übrigen Welt." Diese Aeußernng ist um so gewichtiger, als die Prager Negierung stets sehr nervös auf Pariser Stimmungen horcht und kaum anders zu schreiben gestatten würde, wenn sie nicht überzeugt wäre, damit der Meinung der Entente nach dem Mund au, reden. Tatsächlich tritt aber jetzt auch England aus dem Kreis heraus und desabouiert gründlich die Clemenceansche Politik. Das britische Handelsamt hat ein Projekt für öen Verkehr mit Rußland ausgearüeitet, dessen reiche Getreideschätze es sich sichern will, und der Oberste Rat, der zum letzten Male zusammengetreten ist, hat beschlossen. Die Nenoltsn in Sibirien. Flucht der Behörden. — Die nmeri- Kanischen Truppen in Gefahr. - Ein Staatsstreich in PeLropaWlawsk. Lovrdorr, 19. Jänner. (Tel.-Komp.) Moskauer Blüttermeldun^e« hefagerr, Äatz sich noch immer 20.060 Tschechen der nördlichen Armee in Oftsibirien befinden. Aus Irkutsk treffen Meldungen des Generalftabes der Noten Armee ein, denenMfolge die Truppen des Sowistheeres in N o r S s i b i v i« n erhebliche Fortschritte erzielt haben. RröeraA soLsn jetzt Sowiets entsiehen, dis sich zu einem Zentralsowiet zusamMsnieschLosien haben. Aus Schotsk wird berichtet, Hatz in der Nacht zum 10. Jänuer auch in Petropawlows k ein S t a a t s st r e r ch unternommen wurde, wobei es jsdoch zu Keinem Blutvergietzen Kam. Die Garnison steLlte sich auf die Seite' des Volkes,. sämtliche Offiziere, DistrMchefs und Negierungsangeftellte wurden verhaftet. Zwischen W l a d L w o st s L und Chabarowsks liegen die Truppen des H^tmans Kalnikow, dis von allen Seiten abaefchttitLen sind. Zwischen Wladiwostok .und Wuri finden ÄberaL Aufstände statt. Man erwartet dort sowie in Chabarowsks, NiKolajew und VLagoweschtschensk den Ansbruch einer NevsluLion. Die Behörden flüchten. ' „Darch Telegraph^ bringt obige Meldung mit der 'Bemerkung,, -datz sie. .noch unbestätigt sei. Es fei-, eine sehr wichtige Frage, wie sich die Japaner.noch;in Sibirien, befindlichen ' ^SLrÄ'LWästsn> sisLen werden, dis in - bö'Stärke'Vsrr 38.000 Mann östlich vom Vaikalsss stehen. Obwohl die Amerikaner bermbefördevt werden sollen, ist mit ihrem Abtransport noch nicht begönnen worden. Wenn es den Bolschewiken gelingt, die Eissnbahn^erbmdung zwischen 'dem japanischen Hauptquartier und diesem Heere abznschneiden, wird es für die amerikanischen Soldaten äußerst schwierig sein, sich den Weg in die Heimat zu erkämpfen. die BloDde gegen Rußland aufzuheben. Das bedeutet', konsequent durchgeführt, den Frieden für Europa. Wenngleich der Oberste Rat angenzwinkernd erklärt, er wolle die unglückliche Lage der Bevölkerung Mittelrußlands bessern, ansonsten aber die Politik gegen Rußland nicht ändern, so ist das mehr als Phrase zn werten, mit der man das ^Gesicht wahren will.. Der Frieden mit Rußland ist auf dem besten .Weg und . er führt zur Wiedergenesung des kranken Europa. , - Wien—Prag/' ' ”k. W r c «, 20. Iuuiu'r. Historische Tage waren die ersten Jännertage des Jahres 1920, bedeutsam für die zukünftige Gestaltung Tschecho-Slowakiens und Deutschösterreichs. Von den Verhandlungen, die der deutschösterreichische Staatskanzler Dr. Karl Renner mit seinem früheren sozialdemokratischen Klubkollegen, dem tschecho-slowakischen Ministerpräsidenten Tusar, gepflogen hat, wird viel mehr für die Zukunft abhängen, als man derzeit in den Tagesblättern lesen kann. War schon in 8er Vergangenheit der deutsch-tschechische Konflikt eine der Haupt-. Ursachen 'des politischen Niederganges und späteren Zerfalles des Donaureiches, so sind heute die Reibungen in nationaler und wirtschaftlicher Richtung zwischen Deutschösterreich und Tschecho-Slowakien Hauptursachen der wirtschaftlichen Notlage in beiden Staaten und der Gefahr neuer Krisen in ihnen. Zu diesen Ursachen, die zu einer Verständigung zwischen. Prag und Wien drängen,' tritt noch der Umstand, daß, mehr noch als in der Vergangenheit, in der Gegenwart und für die Zukunft die herrschenden Parteien Deutschösterreichs und Tschecho-Slowakiens sich durch die wiedererwachende magyarische Oligarchie in Ungarn bedroht sehen. Diese denkt ari die Wiedereroberung der Slowakei und weigert sich überdies, Deütsch-Westungarn an Dentschösterreich abzutreteil, wobei nicht übersehen werden darf, daß die magyarische Oligarchie in dieser Richtung auf die Vulldesgenossenschast gewisser polnischer Parteien hofft, j Tatsächlich spricht man von einem Erfolg der Präget. ' Konlerenzen in politischer Richtung, dagegen aber, um uns ellphenlistisch auszudrücken, von einem geringen Etsolg in wirtschaftlicher Richtung.; Erstaunt wird der unbefangen. Urteilende die Frage' aufwerfen: Welche politischen Erfolge können erzielt worden sein, nachdem man doch der Konferenz jeden politischen Zweck absprach und sowohl in Wien als in- Prag wiederholt konstatierte, der Zweck der Prager Kon-. kerellzen fei ausschließlich gewesen, gewisse. Wirtschaft« , liche Vereinbarungen herbeizusühren. Nun aber wird' erklärt, der Haupterfolg sei doch der, daß das Mißtrauen zwischen Wien urld Prag teilweise geschwunden sei, und datzman nun nicht mehr mit^'jenem Mißtrauen die weiteren'. Verhandlungen führen werde, welches bei der Einleitung., der Verhandlungen vorherrschte. . ' Wenn der Verlauf und das.Ergebnis der Prager Ver< Handlungen' ausschließlich vvm österreichischen Staatskanzler Dr. Renner und vom tschechischen Ministerpräsidenten'Tusar abhängen würde, dann hätte es nicht sck lange gedauert, bis es zu dieser Konferenz kam und. dann;' wäre aller Wahrscheinlichkeit nach das wirtschaftliche Er-!-, gebnis ein erfreulicheres gewesen, als es tatsächlich.-der. Fall ist. Dr. Renner ist seiner ganzen' Vergangenheit nach, besonders soweit sie in seinen Büchern zum- Aus-- druck kommt, keineswegs. e.iu pangermaniftischer. Füna< tit'er- Er ist von jeher von der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Kooperation ■ der Sudeten- und -Alperilärrder? überzeugt gewesen und unter diesem Gesichtspunkte.- kaystes ihm nicht uuangenehrn' sein, daß der jetzige tschechischs Ministerpräsident gerade Tusar heißt, der im tschechi-' schen Lager ja dieselben Gegner bat wie Dr. Karl Rennep rm deutschen, und der genau so wie sein^ tschechischer. Ministerkollege weiß, daß man in Paris und-Londons wenn man..'es.auch nicht immer durchblicken:'läßt,-üor'4 läufig wenigstens,, das wirtschaftliche;. Z!iähetH.HM ^Tfchechb-Slbwakiens 'und - Dmtschösterreichst writzftW" Nun müssen aber sowobl Dr. Nenner als auch der tschechische Ministerpräsident damit rechnen, ' daß.auf.>deh einen Seite' die^ großdeutschen Abgeordneten des. "österreichischen Parlamentes,- die um jeden, Preis -und», raschestens den Anschluß an Deutschland wollen, rmH daher schon darum mit gemischten Empfindungendiq Prager Reise verfolgten, nun erst recht, wenn das wirtschaftliche Elend in Wien und -ganz Deutschösterreich' nicht bald abnimmt, gegen die äußere und innere Politik Dr. Renners Sturm blasen werden, daß aber andererseits, falls Ministerpräsident Tusar mehr Konzessionett in wirtschaftlicher Richtung „Wien" gemacht hättedie^ wahrschLLnlich Wasser auf die Mühle seiner chauvinistischen Gegner bei den bevorstehenden, Wahlen in die tschecho-slowakische Nationalversammlung gewesen wäre. Das ist ja der Fluch der bösen Tat, daß sie stets nur Böses sortgebärt. Der Chauvinismus, hat den Weltkrieg hervorgebracht, der Chauvinismus hat Oesterreich- Ungarn zertrümmert, der Chauvinismus verhindert auch die Lösung der 'Nationalitätenfragen in den National staaten, er hat jetzt, die Prager Machthaber verhindert, großzügige wirtschaftliche Abmachungen. zu treffen, da' man sonst dem Ministerium Tusar ein „crucifige" zugerufen hätte.. - ' .. i ,Der nationale Chauvinismus in Deutschösterreich, und Tschecho-Slowakien ist aber doch in einem Punkte, einig: Im Antisemitismus. Er wird, das ist heute, bereits sicher, den „jüdischen Kapitalismus" beschuldigen) daß er die „arischen" Völker gegeneinander-hetzt, um ihnen die Taschen leeren zu können, der chauvinistische Antisemitismus wird sicher ftir das nicht befriedigende öWomrsche Ergebnis der Prager Verhandlungen dick jüdischen Führer der Sozialdemokratie verantwörtlickj machen, obzwar immerhin das Ergehnis der.Beratung . gen insoferne ein. befriedigendes genannt werden^ kann) als durch einen besonderen Staatsvertrag Erleichterm^ gen in den Handelsbeziehungen geschaffen werden sollea und insbesondere Zollerleichterungen im Zusammen««' hange mit dem Eisenbahnverkehr, als auch Erleichterün-' gen des Personenreiseverkehrs. Daß in der für -Wiest so dringenden Kohlenfrage leider keine Wandlung geschaffen wurde, ist sehr bedauerlich, kann auch noch ztt schweren Katastrophen für Wien führen, Ijäiigt aber, wie von tschechischer Seite vielfach betont wird, jetzig . wieder mit dein noch nicht völlig abgeflauten Streik in Mährisch-Ostrau zusammen und nicht in letzter Linie mit dem tschechisch-polnischen Konflikt wegen Teschen. Nor einigen Tagen sagte ein tschechischer PoliLiker:' „Wenn Teschen den Tschechen und nicht den Pöler? zufällt, dann werden Sie sehen, daß die Tschechen uof alledem ein Herz für Wien habem" l